Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das magische Rad Zentralasiens

IV. I Ging

Orakel

Wie findet sich nun der Mensch in der Vielfalt der Kriterien zwischen Sonne, Mond, Erde und Himmel zurecht? Das Leben, Te ist kombinatorisch, der Sinn, Tao beruht auf den Ziffern. Die vier Stufen der Digramme sind die vier Möglichkeiten zwischen Ruhe und Bewegung mit den restlichen Ziffern:

6
Ruhe-Bewegung  
7
Bewegung


Ruhe
8
9
  Bewegung-Ruhe

Der Mond und die fünf Planeten machen die Keime des Himmels, die Potentialitäten des Chaos über die vier Attraktoren zugänglich. Die Sonne bringt sie aus der Potentialität in die Aktualität, im Rahmen eines der zwölf Tierkreiszeichen. Um dies herauszufinden, ist das Orakel ein möglicher Weg: ich muß den Himmel etwas fragen, was ich nicht weiß. Aber nicht im europäischen Sinne Auskunft erheischen über das was passieren wird — wie viele Menschen den I Ging mißverstehen — sondern um zu erkennen, was der Keim des Augenblicks ist. Der Keim offenbart sich aus der Nacht des Unbewußten, nicht aus dem Tag der Überlegung. Es gibt zwei Orakelformen: das Stäbchenorakel und das Münzorakel. Das Stäbchenorakel der Schafgarbe geht von 49 Elementen aus, das Münzorakel von 2 und 3 als Zahlen. Der Himmel hat die Zahl 3, die Erde die Zahl 2. Nehme ich bei der Münze die Zahl als 3 und das Bild als 2, so gibt es folgende Kombinationen:

Zahl
Bild
-
-
Zahl
Bild
-
-
Zahl
Bild
3 + 3 + 3 = 9
2 + 2 + 2 = 6
die Wandlung:  
 
  
 

Das junge Yin und das junge Yang wandeln sich.

Zahl
Bild
-
-
Bild
Zahl
-
-
Bild
Zahl
3 + 2 + 2 = 7
2 + 3 + 3 = 8
 
 

3 ist die Zahl der Wandlung, der Quinte in der Musik, 2 die Oktave, die Zahl der Identität, der Ruhe und der regelmäßigen Schwingung. 6 wandelt sich in 7, und 9 wandelt sich in 8. 6 auf 7 heißt Veränderung, 9 auf 8 Umgestaltung in der wilhelmschen Übersetzung.

Hiermit werden die vier Kriterien der Kosmisierung des Chaos durch die Attraktoren veranschaulicht. Aus der Kosmologie und den Chakras können wir die Bedeutung dieser Zahlen verstehen.

Ich will in diesem Buch nicht die chinesischen Traditionen nachzeichnen, sondern die von ihnen entdeckte Weisheit im Sinne des Rades artikulieren.

6 ist die Zahl der Urfamilie. Aus der Ruhe der Familie entsteht die Wandlung. Die Sippe verkörpert die genetische und geistige Kontinuität, sie hat eine gerade Zahl und wird zur ungeraden. Wenn in der Familie eine Individualität entsteht, sprengt sie diese.

Die 7 bedeutet die Vereinigung von Urkraft und Urlicht in den Chakras, und hat ihren Schwerpunkt im Herzen, in der Sonne. Die Individualität kann ihren Wert nur im Werk, in der Einstimmung in das Große Ganze finden.

Die 8 ist der Offenbarungskreis oder besser das Offenbarungsviereck. Durch Einstimmung in die 8 findet das Wesen seine ganzheitliche Ordnung. 8 ist die mikrokosmische Zahl von Mond und Sonne.

Die 9 ist die Zahl des Entwurfs. Ein Ding oder eine Methode wird Teil des Wesens, wie bei Einstein die Relativitätstheorie. Die Vereinzelung wird aufgehoben und in die 8 aufgenommen.

Ich würfle mit den Münzen sechsmal, indem ich eine Frage stelle, wie ich Te und Tao, meine augenblickliche Motivation mit der richtigen Intention vereinen und in den großen Zusammenhang führen kann. Das Hexagramm ist mit sechs Würfen vollendet. Das Ergebnis ist ein Symbol, das vierfältig zu interpretieren ist: als Struktur durch die Trigramme; als Urteil; als Bild, das auf analogen Zuordnungen beruht und die Phänomenologie der Traumwelt spiegelt, und als Urteil zu den einzelnen Linien. Würfle ich eine 7 oder 8, dann bleibt die Linie gleich. Würfle ich dagegen eine 6 oder eine 9, dann verwandelt sie sich in eine 7 oder 8.

Beispiel: Ich frage (25. Jänner 1992, 3 Uhr):
Wie soll ich den I Ging in diesem Buch beschreiben?

26 7
8
8
7
7
7

Das Ergebnis ist 26, Des Großen Zähmungskraft ohne Wandlung. Unten ist Kiën, Gewahrsein, das Schöpferische, der Himmel, oben ist Gen, der Körper, das Stillehalten, der Berg.

Das Urteil lautet: Fördernd ist Beharrlichkeit. Nicht zu Hause essen (in fremde Dienste treten) bringt Heil. Es ist förderlich, das große Wasser zu durchqueren.

Im Bild heißt es: So lernt der Edle viele Worte der Vorzeit und Taten der Vergangenheit, um dadurch seinen Charakter zu stärken.

Ich stelle eine weitere Frage: Wie kann ich dieses Wissen für die Leser nützlich machen? Ich erhalte das Zeichen Nr. 37, das sich in Nr. 10 wandelt — von der Sippe zum Auftreten.

37 
7
7
6
9
6
7
10 
 

Das Urteil lautet: Die Sippe Förderlich ist die Beharrlichkeit der Frau.
Hier haben wir die Vorstellung der geistigen Familie, wie sie bei den Rishis in Indien und bei den Patriarchen Israels war, im Unterschied zur bürgerlichen Familie, die durch das Zeichen Nr. 18, die Arbeit am Verdorbenen, beschrieben ist, wo man sich darum kümmern muß, das von den Eltern Verdorbene wieder gut zu machen. Den geistigen Vater, die geistige Mutter kann man mit Castanedas Lehrer und Wohltäter vergleichen.

Das Bild lautet: Der Wind kommt aus dem Feuer, das Bild der Sippe. So hat der Edle in seinen Worten die Sache und in seinem Wandel die Dauer.
Dies bedarf keiner Erklärung.

Die wandelnden Linien 2, 3 und 4.

6 auf zweitem Platz: Sie soll nicht ihrer Laune folgen. Sie soll im Inneren für Speise sorgen. Beharrlichkeit bringt Heil. Das Heil der 6 auf zweitem Platz beruht auf Hingebung und Sanftheit.
Nahrung ist nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und geistig. Ich muß mich in der Darstellung auf das beschränken, was wirklich assimiliert werden kann.

9 auf drittem Platz: Wenn es in der Sippe hitzig zugeht, so entsteht Reue über zu große Strenge. Doch Heil! Wenn Weib und Kind tändeln und lachen, so führt das schließlich zu Beschämung.
Es gilt also die richtige Mitte zwischen Strenge und Heiterkeit zu finden.

6 auf viertem Platz: Sie ist der Reichtum des Hauses. Großes Heil! Denn sie ist hingebend auf ihrem Platz.
Die Einstellung ist die richtige. Durch die drei Wandlungen entsteht das Zeichen Nr. 10.

Das neue Zeichen heißt: Das Auftreten. Er tritt auf des Tigers Schwanz und er beißt den Menschen nicht. Wenn man die drei Wandlungen beherzigt, dann setzt sich der Weg durch. Dies veranschaulicht das Bild: Oben der Himmel, unten der See; das Bild des Auftretens. So unterscheidet der Edle hoch und niedrig und festigt dadurch den Sinn des Volkes.

Arnold Keyserling
Das magische Rad Zentralasiens · 1993
Schlüssel der Urreligion
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD