Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

3. Lebenssinn

Der Große Mensch

In Urreligion Astrologie meint Arnold Keyserling:

Was ist nun ein sinnvolles Leben? Es setzt voraus, dass der Mensch seine Vergangenheit akzeptiert und positiv versteht. Dass er eine klare Vorstellung von einer möglichen Zukunft hat, und dass er in seiner Wahl und seinen Entscheidungen weder von anderen Menschen noch von der Vergangenheit oder von Ideologien und Bekenntnissen abhängig ist, sondern Subjekt seiner selbst ist, seine Lebenslinie und seinen Stil frei und schöpferisch aus gegebenen Möglichkeiten erschafft. Diese Möglichkeiten sind, persönlich und kollektiv, die Qualitäten der Zeit: der Tierkreis, die Planeten und ihre Konstellationen; ferner die Qualitäten des Raumes und der Sinne: Kriterien, die von der galilei-newtonschen Naturwissenschaft abgelehnt wurden.

Neben den Qualitäten der acht Raumrichtungen, die als Zugang zu den kosmische Mächten und Helfern verstanden werden, wozu Keyserling beim Medizinrad der nordamerikanischen Indianer Anleihe genommen hat, und den Qualitäten der fünf Sinne, deren mathematische Struktur im Wesentlichen das Gerüst des Rades bestimmen, sind die Qualitäten der Zeit, wie sie die Astrologie kennt, die entscheidenden Parameter der Sinnfindung durch das Rad. Sie sind die Koordinaten, in denen das menschliche Bewusstsein geortet ist. Wenn die meditativen Wege die leere Mitte im Augenblick anpeilen, ist das Leben im Rad eine lebenslange Meditation, in welcher ein Kreis der wesentlichen Lebensthemen die Mitte konstelliert. Sich mit Hilfe des Rades in der Mitte seiner Welt zu verorten heißt also vor allem, sich im Zentrum des sogenannten Lebenskreises zu verorten, in den zwölf Sinnfeldern des Tierkreises der Astrologie. Leider steht diese in so schlechtem Ruf, dass wissenschaftliche Vorurteile leicht den Blick verstellen auf ein uraltes Bild der menschlichen Ganzheit und Vollendung, welches einer tiefen Schau entstammt und noch heute Gültigkeit hat.

Dieses zwölffältige Sinnfeld, das Bild des großen Menschen, das für Gott, den vollendeten Einzelnen und für die menschheitliche Zivilisation steht, ist nicht nur astralmythisch überliefert. Es lässt sich auch rational erschließen, aus den Bewusstseinskomponenten empfinden, denken, fühlen, wollen, Körper, Seele und Geist, die neben der Leere des Gewahrseins die sieben epistemologischen Grundkonstanten des Rades bilden. (Weiter unten werden wir diese Komponenten noch näher erläutern.) Dabei sind die 7 Ur-Begriffe von empfinden bis Geist unveränderlich, doch die zur Charakterisierung der 12 Felder gewählten Begriffe sind nicht sakrosankt, sie können auch durch andere ersetzt werden, wenn sie den gleichen oder ähnlichen Sinn zum Ausdruck bringen. Wenn man will, kann man in dieser Variabilität die von der SFO behauptete Eigenschaft von Sinnfeldern erkennen, nämlich dass sie nicht durchdefiniert, relativ unterbestimmt sind, wie Gabriel sagt.

BereichundFunktionFeldTierkreiszeichen
Seele-wollenPersönlichkeit / IchI.Widder
Körper-empfindenMaterielles / BesitzII.Stier
Geist-denkenWissen / LernenIII.Zwillinge
Seele-fühlenFamilie / WurzelnIV.Krebs
Körper-wollenMeisterung / SpielV.Löwe
Geist-empfindenWirtschaft / ArbeitVI.Jungfrau
Seele-denkenGesellschaft / GemeinschaftVII.Waage
Körper-fühlenTod / ErneuerungVIII.Skorpion
Geist-wollenWeg / InspirationIX.Schütze
Seele-empfindenStaat / BerufX.Steinbock
Körper-denkenKultur / WerkXI.Wassermann
Geist-fühlenGanzheit / HeilungXII.Fische

Jeweils einer der 3 Bereiche und eine der 4 Bewusstseinsfunktionen konstellieren ein Feld, etwa Seele und fühlen das Feld: Heim, Familie, Unbewusstes (=Krebs). Hier ist alles zu verorten, was zu diesem Thema gehört — von Eltern-Kind-Beziehungen, den Erfahrungen von Ernährtsein und Geborgenheit, und den seelischen Konflikten und Verstrickungen beim Ausbleiben derselben, bis zu den Träumen und Wünschen, in denen sich Bedürfnisse und Motive melden. Dieses Feld hat nachbarschaftliche Beziehungen zu Geist-denken = Feld: Lernen, Lehren, Werdegang (=Zwillinge) und ebenso zu Körper-wollen = Feld: Spiel, Erziehung und Meisterung der eigenen Anlage, des kreativen Selbstausdrucks (=Löwe). Zu Seele-empfinden = Feld: Staatsorganisation und Berufswelt (=Steinbock) hingegen hat es maximale Distanz, hat wegen der kreisförmigen Anordnung eine oppositionelle Beziehung — eben den bekannten Gegensatz von privat und öffentlich, die zugleich eine komplementäre ist. Denn sie bedingen einander, das eine kann ohne das andere nicht sein. Der Staat (Steinbock) muss Umstände schaffen, in denen das Gedeihen der Familie (Krebs) gewährleistet ist, die Heranwachsenden wiederum sollen Funktionen übernehmen, die das Staatsgefüge erhalten. Auf der individuellen Ebene bedeutet dieses komplementäre Verhältnis unter anderem, das Gleichgewicht zu halten zwischen familiär-seelischen Bedürfnissen und beruflichen Anforderungen und Ambitionen. Insgesamt kann man den ganzen Tierkreis durch 6 solcher Komplementärverhältnisse charakterisieren.

WidderO P P O S I T I O NWaage:
Selbstbehauptung und Durchsetzung des IchO P P O S I T I O Nzu Ansprüche und Konventionen der Anderen, des Du
StierO P P O S I T I O NSkorpion:
Besitz, Wohlleben und Gestaltung in SchönheitO P P O S I T I O Nzu krisenhafter Verlust, Tod und erneuernde Kraft
ZwillingeO P P O S I T I O NSchütze:
Interessen, Wissenskompetenz und strebendes LernenO P P O S I T I O Nzu geistiger Weg, Inspiration und begeisternde Ideale
KrebsO P P O S I T I O NSteinbock:
Familie, seelische Wurzeln und BedürfnisseO P P O S I T I O Nzu Beruf, öffentliche Funktion und Verantwortung
LöweO P P O S I T I O NWassermann:
spielerischer Selbstausdruck und spontane KreativitätO P P O S I T I O Nzu Technik, Werk und freundschaftliches Mitwirken an Kultur und Zivilisation
JungfrauO P P O S I T I O NFische:
Mehrung des Nutzens durch Arbeiten und WirtschaftenO P P O S I T I O Nzu Muße, Einsamkeit, Heilung und ganzheitliche Vollendung.

Auf dieses Urbild menschlicher Ganzheit gilt es sich einzustimmen, was vor allem durch das Verständnis des eigenen Geburtshoroskops geschieht. Zusätzliche Unterstützung bei dieser Bemühung können die zwölfmal im Jahr stattfindenden Monatsgespräche sein, eine Einrichtung von Arnold Keyserling. Dabei werden die zwölf Themen in freundschaftlichem Geist von der individuellen Alltagserfahrung her in der Gruppe besprochen, um das Verständnis der Monatsthematik zu vertiefen. Eine weitere Übung ist der Ritus der zwölf Tage, der seine astronomische Grundlage im Unterschied der Länge von Sonnen- und Mondjahr hat, der 12 Nächte und 11 Tagen beträgt. In die Zeit vor der Wintersonnenwende gesetzt, mit besonderer Aufmerksamkeit begangen und ohne den üblichen Lebensvollzug zu ändern, können durch diesen Ritus an diesen Tagen Ereignisse erfahren werden, die als Keime für kommende Entwicklungen in den zwölf Feldern im nächste Jahr verstanden werden.

Der zwölffältige Tierkreis ist also das abstrakte Abbild des wirklichen Sinnfeldes, in dem wir stehen: unserem Leben. Als abstrakte Struktur symbolisiert er jene Sinnfelder und Themenbereiche, die normativ sind, die uns prinzipiell tangieren und unsere Vollständigkeit und Ganzheit bedingen.

Die Wirklichkeit besteht aus lauter Sinnfeldern! sagt die SFO. Aber wie gehen wir mit diesen Sinnfeldern um? Indem wir es nicht bei der Einsicht belassen, dass es viele Sinnfelder gibt, sondern fragen, welche denn für ein sinnvolles Leben relevant sind. Das Bild des Großen Menschen, der Tierkreis gibt die Antwort darauf. Er liefert die Orientierung, wie der Einzelne seinen individuellen Sinn mit Hilfe des Geburtshoroskops schaffen kann, und wie dieser sich in den kollektiven Sinn des Ganzen fügt. Letzteres dadurch, dass mit dem Rad ein Verständnis des aktuellen Zeitgeistes ermöglicht wird, vom Weltenjahr über das Sonnenjahr bis zu den planetaren Rhythmen, die die Qualität der Zeit bestimmen, auf die es sich einzustimmen gilt.

Im Wesentlichen hätten wir nun das Menschenbild des Rades und das Werkzeug der Sinnfindung skizziert. Im Folgenden wollen wir das Verständnis dieser Systemik, dieses Generators von Sinn weiter vertiefen, beginnend mit der Frage nach dem Subjekt, dem Subjekt des Teils und des Ganzen, und wie dieses im Rad verortet ist.

Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD