Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Das Nichts im Etwas

Das unterscheidende Bewußtsein

Die Schöpfungsprinzipien

Beschaffenheit ist eine bestimmte Zusammensetzung von Energie und Materie; sie läßt sich immer über Zahl und Maß erfassen, bis zur Nahtstelle, wo sie als Liebe, Kraft, Licht im Unermeßlichen mündet. — Die Zahl als Schöpfungsprinzip und Urpotenz ist Unterscheidung des Unerschöpflichen ohne Maß; das Maß aller Dinge bedarf der Zahl. So ist Unterscheidung, ob es sich um die Qualität einer Ledertasche oder den Seinszustand des Buddha handelt, die gleiche Fähigkeit: den Ausdruck des Unermeßlichen über Zahl und Maß als Qualität zu erleben. In Qualität sind Zahl und Maß geborgen — verborgen. Der Götterbote Merkur ist die Fähigkeit, Qualität auf allen Ebenen des Gewahrwerdens wahrzunehmen.

M e r k u r
Unterscheidung ist die erste Begabung, nennen wir sie Begnadung, am Weg der Bewußtwerdung des Menschen. Sie ist die grundlegendste, aber auch jene, die auf allen Ebenen der Erfahrung, Erfahrung einordnen und umsetzen kann. Durch sie kann das Licht der Offenbarung S o n n e zur Botschaft M e r k u r werden. Ein fliegender Vogel bringt die Botschaft, heißt es im I Ging (62). Ob ich von ihm lese, ihn sehe oder träume, ist der fliegende Vogel ein Verschiedenes von einem sitzenden oder nistenden. In der Unterscheidung selbst liegt schon die Botschaft für jenen, der sie lesen kann.
Die Begnadungen, die das Licht des Bewußtseins im Menschen zur Entfaltung und Erfüllung auf der Erde bringen, reihen sich wie die Planeten in ihrer Entfernung von der Sonne.
P l u t o
N e p t u n
U r a n u s
S a t u r n
J u p i t e r
L u z i f e r
M a r s
E r d e · M o n d
V e n u s
M e r k u r
S o n n e
V e n u s
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Unterscheidung ist eng mit den Dingen und Wesenheiten verknüpft; sie ist deren Erkenntnis.
So wie ich bemerke, daß mir diese Frucht bekommt und jene nicht, ein bestimmter Stoff in seiner Weichheit und Färbung zu diesem Zweck geeignet ist, der Umgang mit gewissen Menschen die und die Wirkung hat, werde ich auch einen Seinszustand unterscheiden, der anders ist, indem ich eine besondere Kraft oder Freiheit erlebe, in mir einen Allverbundenen Wachen kennen lerne, der mir bis dahin verborgen war. Die Kraft des Gewahrwerdens S o n n e führt über die Unterscheidung M e r k u r zum Ergreifen des Gegebenen M e r k u r im Augenblick.
M o n d
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Und dann erwacht der Wunsch M o n d diesem Freien, wunschlos Seligen, Allverbundenen in mir öfters zu begegnen.
M a r s
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Wenn dem Wunsch die Initiative folgt, wird der Mensch zum M a r s Suchenden. Er ist bereit, vieles zu lassen, sich auf den Weg zu machen, um den verlorenen Schatz wiederzufinden.
L u z i f e r
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Was sucht er? Er sucht nicht seinen Weg; er macht sich auf den Weg. Er sucht nicht seine Aufgabe; er gibt sich auf. Er sucht Es. Und wenn er Es sucht, wird er finden. Er erhält Zeichen. Wenn er fragt, erhält er Antwort aus der Tiefe L u z i f e r die wie ein Einblick aus anderen Dimensionen den Funken zündet. Noch ist er es nicht, der Einblick hat; aber er gibt nicht auf.
J u p i t e r
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Er sucht den Ein- und Ausblick. Allmählich enthüllt sich ein neuer Zusammenhang J u p i t e r zwischen Leben und Tod, Diesseits und Jenseits. Im Wirkfeld seines Lebens verschieben sich die Werte. Aber so wesentlich es auch sein mag, herauszufinden, was ihm das Wesentlichste, wer König in seinem Reich ist, und diesem die absolute Treue zu halten, so ist es unerläßlich zu wissen, daß der König immer nur Stellvertreter des Nichts, des unsichtbaren, allgegenwärtigen Einenden Einen ist, und daß jedes scheinbar Kleinste und Unbedeutendste Träger des Gesamten sein kann. Durch Wertung mag zu Beginn Entwertung eintreten. Den Weizen von der Spreu trennen ist wichtig, damit jedes seinen Platz erhält.
In dieser Etappe mag sich der Edle begrenzend zurückziehen, um seinen Bereich zu festigen. Doch darf er in der Beschränkung nicht vergessen, daß die ganze Welt das Wunderbare birgt. Er wird sich mit Menschen umgeben, Tätigkeiten, Bücher, Atmosphären bevorzugen, die ihm ermöglichen, sein Weltbild abzurunden, zu vertiefen. Er lernt viele Worte und Taten der Vergangenheit kennen, I Ging 26, und ahnt, worum es geht. Manchmal ist er in seiner leeren Mitte, der Nahtstelle, die Himmel und Erde verbindet; aber
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wie ist er dahin gekommen? Was hindert ihn so oft daran? S a t u r n
Die Welt verhaftet und erlöst. Wie kann er die gleichen Umstände, die behindern, wenden, auf daß sie in die Befreiung führen? Er ergründet Vorgänge und Umstände, greift auf bewährte Methoden zurück, prüft und verändert. Er ist in der praktischen Anwendung, um weiter zu kommen. Wohin? Er ist im Tun. Ein wesentlicher Schritt. Wer sich selbst hilft, dem hilft Gott, heißt es. Er möchte die Umstände lenken; aber wann ist es an ihm zu lenken, wann wird er sich dem Zukommenden, den kosmischen Mächten anvertrauen. Der Ausgleich beider, das nichtende Wirken ist hier die Weisheit, die dem Menschen erspart, in die Falle zu stürzen, die auf jeder Etappe seine Entfaltung zum Stillstand bringen kann. Begnadung wird zur Verführung, wenn Es, das Unergründliche, die Null als Nahtstelle nicht einziges Ziel der Richtung bleibt. Leicht kann der Strebende zum Methodiker werden, einem Guru verfallen oder sich selbst einer Autorität bedienen, die nicht angebracht ist.

Der zum Versuch Bereite findet im Vijnana Bhairava Tantra die Erfahrung vieler Strebender, wo in der Welt des Etwas die Nahtstelle zum Nichts liegt. Jeder Sloka ist einerseits die Beschreibung einer mystischen Erfahrung, andererseits die Weisung, wie man sie herbeiführt, — wie man es macht.
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Aus diesem Steuern des eigenen Bootes der Nahtstelle zu, erwächst neue Erkenntnis, U r a n u s die nicht mehr persönlich ist, sondern die Urgründe des kosmischen Zusammenhalts erfaßt, Befriedung in die Gemeinschaft bringt,
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auf daß jeder, seiner Art entsprechend am gemeinsamen Werk teilnehmen kann. Wenn der Mensch zum Mitarbeiter am Werk wird,
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verwirklicht sich die Macht der Fülle durch ihn und er durch sie. Du kannst nur kosmisch wirken. — Es mag wohl sein, daß, was an diesem Ort in unserer Zeit geschieht, in jenem seine Erfüllung findet.

Der Siebte, der Strebende ist es, der den Körper vergeistigt, den Geist verkörpert (wie es die Chakradarstellung zeigt), dem der Vijnana Bhairava Tantra wesentliche Anregung gibt. Der siebte Schritt führt zum persönlichen Durchbruch.

Die Kräfte 8, 9, 10, ermöglichen die kollektive Auswirkung. Wenn sie auf der Entfaltung des Bewußtseins in den ersten sieben Etappen aufbauen, bringen sie die Mitarbeit am Werk der Erde. Wenn hingegen Entdeckung U r a n u s, völkische politische Gemeinschaft N e p t u n und Erfindungs-, Planungskraft P l u t o sich verselbständigen, werden sie zur kollektiven Katastrophe. So ist die wesentlichste Frage unserer Zeit: wie kann die Menschheit die drei Denkkräfte integrieren; wie kann eine menschliche Gemeinschaft entstehen, deren Entdeckungen an die Erkenntnis der Urgründe heranführen, deren Erfindungen und Planungen den Zusammenhang von Erde — Himmel — Mensch einbeziehen?

Die Erfahrung des Nichts ist auch jene der allbezogenen Liebe. Sie allein kann in der Waagschale des eigenen Zugangs zum

N i c h t s · E t w a s

die persönlichen Bedürfnisse und Interessen aufwiegen, auf daß die Sonderheit jedes einzelnen Wesens das Ganze befruchte.

Viele sind an die Nahtstelle herangekommen, vielleicht in Momenten der Gefahr, wo es nichts mehr zu überlegen gab, ein vollständiger Stop alle inneren Dialoge zum Stillstand brachte, ein absolutes Loslassen zum ganzheitlichen Tun und Erfahren des Augenblicks führte.

Auch der unbesorgt Sorgende wird in diesem Zustand sein. Aber wer ihn immer wieder erreichen will, um aus ihm zu wirken, wird am Körper ansetzen. Das ganzheitliche Gewahrsein des Menschen gründet am Gewahrwerden des Körpers. Die Körperübungen, die dazu dienen, über langsame kontinuierliche Bewegung oder das Einnehmen einer bestimmten Haltung — Asana — zum Gefäß feinerer Wahrnehmung zu werden, sind im Vijnana Bhairava Tantra nicht beschrieben. Ist es uns nicht auch selbstverständlich, in einer bequemen Art still zu sitzen, wenn wir einem Konzert oder einer Lesung folgen wollen? Es ist die Voraussetzung.

Manche der Slokas beziehen sich auf bewährte Übungsvorgänge, andere auf Lebenssituationen, die wir alle kennen. Übung mag künstlich und unlebendig anmuten. Sie ist jedoch nichts anderes als die Schaffung einer Modellsituation, in der wir bewußt zum Zeugen werden, in der Tun und Erfahren gleichermaßen vorhanden sind — sich begegnen. Im täglichen Tun kommt das tiefere Erfahren oft abhanden; indem wir uns mit dem Zutuenden identifizieren, rühren wir im selben Brei der Assoziationen und Emotionen. Die sogenannte Lebenserfahrung, die Erklärungen und logische Schlußfolgerungen der Begebenheiten bietet, ist fern von der Erfahrung des Zeugen, die Nichts und Etwas vereint.

Die Suche nach der ruhenden Mitte der sich drehenden Scheibe im Bild des Lebensrades — ist keine Flucht aus der Bewegung; sie ist auch nicht letztes Ziel! —

sondern Zugang zur Achse,
dem Geheimnis des Winkels von 90°,
der immer die nächste Dimension eröffnet.
Wilhelmine Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD