Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

4. Wesen

Ist das Subjekt eine Illusion?

Descartes war davon überzeugt, dass an der Existenz aller Realität gezweifelt werden kann, nicht aber an der Existenz des Zweiflers. Unser Subjekt-Sein ist unsere erste und letzte Gewissheit, die unbezweifelbare Realität. Doch nicht jedem scheint das einzuleuchten, und es gab immer schon Auffassungen verschiedenster Ausprägung, dass auch das Ich bezweifelbar und eine Illusion ist, und nicht der feste Grund, wie Descartes ihn meinte. Die Vorstellung, dass einem unausgedehnten Ich eine ausgedehnte Welt erscheint, diese Welt immer von einem Ich-Punkt aus existent ist, bzw. sich diesem Ich präsentiert, wird auch in der heutigen Bewusstseinsforscher-Szene kritisiert, etwa von dem bereits erwähnten Daniel Dennett, nämlich als kartesisches Theater. Das Subjekt, dem die Welt wie auf einer Bühne präsentiert wird, den, der in der Mitte seiner Welt sitzt, gibt es laut Dennett nicht, auch wenn wir alle diese Intuition vom Subjekt-Sein haben. Diese Intuition hält er für falsch, sie würde nicht den Tatsachen entsprechen. Sie ist genauso falsch, wie unsere Intuition, dass am Morgen die Sonne aufgeht, denn sie geht nicht auf, sondern wie wir heute wissen, dreht die Erde sich um die Sonne. Daher kann eine Theorie über das Bewusstsein laut Dennett nur dann richtig sein, wenn sie dieser Intuition widerspricht. Somit kann eine Theorie, die das Bewusstsein so erklärt, dass der Grundintuition des Subjekt-Seins Rechnung getragen wird, nur falsch sein. Im Grunde erklärt diese Theorie nichts, wenn sie ja Subjektsein und damit Bewusstsein voraussetzt, welches ja objektiv erklärt werden soll. Kann aber Bewusstsein und somit Subjektsein tatsächlich objektiv erklärt werden?

In Gabriels Buch wird vom Subjekt-Sein explizit gar nicht gesprochen. Es wird zwar nach dem Wesen des Selbstbewusstseins gefragt, bzw. wird dieses Fragen als das Wesen des Menschseins bestimmt, aber definierende Antworten darauf vermieden. Wohl sorgt sich Gabriel um das subjektive Sinnerleben, welches durch Übernahme eines wissenschaftlichen Weltbildes bedroht ist, doch das menschliche Subjekt wird nicht positiv als autonome Instanz bestimmt. Wie sollte es auch bestimmbar sein, wenn es gar nicht vom Objekt, bzw. von der Einheit Sinnfeld + Gegenstand ablösbar ist? Eine solche Trennung würde ja bedeuten, es gäbe ein reines Selbstbewusstsein, ein inhaltsleeres Seinssubjekt. Ein solches kennt Gabriel nicht, er unterscheidet (wie im obigen Zitat) nicht zwischen Subjekt und den Inhalten, deren das Subjekt gewahr wird, sondern zwischen Außenwelt und der Vorstellung, die wir uns von dieser machen. Und dieser Unterschied wird bei Gabriel eingeebnet, weil als künstlich, als bloß erdacht, als nicht wesenhaft durchschaut. Laut SFO ist man einfach jeden Augenblick in einem Sinnfeld, in einer bestimmten, partikulären Welt. Ein Ich für sich existiert nicht ohne diese Welt. Zwischen einem Objekt und einem Subjekt zu unterscheiden, welches gar das Objekt irgendwie konstituiert, ist für Gabriel eine verfälschende Idee und Einstellung.

Verflüchtigt sich also mit der Ablehnung des Konzepts einer Innenwelt der von den Bewusstseinsinhalten unabhängige Bewohner dieser Innenwelt? Ist es wirklich irreführend, zwischen dem, der sich einer Sache bewusst wird, und der Sache, der er bewusst wird, zu unterscheiden, weil sie angeblich untrennbar sind? Letztlich läuft das auf die Frage hinaus, ob denn Bewusstsein auch möglich ist bar jeglichen Inhalts, ob Bewusstsein auch völlig leer sein kann, und trotzdem existiert.

(Mit dem Begriff Gewahrsein bejaht Keyserling diese Frage nach der Leere und unterscheidet dieses vom Bewusstsein, der Fülle von Bewusstseinsinhalten samt dem Ich mit seinen empirischen, reflektierten und biografischen Aspekten. Alles Reden von der Illusion des Ichs oder Subjekts, alles Reden von der Dekonstruierbarkeit des Ichs kann sich nur auf das Bewusstsein beziehen, niemals auf das leere Gewahrsein.)

Die Überzeugung, Bewusstsein wäre immer Bewusstsein von etwas, wäre also immer auf etwas gerichtet, haben zuerst die mittelalterlichen Scholastiker, später dann Brentano als Intentionalität bezeichnet, und in der phänomenologischen Philosophie gilt sie als Hauptmerkmal des Bewusstseins. Wenn aber Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas ist — so schließen manche Philosophen — kann ein Bewusstsein ohne Objekt keine Realität (an sich) sein, sondern nur ein künstliches Denkprodukt. Es ist konstruiert und daher dekonstruierbar. Viele postmoderne Denker bestreiten daher die Existenz des Subjekts, und Gabriel behandelt es nicht in expliziter Weise. Immerhin aber bestimmt er den Menschen als das Wesen, das sich selbst nicht kennt und daher ständig auf der Suche ist, sich selbst zu erkennen. Damit nähert sich Gabriel letztlich doch an so etwas an, wie einer Bestimmung des Subjekts. Nicht als positive Entität, sondern nur als Fragen nach etwas, das irgendwie gar nicht vorhanden ist.

Mit der gleichen Gewissheit, wie manche Philosophen die Unrettbarkeit, die Dekonstruierbarkeit, den illusionären Charakter des Subjekts behaupten, behaupten andere dessen Sein, und dessen Unausweichlichkeit, Unhintergehbarkeit und Nicht-Analysierbarkeit, was auch die von Keyserling angenommene Leere des Gewahrseins auszeichnet. Eine Neuauflage dieser ewigen Diskussion gibt es heute im Rahmen der bereits erwähnten Bewusstseinsforschung, die sich an den Strukturen des zurzeit intensiv erforschten Gehirns orientiert. Dort stellt sich die Frage, ob das sich fühlen als etwas — die 1. Person-Perspektive — durch die Strukturen des physischen Gehirns bedingt und geschaffen wird, oder ob es eine eigenständige Wirklichkeit ist.

Leibniz war der Überzeugung, dass selbst wenn man im Gehirn wie in einer Mühle spazieren gehen könnte, man dort den nicht finden wird, der gerade ich sehe rot oder ich habe Zahnschmerz erlebt (was man heute übrigens als Qualia bezeichnet). Einer der Stars der Bewusstseinsforschungs-Szene, der Philosoph David Chalmers, teilt auch diese Auffassung. Er meint die fehlende kausale Abhängigkeit des Bewusstseins von der Physik zeigen zu können, indem er darauf hinweist, dass unsere Welt — falls nur die Gesetze der Physik gelten, die alles kausal bedingen — eigentlich auch mit den gleichen Eigenschaften und Erscheinungen existieren könnte, auch wenn in ihr kein Bewusstsein vorhanden wäre. Unsere Welt könnte genauso gut eine Zombie-Welt sein, wir würden genauso handeln, reden, lachen, nur dass niemand zu Hause ist. Erstaunlicherweise ist unsere Welt aber keine bewusstlose Zombie-Welt. Es gibt bewusste Wesen, die dann auch noch meinen, mit ihrem Bewusstsein, ihrem Willen auf die Physik wirken zu können. Wenn vom materialistisch-physikalistischen Standpunkt aus das Funktionieren der Physik also kein Bewusstsein braucht, wieso ist es da, und wo kommt es her, wenn an keinem Punkt der kausalen physikalischen Kette so etwas wie Bewusstsein notwendig ist, damit die Abfolge in der Kette funktioniert, und wenn an keinem Punkt der Kette Bewusstsein zwangsläufig entstehen muss? Tatsächlich ist es noch niemandem gelungen zu erklären, wie aus physikalischen Abläufen die 1. Person-Perspektive, das feel like something, das sich erleben als — Mensch, Fledermaus, Beobachter, Liebender, Farben-Sehender, Zürnender, Leidender   — entsteht. Chalmers ist also einer der Bewusstseinsphilosophen, die keinen Weg sehen, dass Subjektsein materialistisch erklären zu können.

Diese Überzeugung wird von den Vertretern des anderen Lagers, von jenen, die davon überzeugt sind, dass Bewusstsein ein Produkt der Physik bzw. der Biologie, also von materiellen Elementen verursacht ist, bekämpft. Welche Folgerungen lassen sich aus dem materialistischen Standpunkt ziehen? Wenn Materie etwas ist, das ursprünglich ohne Bewusstsein ist, dann ist — selbst wenn Materie mit der Zeit Bewusstsein erzeugen kann — Bewusstsein letztlich nichts Substantielles. Daher wird von manchen Materialisten Bewusstsein als eine bedeutungslose Nebenerscheinung, als ein sogenanntes Epiphänomen betrachtet, das so wenig Bedeutung für das Funktionieren der Wirklichkeit hat, wie der Ton der Dampfpfeife für das Funktionieren einer Lokomotive.
Nicht jeder geht so weit, zumal es offenkundig ist, dass Bewusstsein eine gewaltige Rolle im Bereich der Biosphäre spielt, und die Möglichkeit einer Zombie-Welt wird daher als unsinnige Gedankenspielerei abgelehnt. So ist etwa der bereits erwähnte materialistische Philosoph Daniel Dennett überzeugt, dass wir Bewusstsein nicht verstehen können, wenn wir auf die ursprüngliche, aber bewusstlose Materie starren, wie es die Physiker tun, aber sehr wohl, wenn wir die Beschaffenheit der Akteure in der Biosphäre untersuchen. Das Atom kann uns nichts sagen, aber ein tierischer Körper, der einem dauernden Stoffwechselprozess unterworfen ist, hat Bedürfnisse und Antriebe, die wir begreifen müssen, um zu verstehen, wie letztlich diese Bedürfnisse und Antriebe auch für alle Bewusstseinsphänomene verantwortlich sind. (Das Bewusstseinsproblem ist für ihn damit prinzipiell gelöst, bzw. war nie eines.)
Auf der gleichen Argumentationslinie liegt auch die Emergenzhypothese. Die ursprüngliche Materie gilt auch hier als bewusstlos, aber sie bringt Bewusstsein hervor — emergieren heißt schlicht hervorbringen — und dieses ist nicht bloß Epiphänomen, sondern wesentlich und wirkmächtig.
Einen anderen Ausweg aus dem Dilemma sieht Mark Solms in der Behauptung eines Doppelaspekt-Monismus, dass also alle objektive Materie auch eine subjektive Seite besitzt, so dass etwa die Neurologie den äußeren Aspekt, und die Psychologie bzw. die Psychoanalyse den inneren Aspekt der Materie untersucht. Der südafrikanische Neurophysiologe und Psychoanalytiker fordert daher eine Zusammenarbeit der beiden Disziplinen ein.
Und eine völlige Umkehrung des Materialismus in einen Panpsychismus vollzieht ein Hirnforscher wie Christof Koch, der viele Jahre mit Francis Crick das Gehirn untersucht hat. Koch lehnt sich an die von seinem Kollegen Giulio Tononi entworfene Informationstheorie des Bewusstseins an, die sich zunehmender Beliebtheit unter Bewusstseinsforschern erfreut. Bewusstsein wird von Koch als intrinsische Eigenschaft der Materie verstanden und ist in einfachster Form immer schon da. Materie müsse nur ein gewisses Maß an sogenannter integrierter Information besitzen — soll heißen, einen inneren, gesetzmäßigen und einigermaßen dauerhaften Zusammenhang — um ihr eine 1. Person-Perspektive, ein sich fühlen als zusprechen zu können. Das trifft seiner Ansicht nach schon für Protonen zu, die ja aus je drei Quarks bestehen.

Auf naturwissenschaftliche Weise ist das Problem noch nicht gelöst, auch wenn Leute wie Dennett davon überzeugt sind, und meinen, mit der 3. Person-Perspektive lässt sich das Problem lösen, und eigentlich nur durch diese, da die 1. Person-Perspektive bloß etwas Abgeleitetes, Sekundäres, ja eigentlich eine Illusion ist, und ja eigentlich erklärt werden soll. Doch die, die noch nicht zufrieden sind, sind zu Recht unzufrieden, und werden es auch bleiben, solange sie glauben, naturwissenschaftlich das Wesen des Bewusstseins erfassen zu können. Denn das Bewusstsein ist letzten Endes kein naturwissenschaftliches, sondern ein philosophisches Problem, wenn man unter philosophisch den rein subjektiven Zugang zum Sein versteht. Das Bewusstsein erforschen kann jede/r nur selbst, was Bewusstsein ist, erlebt jede/r im eigenen Gewahrsein. Objektiv erkennen und erforschen lässt sich allerdings sehr viel, und die Beiträge der Hirnforscher sind wichtig und wertvoll, wenn sie zeigen können, wie innere Zustände und Gehirnphysiologie korrelieren, und welchen Automatismen wir unterworfen sind. Doch ob wir neben den Automatismen auch noch etwas anderes sind, kann uns keine äußere, wissenschaftliche Autorität beantworten, nur die Selbsterfahrung. Es ist die Selbst-erfahrung.

Keyserling hat im Übrigen schon in den 70ern die von der Gehirnforschung entdeckten neurologischen Strukturen zur Veranschaulichung der RAD-Strukturen verwendet. Gabriel scheint sich von dieser Seite, die ja bloß die naturwissenschaftliche ist, nicht allzu viel Aufschluss zu erwarten. Er fragt aber auch nicht nach dem Wesen oder dem Ursprung des Bewusstseins, ihm zerfällt es nicht in Subjekt und Objekt, sondern er geht einfach vom Bewusstsein aus, das immer ein Sinnerleben ist.

Mit der Verabschiedung von der Trennung zwischen Außen- und Innenwelt meint sich Gabriel der Probleme entledigt zu haben, die eine Rede vom autonomen Subjekt mit sich bringt, bzw. die Gefahr gebannt zu haben, sich in einem metaphysischem Gerede über illusionäre Substanzen zu verirren. Doch wenn der eigentliche Lebensvollzug im Rahmen der SFO als ein dauernder Wechsel zwischen Sinnfeldern zu verstehen ist, stellt sich doch immerhin die Frage, wer da zwischen den Sinnfeldern wechselt, wer das eigentlich ist, der sich bei allem Wechsel von Sinn immer gleich bleibt? Denn dass sich da etwas gleich bleibt, dass ich mich in jedem Sinnfeld immer wieder als mich selbst finde, ist wohl nicht in Zweifel zu ziehen. (auch nicht durch Dennetts Einsicht in den illusionären Charakter dieses beharrenden Subjekts). Wer ist das? Im RAD gilt er als unser eigentliches Subjekt, er ist nicht dekonstruierbar oder konstruierbar. Zum Gegenstand kann er nur in der philosophischen Reflexion und Abstraktion werden, tatsächlich ist er aber kein Gegenstand, der in einem Sinnfeld erscheint, sondern die Leere, in der sich alle Erscheinung vollzieht. Die Leere unseres Gewahrseins ist der Aufnahme mannigfaltiger Inhalte fähig, und ist das einzige Subjekt, das es gibt. In seiner Nichtigkeit ist es identisch mit dem Nichts, dem alles entspringt, dem göttlichen, unfassbaren Urgrund.

Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
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