Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

5. Mystik

3 - Fühlen - Körper

Am Fuße der Wirbelsäule schläft Kundalini, die dreieinhalbmal geringelte Schlange. Die linke Hälfte des Organismus heißt Ida, ist dem Mond und der rechten Hemisphäre zugeordnet; sie bedeutet die Funktionen und Bereiche. Die rechte Körperhälfte und die linke Hemisphäre heißt Pingala, ist der Sonne und dem Körper zugeordnet. Der mittlere Kanal der Wirbelsäule heißt Sushumna.

Für das Durchschnittsbewußtsein sind die Funktionen und Bereiche voneinander getrennt und unvereinbar. Im Kundaliniyoga steigt die Schlangenkraft des Shiva, des Asklepios auf bis ins sechste Chakra, wo sie dem absteigenden Urlicht begegnet. Dieser Aufstieg ist der eigentliche Weg der Mystik, dessen Schritte durch die indischen Namen der Chakras begreiflich werden.

  1. Muladhara heißt Wurzelchakra, ist der Zugang zur Urkraft der Erde. Alle Bewegungen müssen bewußt gemacht werden, damit der Körper seine vitale Wurzel im Lichtleib, dem kinästhetischen Körper findet.
  2. Swaddhistana heißt selbstbezogen. Hier im Bewegungszentrum des Körpers ruht das Ichbild, dessen Gefahr es ist, sich als Ei abzukapseln. Durch Erleben des Atemstromes in seinen vier verschiedenen Stadien wird dieses Chakra durchlässig und die Ichs erweisen sich als Strategien zur Beherrschung der Außenwelt.
  3. Manipura heißt Stadt der Juwelen. Aus dem Fühlen kommen die Sehnsüchte, die sich immer verwirklichen, wenn auch oft nur analog. Hier soll man keine Wünsche artikulieren, die man nicht wirklich will.
  4. Anahata bedeutet Ton hinter dem Ton, hinter die Rhythmen zu treten, die innere Stille und Leere des echten Wollens. Hier wird man ins Nichts vordringen, das allein das göttliche Etwas empfangen und gebären kann. Wer im Herzen ist, weiß seinen Weg,
  5. Vishuddha heißt Chakra der Reinheit. Hier muß man den Körper in seinen Tendenzen annehmen, seine Geschichte klären, damit auf seiner Reinheit eine gesunde Seele erwachsen kann.
  6. Ajna heißt Gehorsam. Hier empfängt man im inneren Auge der Seele die Forderungen, seinen Weg zu gehen, sein Dharma zu verwirklichen. Wem das innere Auge geöffnet wurde, der überschaut sein Dasein seit Anbeginn der Schöpfung. Dieses Chakra ist der höchste Ort der Schlangenkraft.
  7. Sahasrara, der tausendblättrige Lotus ist die Öffnung des Geistes zum All, zur Teilhabe an der Offenbarung. Nun vereint der Mensch Kraft und Licht, lebt in der Seligkeit und hat seine Ganzheit verwirklicht.

Doch das 8. Bewußtsein des Gewahrwerdens ist außerhalb der Sieben, gegenüber dem Wollen: nur in seine Leere fließt die Fülle des Göttlichen ein. Dies bringt uns zur vierten Stufe der Mystik, der Vereinigung von Yin und Yang im Samadhi.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
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