Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

4. Wesen

Subjekt und Objekt

Zwischen Erkennendem und Erkanntem zu unterscheiden, die Subjekt-Objekt-Spaltung, wie der Existenzphilosoph Karl Jaspers es nannte, scheint die natürlichste Sache der Welt zu sein. In jedem sinnlichem Wahrnehmen, in jedem begrifflichen Denken, in jedem begehrenden oder ablehnenden Fühlen, in jeder Entscheidung für oder wider etwas, steh ich einem Anderen, einem Nicht-Selbst gegenüber. Es handelt sich dabei letztlich um die Fähigkeit der Unterscheidung überhaupt. Sie macht, dass wir Vielfalt erleben und nicht alles zur undifferenzierten Einheit verschwimmt, in der auch der Erkennende selbst verschwindet. Dieses Differenzierungsvermögen scheint aber auch unser größtes Problem zu sein, denn offenkundig erleben wir die Unterscheidung in Viele nicht nur als Fülle und Reichtum des Seienden, sondern auch als Verwirrung und Getrenntsein. Daher wurde im Laufe der ganzen Philosophiegeschichte darum gerungen, das Verhältnis von Subjekt und Objekt aufzuklären, wobei mal das Subjekt, mal das Objekt eine Entwirklichung erfuhr. In den zur Mystik neigenden Ansätzen wiederum wird die undifferenzierte Einheit angestrebt, wobei sowohl das Aufgeben der objektiven Welt als auch des Subjekts als Lösung des Problems, als Erlösung und Befreiung gilt.

Dass das gewöhnliche Bewusstsein, welches zwischen einem erkennenden Ich und seinen Objekten unterscheidet, problematisch ist und seine Tücken hat, daran erinnert uns noch vor allen Philosophen schon der Genesisbericht über Adam, der nach dem verhängnisvollen Objekt Apfel greift und das Paradies verliert. Anhand dieses mythischen Topos soll sogleich die im Rad vertretene Sicht des gezweiten Bewusstseins skizziert werden: Das eigentliche Problem besteht nicht darin, dass der Mensch vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, und nun des unterscheidenden Denkens und Begreifens mächtig ist, sondern dass er noch nicht vom Baum des Lebens gekostet hat, der ebenfalls in der Mitte des Paradieses steht. Erst das Essen von diesem Baum würde echtes Sinnerleben ermöglichen. Im alttestamentarischen Buch der Sprüche wird dieser Baum mit einem Bewusstseinszustand in Beziehung gebracht, der Weisheit, Gerechtigkeit, erfüllte Hoffnung und eine sanfte Zunge beschert. Bekanntlich ließ Gott nach dem Sündenfall den Zugang zum Paradies durch die Cherubim bewachen und versperren. Spätere Deutungen identifizierten diese Wächter als vier Erzengel, deren Namen vier Wege bedeuten, auf denen eine Rückkehr möglich ist: Gabriel = Wort Gottes, Uriel = Licht Gottes, Michael = Wer ist wie Gott? und Raphael = Gott heilt. Doch diese Rückkehr soll keine Regression zu dem Zustand vor dem Essen vom Baum der Erkenntnis sein, sondern hat das Essen vom Baum des Lebens zum Ziel, um der im Buch der Sprüche erwähnten Gaben teilhaftig zu werden. Nur wenn dies ausbleibt, wird das unterscheidende Denken — auf dessen Grundlage sich unser persönliches Ich herausbildet — zum unglücklichen Bewusstsein. Im Folgenden wollen wir aufzeigen, wie sich Gabriel des Problems der Subjekt-Objekt-Spaltung entledigt, und wie Keyserling im Rad zwischen differenzierendem Bewusstsein und Leere des Gewahrseins unterscheidet und sie in Beziehung setzt.

In seiner Abrechnung mit der Philosophiegeschichte, in der er jede Form des Monismus verurteilt, weil nur ein Pluralismus der Wahrheit entsprechen kann, erteilt Gabriel auch dem kartesischen Dualismus eine Abfuhr. Descartes hat im zweifelnden, also denkenden Ich die letzte Seinsgewissheit gesehen. Es ist ausdehnungslos im Unterschied zur ausgedehnten Materie. Dieser Zweiteilung in unausgedehnte und ausgedehnte Substanz begegnet Gabriel mit dem Argument, dass man bei der Zweiteilung ja nicht Halt machen muss, man könne ja weiter teilen. Eine Zweiteilung wäre reine Willkür. Was Gabriel einräumt, aber nicht für wesentlich hält, ist, dass Descartes’ Zweiteilung einer gewissen Plausibilität nicht entbehrt, denn es ist offenkundig Tatsache, dass sich jeder Mensch in einer Subjekt-Objekt-Spaltung erlebt. Eine der Hauptthesen in Gabriels Philosophie aber lautet: Es ist schlichtweg falsch, dass es eine Außenwelt und daneben die Vorstellungen gibt, die wir uns von ihr machen. Denn dies setzt ein ontologisch falsches, sogenanntes wissenschaftliches Weltbild voraus (S. 119), also die Überzeugung, nur sinnlich Wahrnehmbares wäre wirklich, und dass dieses Sinnliche das Außen bildet, von welchem dann Repräsentationen via Sinnesapparat in unser Inneres gelangen.

Gabriel wird nicht müde, das wissenschaftliche Weltbild zu geißeln, und sieht in der Einstellung Da bin ich, und da draußen die Objekte, die von mir unterschieden sind schon die Gefahr heraufdämmern, dass sich der Mensch aus der Weltgleichung herausstreicht, oder sich zumindest in einer entzauberten, sinnentleerten Welt verortet. Denn einerseits ist das Subjektive etwas, das in der wissenschaftlichen Einstellung systematisch ausgeklammert wird, und andererseits erkennt diese Einstellung natürlich auch keinen Sinn im Universum, da ja auch Sinn etwas Subjektives ist. Hier reiht sich Gabriels Stimme ein in den Chor jener, die zu Recht den Szientismus kritisieren. Neben den Territorialansprüchen, die die Philosophie gegenüber der Naturwissenschaft nicht aufgeben soll, geht es Gabriel vor allem um die Autonomie des Menschen bei seiner Sinnsuche, die durch den Objektivitätswahn der Naturwissenschaft nicht beschränkt werden soll.

Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
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