Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

4. Das Rad

Inbegriffe

Die Bereiche erfassen das Bleibende im Wandel, sie sind raumhaft; die Funktionen den Wandel des Bestehenden, sie sind zeithaft. Eine Funktion kann nun nicht ohne Bereich raumzeitlich wirken: wenn man denkt, so entweder im Bereich des Körpers, der Geräte und Maschinen; im Bereich der Seele, von Recht und Sitte; oder im Bereich des Geistes, von Sprache und Mathematik. Daher bilden sich zwölf Inbegriffe, deren Reihenfolge linksläufig durch die Funktionen, im Uhrzeigersinn durch die Bereiche bestimmt wird.

T i e r k r e i s

I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
Seele
Körper
Geist
Seele
Körper
Geist
- wollen
- empfinden
- denken
- fühlen
- wollen
- empfinden
: Politik
: Kunst
: Wissenschaft
: Heim
: Erziehung
: Wirtschaft
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
Seele
Körper
Geist
Seele
Körper
Geist
- denken
- fühlen
- wollen
- empfinden
- denken
- fühlen
: Recht
: Kampf
: Religion
: Staat
: Technik
: Heilkunst

Persönlich bestimmen die zwölf Inbegriffe den Rahmen der Entfaltung des Bewußtseins, wobei die Wesenstruktur des Einzelnen sich als Kombination der Komponenten aller vier Gebiete des Rades darstellt (ausgeführt im Denkspiel von Wilhelmine Keyserling). Doch der Schwerpunkt des Gemüts liegt im Geist, in der Vorstellung. Daher ist die menschliche Umwelt als Feld der Verwirklichung nicht persönlich, sondern gattungsmäßig zu verstehen. Erst durch Einverleibung in einen der Begriffe kann eine Handlung rationalisiert werden, wobei kollektive und persönliche Aspekte ineinandergreifen.

  1. Seele-wollen: Politik
    Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen; aber er kann nur dann in der Gemeinschaft existieren, wenn sein Sosein, sein Ich anerkannt wird. Die Seele bedeutet seine Person, das Wollen die Möglichkeit der Entscheidung, die nur in Freiheit geschehen kann. Daher ist Politik im ursprünglichen Sinne auf Befreiung des Menschen gerichtet, auf daß er Entscheidungen fällen könne:
    • Freiheit von äußerem Zwang;
    • Freiheit der Verwirklichung,
    • und schließlich Freiheit als Übereinstimmung mit dem eigenen Wesen, die Ermöglichung der Kontinuität des Handelns.
  2. Körper-empfinden: Kunst
    Die Entscheidung richtet sich auf die Welt der Dinge. Diese gilt es so zu verwandeln, daß sie dem Menschen zugehörig erscheinen; daß sie Schönheit erreichen, zur Kunst werden. Alle Erzeugung strebt nach Kunst, nach vollendeter Gestaltung. Dennoch ist diese auch ein Bereich für sich allein: nur die zur Kunst erhobenen Dinge haben den gleichen Grad der Intensität wie die Gestaltungen der Natur.
  3. Geist-denken: Wissenschaft
    Was Kunst und Dingwelt unterscheidet, ist der Charakter der inneren Einheit, der intensive Zusammenhang. Dieser kann auch losgelöst von den Erscheinungen, abstrakt betrachtet werden, und damit kommen wir in die Welt der Gesetze, Abstraktionen, von Zahl und Sprache — Sprache als Erkenntnis des Innenbaus der Wirklichkeit. Jede Wissenschaft bedeutet insofern eine eigene Sprache, als sie den Innenbau, die Elemente und Gesetze eines Weltausschnittes betrachtet, Ziel der Wissenschaft ist die Wahrheit, ihr Weg das Forschen in Zusammenhang mit dem Lernen.
  4. Seele-fühlen: Heim
    Das Gebiet des Heimes mit allem, was zur Ernährung und Pflege des intimen Lebens dient, schließt die Landwirtschaft ein, die Erzeugung von Nahrungsmitteln, das Wohnen, die Sorge für Familie und Nachkommen. Seele-fühlen bedeutet Zusammenhang in der Seele; die Sehnsucht beisammen zu sein, was nur in der Abgeschlossenheit der Intimität heimlich möglich ist. Doch der Zusammenhang geht über die Menschen hinaus: er verlangt die Kommunion mit dem gesamten Leben, der Natur.
  5. Körper-wollen: Erziehung
    Dies ist nicht der Bereich der schulischen Pädagogik, soweit sie auf das konkrete wissenschaftliche Lernen gerichtet ist, sondern bedeutet die Pflege des Körpers zur Befreiung des Wollens mit dem Ziel der Meisterung oder Meisterschaft, welche die Mühe zum Spiel werden läßt. Der Lernende steht geistig in einer unendlichen Richtung des Denkens — nie wird die Wissenschaft an ein Ende kommen. Doch einmal muß jeder Mensch sein Wesen gefunden und die Meisterschaft über seine Tätigkeiten erreicht haben, damit er fortan imstande ist, diese auszuüben und seinen Platz in der Welt zu finden. Die Basis bildet der körperliche Bereich, weil er den Schlüssel der Erbanlagen enthält, die zu meistern sind. Das gleiche Gebiet umfaßt das Verhältnis zu den Kindern im Sinne ihrer Befreiung aus falscher Identifikation, falscher Ichhaftigkeit. So gehören zu diesem Gebiet alle Übungen des Yoga, des Zen, der Meditation, welche allesamt nicht Wissen vermitteln, sondern die subjektive Wahrheit (im Unterschied zur objektiven Wahrheit der Wissenschaft) enthüllen, also die Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit suchen, um dem Menschen zur vollen Strahlkraft seines Wesens zu verhelfen — die kosmologische Entsprechung im Rad ist die Sonne als Ursprung allen Lebens.
  6. Geist-empfinden: Wirtschaft
    Ist die Meisterschaft erreicht, so gilt es, das eigene Wesen im Austausch zu bewähren, seine Nützlichkeit, Tauglichkeit, Tüchtigkeit in der Leistung zu erweisen. Dies ist das Gebiet der Wirtschaft und Arbeit, der Verwandlung von Rohmaterial in Werte, welche über das Geld vergleichbar mit anderen Werten werden und sich umsetzen lassen. Über die Wirtschaft gerät die Welt der Dinge in Fluß, wird der Vorstellung (Geist) untergeordnet und damit vermenschlicht. Gleichzeitig liegt hier eine Gefahr des Mißbrauches, daß der Mensch sich selbst dem Prinzip der Ökonomie unterordnet und damit der Natur entfremdet, deren Prinzip die Fülle ist: nie darf das Wesen in seiner Freude — Schwerpunkt des fünften Inbegriffs — im Austausch der Dinge vergessen werden.
  7. Seele-denken: Recht
    Voraussetzung des wirtschaftlichen Austauschs ist die Rechtsordnung, die die Verantwortlichkeit der Personen für ihre Handlungen statuiert. Seele bedeutet personalen Zusammenhang, Denken die Beziehung: das Recht und die Sitte, die Moral, erfaßt jene Verhaltensweisen, die so ausgerichtet sind, daß sie nicht den Menschen falschen Subjekten unterordnen, sondern wirklich seine Person — Schwerpunkt des Gegenzeichens Seele-wollen — befreien.

    Denken als zweite Dimension bestimmt ebenso wie Seele die Mitte des Kreises; daher die Gefahr, die Person, das gedankengeborene Ich, zum Wesenskern zu erheben, sich damit zu identifizieren. Die Identifikation mit der Person als Rolle bzw. Maske — was dieser Begriff ursprünglich auf lateinisch heißt — ist notwendig, bis die entsprechende Funktion in der Gesellschaft im Sinne der Meisterschaft des V. Hauses verwirklicht wurde. Nie aber kann das seelische Denken — außer im sprachlich-gesellschaftlichen Verkehr — das wahre Ich ersetzen; der Mensch als Familienvater, als Richter, Staatsmann, als Arzt spricht in jener Rolle, welche die Gemeinschaft verlangt. Diese Rolle ist nicht minder Werkzeug — für den Richter zum Finden der Verantwortung und Schuld, für den Arzt zur Heilung des Kranken — als eine künstlerische oder technische Fertigkeit. Ideal des Rechts ist die Gerechtigkeit, welche dann verwirklicht wäre, wenn die Sittenordnung und die Rechtsordnung die Freiheit und Entscheidung jedes einzelnen ermöglichte.

  8. Körper-fühlen: Kampf
    Die Wünsche verlangen nach Verwirklichung: im Seele-fühlen nach Zusammenhalt und Wohlstand der Familie im Heim, im Körper-fühlen nach Sicherstellung der trieblichen Notwendigkeiten, zu denen im Tierreich selbst der Einsatz des Lebens gehört, jagen und gejagtwerden, sexueller Wettkampf bilden die Grundlage der Selektion der Gattung. Auch beim Menschen ist Körper-fühlen nicht persönlich zu verstehen — Wirtschaft, Geist-empfinden sorgt für das Auskommen im Zusammenhang mit dem Beruf — sondern auf das Wohl der Gemeinschaft, der Gattung abgestimmt. Wer den Kampf für persönliche Ziele einsetzt, ist ein Verbrecher. Aber Verbrecher existieren, auch die Rechtsordnung selbst mag Ungerechtigkeit verkörpern, wenn sie nicht mehr der sozialen Wirklichkeit angepaßt ist. Ferner ergeben sich aus der Natur ebenso wie aus den menschlichen Lebensbedingungen immer wieder Gefahren, deren Bewältigung Mut und Tapferkeit verlangen, dank welchen der Mensch am leichtesten die Verhaftung an falsche Persönlichkeit verliert und in der Aufopferung seiner Person den Zugang zu seinem Wesenskern findet, der jenseits des physischen Todes im Unerschöpflichen verankert ist.
  9. Geist-wollen: Religion
    Geist strebt nach Integration: Geist-denken nach Wissenschaft, der Abstraktion von Gesetzen und Zahlenverhältnissen; Geist-empfinden nach ökonomischer Übersicht der Dingwelt zum richtigen Einsatz der Mittel; Geist-wollen hingegen nach Bildung, nach Formung des Geistes, bis dieser über das Wissen hinaus in der Inspiration am kosmischen Geist teilnimmt, von ihm ergriffen wird, wie er sich in Religion, Mythos, Dichtung einerseits, aber auch in der tatsächlichen Bildung durch Reisen, Literatur, die Erkenntnis der Vielfalt der Einzelheiten, vor allem in der Geschichte verwirklicht.

    Der Wissenschaftler sucht durch das Einzelne das Allgemeine: der Religiöse vernimmt den Anruf der Inspiration. Erst die Geschichte schafft wahre Verantwortung, denn das eigene Ziel wird nur dann Teil der menschlichen Wirklichkeit, wenn es sich in die Kontinuität einordnen läßt.

  10. Seele-empfinden: Staat
    Im Gegensatz zur Familie, in der jeder gleich behandelt, mit gleicher Liebe umgeben wird, steht der Staat mit der Berufsordnung, die das seelische Verhältnis der Menschen zueinander nach dem Grad ihrer Tüchtigkeit in der Öffentlichkeit abmißt und gliedert. Hier wird die Bildung zur Aktion: nicht der Theoretiker, sondern der Praktiker allein kann die öffentlichen Belange lenken, indem er die scheinbar unwägbaren seelischen Umstände (Imponderabilien) zum Ausgangspunkt seines Wirkens macht. Die Leistung ist hier nicht so entscheidend wie die Bewährung: die Hierarchie, das Verhältnis der Menschen zueinander im Rahmen der seelischen Urbeziehungen bildet die Voraussetzung dafür, daß die beruflichen Notwendigkeiten aufeinander abgestimmt sind. Alles Seelische — das in einem gegebenen Rahmen die personalen Zentren bestimmt — kann nur bestehen, wenn die Ordnung nicht in Frage gestellt wird: das Recht auf persönliche Freiheit im Sinne der Politik; der Zusammenhalt der Familie unter Einschluß der Notwendigkeit, Veränderungen ihrer Struktur durch Feste (Heirat, Begräbnis etc.) bewußt einzubeziehen; die geltende Rechtsordnung, und schließlich die gegebene staatliche Hierarchie. Das heißt nicht, daß diese Ordnung unter allen Umständen aufrecht erhalten werden muß: entspricht sie nicht mehr der sozialen Wirklichkeit, so kann nur eine vom achten Gebiet ausgehende Revolution eine bessere Ordnung schaffen, welche aber nicht weniger eingreifend ist wie ein Todesfall oder eine Heirat im Familienbereich, die Ablösung einer gegebenen Rechts-Besitzordnung durch eine andere, oder der Sieg einer neuen politischen Partei.
  11. Körper-denken: Technik
    Die Technik ist das eigentliche Medium der menschlichen Existenz. Sie bedeutet Verkörperung der Gedanken, und zwar aller gefaßten Gedanken der vorhergehenden zehn Inbegriffe im Werk, um den persönlichen Sinn — die Verkörperung — anderen nutzbar zu machen und ihnen damit in höherem Maße zu ermöglichen, für die Verwirklichung ihres Bewußtseins zu leben. Auch der Staatsmann legt sein Wissen in einer bestmöglichen Verfassung nieder. Aber den Schwerpunkt dieses Inbegriffs bildet die Verwandlung der Materie und der Natur in menschliche Umwelt, welche Verwandlung die biologische Rolle des Menschen auf der Erde im Sinne der natürlichen Evolution zu sein scheint, denn in ihm wird das vorher labile Gleichgewicht zum bewußten Anliegen, die Natur sollte in der Kultur ihre Vollendung finden.
  12. Geist-fühlen: Heilkunst
    Aber das Werk auf der Erde ist persönlich nicht das letzte Ziel; das Fühlen, Wunsch und Sehnsucht, getragen aus dem Inbild der höchsten Möglichkeit strebt nach Vollendung im Sinne geistiger Liebe, der Rückbindung an die Urkraft und das Unerschöpfliche, das den Menschen aus allen Verhaftungen löst, welche sich körperlich, seelisch und geistig als Krankheiten darstellen. Wie der Arzt ist auch der Priester Helfer für den einzelnen, seine falschen Identifikationen abzubauen und damit den Kreis des Lebens zu schließen, zurückzuverbinden zum Ursprung, um nach Aufhören der physischen Existenz eine andere, weitere Verwirklichung im Kosmos zu finden.

Die zwölf Inbegriffe in all ihren Bedeutungen bilden den Rahmen der menschlichen Zivilisation, aus dem alles Sprechen und Handeln ansetzt; nichts kann bewußt werden, was nicht über eines der Gebiete begreiflich wurde. Diese Tatsache, undeutlich gespürt, war der Seinsgrund der Reiche im Unterschied zu den Staaten als Interessengemeinschaften; denn wenn nicht alle zwölf Gebiete raumzeitlich aufeinander abgestimmt sind, bilden sich falsche Zentren in Entsprechung zu falschen psychischen Identifikationen (Komplexen), die eine persönliche Erfüllung in der Öffentlichkeit unmöglich machen.

Zwischen den Inbegriffen ergeben sich ganz bestimmte Beziehungen:

Im Gegensatz stehen:

Person / Politik
Kunst / Reichtum
Wissenschaft / Information
Heim / Familie
Meisterung / Erziehung
Arbeit / Wirtschaft






Gemeinschaft / Recht
Kampf / Zerstörung
Bildung / Religion
Staat / Beruf
Werk / Technik
Heilkunst / Erfüllung

Im ergänzenden Dreieck befinden sich:

vom Denken aus:
vom Fühlen aus:
vom Empfinden aus:
vom Wollen aus:
Wissenschaft
Heim
Kunst
Politik
Recht
Kampf
Wirtschaf
Erziehung
Technik
Heilung
Staat
Religion

Jeder Mensch ist für sich der ganze Kreis, im Verhältnis zu anderen jedoch tritt er jeweils über eines der Gebiete in Beziehung: als Familienvater (IV), Arzt (XII), Kämpfer (VIII), Künstler (II), Führer (I), Forscher (III), Dichter und Künder (IX), Beamter (X), Unterhändler (VII), Techniker (XI), Kaufmann (VI), Erzieher oder Darsteller (V). Andere erleben ihn gleichsam als Ton — mit dem Schwerpunkt auf der Person (personare = durchklingen), grammatikalisch dem handelnden Subjekt — er sieht sich als Feld, muß sich als solches erkennen; denn nur aus der Gesamtheit der Inbegriffe kann er die Mitte des Kreises, das wahre Bewußtsein erreichen.

Diese Mitte ist verankert im Unerschöpflichen, sie ist jenseits aller Person — die Nabe des Rades, welche im Strudel der Ereignisse ruht. Diese Nabe wird dann und nur dann zum Träger, wenn das Rad selbst in all seinen Aspekten zum Werkzeug wird — wenn der Mensch sowohl sich selbst, seine Anlage, als auch die äußere Wirklichkeit der Erde und des Kosmos als Weltalphabet, als Klaviatur seines Denkens versteht.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD