Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

4. Das Rad

Struktur der mystischen Erfahrung

Die wesentlichen Schritte meiner Arbeit entstammten mystischen Gipfelerfahrungen, die ich hernach systemisch zu bestimmen suchte. Meinen Ausgangspunkt bildete die Weltphilosophie meines Vaters Hermann Keyserling, der gleich Rabindranath Tagore das Bewußtsein des universalen oder globalen Menschen vorbereiten wollte. Ausgehend von dieser Schau, die ihren umfassenden Ausdruck 1919 in seinem Reisetagebuch eines Philosophen und der Gründung der Schule der Weisheit 1920 in Darmstadt gefunden hatte, suchte ich nach seinem Tode 1946 nach den gemeinsamen Nennern, den Kriterien allen Verstehens und begann mit vielen systematischen Untersuchungen. Doch erst dank der graphischen Vollendung des Rades durch unseren Freund Ernst Graf ist es mir gelungen, die Gesamtheit der Systemik zu klären. Die historische und wissenschaftliche Erläuterung habe ich in anderen Büchern dargestellt; hier geht es mir darum, die Struktur der mystischen Erfahrung kritisch zu erhellen, um damit das Wissen des Baumes des Lebens, in jüdischer Formulierung, als Grundlage aller Religion einsichtig zu machen.

Ursprung der Welt ist das göttliche Nichts, die Mitte, die im unendlichen Raum überall ist und der das schöpferische Wort entspringt; in der germanischen Überlieferung das GOT.

Got ist einerseits die Mitte jeglichen Wesens im All, andererseits deren Zusammenhang in der Liebe. In allen Überlieferungen ist Got jenseits von Name und Form: das unendliche Brahman, das die endlichen Welten gebiert; Wu Chi, das Nichts, die Null als Ursprung der Schöpfung, das dauernde Werden vom Nichts zu Etwas, zum Tai Chi; das Fünklein, die Burgfeste in der Seele von Meister Eckhart; das Atman als Wesenskern, das am Brahman teilhat; die platonische Methexis, Teilhabe am Göttlichen — sie alle bezeichnen die wahre Gottheit, die in der Erleuchtung erfahrbar wird als das innere Licht der Aufmerksamkeit, das das Bewußtsein erhellt und daher selbst dunkel ist.

In der Vision wird der Urgrund erreicht durch das Finden der Mitte im Rad des Bewußtseins; nur die Mitte einer drehenden Scheibe erreicht die absolute Ruhe des Augenblicks. Augenblick und Ewigkeit sind identisch; die Mitte jeglichen Wesens ist der immerwährend sich wiederholende Schritt vom Nichts zum Etwas, von der Leere zum göttlichen Wort, zum Sinn, der sich als selbständiges Wesen begreift.

Das Wesen, das inhaltlich aus dem ewigen Sein des Got geboren wird, lebt zwischen oben und unten, Himmel und Erde, Urlicht und Urkraft, dem männlich fordernden Gott der Vision und der weiblich bergenden Kraft der Gottheit. Wir erleben Gott im Himmel, die Gottheit aus der Erde. Physikalisch erfahren wir die Mitte als schwarzes Loch, den Ursprung aller Sinneswahrnehmung im Licht, im Elektromagnetismus, und das Wesen der Erde und aller Himmelskörper über die Schwerkraft. Doch beide Energien sind göttliche Attribute, keine bloßen Kräfte; es gibt im Universum nur Wesen verschiedener Integrationshöhe, und wir geraten in den Genuß ihrer Hilfe, wenn wir sie nicht nur bedenken, sondern sie wollen; wenn wir uns entscheiden sie anzuerkennen und sie anzurufen.

Im Rad ist die Mitte sowohl oben als auch unten in der Ebene der flächigen Darstellung. Doch haben Urkraft und Urlicht verschiedene Richtungen:

  • Kraft geht von unten nach oben
  • und Licht von oben nach unten.

Ferner geht erfahrbare Kraft immer von einer Mitte aus, wie jene der Schwerkraft der Erde, und Licht ist allverbindend durch seine Urgeschwindigkeit, schafft den Zusammenhang des All.

Das Licht erzeugt die Zeit und ist ihr Ursprung. Alle sich bewegenden und ruhenden Körper empfangen die Strahlung in gleicher Geschwindigkeit, etwa dreihunderttausend Kilometer per Sekunde, was man auch so ausdrücken kann, daß andere Geschwindigkeiten im uns erlebbaren Universum nicht wahrzunehmen sind. Das heißt aber nicht, daß es notwendig das einzige Universum ist: Parallel zu ihm mögen unendlich viele andere bestehen. Ihre Erfahrung könnte nur aus der Null heraus möglich sein, die zu allen Universen transzendent ist.

Unsere Wahrnehmung ist Sinnesqualität, sowohl über die Sinne als auch über den Traum. Eine Sinnesgegebenheit ist physikalisch gesprochen eine stehende Welle, die als Qualität wahrgenommen wird: eine Luftschwingung von 16 Hertz mit einer Wellenlänge von etwa 22 Metern ist die Schwelle des Hörens. Im Traum treten die Bilder als ergänzend und fordernd auf. Das gleiche gilt für das Wachen: jede Wahrnehmung ist, in den Worten Martin Bubers, eine Frage Gottes als Urlicht, auf die wir antworten müssen.

Als Wesen sind wir im Körper auf die Mitte der Erde bezogen. Infolge ihrer Drehung um die Achse ergeben sich vier primäre und vier sekundäre Himmelsrichtungen, durch die allein wir Visionen aufnehmen können:

  • Licht empfangen wir,
  • Kraft gestalten wir.

So hilft uns der männliche Gott des Himmels zur Öffnung gegenüber der Offenbarung, die weibliche Gottheit der Erde zur richtigen Einstellung des Empfangens gegenüber dem Licht, um es dann aus ihrer Kraft heraus zu gestalten, oder Gestalt werden zu lassen.

Im Bewußtsein der Wortwerdung, im Sinn sind wir GOT gleich. Im empfangen der Vision durch die Kraft ergeben sich acht Weisen, wie wir diese verkörpern können. Diese Himmelsrichtungen bestanden laut schamanischer Überlieferung vor der Schaffung der Erde und haben ihren Ausgangspunkt im kosmischen Osten; das Wort orientieren bedeutet ursprünglich, sich auf den Osten — Orient — einzustellen, weil nur von ihm aus das reine Gewahrwerden möglich ist.

Auf der Erde ist Osten jene Richtung, aus der der ganze Himmel auftaucht. Um ihn zu verstehen, setzten sich die Menschen der Altsteinzeit in einem Steinkreis um eine Mitte mit dem Rücken zu den heiligen Richtungen, wie es der Ritus des Erdheiligtums beschreibt; der im Osten verkündete die Vision, die für die anderen verbindlich wurde.

Das Gewahrwerden ist physiologisch dauerndes Schwingen des Bewußtseins im Sekundenrhythmus der Erde. Das Bewußtsein wechselt seine Richtung zwischen beobachten und erinnern, bleibt aber in der Zweiheit:

  • ja zur Beobachtung, nein zur Erinnerung aktiviert die linke Hemisphäre,
  • ja zur Erinnerung, nein zur Beobachtung, die rechte Hemisphäre.

So erlebt der Mensch im Schreiten, im Wechsel zwischen links und rechts den Urrhythmus seines Gewahrwerdens.

  • Im Osten ist das Gewahrwerden des Lichts und des Feuers.
  • Der Westen hingegen ist der Ort, wo der Himmel verschwindet, wo Licht zu Kraft wird, der Ort der Materie, des Minerals, des Empfangens und des Wollens. Die Kraft wird Teil des Wesens, Teil der Substanz; Wollen bedeutet zu sich selbst zu stehen, im Wählen, Entscheiden und Entschließen zu leben.
  • Der Süden ist der Ort des Tages, der Zeit, der Pflanze, wo der Mensch wieder zu Vertrauen und Unschuld findet. Es ist der Ort der Seele und des Wachstums. Wie die Pflanze imstande ist, mittels der Lichtenergie ihren Körper aus der Luft aufzubauen, kann der Mensch über seine Seele den Geist verkörpern.
  • Der Norden, die Mitternacht, ist der Ort des Raumes, die Zeit ist in der Nacht unmerklich. Es ist der Ort des Tieres, das dunkel durch seine Motive und Instinkte, seine Triebe gelenkt wird, seine Ökonische als Funktion im Kosmos findet: die untere Entsprechung des Denkens. Im Norden des Kreises sitzt der Mensch, wenn er seine Strategien entfaltet und zu seinen Instinkten zurückfindet. Es ist auch der Ort der Mystik.
  • Zwischen Gewahrwerden und Seele im Südosten ist der Geist der Ahnen, der Zusammenhang mit der Gattung und jenen gestorbenen Menschen, die die Kultur in der Vergangenheit vorangetragen haben. Im germanischen Mythos opferte sich der Riese Ymir, um anderen das Leben zu ermöglichen. Er zerstückelte seinen Geistleib, aus dem die Menschen ihr Werk finden. Der gleiche Mythos ist in allen Traditionen, in Ägypten die Göttin Nut als Urbild des Tierkreises, in Israel Adam Kadmon und in Indien Mahapurusha. Durch Richtung auf den Südosten wird der Mensch mit den Helden der Vergangenheit in Kommunion treten, um ihr Werk weiterzuführen. Geist ist bewußtes Sterben des einzelnen, um im Ganzen zu wirken.
  • Der Südwesten zwischen Seele und Wollen ist der Ort des Körpers, der durch die Lebensgeister, die Elementale, im Mythos die Elfen, Sylphiden, Undinen, Gnomen und Trolle aufrechterhalten wird; jene Wesen, die einem über die Traumvision zugänglich werden.
  • Im Nordwesten zwischen Wollen und Denken, ist der Ort des Fühlens. Dies wird durch die Engel und jenseitigen Richter inspiriert, die einem immer wieder helfen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden und auch andere zu ihrer Erfüllung zu bringen.
  • Der Nordosten zwischen Gewahrwerden und Denken ist der Ort des Empfindens, der durch die Musen inspiriert wird. In dieser Richtung findet man seinen Weg als bewußte Teilnahme an der Zivilisation.
  • Die Mitte des Achterkreises ist leer. Aus ihr wirkt der Mensch, der guten Willens ist und sich als Teil der Gottheit, des Gottes und von Got erlebt. Aber darüber hinaus birgt die Mitte die Gattung der Menschheit, die die persönliche und kollektive Vollendung begreifbar macht, den Menschen im All, dessen Gestalt sich aus der Struktur des Rades erkennen läßt, der aber auch persönlich als Wortwesen anzusprechen ist. Ich habe die Offenbarung des Menschen im All 1972 in fünfzehn Botschaften erlebt. Er ist der Heilige aller Zeiten, Urbild aller Religion, auf den alle Offenbarungen hinweisen. Mit der Wassermannzeit, da der Tierkreis der Sonne um ein Achtel zum Tierkreis der Konstellationen verschoben ist, wird sein Wissen als mystischer Weg der menschlichen Vollendung das erste Mal zugänglich.
Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD