Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

4. Das Rad

Die mikrokosmische Entsprechung der Chakras

Die mikrokosmische Entsprechung der Chakras wird durch die Rolle der Elemente im Organismus in ihrer alchemischen Struktur veranschaulicht.
Die Qualität eines Elements beruht auf der Struktur des Kerns, der sich nach Füllung mit Elektronen sehnt; seine Motivation ist also durch die Gruppe der Edelgase vorgegeben. Die Verbindung Wasser zum Beispiel als H₂O hat die Zahl 10, die gleiche wie das Edelgas Neon und ist damit gesättigt. Eine Ergänzung gibt es nur zwischen den Gruppen 9 und 0, der Kohlenstoffgruppe und den Edelgasen; die Kohlenstoffgruppe als Baustein allen Lebens ist dynamisch, kann Ringe bilden, und die Edelgase sind keiner Verbindung fähig; sie geben alle Energie, die sie aufnehmen, als Strahlung weiter.
Im mikrokosmischen Bereich bestimmt die Zahl des Kernes die Qualität, im makrokosmischen die Sonne, um die die Planeten kreisen, und im Menschen ist der Kern seines Wesens auf die Erdmitte bezogen; sie ist daher der Ursprung seiner Motivation.

  1. Muladhara: Das Empfinden entspricht dem mikrokosmischen Bereich der ersten Schale die zwei Elemente enthält, Wasserstoff und Helium. Ihre Vereinigung bedeutet die stärkste Energie der Welt, die Fusion, welche die Sonne kennzeichnet, die dauernd Wasserstoff in Helium verwandelt und damit das Leben auf der Erde ermöglicht. Der Planet Merkur schafft den Zugang zum Feuer, ist als Seelenführer in allen Welten zu Hause und Urgrund der hermetischen Kunst, der Alchemie. Das Feuer ist Träger des Lichtleibes, unsterblich, nicht an die Wechselfälle des Körpers gebunden. Die Sinne assimilieren Energie der longitudinalen und transversalen Schwingung und die Wahrnehmung erfolgt nicht im Körper, sondern im Lichtleib des Menschen. So hat der gestaltende Mensch, der im Großen Werk tätig ist, Teil an der Großen Energie, die aber den meisten nur in Ausnahmesituationen, gleichsam als zweiter Atem verfügbar wird.
    Empfinden ist lichtbezogen, kann über das Auge ein einziges Photon assimilieren, das Quantum der kleinsten Energieeinheit. So bedeutet echtes Wachen immer kosmisches Bewußtsein und wird durch das Gestalten in der Bewegung verwirklicht.

    7
    6
    5
    4
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    2
    1
    0
    Geist
    Seele
    Körper
    wollen
    fühlen
    denken
    empfinden
    Gewahrsein
    Großhirn
    limbisches System
    Stammhirn
    Kreislauf
    Stoffwechsel
    Atmung
    Bewegung
    Genom
    Imagination
    Beziehungen
    Körperbild
    Kraft, Wahl
    Triebe
    Worte
    Sinne
    Aufmerksamkeit
    Elementale
    Ahnen
    Menschen
    Tiere
    Pflanzen
    Minerale
    Feuer
    Gott

  2. Swaddhistana: Das Denken entspricht im mikrokosmischen Bereich der zweiten Schale, dem Achterring mit dem Schwerpunkt im Element Kohlenstoff, der Fähigkeit des organischen Verbindens, die neuronisch der Reflexbildung zugrundeliegt. Der meiste Sauerstoff des Körpers wird durch die Denkfähigkeit des Gehirns verbraucht.
    Der Achterring — 0, 1, 2, 3, 4, −4, −3, −2, −1, 0 — ist das Urbild der Mathematik. Gleichzeitig bedeutet das Denken nagualisch jene Fähigkeit, die der Materie zugewandt ist; die Kristalle wachsen wie erinnerlich nach geometrischen Kraftlinien und die Technik ist der Schwerpunkt der menschlichen Zivilisation als verkörpertes Denken.
    Über die Venus wird makrokosmisch die Form zu Führung und Verführung, Morgenstern und Abendstern
    Im Leib ist das Swaddhistana-Chakra die Bewegungsmitte, aus der allein der gesamte Körper über die artikulierte Vorstellung zu lenken ist. Wer nicht seinen Vorstellungsleib als kinästhetischen Körper bewußt besitzt, dessen Bewegungen sind aus bedingten Reflexen getragen und daher mechanisch
    Seit altersher gilt Venus als die Göttin der Schönheit und der Anmut. Eine vollendete Gestalt erweckt die Sehnsucht, ihr zu gleichen oder sie zu besitzen, zum eigenen Leib rechnen zu können
    Sauerstoff ist die erste verfügbare Energie, die Feuer entstehen läßt. Ferner ist der größte Teil der Erdmasse gebundener Sauerstoff.
  3. Manipura: Das Fühlen entspricht im mikrokosmischen Bereich der dritten Schale, deren Schwerpunkt das Element Magnesium ist, Grundlage des grünen Chlorophylls, dank dessen die Pflanzen die Sonnenenergie assimilieren und damit ihre Masse aufbauen. Desgleichen ist das Fühlen immer wachstumsorientiert, schafft über den Mond als Trabanten der Erde im makrokosmischen Bereich die Phantasie, die das eigene Wachstum ermöglicht.
    Der Mensch als Pflanze muß Unschuld und Vertrauen haben, um wachsen zu können. Alles, was dem Wachstum dient, wird als Lust und als gut, alles was ihm entgegensteht als Schmerz und als böse erlebt. So schafft das Fühlen eine Richtung, die entschieden werden muß. Wer sich gegen das Leben entscheidet, der folgt dem Todestrieb, der dem Körper inhärent ist.
    In den meisten Sprachen ist der Mond in Beziehung mit Gemütskrankheiten, die den Launen — eine Bezeichnung für den Mond — entspringen (lunatic, mal luné).
  4. Anahata: Das Wollen entspringt mikrokosmisch der vierten Schale, wo die drei Elemente der Eisengruppe auftauchen, die magnetisch sind und aus der alle Werkzeuge geschaffen wurden — die aber als potentielle Energie im dritten Bereich lokalisiert werden.
    Eisen ist der Schwerpunkt des Tieres und wurde daher auch mit dem Planeten Mars in Beziehung gesetzt. Wie die Pflanzen im Magnesium ihre Energie aus dem Chlorophyll schöpfen, so wahren die Tiere Energie im Blut, dessen Hämoglobin dem Chlorophyll gleicht, das aber statt des Magnesiumkerns einen Eisenkern aufweist.
    Das Wollen gibt die Kraft der Wahl, des Entscheidens und Entschließens. Es bildet den Schwerpunkt des Menschentiers und drängt ihn dazu, seine Ökonische in der sprachlichen Welt zu finden.
    Nur über das Werkzeug hat das Menschentier an der Gestaltung des Werkes teil; auch die Sprache ist in ihren Begriffen letztlich ein Werkzeug, da Worte zu beliebigem Gebrauch eingesetzt werden können.
  5. Vishuddha: Der Körper hat mikrokosmisch seine Entsprechung im Silber der fünften Schale, jenem Element, das weder fusioniert noch fissioniert und dessen Zahl dem Genom entspricht. Der Körper ist nicht als Fleisch bewußt, sondern als Bild. Die Vollendung des Körpers zur Sonnenhaftigkeit, symbolisiert im Gold, geschieht über die Entfaltung des kinästhetischen Leibes und der Durchdringung aller Chakras. Die christliche Auferstehung des Leibes bedeutet Vollendung der Individualität, um — in Gurdjieffs Worten — ein kosmisches Individuum zu werden.
    Nach der indianischen Überlieferung entspricht dem Menschen der zerstörte Großplanet Luzifer zwischen Mars und Jupiter; zu jedem Menschen gehöre ein Planetoid dieses Gürtels. So wäre die körperliche Aufgabe, die durch Aktivierung des Stammhirnes möglich wird, die Überwindung des Egoismus und Ichbildes, um sich bereits auf der Erde als Teil des Menschen im All zu erleben.
  6. Ajna: Die Seele hat mikrokosmisch ihre Entsprechung in den seltenen Erden, jenen Elementen, die gleich dem Kohlenstoff der Verbindung mit der eigenen Gruppe fähig sind, nach außen zu alle dreiwertig sind und zur Aluminium — Jupiter — Gruppe gehören, aber die Vierzehnerbahn der vierten Schale ausfüllen. Tonalisch ist der Mond das Symbol, vor dessen Licht als Vollmond wir nach dem Tode bestehen müssen. Die Seele erlebt ihr Ich in der sechsfältigen Urfamilie. Doch diese muß auf die Welt der Toten und der Geister, der Ahnen erweitert werden. Daher heißt es in der Bhagavad Gita, die Erlösung sei im Weg des zunehmenden Mondes. Gleichzeitig bedeutet volle seelische Entfaltung die Harmonisierung der vierzehn Meridiane der Akupunktur; wo einer gestört ist, ist Siechtum die Folge. Stehen vielleicht die vierzehn christlichen Nothelfer mit diesem Impuls in Zusammenhang?
  7. Sahasrara: Das entscheidende Element des Geistes in Entsprechung zur siebten mikrokosmischen Schale ist das Uran 92 U 144, die Vollendung von Tongesetz und Lichtgesetz, das in seinem Zerfall alle anderen Elemente bis auf das Silber hervorbringt. Im limbischen System der Seele ist der Mensch auf Entwicklung im Sinne der Gattung eingestellt; Lust ist das, was der Gattung nützt, Schmerz was ihr schadet. Im Geist erlebt der Mensch seine Teilhabe am All, indem er bewußt stirbt, alle Elemente der Erde aus sich hervorbringt. Die prospektive Tendenz des großen Traums zeigt den Weg zum richtigen Sterben. Es ist vielleicht von symbolischer Bedeutung, daß die Erde heute tatsächlich in Gefahr ist, durch das Uran zerstört zu werden, wenn nicht der Zugang zur Fusionsenergie der Sonne gefunden wird.

Die sieben Schalen bestimmen die innerkörperliche Energieentfaltung des Lichtleibes. Doch gibt es noch drei weitere Einstimmungen, die in Entsprechung zur achten, neunten und nullten Gruppe stehen und die Beziehung zum Kosmos oder besser die Teilhabe am All konstituieren.

  • Die achte Eisengruppe ist der Zugang zur elektromagnetischen Kraft, die den Menschen als Schwingungsfeld umgibt, wie der Van-Allen Gürtel die Erde, um die gefährlichen kosmischen Strahlen abzuhalten. Dieses elektrische Feld des Körpers ist durch die Kirlian Photographie sichtbar gemacht worden, und zeigt das Verhältnis des Menschen zum All. Es ist für die Gesundheit verantwortlich, die nur dann erreicht wird, wenn der Mensch in ewigem Streben nach Mehrwerden beharrt, und sich ebenso um seine eigenen Bedürfnisse kümmert wie um die der anderen. Hier ist der Ursprung des Achterkreises und des Erdheiligtums.
  • Die neunte Gruppe der vierzehn seltenen Erden, die Isolation schaffen, sodaß der Mensch in verschiedenen Stufen der Integration auf andere zu wirken vermag, gibt die Möglichkeit, auch anderen zur Entfaltung ihrer Chakras zu verhelfen und ihren Willen zu stärken. Nach indianischer Tradition ist ihr Schwerpunkt etwas unter den Füßen in der Erde. Hier läßt sich der Mensch energetisch von anderen führen, oder wird von ihnen geführt.
  • Die zehnte und nullte Gruppe entspricht den Edelgasen, welche — im Achterkreis vollendet — nur Durchgangsort der kosmischen Energie sind. Dieses höhere Selbst ist über dem Kopf gelegen und wurde in der christlichen Tradition als Heiligenschein dargestellt oder als Krone symbolisiert.

Planetarisch entspricht das Entfaltungsfeld dem Uranus, das soziale Feld dem Neptun und das höhere Selbst dem Pluto als Weg zur Sonne. Nur der Schamane hatte früher diese drei Felder entwickelt.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD