Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das magische Rad Zentralasiens

V. Astrologie

Zwillingszeit

Mit der Zwillingszeit verließen die Menschen die Höhlen des Klan und begaben sich in den Stämmen auf die Wanderschaft, den Visionen folgend. Die Sprache war gleichsam parapsychologisch. Während im Klan der Saturn Herr ist, der Vater als geistiger Führer die Kleingruppe im Ritus zusammenhält, ist im Stamm die Visionssuche ein gemeinsamer Weg. Wer einen Traum hat und diesen glaubwürdig erzählt, dessen Vision wird zum Teil des gemeinsamen Weltbildes, wie es heute noch die Indianer in der Traumhütte lernen. Die Stammesüberlieferung ist mündlich. Sie berichtet von all denen, die aus einem Traum einen geistigen Weg geschaffen haben. Er darf nicht verlassen werden, sonst wird der einzelne aus dem Stamm ausgeschlossen oder sogar getötet.

Die Gruppe bezeichnet sich in ihrer Sprache als die einzigen Menschen, rechnet Fremde nicht zur Gattung. Der Kampf wird zur Auslese, das Bestehen von Prüfungen und Gefahren zum Weg. In der Krebszeit war der Urtypus der Ritus des Steinkreises, das Rad des Gesetzes wie unser Erdheiligtum. In der Zwillingszeit wurde das Begehen des Weges, das Wandern entscheidend. Jene, die den Weg zuende gegangen sind, werden zu den Ahnen im Unterschied zu den Vorfahren. Sie vermitteln auch nach ihrem Tode Visionen aus dem Jenseits. Der Führer ist nicht mehr der Häuptling als Vater, sondern der Schamane, der den Weg in die Oberwelt und Unterwelt kennt und andere darin führt und heilt.

Das Opfer der Krebszeit als Hierophanie und Kratophanie — Erscheinung der Offenbarung oder der Kraft — ist in den Rhythmus der Jahreszeiten, von Raum und Zeit eingegliedert. Die Zwillingszeit richtet sich nach omens and agreements, nach Fügungen. Was geschieht, hat eine Bedeutung für den Weg. Das Ich ist noch nicht aus dem Verbund herausgelöst, die Großeltern verkörpern sich in den Enkeln.

In der Zwillingszeit ist die Heldensage die Verbindung von heilig und profan. Ihre Handlungen und Geschehnisse werden für andere paradigmatisch. Man trifft keine Entscheidung, wenn sie nicht auf ein Vorbild gerichtet ist oder aus eigenem Mut ins Ungewisse trägt.

Das Wissen der Zwillingszeit wird durch jeden einzelnen Stammesangehörigen vermehrt, wenn er imstande ist, in der Traumhütte sein Erleben sprachlich so vorzutragen, daß die anderen es verstehen und nachvollziehen können. Die Beziehung zu den Tieren ist noch offen; viele Stämme haben Zugang zu einem besonderen Totem, sei es als Krafttier, das der Vision erscheint, oder als tatsächliches Tier, mit dem man seine Kraft teilt.

Arnold Keyserling
Das magische Rad Zentralasiens · 1993
Schlüssel der Urreligion
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD