Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

2. Hypnagogik

Traumforschung

Tempel der mystischen Einweihung gibt es auf der ganzen Erde. Auch die fünf Stufen sind verbreitet, und selbst in Griechenland wechselten die Namen und Figuren der Götter; so ist Asklepios mit Hermes dem Traumaturgen identifiziert worden. Doch der wissenschaftlich-historische Einstieg der vergleichenden Religionswissenschaft hat höchstens kulturelles Interesse. Uns kommt es darauf an, welche konkrete Wahrheit sich hinter der mystischen Erfahrung verbirgt, die uns ermöglichen könnte, der ethischen Begrenzung der Hochkulturen zu entrinnen, dank derer selbst Meister Eckhart in seinen Thesen verboten wurde. Der Einstieg in die Erkenntnis der existentiellen Bedeutung der fünf Stufen ist durch die Hypnagogik — Führung durch den Schlaf — ermittelt worden. Die Erkenntnis seiner Schichten wird uns ermöglichen, auch die spätere metaphysische Begründung der Kultur bei Sokrates, Platon und Aristoteles zu begreifen.

H y p n a g o g i k

Die Anzahl der Forscher und Methoden ist groß. Doch auch aus kritischer und phänomenologischer Sicht läßt sich das Verständnis nicht erringen. Es verlangt den persönlichen Einsatz, das Wagnis; ein bewußtes Nachvollziehen jener Initiation, die wir im vorigen Kapitel beschrieben haben.
Das menschliche Großhirn zeigt vier verschiedene elektrische Ströme, die seine Tätigkeiten und Vorgänge unterscheiden läßt.

  • Die Betawellen kennzeichnen das Wachen mit offenen Augen. Sie verlaufen zwischen 16 und 31 Hertz, Schwingungen pro Sekunde. Hierbei liegt die Schwelle der Sinneswahrnehmungen bei 16 Hertz. Erst Töne ab dieser Frequenz, dem tiefsten hörbaren c als Vielfachem der Erdsekunde, werden Schwingungen als Tonwerte wahrgenommen; tiefere Frequenzen erscheinen als Rhythmus. Desgleichen werden Bilderfolgen, die schneller als 16 Hertz Geschwindigkeit ablaufen, als kontinuierliche Bewegungen erlebt.

    Der Wachzustand ist an die Sinne gebunden und folgt, wie wir später sehen werden, ihrem Gesetz, das nicht durch das Denken erzeugt wird, sondern dem Empfinden inhärent ist.

    Wir unterscheiden Töne nach Tonwerten, erfahren Gerüche nach etwa zehn Kategorien, schmecken in vier Richtungen, tasten Härte und Weichheit, spüren die Wärme und mit dem Gleichgewichtssinn unsere Lage im Raum. All dies sind unmittelbare Gegebenheiten sowohl des Empfindens, als auch der Vorstellung im Imaginalen, im Geist.

  • Die Alphawellen verlaufen zwischen 8 und 15 Hertz und bestimmen den sogenannt paradoxalen Schlaf, gekennzeichnet durch REM, rapid eye movement, schnelle Augenbewegung hinter den Lidern. Alphawellen sind eine zweite Aufmerksamkeit. Sie kann auf Probleme gerichtet sein, dann sprechen wir von der Tätigkeit des Denkens oder von Strategien. Sie können aber auch auf die Erringung des mentalen Gleichgewichts gerichtet sein, auf Finden des Ichs und der Mitte, auf Klären und Ergänzen, dann bezeichnen wir sie als Seele. Im wachen Denken ist die sprachliche Assoziations­tätigkeit auf die Wirklichkeit gerichtet, beim REM auf die seelische Integration. In beiden Fällen ist das Ziel der Assoziations­tätigkeit der Ausgleich, nämlich daß Denken oder Traum zur Ruhe kommen.

    Im Denken geschieht dies durch Begreifen der Elemente, Verstehen des Zusammenhangs und Beurteilung der Richtigkeit. Sind diese bestimmt — mathematisch bei der Gleichung, wo Analyse und Synthese durch das Ist-gleich Zeichen in Gleichgewicht gebracht sind, logisch im Syllogismus — dann ist der Gedanke integriert, sinnvoll und Teil des Wissens. Im REM der Seele wird der Ausgleich erreicht, wenn die Traumfolge zu einem Abschluß gekommen ist und der Mensch die Mitte seiner Motive erreicht.

    Alphawellen können künstlich induziert, aber auch willentlich erzeugt werden, wie die Technik des Biofeedback erweist; sie sind tatsächlich der Ort der psychischen Arbeit, weil die weiteren inneren Schichten nur über ihre Vermittlung bewußt werden können.

  • Die Thetawellen verlaufen zwischen 4 und 7 Hertz; sie gelten als höhere Wachheit, als Vision im Traum und auch im Denken. Das Verstehen eines Zusammenhangs taucht blitzartig auf, von Emotionen der Freude begleitet: die Erleuchtung, das Aha-Erlebnis, in der stoischen Tradition, bei der der Fluß der Vorstellung zum Stillstand gebracht wird und ein Kriterium erzeugt — stopping the world bei Don Juan. Das Ergebnis einer solchen Stillung ist ein operatives Wissen, das fortan zum Organ des Wesens wird wie Auge und Ohr.

    Ein berühmtes Beispiel für die Thetawellen ist die Vision Kekulés gewesen, da er im Wachen einander verschlingende Schlangen erlebte und hieraus die Struktur des Benzolringes erkannte. Tatsächlich entstammt jede wissenschaftliche Entdeckung und Hypothese dieser Sphäre: in dem berühmten Colloques de Cordouve, einem Kongreß von Naturwissenschaftlern und Religionsphilosophen 1980, stellte sich heraus, daß jegliche bekannte Theorienbildung ihren Ursprung in einer averbalen Vision hatte, die dann in Worte gefaßt und in den Empfindungsbereich übertragen wurde.

    Niemand kann an diesen Bereich heran, der dessen Existenz verneint und die Eingebungen als Produkt eigener Assoziations­tätigkeit mißversteht. Es ist die Sphäre der Mythen, der alle Kultur entstammt. Für die antiken Völker waren ihre Träger lebende Wesen und man mußte ihnen glauben, ihnen opfern — das heißt ihre Mitwirkung verlangen — um zur eigenen Vision durchzustoßen. Die Mythen sind Geister oder mögliche Verbündete, die der Mensch besiegen muß, um eine höhere Integration, das heißt höhere soziale Verantwortung im Wollen erringen zu können.

    In jedem griechischen Mysterientempel war ein Theater, wo die bekannten Mythen in ihrer Dramatik durchgespielt wurden. Die Schauspieler erlebten sich, wie Nietzsche in seinem Buch Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik schreibt, als Sprachrohr und Priester der Götter. Die Wiederholung der Texte störte die Intensität so wenig wie bei der christlichen Eucharistie; wesentlich war, ob der Gott tatsächlich dabei mitwirkte und ob der Schauspieler von ihm ergriffen war.

    Griechenland hat aus dem Mythos die Klarheit geboren, den Logos. Daher kann sein Verständnis uns auch den Schlüssel zu den anderen Mysterien geben. Die tiefe Traumsphäre ist der Ort, woraus sich die Motive harmonisieren lassen. Es gibt die Schilderung jenes Volkes der Senoy in Malaysien, die Träume für entscheidend hielten und bei denen es weder Kriminalität noch Geisteskrankheit gegeben hat. Wenn einer träumte, er habe dem anderen ein Leid zugefügt, mußte er diesem am nächsten Tag ein Geschenk bringen; umgekehrt eines verlangen, wenn er sich selbst im Traum von jemandem gekränkt fühlte. So war ihr gesellschaftliches Leben integrierter als das des modernen Menschen, dem Traum und Vision meistens nur in der Therapie begegnen, wenn seine psychische Lage hoffnungslos geworden ist.

  • Die Deltawellen verlaufen zwischen 1 und 3 Hertz und kennzeichnen den traumlosen Tiefschlaf, da der Körper sich regeneriert. Dieser Schlaf entspricht der Seligkeit des Samadhi, der in sich ruhenden Aufmerksamkeit. Die Sphäre der Thetawellen ist vom Wachen her das Fühlen, die Bedürfnisse von Hunger und Durst, Angst, Aggression und Reproduktion, die das Gleichgewicht in Entsprechung zum Körperbild wieder herstellen. Im Schlaf west der Körper in stetiger Entfaltung aller Zellen gemäß dem genetischen Schlüssel seiner Individualität. Die Sphäre der Deltawellen ist jene des Lichtleibes, der in Gleichgewicht zwischen Leben und Tod embryonaler Entfaltung und traumhafter Integration, die auch den nachtodlichen Bereich bestimmt, inhaltslos west und den es zum wahren Subjekt zu erheben gilt, weil er allein Teil des Großen Ganzen — des morphogenetischen Feldes der Menschheit im Sinne von Sheldrake — und der Gottheit als allumfassendem Sein ist.

    Körperliches Kennzeichen dieser Sphäre ist die Sexualität; seine Problematik, das Ich zwischen Mann und Frau, Identität und Wagnis zu erreichen, was nur durch eine weitere Rückbindung möglich wird. Daher ist die Seligkeit des Tiefschlafs auch im körperlichen Orgasmus der Liebe erreicht, wenn ein Leib mit dem anderen im Rhythmus verschmilzt. Im Wollen ist das Wesen zwischen Yin und Yang und findet sein energetisches Gleichgewicht im Nichts als Subjekt, der Leere der Aufmerksamkeit zwischen beiden.

    So scheint abgesehen von den beiden Ausnahmezuständen des Orgasmus und des Samadhi die Sphäre des Tiefschlafs unzugänglich. Doch ist sie dies garnicht; tatsächlich ist das Gewahrwerden an diesen Rhythmus gekoppelt, wie Pöppel und andere gezeigt haben. Der Mensch lebt seelisch nicht im Augenblick, sondern in der Gegenwart, deren Grunderfahrung zwei bis drei Sekunden währt, welche Zeit als Untertöne symmetrisch zu den Deltawellen liegt.

Eine Sekunde bedeutet keine Dauer, sondern ruckhaftes Verschwinden in der Zeit; die Aufmerksamkeit wechselt im Sekundenrhythmus zwischen Beobachtung und Erinnerung, links und rechts im Großhirn. Zwei Sekunden bedeuten Erkenntnis der Identität, drei der Verschiedenheit. Hier zeigt sich die musikalische Struktur des Wollens: die Oktave bedeutet Identität, Integration, Yin. Alle Vielfachen und Teile von zwei zeigen den gleichen Tonwert. Drei dagegen ist die Quinte, Yang, die zu einem neuen Ton führt und erst nach zwölf Schritten im Quintenzirkel wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt, der aber temperiert werden muß, wie wir später sehen werden, weil sonst die Identität nicht wieder erreicht wird. So ist das männliche Yang immer in Gefahr, den Zusammenhang zu verlieren und findet ihn nur, wenn es zum weiblichen Urgrund, zur Urmutter, zur Oktave, zum Yin und damit zur Erde zurückkehrt.

Die Rückkehr ist punkthaft, der Tod. Ist der Tod im Leben zu überwinden, können wir die goethesche Forderung erfüllen und zum Augenblick sagen Verweile doch, du bist so schön. Heißt es nicht in allen Überlieferungen, Gott ist sowohl der Augenblick als auch die Ewigkeit, also das Entrinnen aus der Raumzeit in die Punkthaftigkeit?

Für den Mystiker ist es selbstverständlich, doch für die prophetischen Religionen wurde Gott dem Menschen als fordernder Vater gegenübergestellt. Die Forderung taucht in der Thetasphäre auf. Alpträume sind nach Auffassung der Senois und auch der Traumforscher Forderungen des Göttlichen zur Bewährung, zum Abenteuer und zur Überwindung; wenn das Ungeheuer im Traum getötet ist, tritt hinter ihm der helfende Freund oder Engel hervor. Doch tatsächlich führt die mystische Erweckung zur Normalität des Bewußtseins. Jede Nacht durchläuft der Mensch im Schlaf die fünf Stufen, die das Asklepiosmysterium bildlich lehrte, und zwar in Perioden immer längerer Abschnitte des paradoxen Schlafes REM: 7 · 14 · 21 · 28 · 35 Minuten dauern sie im Verhältnis zum Schlafabschnitt von 90 Minuten.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
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