Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

2. Zusammenhang

Teilhabe am Ganzen

Gabriel beruft sich auf die Logik, wenn er uns die Unmöglichkeit einer alldurchdringenden Einheit und Ganzheit beweist. Keyserling betont hingegen die Beschränktheit der Rationalität, wenn es um das Erfassen der Ganzheit geht, doch ihr Sein wird nicht in Frage gestellt:

Es gibt nur eine Welt. Sie umfasst Diesseits und Jenseits, Natur und Geist, Mensch und Gott. Sie ist rational nicht zu bestimmen; sobald man das Unendliche einfangen will, ist die Rationalität gesprengt. Die Ganzheit übersteigt alle Vorstellung. (Das magische Rad, 1993)

Doch das vielleicht klarste und eindringlichste Wort zum Sein des Einen und Ganzen, und dessen Verhältnis zu Denken und Sprache spricht Nikolaus von Kues in De docta ignorantia:

Es ist ja einleuchtend, dass kein Name eigentlich dem Größten angemessen sein kann, da es das schlechthin Größte ist, zu dem nichts in Gegensatz tritt. Alle Namen sind nämlich auf Grund einer gewissen Besonderheit in der verstandesmäßigen Erfassung den Dingen zugelegt, auf der die Unterscheidung des einen vom anderen beruht. Wo jedoch alles eines ist, da kann es keinen besonderen Namen geben. Hermes Trismegistus sagt darum mit Recht: Da Gott die Gesamtheit der Dinge ist, so gibt es keinen ihm eigenen Namen, müsste doch Gott sonst mit jeglichem Namen benannt werden oder alles mit seinem Namen. Er umgreift ja in seiner Einfachheit die Gesamtheit aller Dinge. Gemäß seinem eigentlichen Namen — der für mich als unaussprechbar gilt und das Tetragramm ist, d. h. aus vier Buchstaben besteht, und der deshalb eigentümlicher Name ist, weil er Gott nicht zukommt gemäß irgendeiner Beziehung zu den Geschöpfen, sondern gemäß seinem eigenen Wesen — müsste man ihn deuten als Einer und Alles oder Alles in Eins, was noch besser ist. So haben wir oben auch die größte Einheit gefunden, die dasselbe ist wie Alles in Eins. Freilich noch gemäßer und zutreffender als Alles in Eins erscheint der Name die Einheit. Deshalb sagt der Prophet, dass an jenem Tage Gott Einer sein wird und sein Name das Eine, und an anderer Stelle Höre Israel (das bedeutet der, welcher Gott mittels der Vernunft erschaut), dein Gott ist Einer. (in Jan Assmann: Moses der Ägypter, 2011)

Gabriel sieht seine Ablehnung des Weltbegriffs eines Sinnes mit dem Christuswort, sein Reich wäre nicht von dieser Welt, und eines Sinnes mit dem alttestamentarischen Verbot, sich von Gott ein Bild zu machen. Er sieht sie auch eines Sinnes mit der buddhistischen Weltüberwindung. Doch aus dieser Tradition ist uns ein weiteres eindringliches Wort überliefert, das Gabriels Verneinung einer alldurchdringenden Einheit widerspricht. Buddha sagt in seiner letzten Predigt:

Nichts ist in den sichtbaren und unsichtbaren Welten außer einer einzigen Macht, die ohne Anfang und Ende ist und nur ihrem eigenen Gesetz untertan. Versucht nicht, ihre Unermesslichkeit mit Worten zu fassen. Wer fragt, irrt schon, wer antwortet irrt ebenfalls. […] Vergesst nicht: jeder kann jene höhere Macht erlangen.

Auch hier wird die logische Fasslichkeit des Ganzen verneint, aber nicht dessen Sein. Obendrein wird behauptet, dass es jeder erleben, dass jeder zu dieser ursprünglichen Realität durchstoßen kann, und der Buddhismus will einen Weg zeigen, wie man damit in Kontakt kommt. Auch die Lehre vom Rad ist von dieser Intention getragen, ist jedoch nicht an Mönche gerichtet, sondern an den heutigen Menschen, der sich als Mitarbeiter der Evolution verstehen soll. In diesem Zusammenhang muss man sich bewusstmachen, dass die Menschen früherer Epochen gleichsam gar nicht auf einem Planeten gelebt haben. Wir Heutigen wissen hingegen, dass die Erde von uns verwüstet werden kann, und dass ihre Erhaltung uns überantwortet ist. Obendrein ist der Einklang mit der Natur heute nicht nur eine Überlebensnotwendigkeit, sondern auch ein spirituelles Ziel, wenn wir die Erscheinungen der Natur als wesenhaften Ausdruck der ursprünglichen Realität begreifen, wie etwa in der Hermetik. Im Grunde geht es heute darum, die Erde und das ganze Universum als ein umfassendes Sinnfeld zu begreifen, das auch den Lebenssinn umfasst, und nicht als beschränkten Gegenstandsbereich, von bloß praktisch-technischem Belang.

Um zu einer wahrhaft ganzheitlichen Einstellung zu kommen, ist aber eine grundlegende Umkehr nötig, die nicht nur für den Weg des Rades typisch ist: nämlich das Verlassen aller bloß abgeleiteten Anschauungen, die den Menschen woanders verorten, als in der Mitte seiner Welt. Das ist keine prinzipielle Absage an die Naturwissenschaften, die bekanntlich jeden Anthropozentrismus meiden und alles Subjektive ausklammern. Ihre Erkenntnisse sind gültig und unbedingt zu berücksichtigen. Im Rad werden diese sogar in einer Weise auf den Menschen bezogen, dass sie für das Finden des Lebenssinnes, im individuellen wie im kollektiven Maßstab relevant werden. Doch die wissenschaftliche Einstellung, bei welcher per definitionem der Mensch niemals die Mitte einnehmen darf, hat keinen Zugang zum Sinn des Lebens. Dieser erschließt sich nur, wenn ich die Mitte der Welt bilde. Das ist kein Egozentrismus der Selbstüberhebung, welcher durch Isolation und Selbstbespiegelung zu charakterisieren wäre. Nein, die Mitte, die hier gemeint ist, ist der einzige Ort, von dem ich mit der erlebten Welt in Dialog treten kann. Ich begegne allem so, dass es zu einem mich Ansprechenden, mich Meinenden wird. Auch ein Geschehen etwa in der anorganischen Welt um mich herum kann mir eine Botschaft, eine Antwort und ein Zeichen sein, auf eine mich zurzeit beschäftigende Frage. Wenn ich in dieser Weise der Welt als einem mich ansprechenden Du begegnen will, ist natürlich klar, dass ich mich nicht nur auf ein Sinnfeld beschränken kann. Aus allen Sinnfeldern und Gegenstandsbereichen kann mich eine Antwort auf Fragen zu meinem Lebenssinn erreichen. Eine solche Erlebnisweise ist uns aus dem Schamanismus bekannt, wo man sein persönliches Leben als so verwoben mit den kosmischen Sinnfeldern versteht, dass Steine, Tiere und offenbar rein mechanische Vorgänge in der Natur eine Botschaft für den persönlichen Menschen bereithalten können. Keyserling bezeichnet dieses Erleben als Leben im Gewahrsein.

Es gilt also, auf die beschriebene Weise zur Mitte zu werden — in Erwartung, dass die Welt zu mir spricht, und wissend, dass ich diese Mitte immer wieder verliere und immer wieder anstreben muss. Wie der Schamane muss aber auch der heutige Mensch natürlich seine Zeichen deuten können. Dies geschieht nicht außerhalb jeglichen Kontextes, sondern immer innerhalb eines solchen. Für die archaischen Kulturen sind dafür mythische Kosmogonien, Karten der verschiedenen Welten und überlieferte Erkenntnisse über die Funktionen der verschiedenen Wesen in der Natur maßgebend. Doch in unserer Zeit reicht es nicht aus, sich bloß in einem vorwissenschaftlichen, mythischen Kosmos zu verorten, wenngleich die dialogische Beziehung zur Natur, wie sie im Schamanismus verwirklicht wurde, nicht überholt ist. Jedoch ist unsere primäre Umwelt nicht die Prärie oder der Dschungel, sondern die moderne, technische Zivilisation. Die Mitte anzustreben und seinen Sinn zu finden, heißt, sich in einem Sinnfeld zu verorten, das dem heutigen Leben in seiner ganzen zivilisatorischen Komplexität gerecht werden kann. Eine solche Struktur, die einerseits den naturwissenschaftlichen Kosmos in ein ganzheitliches Sinnfeld verwandelt, andererseits die menschheitliche Zivilisation verständlich macht und den Einzelnen darin verortet, ist das Rad. Der Mensch soll die Mitte einnehmen im Kreis der 12 Tierkreisthemen, die individuell den Lebenslauf und die Lebensthemen, kollektiv den historischen Prozess und die zwölf großen Zivilisationsgebiete bedingen. Die Berücksichtigung dieser 12 Themen ist entscheidend für einen ganzheitlichen Lebenssinn.

Zivilisationsgebiete
  1. Politik
  2. Kunst / Erzeugung
  3. Wissenschaft
  4. Ernährung / Versorgung
  5. Spiel / Erziehung
  6. Ökonomie
  7. Gesellschaft / Recht
  8. Ökologie / Kampf
  9. Offenbarung / Dichtung
  10. Staat
  11. Kultur / Technik
  12. Medizin
Lebensthemen
  1. Ich / Person
  2. Besitz / Gestaltung
  3. Werdegang / Gruppe
  4. Familie / Wurzeln
  5. Meisterung
  6. Arbeit
  7. Partnerschaft / Gemeinschaft
  8. Krise / Erneuerung
  9. Inspiration / Weg
  10. Beruf
  11. Werk / Freundschaft
  12. Regeneration

Wenn wir es an dieser Stelle auch nicht mit nötiger Ausführlichkeit behandeln wollen, so sei noch angemerkt, dass neben der 12fältigen Struktur zudem die Achterstruktur der Raumrichtungen zu berücksichtigen ist, die den Menschen gegenüber der Transzendenz öffnet, dem Subjekthaften, das vom diskursiven Verstand niemals aufgefunden werden kann.1 In einem spirituellen Verständnis des Achterkreises, wie es noch heute bei manchen nordamerikanischen Indianern vorherrscht, werden die Raumrichtungen als Öffnungen zum All als Beseeltheit verstanden. Hier werden nicht nur Feuer, Mineral, Pflanze und Tier zu wirkenden Subjekten, sondern auch Tote und andere körperlose Wesenheiten und helfende Geister. Auch das eigene Subjekt ist hier verortet, nämlich in der Mitte der achtfältigen Raumstruktur. Durch sie geht die senkrechte Achse des Menschen, mit der Spannung der beiden hinzukommenden Richtungen des Oben und des Unten, der alles Streben nach höherer Integration entstammt — dem teilhaften Subjekt steht ewig das Ganze gegenüber.

1Die acht Richtungen des Raumes sind geometrisch durch die vier Diagonalen aus der Mitte des Einheitswürfels gegeben, zu seinen acht Eckpunkten zielend. Phänomenologisch und auf die Fläche projiziert ist der Achterkreis durch die Richtungen vorne, hinten, links, rechts und die vier Zwischenrichtungen gegeben.
Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD