Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das magische Rad Zentralasiens

IV. I Ging

Fünf Reifestufen

Hoch und niedrig bezieht sich auf die fünf Reifestufen, auf denen man das Buch interpretieren kann. Es handelt sich beim I Ging nicht um einen heiligen Text im Sinne der Vedas oder der Bibel, sondern um die Yang-Yin-Struktur des Universums. Wie der Mensch glücklich ist in der körperlichen Vereinigung der Liebe, ist jedes Wesen des All glücklich, wenn es einen neuen Schritt vom Te zum Tao vollzieht. Ein Schritt in diese Richtung heißt das Heil, ein Schritt dem Tode zu das Unheil.

Heil und Unheil sind für die kosmogonischen Stufen verschieden, an denen der Mensch teilhat und woran er sich nicht fixieren sollte.

5 Heiliger Weiser
4 Berufener
3 Edler
2 Würdiger
1 Gemeiner
Gott
Mensch
Tier
Pflanze
Mineral

  1. Der Gemeine fragt nur nach Nutzen und Schaden. In der verflossenen Fischezeit war der Edle der Beamte, der Mandarin, der durch Würde und Ehre gelenkt wurde und sich selbst richtete. Dagegen wurde der Gemeine belohnt oder bestraft. Ein Mandarin-Edler kam auf zehntausend Gemeine. In der Wassermannzeit ist diese Hierarchie nicht mehr gültig, sondern jeder lebt auf allen Stufen. Es ist notwendig so viel Besitz oder Einkommen, also materielle Güter zu haben, daß man sich frei entfalten kann. Das Mineral entspricht dem Wollen. Der Mensch muß seine Struktur aus Makrokosmos und Mikrokosmos empfangen und aus seiner gegebenen Anlage seinen Weg schaffen. In der Wassermannzeit ist wie bei der früheren Schang-Dynastie vor Beginn der patriarchalischen Religion der Geist nicht der Tag und die geprägte Gesellschaft, sondern der Nachthimmel und damit die Inspiration. Diese setzt aber vom praktischen Leben an, und das ist für jeden irgendeine Arbeit an der mineralischen Welt. Wir sind alle Arbeiter, nicht mehr Herren im Sinne der Fischezeit. Auch Gott ist ein Arbeiter und kein Herr, die Verwirklichung des Menschen im All ist konkret zu verstehen.
  2. Der Würdige ist jener, der sein materielles Leben gesichert hat und sich nun gleich der Pflanze entfalten will. Er sucht nach Bildung, ahmt solche Menschen nach, die ihm seinen Weg zeigen können, liest die entsprechenden Bücher, macht Reisen. Er kennt noch keine Verantwortung für andere. Sobald einem etwas Neues begegnet, dann wird man zum Würdigen.
  3. Der Edle weiß, daß das Leben keinen Sinn hat, wenn er ihn nicht selber schafft. Jeder ist potentiell ein Edler, das heißt ein Tier, das in Einklang zwischen Selbsterhaltung und Arterhaltung vornehm lebt und weder in der einen noch in der anderen Richtung über das Ziel hinausschießt. In konfuzianischer Sprache ist er Maß und Mitte.

Wer nur nach Reichtum strebt, wirkt für die Menschheit ebenso zerstörend wie jener, der andere vermeintlichen kollektiven Idealen unterordnet. Ich ist der Ausdruck der Arterhaltung, Selbst der Selbsterhaltung. Bei den Tieren sind sie im Gleichgewicht, der Mensch muß dies über die Einsicht nachvollziehen. Daher ist das falsche Ichbild ebenso zu überwinden wie die funktionale Selbstvorstellung — ich bin ein Professor, ein Adeliger, ein Protestant — denn nur aus Motivation, Te, und aus Intention, Tao, läßt sich der Weg ermitteln. Er ist nicht auf das Überleben und den Erfolg gerichtet, sondern auf die Teilnahme am Werk der Menschheit.

  1. Reichtum und Macht sind falsche Abstraktionen. Der Mensch findet seinen Weg in die Unsterblichkeit nur im historischen Wirken, wenn er an den Toten anknüpft und selbst durch seine Leistungen zum Ahnen wird. Die führt uns in die vierte Stufe des Berufenen.

Der Mensch ist galaktisch. Er kann durch Kenntnis des I Ging, der keimhaften Urgründe seine Entscheidungen oberhalb der Überlebens­triebe verankern. Galaktisch leben heißt zu wissen daß die Kreativität nicht dem eigenen Inneren entstammt, sondern als Geist und empfinden von außen, von den Bildern des Himmels und den Problemen der Erde anhebt.

Als Tier kann man menschlich gleichsam mechanisch funktionieren, doch wird man unglücklich. Viele Menschen fanden während der ideologischen Ost-West-Auseinandersetzung ihren Sinn im Kampf gegen den Feind. Sie verschlossen sich damit den Weg in die Phantasie, in die Imagination des geistigen Traumes, aus dem das Licht im gleichen Sinne aus dem Nachthimmel kommt wie das innere Licht des genetischen Codes. Aber über die menschliche Leistung und Bewährung hinaus hat der einzelne an der fünften Stufe der Synchronizität, dem ewigen Augenblick der Gottheit teil, die der Heilige Weise erfährt.

Der Zugang zur fünften Sphäre, der coincidentia oppositorum, ist die Vereinigung von Yin und Yang, da auch in jedem Menschen weibliche und männliche Komponenten leben; die Liebe ist das einzige echte Ziel der Kommunion und der Kosmisierung.

  1. Im Gemeinen bezieht sich das Urteil auf Nutzen und Schaden, beim Würdigen auf Lernen und Bildung, beim Edlen auf Kampf und Scheitern, beim Berufenen auf Leistung und Hingabe, doch in der göttlichen Stufe des Heiligen Weisen auf Liebe. Der Heilige Weise ist im Einklang mit dem All. Ihm geschieht nichts und von ihm geht nichts aus, was nicht im Sinne der Liebe wäre. Für ihn sind die Wandlungen Teil der Offenbarung. Er ordnet nach ihnen die Welt, taoistisch durch sein Dasein, konfuzianisch durch den Einklang seines Verhaltens mit den Gesetzen der Musik und den großen Vorbildern von Makrokosmos und Mikrokosmos. Der Berufene sorgt dafür, daß die Welt so wird, daß jeder als Edler leben und seinen eigenen Weg schaffen kann. Der Edle ist der Mensch des Weges und die meisten Urteile des I Ging beziehen sich auf die Stufe des Edlen.
Arnold Keyserling
Das magische Rad Zentralasiens · 1993
Schlüssel der Urreligion
© 1998- Schule des Rades
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