Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

1. Asklepios

Mystische Erfahrung in der Imagination

In der Imagination gibt es grundsätzlich vier Ebenen, die durchscheinend ineinander wirken können; in jeder Ebene sind unendlich viele Kombinationen der Bewußtseinselemente und Grade der Intensität möglich.

  1. Ich kann mir im Wachen vorstellen, daß ich einen Freund besuche, im geistigen Empfinden hingehe und mit ihm rede. Ich brauche ihm deshalb noch nicht zu erscheinen; aber auch das ist nicht unmöglich für jene, die in der Achse des Existentiellen, welche das eigene Wollen mit dem Nichts verbindet, leben.
  2. Ich kann im Traum weiterdenken, Probleme lösen, auf exakte Formeln stoßen, wie es von manchen Mathematikern berichtet wurde. Alle drei Traumebenen können über Imaginationsriten erreicht werden; dies ist der Sinn und Zweck dieser Arbeit.
    Ich kann bildhafte Weisungen erhalten, zum Beispiel: Im Norden begegne ich zwei Männern mag mir andeuten, daß ich mich aktiv um Klärung des Denkens bemühen soll.
    Wenn jemand, wie es einmal beim Asklepiosritus vorkam, am Rückweg das Tor in der Mauer des Tempelberges nicht durchschreiten kann sondern über die Mauer hüpft, liegt es vielleicht nahe, daß er den profanen und den sakralen Bereich kennt, aber den normalen Ein- und Ausgang noch nicht benützen kann.
  3. Auf der dritten Ebene, jener des Fühlens, wo Hindernisse und Tränen auftauchen, wird persönliche Geschichte erfahren und aufgearbeitet. Hier versuchen verschiedene Methoden der humanistischen Psychologie eine Situation der Ohnmacht in der Imagination durchzuspielen und sie körperlich agierend mit einem nächsten Schritt einer Lösung zuzuführen: Sage deinem Vater jetzt, was du ihm damals nicht sagen konntest…
  4. Oft gelingt es, und ein Durchbruch zum eigenen Wollen und damit zum Licht, ein Erleben der Achse 0 - 4, mag die Imaginationserfahrung krönen. Es ist dann ein mystisches Erleben, denn 4 - 0 ist das Erleben der Beziehung zum Ursprung (0) über die Offenheit des Wollens (4), während die Achse umgekehrt von der Null zur Vier das magische Wirken der Nullkraft über das empfangende Wollen darstellt.

F u n k t i o n e n

Wir können über die Imagination Einblicke verschiedener Art gewinnen, Weisungen empfangen, unsere seelische und körperliche Struktur verwandeln, wir können auch den Durchbruch in unsere andere Wirklichkeit, die eigentliche Wirklichkeit jenseits von Leben und Tod über die Achse 4 - 0 erfahren.

Wenn sich unser Subjekt völlig mit seinem Lichtleib, dem ewig Zukünftigen identifiziert, dann kann, was im Lichtleib vollzogen wird, tatsächlich und ohne Bruch und Spaltung im irdischen Leib wirksam werden. In Hinblick auf die Möglichkeit dieses Durchbruchs von der Horizontalen in die vertikale Achse, wird die Imaginationsübung zum Ritus.

Ein Durchbruch ist nur möglich, wenn eine existentielle Notwendigkeit besteht. Er ist ein Schritt vom Überleben ins Leben:

Leben ist Da-Sein im Vergehen.

Der Durchbruch, auch wenn er nicht von Dauer ist, bringt die Erfahrung:

Ich bin das Nichts im Etwas.
Ich trage dein Licht in mir,
das keinen Schatten wirft.
Ich trage dein Nichts in mir,
drum kann ich mich in alles lassen.

Ich stand in einer solchen existentiellen Notwendigkeit, mich dem Nichts anzuvertrauen, als ich Arnold vor kurzem im Fischrestaurant traf, um gemeinsam Mittag zu essen. Ich war vor einer Aufgabe ein Seminar abzuhalten, was mich immer mit Sorge und Angst erfüllte.

Beim Essen erzählte Arnold, wie wesentlich ihm die Entdeckung schien, daß man dem Türhüter im Asklepiosritus einen unentschlüsselten Traum bringen müsse — einen Traum, der aus psychologischer Sicht nicht verständlich ist, weil er einen Wesensauftrag enthält um den Gang zum Tempel der heilenden Gottheit anzutreten.

Dann wollen wir es jetzt tun, sagte ich. Wir blieben noch eine Stunde unbemerkt im Speiseraum, scheinbar ins Gespräch vertieft, während mich Arnold als Zuhörer und Wegweiser ein zweites Mal zum Tempel der heilenden Gotteskraft Asklepios führte — der Licht und Kraft zum Tun vereint. Den Kraftaspekt hat er mir bei meinem letzten Gang eröffnet, als er intensiv empfindbar als dicke Schlange durch meine Wirbelsäule aufstieg, mit seinem Kopf über mein Haupt emporragend. Trotzdem war ich wieder in Unsicherheit verfallen.

Gehe zum Tor der Tempelstadt, und erzähle dem Türhüter einen Traum, der noch in deiner Erinnerung steht, weil du ihn nicht verstanden hast.

Der Traum: Ich war vielleicht dreißig Jahre alt als ich ihn träumte. Arnold steht hinter einem großen Fernrohr, etwas gebückt blickt er hindurch, das wie ein Scheinwerfer mit grellem Licht auf das All gerichtet ist. Zwei Meter vor ihm eine viereckige weiße Kinoleinwand. Ich stehe mit dem Rücken an der Leinwand, die Beine etwas gespreizt, die Arme im Andreaskreuz erhoben, dem grellen Licht ausgesetzt, das Licht abfangend. Ich sinke langsam zu Boden, die Arme weiter nach oben gestreckt wie eine versengte Mücke. Arnold scheint durch mich und die Leinwand hindurchzuschauen.

Der Türhüter geht mir ungefähr bis zur Brust. Ein bootartiger graugrüner Hut verbirgt sein Gesicht. Er trägt einen grünlichen Froschanzug. Er hüpft freundlich auf mich zu und deutet, ohne mich zu berühren, von hinten und vorn auf mein Anahatachakra. Ich hatte nicht gesprochen, den Traum nicht im Hintereinander, sondern ohne Zeit und Raum auf einmal und zugleich, aber mit allen Einzelheiten dargebracht. Er hat das Traumgeschehen, das ich ihm gebracht habe, sofort erkannt. Er hat es gesehen und ich verstehe nun ohne Worte, daß, wenn mein Anahata offen ist — wie die Leere der Nabe des Wagenrades — ich unverletzbar werde. Dann könnte ich mich im Traumbild sogar umdrehen und durch die Leinwand hindurch selbst ins All blicken. Der Scheinwerfer auf meinem Rücken ist nun so angenehm wie der helle Sonnenschein. Mein Anahata ist ein rundes Loch.

Steige die sieben Stufen zum Brunnen empor und wasche die Vergangenheit von dir.

Ich beginne mit dem linken Fuß, gehe behende hinauf, lege die Kleider ab und steige in das breite, barock aussehende steinerne Brunnenbecken. Ich lege mich auf den Bauch und das Wasser sprudelt durch das Loch meines Rückens in die Höhe. Das ist lustig und überraschend, damit ist es aber noch nicht getan. Ich schruppe meinen Körper mit einer Reibbürste. An den Rücken komme ich aber nicht heran, er ist das Wichtigste. Arnold schlägt vor, daß ich die Bürste auf einen Stiel montiere. Daran hatte ich auch schon gedacht.

Ich schruppe meinen Rücken von oben mit einer Stielbürste noch und noch. Ich würde die Haut nicht schonen; aber sie wird nicht verletzt. Mein Rücken wird warm und sehr bewußt. Alle Chakras sind freigelegt. Fast habe ich keine Vorderseite und keine Gliedmaßen mehr. Die muß ich jetzt nochmals schruppen, damit sie fest werden und ins Gewahrsein treten. Endlich ist die Arbeit getan.

Ich weiß vom letzten Mal, daß ich jetzt ein weißes Gewand anlegen soll.
Mir genügt ein weißer durchsichtiger Schal, den ich mir locker um die Hüften binde.

Geh die sieben Stufen zur Zelle des Fastens und der Meditation.

Von nun an beginne ich mit dem rechten Fuß, steige hinauf und setze mich in die Zelle mit dem Gesicht zum offenen Eingang, um die innere Ruhe zu erlangen. Eigentlich weiß ich nicht recht, was ich da soll. Mein Kopf sinkt langsam nach vorne wie eine welke Blume. Der Leib wird innen zu einem Gefäß wie das Zeichen des Ketu, des absteigenden Mondknotens. Die Henkel stehen über die Schultern hinaus. Ich warte, bis das Gefäß vollendet ist. Ich werde mir bewußt, daß ich Ketu im Widder im ersten Haus meines Horoskops habe und gerade im jetzigen Lebensabschnitt dieses Gefäß ganz einverleiben muß.

Dann stehe ich auf und verlasse die Zelle. Statt meines verwelkten Kopfes ist aus meinem Rumpf eine Lichtkugel an einem Stiel befestigt wie eine runde Laterne. Ich muß mich erst an diesen neuen Kopf gewöhnen; etwas schwebend taste ich mich die Stiegen empor.

Gehe sieben Stufen hinauf und wende dich zuerst nach links, um deiner Göttin im Tempel zu begegnen, dann nach rechte, um deine männliche Gottkraft zu erfahren.

Meine Göttin ist Frau Holle. Ich kenne sie. Sie hockt ganz unscheinbar und in Blumengröße auf der Erde. Ich neige mich zu ihr hinunter, sinke auf die Knie und lege meinen Lichtkopf auf den Boden neben sie. Er versinkt in die Erde; mein ganzer Körper versinkt in die Erde und wird zu brauner Erde — die Arme und Schultern, der Rumpf und die Beine — braune bröcklige Erde. Es fühlt sich wohlig an Erde zu sein.

Dann wachse ich aus der Erde allmählich wieder heraus. Anfangs bin ich noch ganz braun, dann nehme ich immer mehr Menschengestalt an.

Die sieben Rasenabschnitte, die zu meinem Gott führen, sind flach und weit. Fünf Schritte bedarf es jeweils, um zum nächsten zu, kommen; sie enden im Grünen. Dort sehe ich zwei gewellte wollige Streifen. Sie erinnern entfernt an das Zeichen des Wassermann. Ich weiß, daß es das Fell oder ein Schein vom Fell des Ziegengottes ist, und daß er auf vier Beinen steht. Seinen Kopf kann ich nicht recht sehen. Ich kenne ihn — er ist mein Helfer Thor. Er fordert mich auf, in ihn einzugehen.

Die waagrechte Lage seines Leibes ist mir ungewohnt, but I dive in, er bekleidet mich mit seiner Gestalt. Am Kopf trage ich seine vier Hörner wie Antennen.

Jetzt gehst du die sieben Stufen empor zum Tempel des Asklepios. Dort sind zahlreiche Liegestätten, mit Widderfell bedeckt. Du legst dich hin und versinkst in Tiefschlaf, denn nur in diesem Zustand kannst du ihm begegnen.

Ich bin etwas ungeschickt im Erklimmen der Stufen mit meinen vier Beinen und wähle gleich am Eingang links die erste Liege. Ich kann mich jetzt in meiner menschlichen Gestalt hinlegen, das Ziegenfell bedeckt mich.

Ich sage mir Ich sinke jetzt in den Tiefschlaf, ich sinke in den Tiefschlaf… Ich warte. Kein Bild, keine Gestalt. Zeigt sich Asklepios nicht? Ich spüre das Überall, einen zarten, allesdurchdringenden Lichtschein. Mir fällt das Mantra ein, Baba Nam Kevalam: nichts als der Name, das heißt die Wesenheit, des Urvaters, des kosmischen Bewußtseins, der heiligen Schöpfung. Ich spüre das lichtvolle Nichts um mich und in mir.

Ist es das? Asklepios jenseits der Gestalt? Das ist, worin mein Vertrauen sich gründen soll, von nun an.

Ich nehme es an, obwohl ich weiß, daß die Erfahrung nicht so machtvoll ist, daß sie für immer alle Zweifel lösche. Aber ich weiß, so ist Es. Ich erhebe mich vom Lager.

Gehe wieder alle Stationen der sieben Stufen hinunter, um die Tempelstadt zu verlassen.

Ich stehe oben, umgeben vom zarten Schein des Lichts. Die Stufen, die Tempelstadt und auch der Türhüter sind unwirklich geworden. Ich kann und brauche nicht mehr zurückgehen. Der Schein des Nichts ist überall.

Am nächsten Tag flog ich in die Schweiz, um mein Seminar über das Rad abzuhalten. Die Vorstellung der Bedrängnis war wie ausgelöscht.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD