Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das magische Rad Zentralasiens

IV. I Ging

Trigramme

Betrachten wir nun die acht Trigramme. Unten ist die Erde, oben ist der Himmel, in der Mitte ist der Mensch. Durch die Dreiheit hat er das Ziel der Vereinigung beider. Die möglichen Vereinigungen sind durch die acht Urzeichen bestimmt:

1Sun, empfinden, Gras und Wind, das Sanfte, das Eindringen, die Sinne.
2Li, denken, Holz und Feuer, das Haftende, die Sprache.
3Dui, fühlen, der See, das Heitere, die Triebe und ihre Befriedigung.
4Kun, wollen, die Erde, das Empfangende, die Kräfte, Nacht, der Neumond.
5Gen, Körper, der Berg, das Stillehalten, der Mikrokosmos.
6Kan, Seele, der Fluß, das Tal, das Abgründige, der Mesokosmos.
7Dschen, Geist, Blitz und Donner, das Erregende, Inspiration.
0Kiën, Gewahrsein, Himmel, Zeit, Tag, das Schöpferische, Vollmond, Sonne.

T r i g r a m m e

Der Himmel ist bei Nacht sichtbar, die Erde am Tag. Die Sonne ist das Schöpferische, das Uryang, die Erde ist das Empfangende, das Uryin. Gott als der Mensch im All, als Tierkreis, vereint männlich und weiblich, Sonne und Mond. Aus der Sonne kommt die Kraft auf die Erde, aus dem Mond das wechselnde Licht. Der Mond nimmt in seinem Lauf im Tierkreis die Inspirationen jedes Zeichens und jeder Konstellation auf, und gibt sie im Neumond der Sonne. Damit wird der Mensch fähig, aus den Lichtkeimen die Erde zu gestalten.

Der Born der Wesenswerdung ist die Vereinigung von Sonne und Mond, männlich und weiblich, wobei die Sonne am Neumond den Keim, der in der Vorstellung der Nacht gereift ist, der Erde einbildet. Wir sind also kosmische Wesen, haben immer an Himmel und Erde teil. Aber die Verhältnisse von Yang und Yin kehren sich ununterbrochen um. Daher kann man nicht durch Erkenntnis, sondern nur durch Übung ihnen ähnlich werden, das heißt seine Geschlechtlichkeit als Zweiheit sowohl körperlich als auch seelisch und geistig zu akzeptieren.

Sonne und Mond sind durch Rahu und Ketu, die Schnittpunkte von Sonnenbahn und Mondbahn im Metonzyklus miteinander verknüpft. Dieser ist chinesisch der Ursprung aller Geschichte. Nach 19 Sonnenjahren, der Vereinigung von 13 synodischen und 12 tropischen Monaten, wird ein voller Zyklus geschaffen. Dieser entspricht wiederum dem Viertel eines Tages des Weltenjahres, also 72 Jahren.

Der Mond schafft die sich verändernden Linien. Unsere Entwicklung wird also nicht aus der seienden Sonne getragen, sondern aus dem wandelnden Mond, der stirbt und sich erneuert.

Ich weiche in der Darstellung der Reihenfolge der Trigramme von den beiden chinesischen Ordnungen ab und nehme gemäß dem Rad die Funktionen und Bereiche als Ausgangspunkt in ihrem Wechsel von licht und dunkel. Die Funktionen sind Yin, die Bereiche sind Yang. 1 oder 3 entscheiden die Qualität eines Trigramms, während 2 folgt. Wir lesen die Trigramme, den Code, von unten nach oben.

1.Sun, das Empfinden. Der entscheidende Strich ist unten, die Sinne nehmen das Äußere wahr.
2.Li, das Denken. Das Aufnehmen ist zwischen innen und außen.
3.Dui, das Fühlen. Das Aufnehmen richtet sich auf die Triebe, die inneren Signale, die ein mangelndes Gleichgewicht als Motiv offenbaren.
4.Kun, das Wollen. Alle drei Striche sind aufnehmend, man erreicht die innere Leere des Neumonds. Die vier Funktionen sind nullhaft. Das Ergebnis einer Empfindung, etwa des Sehaktes, endet in der Bereitschaft zu neuer Wahrnehmung. Das gelöste Problem des Denkens wird zum Gedächtnis, ich kann ein neues angehen. Der befriedigte Trieb existiert nicht mehr, ein anderer nimmt seine Stelle ein. Die getroffene Entscheidung, der Entschluß, die Wahl führt mich zu einer neuen Integrationshöhe, von der ich in neuer Weise handle.

Alle vier Bereiche sind einshaft, sie existieren.

5.Gen, der Körper, hat seine bestimmte genetische und organische Struktur. Der entscheidende Strich ist innen-oben.
6.Kan, die Seele, besteht zwischen oben und unten im Beziehungsgefüge der Urfamilie.
7.Dschen, der Geist, ist außen, das Chiffrenlesen der Inspiration, also Deutung.
8/0.Kiën, das Schöpferische, der Zeitgeist ist gegeben. Alle Striche sind stark. Sein göttliches Subjekt ist momenthaft, aber sein Inhalt ist ein Einfall, eine Vision im Vollmond, wenn das Licht der Sonne zur Gänze aufgenommen wird.

Nur wo Dunkel ist, gibt es Licht. Die Bilder haben die Taoisten als Komponenten der inneren Schau des Traumes entschlüsselt. Ich erreiche sie, wenn ich mich frage und aus der Imagination der Traumsphäre antworte.

1.EmpfindenWas ist meine Wiese?
2.DenkenWas ist mein Haus? Die Sprache schafft soziale Beziehung.
3.FühlenWie ist mein See? Ist er klar, kalt oder warm?
4.WollenWas ist meine Höhle, die Erfahrung der Leere?
5.KörperWie ist mein Berg, wo bin ich auf ihm, auf dem Gipfel oder noch unten?
6.SeeleWo bin ich in meinem Lebensfluß, der sich seinen Weg vom Berg bis zum Meer bahnt?
7.GeistWie verhält sich der alte Mann oder die alte Frau, die mir den Weg zeigen?
(8).GewahrseinDas Schöpferische ist kein Bild, sondern das Wirken im Einklang mit Sinn und Leben, Tao und Te.

Die Trigramme sind im Viereck, welches das Rad umgibt. Sie eröffnen den Zugang zu den jenseitigen Potenzen:

  1. das Sanfte ist der Zugang zu den Musen, zur Gestaltung.
  2. das Haftende offenbart die Mitte des Nachthimmels, der Weisheit und der Tiere.
  3. das Heitere ist der Zugang zum Engel, und das Vertrauen in die Befriedigung der eigenen Wünsche ohne schlechtes Gewissen.
  4. das Empfangende zeigt das Beharrende im Wandel und den Zugang zu den Mächten der Steine und des Minerals.

Diese vier sind in der Nacht zugänglich, also über den Mond. Die nächsten vier gehören zum Tag, zur Sonne.

  1. das Stillehalten wird erlebt als Zugang zur Kraft der vier Elemente, als Eintritt in die magische Welt.
  2. das Abgründige des Tales kann nur durch Hilfe der Macht der Pflanzen durch Vertrauen und Unschuld integriert werden.
  3. das Erregende, zeigt den Zusammenhang mit den Ahnen, mit der Geschichte.
  4. das Schöpferische ist der Himmel, das Erleben des ewigen Augenblicks, der einen trägt und die Richtung gibt. Das Licht des Ostens ist die Offenbarung.
Arnold Keyserling
Das magische Rad Zentralasiens · 1993
Schlüssel der Urreligion
© 1998- Schule des Rades
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