Schule des Rades

Arnold Keyserling

Die sechste Schule der Weisheit

1. Was ist Weisheit?

Nichtwissen

Wir leben im Übergang von der ideologischen Zivilisation zur planetarischen Gesellschaft, in die Wassermannzeit, die sechste Periode der Menschheitsgeschichte nach Klan, Stamm, Stadt, Volk und Reich. Virtuell als Informationsgesellschaft ist sie bereits eine Tatsache. Durch den Wetterbericht in der Television über den Satelliten ist jeder Mensch mit dem Bild der ganzen Erde, ja des Universums vertraut. Die Postulate der neuen Epoche sind überall anerkannt: Selbstbestimmung, Demokratie, Menschenrechte, Ende der kulturellen Imperialismen, Streben nach Sinn und Glück, und schließlich das Primat der Naturwissenschaft und Technologie gegenüber irrationalen Überzeugungssystemen. Der europäische Geist der Aufklärung hat die biologische Grundlage der Gattung Mensch bewußt gemacht und geklärt. Daß wir heute weit von der idealen Friedensgesellschaft entfernt sind, liegt nicht am Wissen, sondern an der Politik, die nach dem Ende des kalten Krieges auf atavistische Mentalitäten wie Nationalismus und Fundamentalismus zurückgefallen ist.

Aber die europäische Wissenschaft war einseitig. Seit Platon betrachtete sie im Unterschied zu den asiatischen, afrikanischen und indianischen Kulturen den Traum nicht als Brücke zum Jenseits, sondern als Illusion, oder den Geist als Welt Zwei, eine menschliche Konstruktion als Überbau der Wirklichkeit, wie sie etwa Popper vertritt. Das Leben aus der Ganzheit ging verloren, weil die Inhalte der Traditionen der dritten Welt nicht in kritisch-rationaler Sprache formuliert wurden.

Inzwischen hat die vergleichende Religionsphilosophie von Rudolf Otto, Mircea Eliade, Gershom Scholem, Henry Corbin und Joseph Campbell, ergänzt durch die Arbeiten des Eranoskreises in Ascona von 1933 bis 1988 viele Grundlagen anderer Kulturen geklärt, sodaß ein einheitliches und ganzheitliches Weltbild erreichbar erscheint. Kulturen ergänzen einander; doch die globale Bewußtheit, wie sie Smuts in der Philosophie des Holismus entwarf, ist noch nicht verwirklicht. Die wissenschaftliche Methode, beruhend auf wiederholbarem Experiment, verifiziert durch Logik und Mathematik mit heuristischer Theorienbildung, kann die Ganzheit nie erreichen.

Kirchen und akademische Institutionen stehen seit hundert Jahren in einem Abwehrkampf gegen das ganzheitliche Denken. Dieser ist bereits verloren, seitdem die Naturwissenschaft die Idee der ehernen Gesetze und der objektiven Wahrheit aufgegeben hat. Wahrheit ist subjektiv oder intersubjektiv, die Wesen sind die einzigen Ursachen im All. Ihr Subjekt ist von der Bewußtseinsebene nicht zu erreichen. Alle Wissenschaften sind Sprachen und gehen nicht von der Stille aus. Das Subjekt zu erwecken, erfordert ein anderes Streben als jenes der Wissenschaft, hat aber auch eine Wissensgrundlage; in allen Überlieferungen wird diese als Weisheit bezeichnet.

Im abendländischen Bereich war der letzte Verkünder der Weisheit Sokrates. Den Spruch des Orakels von Delphi: Sokrates, der weiß, daß er nichts weiß, ist der weiseste aller Griechen nahm er als göttlichen Auftrag, für dessen Erfüllung er freiwillig in den Tod ging. Mit Platon und Aristoteles, dem Beginn der europäischen akademischen Kultur und Wissenschaft, wurde das Streben nach Weisheit in den Untergrund verdrängt. Philosophie galt dem Christentum als Magd der Theologie, und seit der Verdammung des Origenes im 6. Jahrhundert war jeder Esoteriker vom Tod bedroht. Die meisten verhüllten daher wie Riffard gezeigt hat, ihr Wissen in unverständlichen Allegorien, die nur jener verstehen konnte, der einen Teil aus eigener Erfahrung verifiziert hat.

Auf der ganzen Erde ist Weisheit eine Eigenschaft des Alters, beim Bauern ebenso wie beim Wissenschaftler. Sie ist erreichbar, wenn man alle Krisen vorwegnimmt und erkennt. Das verlangt ein Wissen hinter dem Wissen; Sokrates bezeichnete seine Entdeckung als Anamnese, als Wiedererinnerung. Es unterscheidet sich vom strategischen Wissen der Wissenschaftler wie die unbewußte Grammatik von der bewußten Information.

Was ist nun Weisheit? Sie bedeutet Einübung in das ganzheitliche Leben und kreatives Handeln aus dem Subjekt, welches am göttlichen Subjekt teilhat. Griechisch heißt sie Sophia, buddhistisch Prajna, chinesisch Tao, mystisch nach Meister Eckhart Einstimmung in das dunkle Wollen der Gottheit jenseits der Dreieinigkeit. Indianisch ist der Weise der man of knowledge wie Don Juan bei Castaneda, afrikanisch der Schamane oder Zauberer, persisch der Magier, chaldäisch der Astrologe und ägyptisch jener, der die Nachtfahrt des Osiris durch die Erweckung des Mondauges bestand und somit auf dem Weg der Menschwerdung weiterschreiten konnte.

Einzelne Weise gab es schon in der Altsteinzeit. Doch nur jene wurden Schamanen, die einen Einbruch des Geistes in Form einer Krankheit, einer Zerstückelung des Körpers in der Vision erlebt hatten, wie es Eliade vielfältig beschreibt. Ihr Wissen war nicht erlernbar. Man könnte sagen, sie hatten eine Berufung, eine Initiation erlebt. Ihre Rolle bestand bis heute fort und wird erst jetzt in der neuen Epoche integriert.

Die griechische Philosophie als Streben nach Weisheit begann mit der Entdeckung der mathematischen Wahrheit durch Thales, Anaximander, Anaximenes und Pythagoras. Ihre wesentliche Unterscheidung war jene von Chaos und Kosmos, Mythos und Logos, und Doxa, Meinung und Episteme, Verstehen. Infolge der patriarchalischen Gesellschaft und der Unterdrückung des weiblichen Wissens wurden Kosmos, Logos und Episteme als positiv gut bewertet, Mythos, Chaos und Doxa als negativ böse.

Bewußtsein ist das Wissen des Denkens, Weisheit die Methodik des Wollens. Solange Gesellschaften auf irrationalen Voraussetzungen beruhten mit Heiligung des Gattungstriebes vom Pharao bis zum Papst, war Weisheit in ihrem Gegensatz zur Hierarchie verpönt und wurde grausam bekämpft. Da nun heute das Individuum sich von den letzten falschen Abhängigkeiten zu befreien beginnt, stellt sich die Frage, ob Weisheit als Weltgrammatik und kreative Spontaneität auch gelehrt und gelernt werden könnte.

In der Geschichte gab es fünf Institutionen, die sich Schule der Weisheit nannten. Jede entstand im Zusammenhang mit einer politisch geistigen Aufgabe und währte nur, bis letztere erledigt war. Wir wollen nun die Geschichte dieser fünf Schulen nachzeichnen.

Arnold Keyserling
Die sechste Schule der Weisheit · 1994
Pädagogik für eine globale Gesellschaft
© 1998- Schule des Rades
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