Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

3. Philosophie

3. Körper - fühlen: Vision

Ein Dichter, Ion, fragt ihn, warum er selbst immer wach sei, während er Homer zitiert und sich daran freut, wie die anderen davon ergriffen werden, und er auch aufpaßt, daß er sie ja in Gemütsbewegung bringt — sie bei einer traurigen Stelle weinen, bei einer fürchterlichen wild umherblicken, weil eben dies seine Kunst sei — warum er aber einschliefen wenn von anderen Dichtern die Rede ist oder auch andere schlechter als er Homer vortragen. Sokrates erläutert ihm, daß die Dichtung nicht aus dem Denken stammt, sondern aus einer tieferen Sphäre; daß sich der Dichtende den Musen oder Stimmen vollständig — gleich einem Pferd, um das brasilianische Beispiel zu gebrauchen — überantworten müsse. Der Weg des Dichters erreicht die Inspiration, die Begeisterung. Die Welt der Götter existiert.

Die Dramen des Theaters zeigen eine Welt, die tatsächlich besteht und aus der wir herkommen, ohne Zeit unseres irdischen Daseins imstande zu sein, von ihrer olympischen Klarheit und Freude getragen zu sein. Damit wird der nächste Schritt der mystischen Einweihung zugänglich, der Schritt von der Seele, die ihre Befriedigung in der Integration der Gedanken findet, zu den Motivationen der Götter, der Triebe und der Körper, woraus alle echten Visionen herrühren.

Der Mensch wird von seinen Trieben gelenkt, die sich als Visionen, als Wahn manifestieren und ihn total bezwingen — die Anangke. Auch jener, der glaubt, er entscheide frei, wird von ihnen mitgerissen. Daher glauben die meisten Menschen, glücklich sei jener der die anderen zu dem zwingen kann, was er möchte, damit sie seinen Bedürfnissen dienen; daß der Stärkere allein recht hätte, und daß es von Natur aus Herren und Sklaven gäbe und man zu den Ersteren gehören sollte.

Der einzige Vorteil erworbenen Reichtums ist, daß ein Mensch dann im Alter früher begangenes Unrecht wieder gut machen kann, während der Arme so unter Druck steht, daß er sein ganzes Leben aus der Not nicht herauskommt. Da das Gewissen verlangte keine Schuld zu haben, müssen wir es als tiefste Forderung der Götter annehmen. Frömmigkeit ist nicht nur, ihrer zu gedenken und ihnen zu opfern, um eine Erfüllung der Wünsche zu erreichen, sondern den Mitmenschen gerecht zu werden. Anangke, der Zwang des Schicksals, prägt die Auseinandersetzung der Menschen in ihrem Streben nach Befriedigung. Die dramatische Fassung der Mythen hat gezeigt, daß die Nachfolge eines einzelnen Mythos nie zum Heil führen kann.

Wie kann man aber nun die Selbstlosigkeit hinter den Mythen erreichen und damit wirklich den Göttern folgen, die in ihrer olympischen Heiterkeit die Not der Menschen garnicht kennen mit Ausnahme der Demeter, die den Menschen das Mysterium von Eleusis gestiftet hat? Man kann die Dramen nicht verleugnen; Tod und Schmerz, Anstrengung und Wettbewerb, Streben nach Macht und Reichtum sind dem Menschen eingeboren. Eine Möglichkeit wäre, sich wie die späteren Einsiedler aus der Welt zurückzuziehen und nur noch der Theoria, der Kontemplation zu leben. Aber vielleicht bedeutet das nur einen Aufschub, keine Lösung.

Irgendwie muß der Gerechtigkeit eine Sehnsucht innewohnen, die stärker ist als die Triebe. Der Körper verlangt Ausdruck, Anerkennung, Bestätigung. Das Triebhafte darf nicht nur negativ interpretiert werden; ihm muß eine Tendenz nach höherer Vollendung innewohnen die durch die Ideale von Schönheit Wahrheit, Güte und Gerechtigkeit umschrieben wird.

Diese Ideale sind keine Erfahrungen, sondern Richtungen. Viele der Dialoge dienen zu ihrer Erhellung. So mag vielleicht das Streben nach Nützlichkeit und Brauchbarkeit scheinbar zur Tugend führen, wenn man die Tugend als vollen Einklang sowohl mit dem Wahn als auch mit den Trieben versteht. Doch führt jede Bestimmung in die Irre: Tugend ist nicht lehrbar, sondern nur wagbar; sie kommt dem Mutigen zu, der sich selbst aufs Spiel setzt, dem also die Trieberfüllung nicht das letzte Ziel ist, sondern die Unsterblichkeit, sei es im Ruhm, sei es existentiell in einer jenseitigen Welt.

Sokrates war keinem der Triebe verfallen, aber er lehnte auch keinen ab, da er sein Maß gefunden hatte, das auf Genügsamkeit beruht. Vor allem aber ist es ihm gelungen, denkerisch zum Ursprung aller Triebe durchzustoßen, der nicht individuell auf das Überleben, sondern auf die Vereinigung, auf die Liebe gerichtet ist. Damit kommen wir in die vierte Sphäre des Wollens, vom Logos zum Eros.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD