Schule des Rades

Arnold Keyserling

Die sechste Schule der Weisheit

2. Geschichte

Gurdjieff

Das Enneagramm zeigt außer einer grammatikalischen Bedeutung auch die Naturtonleiter mit ihren Obertönen und Untertönen, bei Zeugerton c die Reihe c-d-e-f-g-as-b-c. Durch die Tatsache, daß die Oktave den gleichen Tonwert hat, verringern sich die unterscheidbaren Tonzahlen der neun Ziffern auf sieben, also die Naturtonreihe; die pythagoräische Folge der zwei Tetrachorde ist dagegen eine künstliche Ordnung.

N a t u r t o n l e i t e r

Ich lernte Gurdjieff 1948 kennen und erlebte mit ihm den ersten Menschen, der aus dem Gewahrsein wirkte. Ich vertiefte mich in seine Lehre, übersetzte das Werk von Ouspensky Auf der Suche nach dem Wunderbaren und gab in meinem Verlag sein Hauptwerk All und Alles heraus. Durch drei Jahre beschäftigte ich mich ausschließlich mit seiner Lehre, ohne aber seiner Gruppe anzugehören.

Gurdjieff erklärte, das Enneagramm zeige erstens das Gesetz der Tonleiter, zweitens der Grammatik, drittens des Mikrokosmos, viertens des Makrokosmos und fünftens die Grundlage der Arbeit an sich selbst. Das Dreieck im Enneagramm, in der Grammatik die Zeitworte, symbolisiert die bewußte Arbeit, die mannigfache Figur, die sich aus der Division der Zahl 7 ergibt, bestimmt das absichtliche Leiden in Nachfolge der buddhistischen Lehre.

Gurdjieff betonte, das Enneagramm sei Teil einer komplexeren Struktur. Seine Kenntnis könne den Menschen zum Wollen, zur Autonomie und zum Gewahrsein bringen. Diese Autonomie erzeugt kein abgeschlossenes atomistisches Individuum, sondern ein Glied in der Goldenen Kette, die Himmel und Erde vereint. Ziel der irdischen Existenz sei es ein kosmisches Individuum zu werden, unsterblich im Rahmen des Sonnensystems.

So wurde das Wissen der dritten Schule der Weisheit zugänglich. Er ergänzte es durch körperliche Übungen, die mit den Sufitänzen in Zusammenhang standen. Durch Teilung der Aufmerksamkeit sollte genug Energie entstehen, um den Schritt vom falschen Selbstbild zum Erleben der eigenen Nichtigkeit, der Null zu schaffen.

Durch meine Kenntnis der Harmonik bemerkte ich, daß seine musikalische Theorie physikalisch nicht richtig war und hielt nach einer Ergänzung Ausschau. Diese fand ich 1951 in meinem zweiten Lehrer, der auch das Gewahrsein erreicht hat, dem Begründer der Zwölftonmusik, Josef Matthias Hauer in Wien. Er litt an der Begrenzung der tonalen Musiktheorie und kam zu folgenden grundlegenden Erkenntnissen:

Der temperierte Quintenzirkel, der die ganzzahligen Quinten nach der Wurzel aus zwei abwandelt, ist kein Kompromiß, sondern das zweite Naturgesetz. Heute wissen wir, daß es das Gesetz der Fraktalität und Selbstähnlichkeit im deterministischen Chaos ist, das wir im nächsten Kapitel beschreiben.

Ferner ist der Ursprung der Musik nicht die Tonleiter, sondern der Melos, die freie Folge der Töne. Bei der Siebentonmusik gibt es in der Dur-Moll-Skala nur 7040 Permutationen, die zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert ausgeschöpft wurden. Nicht ein statisches System ist die Basis, sondern die 479 Millionen Zwölftonreihen. Er konnte sie durch seine Tropen ordnen, so daß schließlich eine Struktur entstand, die die Potentialität des deterministischen Chaos veranschaulicht. Hierzu muß man vier Stimmen schaffen, um im Zwölftonspiel das Geschehen der Natur, insbesondere des Kohlenstoffmoleküls musikalisch abzubilden.

Hauer lehnte die Vorstellung der freien Komposition ab. Der Komponist hat gleichsam bessere Ohren als der Durchschnittsmensch, alle Musik entstammt der Inspiration und Intuition. Mit der gewählten Melodie und den harmonischen Vierklängen findet jede Reihe ihren bestmöglichen musikalischen Ausdruck, den der Musiker im Unterschied zum Musikanten erkennt und gestaltet.

Hauer brachte die zweite Komponente der turkestanischen Schule der Weisheit. Gurdjieff hat auf seinen Reisen fünfundzwanzig Jahre in Zentralasien verbracht, ohne je darüber zu berichten. Hauer lernte in Wien Richard Wilhelm anläßlich dessen Rückkehr von China kennen. Er begriff die Identität seiner Tropen mit den Hexagrammen des I Ging, also dem Buch des Lebens. Hauer wollte sein Wissen nicht Musikern weitergeben, sondern wie er sich ausdrückte, den Staatsmännern, wie es die chinesische Musiktheorie verlangt. Ich war sein einziger Schüler, der sein Werk in diesem Zusammenhang verstand.

Ich hatte das Rad spontan 1943 beim Lesen von Bergsons Matiére et Mémoire in einem Spiegel geschaut; ich sah vor mir eine Scheibe, ging im Geist durch den Spiegel in die Mitte, und meine ganzen Sorgen waren weg. Ich erreichte das stopping the world von Castaneda, oder in Yogasprache citta-vritta-nirodha: durch Verlangsamung der Assoziationen kommen diese zum Stillstand und dann ruht der Mensch in seiner Mitte. Alle anderen Zustände seien leidvoll.

Hauer sah im Rad den Raster aller Weisheit: Man müsse die Räder der Töne, der Farben, der Sprache, des Mikrokosmos und des Makrokosmos gemäß ihrer mathematischen Struktur übereinander legen, ohne sie voneinander abzuleiten. Jeder Mensch sei eine Naturtonleiter, aber müsse durch die Temperierung im Rahmen der musikalischen Toleranz von 81/80 auf die Mitmenschen abgestimmt werden, indem er seine Einstellung leicht verändert.

Dies gab mir den Schlüssel zur Astrologie. Die vier zeithaften Funktionen, empfinden, denken, fühlen, wollen, verbinden sich multiplikativ mit den drei Bereichen Körper, Seele und Geist, um das Wirkfeld des Tierkreises in all seinen Bedeutungen zu schaffen. Fortan hatte ich eine Möglichkeit, durch die Horoskoperklärung die Theorie des Rades experimentell nachzuprüfen.

Diese Astrologie hat nichts mit dem astrologischen pseudowissenschaftlichen Aberglauben zu tun. Albertus Magnus erkannte im 13. Jahrhundert, daß die Sterne niemals die Wirklichkeit, sondern nur die Möglichkeit bestimmen. Astrologie führt dann zur Integration, wenn das Ziel auf Vergottung gerichtet ist.

Anschließend an Gurdjieff und Hauer zog ich mit einer Frau nach Positano in Süditalien, in die Nähe der Wirkstätte des Pythagoras, um die Musik als Grundlage der Weisheit aus dieser neuen Sicht zu studieren. 1956 war die Arbeit beendet. Ihr Ergebnis war unser Buch Das Rosenkreuz mit dem Motto: das Gesetz der Sinne ist das Gesetz des Sinnes.

1957 wurde ich nach Indien von der Universität Tagores Santiniketan als Gastprofessor eingeladen. In Indien erlebte ich, wie das gleiche Ziel auf vielen Wegen zu erreichen sei. Um zu überleben, begann ich deutsch zu unterrichten und fand so meinen Beruf als Lehrer mit sechsunddreißig Jahren. Lehren machte mir große Freude. Ich stellte fest, daß durch die zentralasiatische Grammatik das Lernen schneller geht als im herkömmlichen Unterricht. Ich schrieb ein Lehrbuch der deutschen Grammatik A Synopsis of German Grammar das 1958 in Kalkutta veröffentlicht wurde.

Meine Frau und ich lehrten jeden Abend außer Sonntags deutsch an der Sarat Bose Akademie. Den Tag über beschäftigte ich mich, nachdem ich durch die Anstellung keine materiellen Sorgen mehr hatte, mit den Grundlagen der Mathematik und Naturwissenschaft, wiederum fünf Jahre hindurch. 1961 weilten wir zu unserem ersten Urlaub in Kalimpong, ehemals zu Tibet gehörig. Dort begrüßte uns ein Tibetaner auf der Straße. Später erfuhren wir, daß er der Nachfahre des mongolischen Königs Kesar Ling war. Er erklärte, er erkenne in mir die gleichen Knochen aber verschiedenes Fleisch; das bedeutet auf tibetisch die gleiche patrilineare Tradition.

Ling ist das Land des Rades, etwa an der Quelle des Yang Tse Kiang. Nach meiner Rückkehr nach Kalkutta fand ich den mir unbekannten Mythos, erzählt im Buch von Alexandra David-Neel. Ich hatte damit meine geistige Herkunft gefunden; denn in Europa war ich der einzige, der sich mit dem Rad als Systemik der Weisheit beschäftigte.

Im Herbst 1961 war ich österreichischer Delegierter beim Ost-West-Kongreß der UNESCO, gewidmet dem Zusammenleben und der technologisch-wirtschaftlichen Zivilisation. Ich verstand, daß die Arbeit der fünften Schule in eine öffentliche Tätigkeit münden werde. Zuvor war es notwendig, die Geschichte der Menschheit anders zu verstehen; nicht im Sinne der quellenforschenden Geschichtswissenschaft, sondern als Integration der kollektiven Vergangenheit im gleichen Sinn, wie die Tiefenpsychologie die persönlichen Traumas aufarbeitet, um in die Zukunft schreiten zu können.

Am 5. Februar 1962 erlebten wir den Beginn der Wassermannzeit in Kalkutta. Wir feierten dieses Ereignis um vier Uhr früh, bei einer totalen Sonnenfinsternis über Neuguinea mit den sichtbaren Planeten um 15° Wassermann.

H o r o s k o p - d e s - B e g i n n s - d e r - W a s s e r m a n n z e i t

In der Yogasutra war diese Konstellation als Beginn der Schlacht von Kuruk Shetra beschrieben, als neuer Schritt der Menschwerdung.

Arnold Keyserling
Die sechste Schule der Weisheit · 1994
Pädagogik für eine globale Gesellschaft
© 1998- Schule des Rades
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