Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

Einführung

Nicht mehr post-modern

Der von der Neuen Zürcher Zeitung als spekulatives Wunderkind gefeierte Markus Gabriel hat nach eigenen Worten die Philosophie neu gedacht und am 23.06.2011 gegen 13:30 beim Mittagessen mit einem italienischen Kollegen in launiger Weise ein neues Zeitalter eingeläutet, das Zeitalter des Neuen Realismus, welches die Ära der Postmoderne ablösen soll. In dem 2012 erschienen Buch Warum es die Welt nicht gibt, das sich in einem populären Stil an ein breites Publikum wendet, macht er uns mit seinem Blick auf die Wirklichkeit und seinen erkenntnistheoretischen Neuerungen vertraut. Dort äußert er die Ansicht, die Postmoderne — der Versuch, radikal von vorne anzufangen, nachdem alle großen Heilsversprechen der Menschheit, von den Religionen über die moderne Wissenschaft bis hin zu den allzu radikalen politischen Ideen des linken und rechten Totalitarismus, gescheitert waren — wollte uns von der Illusion befreien, es gebe einen Sinn des Lebens, nach dem wir alle streben sollten(S. 10) Dabei hätte sie uns aber nur neue Illusionen beschert, insbesondere wollte sie uns weismachen, die Menschheit leide seit der Prähistorie unter einer gigantischen kollektiven Halluzination, der Metaphysik. Bekanntlich gibt es ja gemäß der postmodernen Skepsis, die fast schon dogmatische Züge angenommen hat, nur subjektive Konstruktionen, was philosophische Positionen und Weltbilder betrifft. Über deren Wahrheitswert kann man nicht entscheiden, sondern nur verhandeln, welche davon man gerade gelten lassen will. Und alles was als Große Theorie daherkommt, wäre bloße Erzählung. Dieser Ablehnung von Metaphysik als einer allumfassenden Erklärung des Weltganzen durch die postmodernen Denker schließt er sich allerdings auch selber an, hält jedoch ihrem Relativismus und Konstruktivismus seinen Neuen Realismus entgegen, der davon ausgeht, dass wir die Welt so erkennen, wie sie an sich ist. (S. 13)

Nun ist die Postmoderne keine generelle Absage an den Sinn, nur eine Absage an die Annahme, es gäbe ein absolutes Erklärungsprinzip — wie Gott, Subjekt, Materie, System, Vernunft — welches einen für alle gültigen Sinn des Ganzen erfassbar macht. Gabriels Ansatz weicht daher nur insofern von der Postmoderne ab, als bei ihm mit dem Begriff des Sinnes sehr wohl ein allgegenwärtiges Prinzip etabliert wird. Eben der Sinn wird hier gleichsam zu einem durchgehenden Stoff der Wirklichkeit erklärt, der objektiv und real vorhanden ist. Doch gibt es laut Gabriel nicht den einen Sinn, sondern viele Sinne, die sogenannten Sinnfelder. Mit dieser Pluralität entspricht Gabriel wiederum ganz den postmodernen Bestrebungen, welche sich gegen eine verallgemeinernde Rationalität wenden, die alles Heterogene, Einzigartige und Individuelle einebnet, im Namen eines einzigen, allgemeinen Prinzips.

Wenn man mit dem (sowieso umstrittenen) Begriff der Postmoderne nicht so sehr den Kampf gegen alle totalitären Theorieentwürfe meint, sondern ihn als Kennzeichnung der Epoche nach der Moderne versteht, fallen in diese nicht nur die angesprochenen Strömungen wie etwa Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus und Konstruktivismus, sondern auch die New-Age-Bewegung und ein Wiederaufleben der alten Esoterik und der hermetischen Künste, außerhalb des akademischen Establishments. Zu diesen Entwicklungen ist auch das Werk des Wiener Religionsphilosophen Arnold Keyserling zu zählen. Wie Gabriel geht er von einer Zeitenwende aus, als deren Ursache er allerdings nicht sein eigenes Werk betrachtet. Am 5. Februar 1962, um 4 Uhr 41, damals als Gastprofessor und Sprachlehrer in Kalkutta weilend, feierte er zugleich mit vielen Einheimischen — manche des Weltuntergangs harrend — den Beginn eines neuen Zeitalters, der aus der rund zweitausend Jahre alten Bhagavad Gita abzuleiten ist, als der Tag, an dem sich eine bestimmte Häufung der Planeten im Sternzeichen des Wassermanns ergibt. Es war der Beginn des Wassermannzeitalters, welches im Astralmythos einen 2160 Jahre dauernden Weltenmonat darstellt. Er bildet ein Zwölftel des 25.920 Jahre umfassenden Weltenjahres, das durch die Präzession der Erdachse, bzw. durch die Verschiebung des Frühlingspunktes auf dem Hintergrund der ekliptikalen Sternbilder generiert wird.
Dieses Konzept ist in seiner Bedeutung als Matrix der menschheitlichen Kulturentwicklung selbst unter Astrologen umstritten, und wird von manchen völlig abgelehnt. Auch was den Beginn der Zeitalter betrifft, bzw. die Zuordnung des faktischen Geschichtsverlaufs zur Abfolge der Tierkreisthemen, herrscht Uneinigkeit. Das Ganze ist mit vielen Unschärfen und astronomischen Ungenauigkeiten behaftet, vor allem das Verhältnis der ungleich großen zwölf Sternbilder der Ekliptik zu den gleich großen tropischen Tierkreiszeichen bereitet Schwierigkeiten. Dennoch war die Bestimmung unserer gegenwärtigen Epoche durch das Weltenjahr für Keyserling zeitlebens maßgebend, und er betrachtete die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts als den Beginn der neuen Zeit. Eingedenk dieser Festlegung sah er es als seine Aufgabe an, ein philosophisches Denken zu etablieren, das der Qualität dieser Zeit angemessen ist. Sie ist virtuell und konkret durch Naturwissenschaft und Technik, Demokratie und Selbstbestimmung, geistige Toleranz und Vielfalt gekennzeichnet — alles Merkmale, die dem egalitär gestimmten Sternzeichen des Friedens und der Freundschaft zugerechnet werden. Der Wassermann gehört nicht, wie oft oberflächlich assoziiert wird, dem wässrigen, sondern dem luftigen Element an, also nicht dem irrationalen Fühlen, sondern dem rationalen Denken. Dargestellt wird er als Wasserträger, aus seiner Amphore ergießt sich das himmlische Wasser, der Strom der Sterne. Zahl und Maß, Rhythmik und Geometrie der Himmelserscheinungen gelten in dieser Tradition als der Ursprung aller Wissenschaft, Philosophie und Weisheit. Während noch manche Pioniere der modernen Naturwissenschaft, wie Kepler und Newton, Astrologie betrieben, ist für die heutigen Vertreter ihrer Zunft diese Disziplin nur esoterischer Quatsch, zumal die Einwände gegen die Auffassung, der Sternenhimmel könne uns etwas über den Sinn des Lebens offenbaren, von aufgeklärter naturwissenschaftlicher Seite her erdrückend erscheinen. Doch das alte hermetische Paradigma von der Ähnlichkeit des Oberen mit dem Unteren hat durch neue Erkenntnisse wieder mehr an Plausibilität gewonnen, was uns ermutigen sollte, das analoge Denken der Alten aufs Neue in Betracht zu ziehen. Wissen wir doch spätestens seit Entwicklung der Chaostheorie in den 80ern, dass das Komplexe bereits im Einfachen steckt — und dass gleiche Ordnungsprinzipien auf verschiedensten Komplexitätsstufen wirksam sein können, hat die Systemwissenschaft zeigen können.

Die Orientierung an den einfachen Formen des Himmels zeigt einen sinnvollen Weg auch durch die manchmal bis zur Verwirrung reichende Komplexität des irdischen Daseins — so lautet zumindest die Überzeugung jener Menschen, die in den Strukturen am Himmel ein Wissen erkennen, das zur Weisheit führen kann. Was die Natur dieses Wissens betrifft, ist hervorzuheben, dass es eben nicht rein introspektiv, in einem abstrakten, epistemischen Raum, also ohne Bezug auf äußere Sachverhalte gewonnen wird, sondern im uns umgebenden physisch Weltraum, mit dem Blick auf das von uns am weitesten Entfernte. Es ist also nicht von einem weltlosen Subjekt erdacht, sondern der objektiven, sinnlichen Welt entnommen — mag sich diese Welt auch weit entfernt in himmlischen Höhen befinden und einiges an Berechnungen erfordern. Die Weisheit der himmlischen Gesetze ist also die Weisheit der irdischen Gesetze: dieses astrologische Paradigma ist auch im Einklang mit holographischen Denkmodellen, in denen das Große im Kleinen, das Ganze im Teil erkannt wird. Oder: was am Himmel Form und Wandlung bewirkt, bewirkt sie auch auf Erden. Die von C. G. Jung als Synchronizität bezeichnete Teilhabe von an sich unzusammenhängenden Ereignissen am gleichen Sinn ist die eigentliche Grundlage der astrologischen Überzeugung von der Korrelation zwischen Himmelserscheinungen und irdischem Geschehen, und nicht die falsche physikalische Vorstellung von der Beeinflussung des irdischen Geschehens durch hypothetische Strahlen der Planeten (abgesehen von Schwerkraft und Elektromagnetismus bei Sonne und Mond).

Missverständlich ist auch die Vorstellung einer schicksalshaften Vorausbestimmung durch das Horoskop. Nicht einmal durch unser körperliches Genom sind wir völlig determiniert. Abgesehen davon, dass es ja offen ist, was wir mit unseren körperlich angelegten Möglichkeiten machen, wissen wir heute auch, dass epigenetische Mechanismen in Folge bestimmter Lebenserfahrung sogar die Wirkweise des Genoms verändern können. Was nun die Determiniertheit durch das Geburtshoroskop betrifft, liegt eine solche nur im Sinne des mittelalterlichen Kirchenlehrers Albertus Magnus vor, der ausschließlich unsere höchste Möglichkeit als unabwendbares Schicksal betrachtete. Tatsächlich kann man auch weit unterhalb seiner Möglichkeiten sein Dasein fristen. Insofern also die Astrologie nicht von der faktischen Wirklichkeit, sondern von Tendenzen und angelegten Potentialen handelt, ist sie auch nicht als Wissenschaft, sondern eher als eine Kunst zu bezeichnen. Doch dass die Astrologie, die ja ihre Grunddaten phänomenologisch-geozentrisch aus dem Stand der Gestirne abliest, überhaupt keinen Platz findet im Naturkonzept der Wissenschaften, spricht nicht unbedingt gegen die Astrologie, sondern zeigt nur, wie wenig noch von Seiten der Naturwissenschaften das Wirken der Natur verstanden wird, insbesondere im Bereich des menschlichen Bewusstseins. Natürlich ist auch die Astrologie außerstande, mit ihren Theorien an den heutigen wissenschaftlichen Konzepten anzuschließen, nur Spekulationen sind bislang möglich. Keyserling etwa vertrat die Ansicht, dass im Augenblick des ersten Atemzugs grundlegende Assoziationsbahnen im Gehirn festgelegt werden, korrelierend mit der aktuellen Planetenkonstellation. Dass aber Korrespondenzen bzw. Resonanzen zwischen dem erscheinenden Himmel und der Vernetzung der Neuronen bestehen könnten, ist für die heutige Naturwissenschaft absurd. Es wäre aber unvernünftig auszuschließen, dass in Zukunft eine wahrhaft ganzheitliche wissenschaftliche Systemik natürlicher Prozesse auch Beziehungen und Resonanzen zwischen Bereichen feststellen wird können, die nach heutigem Verständnis allzu weit auseinander zu liegen scheinen.

Insgesamt nimmt die Astrologie, ein Thema, das Gabriel in seinem Buch ganz nebenbei als Unsinn abtut, einen breiten Raum ein in Keyserlings Werk.1 Doch was er geschaffen hat, ist nicht nur eine neue, philosophische Astrologie für die Wassermannzeit, mit von der Tradition abweichenden Zuordnungen und Deutungen. Vielmehr ist die Astrologie integraler Teil einer Struktur, die Kosmogonie, Epistemologie und Menschenbild in einem ist. Diese Systemik fand ihren Ausdruck in einem Bild, dem Rad, welches er in all seinen Büchern deutete und kommentierte. Im Atlas des Rades ist zu diesem Symbol zu lesen:

Das Rad ist das älteste Symbol der Menschheit; es ist der numerologische Schlüssel zur Weltweisheit. Während es unzählige Sprachen und Traditionen gibt, zeigt das Rad überall die gleiche systemische Struktur: ob es nun das buddhistische Rad der Lehre ist, das chinesische Symbol des Tai Chi, das indianische Rad des Gesetzes, der finnische Sampo, die pythagoräische Veranschaulichung der Dimensionen und Rechnungsarten, oder die zahllosen Räder der Rosenkreuzer, mit denen sie das Wissen hinter dem Wissen, die Esoterik oberhalb der Sprache beschreiben wollten. Wenn das gekreuzte Rad in einer Vision auftaucht, bedeutet es nach C. G. Jung die psychische Integration. Tatsächlich ist das Rad viel älter. Es wurde in der neolithischen Revolution konzipiert vor elftausend Jahren und vereint die Kriterien von Raum, Zeit und Zahl, die einem ein Dasein zwischen Traum und Wirklichkeit, Tod und Leben ermöglichen.

Das Rad, wie es Arnold Keyserling geschaffen hat, ist im Wesentlichen eine Neukonzeption der pythagoräischen Philosophie, somit mathematisch und rational und darf nicht als mythisches Denken missverstanden werden. Es knüpft zwar am Astralmythos an, doch das Mythische wird als ein Denkstil erkannt, in welchem zeitlos gültige Wahrheiten über die menschliche Seele ausgedrückt sind, ohne den hochentwickelten Begriffsapparat und die empirischen Erkenntnisse unserer Tage. Die Rationalität des Rades vernichtet also den Mythos nicht, sie durchschaut ihn nur auf seinen Sinn. Insofern aber mythische Rede immer bildhafte Rede ist, und die Vieldeutigkeit des Bildes mehr Komplexität erfassen kann als der sprachliche Begriff, wird sie wohl die menschliche Erkenntnis auch in Zukunft begleiten. Daher wird sie im Rad nicht nur vom Mythos in den Logos überführt, sondern hat auch als solche einen festen Platz in ihm, in der Weise, dass neben der neuartigen, von Keyserling durchgeführten rationalen Bestimmung der Bedeutung der 12 Felder durch zwölf rationale Begriffspaare, auch die Symbole der mythischen Astrologie dargestellt sind. Diese bilden mit dem Farbkreis den auffälligsten Teil der Radgrafik, und werden in Übereinstimmung mit der Tradition als zwölfgliedriger Körper des Menschen und als der Große Mensch verstanden, der das Ur-Schema aller Gottes- und Menschenbilder ist.

Keyserlings Ganzheitsvorstellung wird sicher von den meisten Postmodernisten und auch von Gabriel nicht nur als Rückfall in die Moderne mit ihrer Totalitätshörigkeit, sondern gar als Rückfall in die Vormoderne gesehen — soweit sein Werk denn überhaupt wahrgenommen wird. Tatsächlich war Keyserling der Überzeugung, dass eine geistige Erneuerung in unserer Zeit einen Rückgriff auf die Traditionen der Altsteinzeit erfordert, wie sie etwa in den Überlieferungen der nordamerikanischen Indianer fortlebt. Diesen Rückgriff legt die Struktur des Rades selbst nahe, bzw. das Konzept des bereits erwähnten Weltenjahres, welches durch das Rad verständlich wird. Aus dieser Struktur geht hervor, dass das Bild, welches sich die Menschen vom Göttlichen und von der menschlichen Vollendung machen, vom jeweiligen Gegenzeichen einer Epoche geprägt wird. Selbst das biblische Gebot, sich kein Bild von Gott zu machen, ist in diesem Raster zu verorten. Es kommt von dem personhaften Gott der Widderzeit (2360 - 200 v. Chr.), der nur als Stimme vernehmbar ist, und im Gegenzeichen Waage als Gesetzgeber der Gemeinschaft Gehorsam heischt, wobei die Gemeinschaft, mit der sich der Einzelne identifizierte, das Stämme übergreifende Volk war. In der darauf folgenden Fischezeit (200 v. Chr. - 1962) wiederum, die von Christentum und Islam geprägt wurde, wird die göttliche Offenbarung im Gegenzeichen der Jungfrau erlebt. Ihr ist der Planet Merkur zugeordnet, im griechischen Pantheon Hermes genannt, welcher der Archetyp des Gottessohnes und himmlischen Boten ist. Im Christentum fand dies seinen Niederschlag in der Vorstellung vom jungfraugeborenen Gottessohn, im Islam im göttlichen Boten in Gestalt des Propheten. Als Gemeinschaft galt nun nicht mehr ein ausgezeichnetes Volk, sondern das Reich, das verschiedenste Völker durch ein gemeinsames religiöses Bekenntnis eint.

W E L T E N J A H R

In der heutigen Wassermannzeit (1962 - 4120) bildet das Zeichen des Löwen das Gegenüber. Als Symbol von natürlicher Kraft und Souveränität steht es im platonischen Jahr, wie das Weltenjahr auch bezeichnet wird, für die Zeit vor dem Aufkommen von Sesshaftigkeit, Ackerbau, Viehzucht und der Verdrängung der Instinkte durch das sprachliche Denken. Die Mentalität, die mit dem Ende der Löwezeit vor rund 11.000 Jahren verloren ging, entspricht einem ursprünglichen Zustand, in dem der Mensch von der Sicherheit seiner Instinkte getragen war, mythisch noch als die Erinnerung an das Paradies überliefert. Sein jäher Verlust, eben der Verlust der Instinktsicherheit, war von den erwähnten Neuerungen begleitet, die wir heute als neolithische Revolution bezeichnen. Wenn zuvor der Einklang mit der Wirklichkeit spontan und instinkthaft erfolgte, symbolisiert durch das Sonnenzeichen Löwe, bildete sich ab diesem Zeitpunkt ein neues Bewusstsein heraus, in Entsprechung zum Mondzeichen Krebs. Der Kontakt zur Realität war von da an nicht mehr unmittelbar und direkt gegeben, sondern die Vorstellungstätigkeit als Reflexion (Mond) schaltete sich dazwischen und gewann die Oberhand. Diese Vorstellungstätigkeit generiert erinnerbares Wissen, welches fortan als sozio-kulturelle Tradition geheiligt und weitergegeben wurde. Die Krebszeit (8840 - 6680 v. Chr.), mit dem Familienclan als Gemeinschaft und dem saturnischen Schamanen als Hüter der Tradition und Mittler zwischen Menschenwelt und jenseitiger Macht im Bilde des Steinbocks, ist also die erste der fünf bisherigen Epochen menschheitlicher Kulturentwicklung, die der heutige Mensch verstehend integrieren soll. Auf sie folgten die Zwillingszeit (6680 - 4520 v. Chr.) der wandernden Stämme, inspiriert von den Visionen des Großen Geistes im Sinnbild des Schützen, und die Stierzeit (4520 - 2360 v. Chr.) mit ihrer Entstehung der Stadt. Ihre Aufmerksamkeit war vor allem auf die Totenwelt und das Erreichen der Unsterblichkeit gerichtet, im Sinnbild des dem Stier gegenüberliegenden Skorpions, was am klarsten in Ägypten zum Ausdruck kam, mit den Totenbüchern und den Monumentalbauten, welche die Zeit überdauern sollen.

Was wäre also nach diesem Geschichtsraster des Astralmythos das Gottesbild der heutigen sechsten Epoche, die im Kreis des Weltenjahres gleichsam am weitesten vom Paradies der Altsteinzeit entfernt ist, und die nach Klan, Stamm, Stadt, Volk und Reich nun die gesamte Menschheit als Gemeinschaft begreifen muss? Für den Menschen der technisch geprägten Wassermannzeit ist Gott die kreative Spontanität und Selbstorganisation des Universums, wie sie in der natürlichen Evolution in Erscheinung tritt. Die Teilhabe an dieser spontanen, kreativen Kraft ist dem heutigen Menschen sein Vollendungsziel, symbolisiert durch das Sternzeichen des Löwen, dem die Sonne zugeordnet ist. Auch ohne dass sich die Menschheit dieser Koordinaten bewusst ist, äußern sich ihre Wirkungen in der Sehnsucht nach dem Einklang mit der Natur, vor allem in den 60ern und 70ern häufig auch als Technikfeindlichkeit und übertriebene Skepsis gegenüber Rationalität und Wissenschaftlichkeit. Und nicht nur die Hippies aus dieser Zeit der beginnenden Wassermannära mit ihren Idealen frei gelebter Kreatürlichkeit und Ablehnung aller Einengung durch kulturelle Konventionen zeugten von dieser neuen Einstellung, sondern es lässt sich unschwer erkennen, dass im Grunde auch die ganze Ökologiebewegung heutiger Tage, alle Visionen von einer grünen Zukunft, vom Ideal eines naturnahen Lebens im Sinne des Sternzeichens Löwe getragen sind. Auch die vielen Formen von wiedererwachter Naturfrömmigkeit der esoterischen Szene speisen sich aus dieser Zeitqualität, wenngleich viele dieser Ansätze nicht auf der Höhe heutiger Kritikfähigkeit sind.

So wie alles in der Natur, ist laut Rad also auch das Gottesbild der Evolution unterworfen — einer Evolution, offen und unbestimmt im Einzelnen, im Ganzen eindeutig auf eine Richtung eingeschränkt, die vom Sinn des jeweiligen Sternzeichens vorgegeben ist.

Auf Gabriels Gottesbild und sein Bild vom Menschen und der Welt werden wir später noch näher eingehen. Vorausgeschickt sei, dass es für ihn auf Grund logischer Überlegungen die Welt, als Inbegriff des Ganzen, gar nicht geben kann, sondern nur eine Vielzahl voneinander unabhängiger Welten, die er als Sinnfelder bezeichnet. Da es die eine Welt nicht gibt, gibt es auch keinen gemeinsamen Ursprung von allem, egal ob wir nun diesen als Gott oder Big Bang bezeichnen wollen. Er meint gar, Das eigentliche Problem ist die Verehrung eines vermeintlich universellen Ursprungs (S. 190), und sieht darin eine fetischistische Religiosität ihr Unwesen treiben. Andererseits leugnet er Gott nicht, und bestimmt ihn als Die Idee, dass das Ganze sinnvoll ist, obwohl es unsere Fassungskraft übersteigt (S. 264). Den Menschen bestimmt er als das Wesen, das sich selbst nicht kennt und sich dauernd zu erkennen sucht.

Gabriel meint mit seinem Buch einen recht originellen Weg durch das Labyrinth der vielleicht größten philosophischen Fragen anzubieten: Woher kommen wir? Worin befinden wir uns? Und was soll das Ganze eigentlich? (S. 25) Keyserlings Werk ist nicht weniger originell und seine Intention nicht weniger ehrgeizig. Bei Keyserling ist die Welt der Mikro-, Meso- und Makrokosmos, wobei deren materielle Strukturen auch geistig zu interpretieren sind, und auf diese Weise ein Orientierungswissen liefern. Und Gott? Gott ist das Subjekt aller Wesen. Im zeitlosen Sinn ist Gott das Unerschöpfliche, im historischen Prozess aber, im Raster des Weltenjahres, werden bei Keyserling Gott und Mensch eben auf der Achse Wassermann-Löwe bestimmt: Gott ist nicht mehr Vater (wie in der Fischezeit), sondern Freund der Menschen. Der neue Name Gottes ist der Mensch im All, und die Menschen sollen sich als Mitarbeiter der natürlichen Evolution begreifen, als Mitarbeiter am Werk der Erde.

Wir haben bereits genug Merkmale der Radphilosophie angeführt, um schon jetzt, aber spätestens nach der Lektüre der Erörterungen zu Gabriels Konzept der Sinnfelder einzusehen, wie sehr die beiden Ansätze voneinander abweichen. Im vorliegenden Text soll das Rad als zeitgemäßes Werkzeug der Sinnfindung dem Leser nähergebracht werden. Warum aber diese Beschäftigung mit Gabriels Sinnfeldontologie (kurz SFO)? Nicht nur, weil sie in ihrer Ablehnung eines Allzusammenhangs eine Herausforderung darstellt für einen ganzheitlichen Denkansatz, wie ihn das Rad darstellt. Gabriels Gegenüberstellung von Konstruktivismus und einem neuen Realismus lädt auch dazu ein, das Rad als Mittelposition zwischen diesen beiden sich gegenseitig ausschließenden Wirklichkeitsauffassungen zu begreifen. Und schließlich lässt sich im Vergleich von Rad und SFO, durch Kontrastbildung, aber auch durch Aufzeigen von Übereinstimmungen, das Verständnis des Rades vertiefen.

Keyserlings Konzeption des Rades ist etwas, was den Intentionen der SFO völlig zuwiderläuft. Denn sinnfeldontologisch ist das Rad bestenfalls ein Sinnfeld unter den unendlich vielen anderen. Es als integrales, universell gültiges Sinnfeld mit normativem Wert hervorzuheben, wäre vom sinnfeldontologischen Standpunkt aus betrachtet eine durch nichts zu begründende Privilegierung und ein Rückfall in die Metaphysik. Ist man aber überzeugt, dass die Menschheit auch Antworten auf die Frage nach einer gemeinsamen Welt und einer gemeinsamen philosophischen Sprache braucht, ist ein Konzept wie das Rad unverzichtbar. Solche Antworten können wir von den postmoderne Denkern und auch von Gabriel natürlich nicht erwarten, ist doch ihre Erkenntnis, dass es nur verschiedene Diskursarten und Sprachspiele, bzw. Sinnfelder gibt, die auf nichts Gemeinsames rückführbar sind, ja ihre eigentliche Botschaft. Wir wollen nicht bestreiten, dass jeder in seiner eigenen Welt lebt. Aber gerade deswegen ist es notwendig, einen Schlüssel zu finden, der uns einen Raum erschließt, in dem sich alle auf der gleichen Ebene begegnen, alle Ideologie durchschaut, das Wort des anderen verstanden und die gemeinsame Wahrheit erkannt wird.

Durch dialogische Tugenden allein ist das allerdings nicht zu erreichen, sondern es bedarf auch einer Klärung der Begriffe einer Sprache, deren Urteilskraft auf der Evidenz von etwas absolut Allgemeingültigen beruht, nämlich der Zahl, bzw. der Zahlhaftigkeit aller Erscheinungen und allen Sinnes. Diese Sprache ist jedem zugänglich, der die Sehnsucht nach der Ganzheit und der Kommunion mit allen Wesen nicht als leeren Wahn und verstiegenen Erkenntnisoptimismus aufgegeben hat, und den Vorwurf riskiert, die Postmoderne verschlafen zu haben. Ein solcher Mensch bezieht in sein Denken nicht nur das Leben, sondern auch den Tod ein, und schlägt zuweilen auch Gabriels Warnung in den Wind, dass der existentialistische Jammer sich zwangsläufig einstellt, wenn man vom Leben etwas erwartet, dass es nicht gibt, nämlich Unsterblichkeit, ewige Glückseligkeit und eine Antwort auf alle unsere Fragen. (S. 246) Natürlich ist das Rad keine Fahrkarte ins Glück, die uns sicher und schmerzfrei an unser Ziel bringt. Leiderfahrungen sind unausweichlich. Überflüssiges Leid kann aber durch denkerische Einsicht in wesentliche, durch das Rad erklärbare Lebenszusammenhänge teilweise vermieden werden, unausweichliches Leid aber als notwendige Begleiterscheinung von Wachstumsprozessen verstanden und integriert werden.

Das Rad ist eine Landkarte, die gangbare Wege aufzeigt — in Form des Geburtshoroskops, als angelegtes Entwicklungspotential — durchaus auch solche ganz individuellen Zuschnitts. Das Allgemein-normative an diesem Ansatz liegt vor allem darin begründet, dass in der Astrologie der Tierkreis als Bild des menschlichen Leibes verstanden wird, den wir alle haben. Seine Organe und Funktionen werden auf Grundlage des analogen Denkens nicht nur als körperliche, sondern auch als seelische und geistige Bereiche interpretiert, in denen sich alles menschliche Leben abspielt. Eines davon nicht zu berücksichtigen, kann im Laufe des Lebens nicht weniger dramatische Konsequenzen zeitigen, wie das Fehlen eines körperlichen Organs oder Störungen einer Körperfunktion. Dass alle Fragen beantwortet werden, kann man sich vom Rad natürlich auch nicht erwarten, aber es hilft, die richtigen Fragen zu stellen, die zu einem sinnvollen Leben führen.

Für Keyserling ist das Erlernen des Radwissens die Rückkehr zur alten Weisheitstradition und ein Anknüpfen an die ewige Philosophie, europäisch Philosophia Perennis, indisch Sanatana Dharma, die die menschliche Freiheit darin sieht dass der einzelne Mensch durch Erkenntnis seiner inneren Leere und Nichtigkeit, also dem Eingeständnis seiner Kreaturhaftigkeit, zum Mitwirkenden an der Evolution erwächst. (Rückkehr des Selbstverständlichen) In der kleinen Schrift Die sechste Schule der Weisheit, wo Keyserling eine historische Standortbestimmung seiner Arbeit vornimmt, meint er zur Weisheit:

Sie bedeutet Einübung in das ganzheitliche Leben und kreatives Handeln aus dem Subjekt, welches am göttlichen Subjekt teilhat. Griechisch heißt sie Sophia, buddhistisch Prajna, chinesisch Tao, mystisch nach Meister Eckhart Einstimmung in das dunkle Wollen der Gottheit jenseits der Dreieinigkeit. Indianisch ist der Weise der man of knowledge wie Don Juan bei Castaneda, afrikanisch der Schamane oder Zauberer, persisch der Magier, chaldäisch der Astrologe und ägyptisch jener, der die Nachtfahrt des Osiris durch die Erweckung des Mondauges bestand und somit auf dem Weg der Menschwerdung weiterschreiten konnte.

Was nun die Aneignung der Sprache des Rades betrifft, so erfordert sie nicht so sehr ein akademisches Lernen, sondern ist von initiatorischer Art. Es verlangt ein Wagnis und eine immer wieder unternommene Einstimmung. An einer Stelle meint Keyserling, vielleicht etwas überspitzt, da ja rationale Beschäftigung mit diesem Wissen unumgänglich ist: Das Rad kann man weder begreifen noch verstehen, man muss es wollen. Gelingt nun diese geforderte Einübung und Einstimmung, erweist sich das Rad nicht nur als Werkzeug der individuellen Entfaltung, Sinnfindung und Menschwerdung, sondern es wird dann auch das Wort Heraklits einsichtig, dass die Wachenden ein und dieselbe gemeinsame Welt haben, während sich von den Schlafenden ein jeder zu seiner eigenen abwende. (Capelle 1968)

1Eine Hilfe zum Verständnis bietet der Beitrag seiner Frau Wilhelmine Keyserling, die mit Anlage als WegTheorie und Methodik der Astrologie der Wassermannzeit das praktische Grundlagenwerk dieses Ansatzes geschaffen hat.
Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD