Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

Einführung

Weltviertelerhalter

Die Rückkehr zum Paradies nach der Vertreibung Adams wird durch vier Erzengel verstellt, die es zu überwinden gilt, um zum Baum des Lebens der Unsterblichkeit durchzustoßen. Ihre hebräischen Namen zeigen die Bedeutung ihrer Rolle:

  • Uriel im Südosten mit dem Symbol des Menschen heißt Licht Gottes. Der Durchbruch zur persönlichen Erleuchtung ist die erste Schwelle im Wassermann, die aber bei den drei Religionen in Vergessenheit geriet und nur in der Mystik lebendig blieb.
  • Michael im Südwesten, im Adler und Skorpion, bedeutet die Frage Wer ist Gott und Wer ist wie Gott. Wer seine Wesensgleichheit mit Gott erkennt, kann dieses Tor als Kämpfer durchschreiten.
  • Raphael im Nordwesten mit dem Symbol des Löwen, der Ruhe in der Kraft, heißt Gott heilt: wer zum Durchgangstor der heilenden Kraft im Leben wird, hat die Vereinzelung durchbrochen.
  • Gabriel im Nordosten mit dem Symbol des Stiers heißt Wort Gottes: wer wie der Prophet Mohammed jede Inspiration bis auf ihren göttlichen Ursprung zurückverfolgt, bleibt nicht im menschlichen Sprechen befangen und wird der Offenbarung teilhaftig.

Die Unterdrückung von Uriel und die Betonung von Gabriel als dem göttlichen Wort in den Buchreligionen hat die Bedeutung dieser vier Wesenheiten — Gurdjieff nannte sie Weltviertelerhalter — vernachlässigt; denn sie sind nicht nur Erzengel, sondern lebendige Mächte, die den Zusammenhang des Kosmos gewährleisten. Ihre Bedeutung wird durch Rückbesinnung auf ihre germanischen Namen leichter bestimmbar, weil diese in Vergessenheit gerieten und nicht mehr falsch assoziativ belastet sind.

  • Ursprung des Michael ist Odin, der Hüter des Südwestens. Neun Nächte hing er an der Weltenesche, gab sein rechtes Auge — die Sicht auf die Wirklichkeit — hin, um ganz die Möglichkeit, die Vision der Naturgeister zu erleben. Er brachte den Menschen die Runen, die Sprache, auf daß sie wie Gott werden könnten, gleich ihm die Welt mitgestalten. Der Kämpfer Wotan war dem weisen Odin untergeordnet, weil klare Sicht Kampf überflüssig macht; es war der germanische Sündenfall, Kampf und Sieg über Opfer und Weisheit zu stellen. Odin eröffnet den Zugang zu den Geistern der heiligen Elemente des Lebens, Feuer, Wasser, Erde und Luft, die zusammenwirken, um ein Dasein in Kraft und Freude auf der Welt zu ermöglichen. Durch Rückbesinnung auf die Macht des Südwestens können einem unbotmäßige Geister oder Inspirationen nichts anhaben, sobald sie sprachlich klar gefaßt werden und ihr Wesen eindeutig geklärt ist.
    Das Schwert Odins, das diesen verwundet hat, sodaß er sich selbst heilen mußte, ist die Sprache der Runen, die die Nahtstelle zwischen Jenseits und Diesseits, Nagual und Tonal schließt. Alle Tiere gehören zu Odins Reich und können deshalb den Menschen immer wieder zu seinem Weg zurückführen. Ihre Geister stehen höher als der einzelne Mensch; nur der Mitarbeiter und Freund Gottes ist ihnen gleichgeordnet.
  • Ursprung des Raphael, des Heilens im Nordwesten ist Thor der Meister des Werkzeugs und Kristalls, der Mineralwelt, die alle Lebewesen wachsen läßt. Thors Hammer ist die große Hilfe im gemeinsamen Werk. Wie die Tiere auf die Pflanzen gerichtet sind — Odin auf Freya — so ist der Mensch, der zu seiner Erleuchtung durchgestoßen ist, Handwerker und kennt keine Hierarchie außer jener der gemeinsamen Anstrengung im Werk. In der Wassermannzeit, im Zeitalter der Arbeit im Körper-denken, der technischen Zivilisation, führt nur die Integration der mineralischen Welt zum Heil und die Nichtbeachtung ihres Geistes und ihrer Macht ist die größte Gefahr.
  • Ursprung des Gabriel im Nordosten, des Wortes Gottes als Signatur aller Wesen im Sinne von Paracelsus, ist Freya, Symbol der Schönheit und pflanzlichen Vollendung, der alles Wachstum aus dem Geiste entstammt. Mit Odin klärt man den Ursprung des Geistes, mit Freya seine Schönheit und mögliche Vollendung. Wie die Pflanzen das Licht auf die Erde bringen und immer neue Gestalten in Schönheit verkörpern, so muß auch das göttliche Wort in Schönheit bestehen. Die Naturharmonie bis zur Gegenwart vom Menschen ungefährdet, wird heute zur menschlichen Hauptverantwortung, die nicht durch Tun, sondern durch weibliche Hingabe zu erreichen ist.
  • Ursprung des Uriel im Südosten, des Lichtes Gottes und damit der eigenen Erleuchtung, der mystischen Erfahrung, ist der Mensch im All, die Menschheit als kosmische Gattung, deren Teil wir sind und die uns über die gemeinsame Geschichte zugänglich wird. Der Mensch im All ist Avatar der Wassermannzeit in seiner Forderung, keine kleineren Gemeinschaften und Bekenntnisse mehr anzuerkennen und den falschen Loyalitäten zu entsagen.

Der Mensch im All ist die Menschheit, deren Bild am Himmel wir als die Bedeutung des Tierkreises verstehen, er ist die Matrix der zweiten Geburt. Doch um seine Fülle zu begreifen und sich nicht an einzelne Mythen zu verlieren, muß der doppelte Aspekt des Göttlichen erkannt werden:

  • über die Erdmitte erlebt ist es nullhaft als Born unseres Wesenskerns,
  • und in der Unendlichkeit des Himmels die Fülle der Schöpfung, das Pleroma.

Fortan ist jeder berufen, seine eigene Brücke zwischen Erdmitte und All zu schlagen, ein lebendiger Strahl zu werden, der als Glied der Menschheit Erde und Himmel durch sein Wesen verbindet.

Ist das Bewußtsein in der Mitte der Erde verankert, indem der Mensch körperlich seine senkrechte Achse erfährt und in der Zeit des All sich in seinen Visionen im drehenden Himmel um den Polarstern verwurzelt, wie es die philosophische Astrologie ermöglicht, dann hat sein Bewußtsein vier Tore, die zur Hilfe der vier Mächte hinzutreten:

  • Im Osten erfährt er seine Erleuchtung, die Vision der Aufgabe, wie er für andere sinnvoll wirken kann. Der ganze Himmel geht im Osten auf, Kraft wird zum Licht. Dies ist das Tor der Mantik, das Verständnis der Mythen und Lebenssituationen, wie sie im chinesischen Buch der Wandlungen artikuliert wurden.
  • Im Westen findet er zu sich selbst, Licht wird zur Kraft. Der Mensch gibt seine falschen Leiden auf und widmet sich der Hilfe für andere. Hierzu muß die Gesamtheit seiner Seele artikuliert sein, wie es durch die Arbeit an den Chakras geschieht; es ist der Weg der Magie.
  • Im Süden, dem Licht des Tages, wo einer den anderen erblickt, gilt es zu Vertrauen und Unschuld durchzustoßen, sich von keiner Vergangenheit tragen zu lassen, nie in Enttäuschung zu verharren, sondern immer gleich der strahlenden Sonne von neuem zu beginnen. Der Süden ist der Ort der Riten, des heiligen Augenblicks der Feste, der im Erdheiligtum zugänglich wird.
  • Im Norden drehen sich alle Gestirne um den Polarstern, das Tor zur Welt der Seelen über uns, jener, die den Schritt ins Paradies vollzogen haben. Hier ist der Ort der Mystik, des Durchbruchs zum ruhenden Nichts im Etwas.

Die Mantik wurde in China artikuliert, die Astrologie in Afrika. Die Riten wurden von den nordamerikanischen Indianern geklärt und die Magie der Chakras von den Indern. Die Mystik fand sich überall auf Erden als Weg der Ganzwerdung, hat aber ihre einfachste Form im Heiligtum des Asklepios in Griechenland gefunden, dessen Ritual wir nun beschreiben wollen.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
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