Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

3. Lebenssinn

Weltbilder und Orientierung

Worin unterscheidet sich das Rad von den überlieferten Religionen? Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass das Rad eben ein philosophisches Werkzeug der Sinn-Kombinatorik ist, während die Grundlage einer Religion eine der Transzendenz entstammende Offenbarung ist, die einem Kulturheroen zuteilwurde. Die Wahrheit der Offenbarung wird von den nachfolgenden Menschen gläubig übernommen, und Normen, Übungen und Rituale dienen der Einübung und Einstimmung auf die einmal geoffenbarte Weltordnung — und Abweichungen werden meist mit Sanktionen belegt.

Nun sagt zwar Keyserling, dass auch das Rad eigentlich der Sphäre der Offenbarung angehört, nur in einer Ur-Intuition erfasst werden kann. Das heißt aber nicht, dass man von einer Radvision ergriffen werden muss, wie es ihm geschehen ist, als er als junger Mann, Bergson lesend, in einem Kaffeehaus in Brüssel saß, was er in Visionen der Wassermannzeit beschreibt. Es heißt auch nicht, die Wahrheit des Rades blind zu glauben. Vielmehr geht es darum, ihrer gewahr zu werden. Die Ur-Intuition, von der hier die Rede ist, meint die Einsicht, dass das Rad in aller Bewusstwerdung und Gestaltwerdung wirksam ist, vergleichbar der Einsicht, dass die Grammatik in all unserem sinnvollen Sprechen wirksam ist. In seiner konkreten Erscheinung ist außerdem das Rad zu allen Zeiten immer etwas vom Menschen Erschaffenes, und — ohne dass es nun jeder neu erfinden muss — kann es von jedem, der intuitiv seine Wahrheit erkannt hat und es als Generator von Sinn nutzbringend anwenden will, erlernt und angeeignet werden. Abweichungen sind hier als selbstverständlich vorausgesetzt, da jeder individuelle Mensch aus den gegebenen Möglichkeiten (Sinnfeldern) seinen Lebenssinn erschaffen kann durch Kombinatorik — eine Kombinatorik, die einerseits durch die individuelle Anlage bedingt und eingeschränkt ist, andererseits auf freier Wahl beruht. Die unterschiedlichen Lebensentwürfe, Stile und Weisen der Verkörperung die dabei entstehen, bereichern die Vielfalt und sind ein Ausdruck der schöpferischen Urkraft.

Insofern sie die Frage nach dem Sinn des Ganzen beantworten und Orientierung bieten wollen, liefern Religionen ein vorgefertigtes Sinnfeld, mit der Aufforderung, sich in dieses zu stellen. Sie wissen von einem allgemeinen Sinn, bzw. Sinnfeld, das jedes individuelle und einzigartige Leben mit ausreichend Sinn versorgen kann — allerdings mit der Gefahr, dass das allzu Individuelle auf der Strecke bleibt. Wegen letzterem sind die traditionellen Sinnfeld-Angebote für viele Zeitgenossen unattraktiv geworden und müssen gar als gefährlich eingestuft werden, da sie das Zusammenleben empfindlich stören können. Die Bekenner der Einheit und Ganzheit haben oft die unangenehme Eigenschaft, ihr gläubig übernommenes Sinnfeld als alternativlos zu sehen und es allen anderen auch aufdrängen zu wollen. Das liegt aber nicht unbedingt an dem favorisierten Sinnfeld, wenngleich manche von ihnen tatsächlich als alternativlos konzipiert sind. Meist werden sie aber bloß so rezipiert, was wohl in der Natur des Menschen liegen muss. Erhellungen dazu liefert die Psychologie, indem sie Gründe aufzählen kann, warum manche Menschen, die sich im Besitz der alleinseligmachenden Wahrheit wähnen, zur Durchsetzung dieser Wahrheit sogar über Leichen gehen — und das mit dem Bewusstsein, für eine gerechte Sache zu kämpfen. Man sollte aber nicht den Fehler begehen, mörderischen religiösen Fanatismus immer auf defizitäre Biographien zurückzuführen, oder auf wirtschaftliche Nöte. Aufgewachsen sein in Wohlstand und einer ausreichend liebevollen Atmosphäre bewahrt nicht vor destruktiven Fehlentwicklungen, wenn der Geist erfüllt ist von Imperativen, die von der höchsten Autorität stammen, und daher nicht in Frage gestellt werden dürfen. Wenn religiöse Traditionen und Texte selbstständiges Denken unterbinden, sind sie verantwortlich für perverse Überzeugungen, die man — statt die psychischen Störungen — als die eigentlichen Geisteskrankheiten bezeichnen müsste.

Der persönliche Lebenssinn muss also selbstbestimmt geschaffen werden, wenn man nicht eine der überlieferten Schablonen übernehmen will — was ein Gebot der Stunde ist, da die traditionellen Angebote allesamt in die Separation führen. Aber auch ein falsch verstandenes wissenschaftliches Weltbild ist abträglich für die Sinnsuche. Als Anhänger eines solchen lassen wir uns von objektiven Erkenntnissen leiten und verorten uns in einem blind waltenden, materiellen Universum, welches es nicht kratzt, ob es uns in diesem Universum gibt oder nicht, was wir da treiben oder unterlassen. Wir sind da bloß eine Randerscheinung, der Sinn unseres Lebens ist darin nicht zu finden. Diese Auffassung teilt Gabriel mit den Naturwissenschaften, was er mit ihnen nicht teilt und weshalb er sie kritisiert, ist die Auffassung, der naturwissenschaftliche Blick auf die Realität wäre der einzig legitime. Der Hegemonialanspruch der Naturwissenschaften wäre völlig unangebracht, wenn er sich auch auf philosophische Fragen erstrecken will, denn aus den Kenntnissen des Gegenstandsbereichs Universum Urteile über den Sinn oder Unsinn des menschlichen Lebens zu fällen, wäre schlicht unzulässig. Je mehr wir vom Universum wissen, umso sinnloser erscheint es uns, hat der Physiknobelpreisträger Steven Weinberg einmal geäußert, wobei er mit Universum natürlich das Gesamt der Wirklichkeit meinte. Ein solches Urteil erscheint im Licht der SFO als eine unzulässige Verwechslung und Vermischung von Sinnfeldern und eine Kompetenzüberschreitung. Sinn für den Menschen gibt es laut Gabriel, doch im Gegenstandsbereich Universum hätte das menschliche Leben keinen Sinn von der Art, wie wir ihn benötigen. Wir sind dort nur Staubkörner in galaktischen Weiten. Von Seiten der SFO heißt es, man müsse sich bloß in anderen Sinnfeldern verorten, dann erschließt sich schon der Sinn. Doch wo verorte ich mich mit meinem Leben? Die SFO wird einfach auf die breite Palette von Möglichkeiten hinweisen — Berufsleben, Familie, Kariere, Kultur, Politik, Sport, Religion — man muss einfach nur wählen, Sinn gibt es wie Sand am Meer. Aber wissen wir nun mit dieser Einsicht mehr als vorher? Orientierung bietet uns das Konstatieren von unzähligen Sinnfeldern nicht. Orientierungshilfen anzubieten ist das Geschäft der Religionen, und wenn Philosophie als Streben nach Weisheit verstanden wird, auch deren Geschäft. Laut SFO sind alle möglichen Werte, Ideale, Ideen und Konzepte und Lebenserfahrungen real und voller Sinn, doch wie das alles zu integrieren ist, dafür liefert die SFO keine Orientierung, sie verweist nur auf ein Perspektivenmanagement und demokratisches Verhandeln darüber, was gut und brauchbar ist. Es unterscheidet sich die SFO in der Praxis dann kaum vom Konstruktivismus. Anders stellt sich die Lage dar, wenn man einen objektiven, allen zugänglichen Gegenstandsbereich, nämlich das Universum, als gemeinsames, ganzheitliches Sinnfeld erkennt. Dies kann mit Hilfe des Rades gelingen, es ist dann gleichsam die alchemistische Tinktur, die das sinnlose, naturwissenschaftliche Universum in das Gold des Sinnes verwandelt.

Selbst die Vorstellung von einem kalten, mechanistischen, ja sinnlosen Kosmos und einer entzauberten Wirklichkeit sind mögliche Sinnfelder, sind ein möglicher Sinn, den der Mensch der Wirklichkeit zusprechen kann, stellt Gabriel fest. Dass wir uns in solch destruktiven Sinnfeldern verorten, dem vor allem die Naturwissenschaft Vorschub leistet, will er entgegenwirken. Doch gibt es vielleicht auch einen anderen Blick auf das Universum, einen der das Menschliche darin nicht abtötet? Oder anders gefragt, sich der Unterscheidung der SFO bedienend: Kann es sein, dass das Universum nicht bloß ein Gegenstandsbereich, sondern ein Sinnfeld ist? Ist vielleicht all das was wir im Universum beobachten, nicht nur auf den einen eindeutigen, nüchternen Sinn beschränkt, den die Naturwissenschaften hervorholen? Ein Sinn, der übrigens gar nicht so nüchtern ankommt bei den heutigen Menschen. Ist doch der Einblick in die Beschaffenheit des Universums, wie ihn etwa Kosmologie, Hirnforschung und Quantenphysik bieten, dazu angetan, Staunen und gar Ehrfurcht auszulösen. Sind also die Gegenstände im Gegenstandsbereich Kosmos also vielleicht doch nicht nur eindeutig, sondern vieldeutig wie eben die Gegenstände in einem Sinnfeld? Birgt vielleicht das Atom noch einen anderen Sinn als den, den es in Physikbüchern, in Teilchenbeschleunigern oder Atomkraftwerken hat? Und sind uns die strahlende Sonne und der nächtliche Sternenhimmel nicht immer schon mehr gewesen, als uns die modernen Naturwissenschaften über sie erklären? Wenn uns der Gegenstandsbereich Universum zu einem Sinnfeld werden könnte, wären wir auch tatsächlich bei einer gemeinsamen Welt angelangt. Denn was ihn auszeichnet, ist seine Universalität, alle Menschen haben als körperliche Wesen an diesem Gegenstandsbereich teil. Nimmt man also das materielle Universums als Basis, sind wir auf jeden Fall in einem gemeinsamen Bereich verortet, und der Umstand, dass über die Gültigkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse allgemeiner Konsens besteht, kann uns in dieser Entscheidung nur bestärken.

Ein naturalistisches Weltverständnis wird aber oft abgelehnt, nicht nur von Seiten der SFO, weil es auf einen reduktionistischen Physikalismus oder Biologismus hinauszulaufen scheint. Doch dies muss nicht zwangsläufig so sein, wie man im Rad sehen kann, welches seine Struktur den Erkenntnissen über die menschliche Sinnlichkeit und über die Gestalt von Mikro-, Meso- und Makrokosmos verdankt, und dabei nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelische und geistige Dimension des Menschen in den Blick bekommt. Zu einer solchen Schau ist allerdings das rein diskursive Denken nicht fähig, sondern nur das analoge Denken, welches die Hermetik auszeichnet. Zu ihren Künsten zählt auch die Astrologie, von Gabriel als Unsinn abgetan, und von Keyserling ins Zentrum seines Denkens gestellt, wie eingangs schon erwähnt. Mit der Entscheidung, einen Kreis von 12 Sinnfeldern als normativ hervorzuheben, hat man sich natürlich sehr weit von der SFO entfernt und zu ihr in Widerspruch gesetzt. Aber nicht nur deswegen wollen wir die Frage stellen, in welcher Weise ein solches Denken, eine solche Wahl zu begründen ist. Sicher nicht bloß durch Glauben an die Astrologie, was heute vielfach mit irrigen physikalistischen Vorstellungen verknüpft ist, wie jener, dass uns die Planeten energetisch beeinflussen. Vielmehr ist die Grundidee, der dieses Denken verpflichtet ist, jene von den universellen Prinzipien, die durch alle Ebenen und Größenskalen hindurch wirksam sind. Diese philosophische Einstellung ist typisch für die in der Neuzeit verdrängte Hermetik, welche in der heutigen, häufig kritisch beäugten Esoterik in vielerlei Verkleidungen ihre Wiederkehr feiert. Die Signaturenlehre der mittelalterlichen Heilkunde etwa verwirklicht diese Einstellung, indem durch Feststellen von ähnlichen Formen und Farben Beziehungen hergestellt wurden zwischen Pflanzen und körperlichen Organen. Aber eigentlich ist auch den Naturwissenschaften ein solches Denken nicht ganz fremd, kennt doch auch die Physik ein Korrespondenzprinzip in Bezug auf Mikro- und Makrokosmos, und vor allem das Systemdenken und die Wissenschaft von den selbstähnlichen, skaleninvarianten Fraktalen ist mit der Tatsache vertraut, dass sich gleiche Formen und Strukturen in verschiedenen Größenordnungen finden. Der geflügelte Hermes, der alle Ebenen durchdringt, in Ober-, Unter- und Zwischenwelt zu Hause ist, ist ein mythisches Bild für diese Einstellung.

Einen gemeinsamen Sinn in unterschiedlichsten Bereichen zu entdecken, ist also typisch für die Hermetik. Ihre Grundüberzeugung drückt sich im ersten Satz der alchemistischen Bibel, den Smaragdtafeln des ägyptischen Hermes Trismegistos aus: Es ist wahr, ohne Zweifel und gewiss: das Untere ist gleich dem Oberen, und das Obere gleich dem Unteren, zur Vollendung der Wunder des Einen. Wenn in der SFO gleichsam ein Verbot besteht, Sinnfelder zu vermischen, wird dies somit beim hermetischen, analogen Denken zur Methode. Die Eigengesetzlichkeiten der verschiedenen Sinnfelder treten in den Hintergrund, stattdessen werden Korrespondenzen zwischen den äußerst unterschiedlichen Sinnfeldern festgestellt, und sinnfeldontologisch völlig Unzusammenhängendes kann plötzlich geeint werden in einem neuen, umfassenderen Sinnfeld. Bei der hermetischen Einstellung vollzieht sich die Bewegung durch die vielen Sinnfelder also nicht so sehr in der Horizontalen, als vielmehr senkrecht durch die Felder hindurch. Während in der horizontalen Betrachtung der Sinnfelder ihre Eigengesetzlichkeit beachtet wird, und etwa erkannt wird, dass unterschiedliche Sinnfelder nichts miteinander zu tun haben, bleibt die hermetische Einstellung offen für einen möglichen Zusammenhang zwischen ihnen, jenseits der unterschiedlichen Eigengesetzlichkeiten. Man entdeckt, dass sich etwas darin dennoch gleicht. Indische Yogaphilosophie bspw. hat für das diskursive Denken nichts mit Atomphysik zu tun. Das hermetische Denken hingegen erkennt im Energieleib der Yogaphilosophie, also den sieben Chakren, dieselbe Struktur wie im Atom, dessen 7 Energieniveaus durch die sieben sogenannten Hauptquantenzahlen bezeichnet werden. Hermetik folgt der Überzeugung, dass die eigentliche Grundlage aller Analogie und Ähnlichkeit die Fältigkeit der Zahl ist, dass alles zahlhaft und dass die Zahlenfältigkeit die Art und Weise ist, wie etwas erscheint, was daher ihren Sinn ausmacht. So erkennt der Hermetiker letztendlich, dass alles von einem einzigen Sinn durchwoben ist.

Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD