Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

4. Das Rad

Dimensionen

Von der Mystik her wird das Rad über die fünf Schichten des Bewußtseins verständlich.

Das Bewußtsein hat eine Mitte im Rad, eine Form und eine Klaviatur von Inhalten. Die Form entsteht aus der Fähigkeit des Verbindens und Trennens im Osten im Gewahrwerden. Dieses wechselt zwischen Beobachtung und Erinnerung, Zeit und Raum, Endlichkeit und Unendlichkeit im Sekundenrhythmus. Aus diesem Wechselspiel entstehen die acht mathematischen Dimensionen des Bewußtseins, vier zeitliche und vier räumliche, die durch fünf Zahlenarten vereint werden.

D i m e n s i o n s k r e i s

  • Die nullte Dimension der Zeit ist der Augenblick des Gewahrwerdens als Träger des Bewußtseins. Zahlenmäßig enthält er die natürlichen Zahlen, deren Anschauung keiner Ausdehnung bedarf und die durch Zählen entstehen: die neun Ziffern und die Null. Sie bilden die Grundlage aller unterscheidbaren Qualität.
  • Die erste Raumdimension ist die Gerade, die unendlich viele Punkte enthält.
  • Die erste Zeitdimension ist die Bahn, die ein wandernder Moment als Weg erzeugt.

Der Vorgang der Schaffung der Geraden im Bewußtsein ist die Rechnungsart der Addition. Sie bildet die Grundlage des Empfindens: alle Sinnesdaten bestehen zwischen zwei Schwellen, jenseits derer sie nicht mehr wahrzunehmen sind, und ihre Qualitäten lassen sich additiv erzeugen.

Subtraktion ist die mathematische Grundlage des Geistes, der in allen Traditionen als Weg ins Ungewisse beschrieben wird und durch Fragen, durch Ausgehen von einem Nichts anhebt. Die Zahlenart heißt Ganze Zahlen, die dadurch gekennzeichnet sind, daß bei ihnen Einheit und Schritt identisch sind. Sie verlangen zu ihrer Bestimmung zwei Punkte.

  • Die zweite Zeitdimension ist der Umlauf: eine Bahn kreist um ihre Mitte. Ihm entspricht die Seele; zwei Wesen miteinander erzeugen nicht eine Summe, sondern ein Vielfaches ihrer Potenz. Die Rechnungsart ist Multiplikation.
  • Die zweite Raumdimension ist die Fläche, die eine unendliche Anzahl von Linien enthält. Sie ist die Ebene des Denkens, der Gleichung, die zu ihrer Bestimmung drei Punkte verlangt; nur wenn ein Zusammenhang nach seinen Elementen bestimmt wird, ist das Urteil richtig. Daher heißen die Zahlen der Fläche und des Umlaufs in Division und Multiplikation rationale, also vernünftige Zahlen; nur sie sind dem denkerischen Verstehen, dessen Urbild die Division ist, und der seelischen Strategie zugänglich.

Eine Gleichung hat immer drei Glieder: 12 : 4 = 3, 3 × 4 = 12. Hier haben wir den Grund, warum alle Philosophie notwendig in Projektion auf eine Fläche veranschaulicht werden muß. Sowohl die erste als auch die dritte Dimension sind irrational; sie sind nicht zu begreifen, sondern nur zu beschreiben. In unserer Darstellung sind sie außerhalb des farbigen Rades im schwarzen Viereck.

Die Konstruktion des Rades ist banal gesprochen nichts als eine Darstellung sämtlicher Beziehungen der Geometrie der Fläche, die jeder Mensch als Schema des Denkens in sich trägt und die deshalb durch Anamnese wiedererweckt werden kann.

Die Zahlen der Linie, die ganzen Zahlen, lassen sich auf der Geraden im Rad ablesen, von 0 bis +10 und — 10; die Ergebnisse der Multiplikation sind außerhalb des Kreises, die der Division im Kreis. Das untere Feld zeigt die Brüche als Ergebnis der Division, das obere die Produkte der Multiplikation. Diese Figur wurde von Pythagoras geschaffen und heißt das Chi; der obere Teil heißt Gamma, der untere Lambdoma. Die Bedeutung des Letzteren hat Hans Kayser in seinen Schriften dargestellt.

  • Die dritte Dimension ist nur in Projektion auf die Fläche verständlich.

Eine unendliche Anzahl von Flächen wird räumlich durch den Würfel umfaßt. Sein arithmetisches Gesetz ist die Proportion: 1 : 2 = 2 : 4. Dies ist die Welt des analogen Fühlens, das der rechten Gehirnhemisphäre zugehört: eine Kuh verhält sich zum Kalb wie der Apfelbaum zum Apfel. Ein Gedanke führt zum Wissen, ein Fühlen zu einem Verhalten; daher ist die analoge Methodik die Grundlage der Pädagogik.

  • Die dritte und letzte Zeitdimension erzeugt die Körper: das Atom folgt in seinem Aufbau den Funktionen der Reihen im Multiplikationsfeld, die durch eine Diagonale mit dem Nullpunkt als Ausgangsort rückverbunden werden. Um eine Mitte kreisen die Elektronen in Schalen im Abstand der mittleren Diagonale, die auch das Gesetz der Schwerkraft kennzeichnet: 1 · 4 · 9 · 16 · 25 · 36 · 49. Kein Atom hat mehr als sieben Schalen, weil alle mit einer siebten Schale radioaktiv sind und zerfallen. Die zweite Diagonale 2 · 8 · 18 · 32 bestimmt die Ladungskapazität der Schalen und Bahnen an Elektronen. Dieses Wissen hatte Pythagoras nur aus dem Rad; die experimentelle Verifizierung ist erst in diesem Jahrhundert möglich geworden.
  • Die vierte Dimension des Raumes bestimmt die Wesen mit einer Mitte, die durch die acht Richtungen des Hyperkubus mit anderen in Beziehung treten kann.

Die Gerade steht senkrecht zum Punkt, die Fläche zur Geraden, der Würfel zur Fläche. Doch das elektromagnetische Kontinuum, das in seinen transversalen Schwingungen das All erfüllt und durch die Massen geschnitten wird, besteht aus Beziehungen von Mitte zu Mitte; der Mittelpunkt des Hyperkubus ist im rechten Winkel zu dessen acht Ecken. Daher ist die energetische Aufnahmefähigkeit jedweden Wesens vom Atom über den Menschen bis zu den Geistern und Göttern durch die Zahl acht begrenzt.

Um die Schwingungen zur Darstellung zu bringen, bedürfen wir der Figur des Rades, die mathematisch den Zahlenarten entspringt. Die Zahlenart die vierten Dimension heißt komplexe Zahlen. Sie bestimmen die Resonanz zwischen Körpern und sind nicht mehr mathematisch, sondern qualitativ als Töne und Farben zu begreifen. Damit verlassen wir die Darstellung der nullten Dimension, der Funktionen und Bereiche, die den Menschen räumlich mit dem All verbinden, und kommen zu den Gesetzen der Wirklichkeit.

  • 0 · das Gewahrwerden schafft die Form des Bewußtseins. Das Gewahrwerden vereint sich im Vorderhirn mit dem Wollen, wie wir es im zweiten Kapitel dargestellt haben. Wenn die Mächte hinter den Richtungen des Raumes nicht angesprochen werden, können sie dem Menschen nicht helfen. So verlangt das Gewahrwerden einen Glauben, nur wenn das Göttliche in allen Aspekten gewollt wird und der Mensch seine Mitte konstituiert, kann er die Kraft des Jenseits aufnehmen, die die Indianer als Nagual im Unterschied zum Tonal bestimmen.

Auch die Physik hat die Wirklichkeit des Nagual erwiesen; alle beobachtbare Energie ist entropisch und entstammt dem Verfall. Doch gibt es negentropische Energie, durch deren subjektives Aufnehmen ein Wesen eine höhere Integrationsebene erreicht. Jedes Wesen ist dem Tonal zu ein Ich, dem Nagual zu Teil eines höheren Ganzen, zuerst seiner Gattung.

Das Mehrwerden auf der senkrechten Achse, die den Ostpunkt des Rades bestimmt, ist negentropisch und der Schlüssel zum Sinn der menschlichen Existenz. Während die Tiere ihren vorgegebenen Platz zwischen All und Welt haben, ihre Ökonische, ist die menschliche Struktur in dauerndem Mehrwerden begriffen. Das Großhirn ist praktisch unendlichen Lernens fähig, und wer nicht mehr lernt, stirbt einen geistigen Tod. Die acht geometrischen Dimensionen, die acht Rechnungsarten und die fünf Zahlenarten bilden wie gesagt die formale Struktur des Gewahrwerdens. Bereits von Pythagoras entdeckt, sind sie die Klaviatur der Mathematik, die keine Wissenschaft im eigentlichen Sinne ist, sondern das Urspiel des Kosmos; eine Kombinatorik möglicher Verbindungen freier Monade, deren Verhalten nicht vorbestimmt ist. Die Mathematik bedarf keiner empirischen Verifikation, sie ist in sich selbst evident.

Die Aufmerksamkeit als Voraussetzung des Gewahrwerdens ist inhaltsleer, das Subjekt ist nullhaft. Die große Null ist die Mitte des Rades als Allverbundenheit, das Ziel der mystischen Erfahrung. Die kleine Null des menschlichen Bewußtseins befindet sich im Osten an der Nahtstelle des Rades, wo Divisionsfeld und Multiplikationsfeld zusammentreffen und das Empfinden unsere Wirklichkeit zugänglich macht.

Wer die Mathematik kennt, kann sich überall im All zurechtfinden, auch wenn die Materieformen andere sind.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD