Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

4. Wesen

Ich, Selbst und Wesen

Knapp zusammengefasst stellt sich die elementarste Realität also als Myriaden von Gewahrseins­punkten dar, die in ihrer Nichtigkeit einander identisch sind. In Raum und Zeit voneinander getrennt, erscheinen sie aber als unterschiedliche Wesen, haben Geschichte, sind geschichtet, gleichsam wie ein Baum Ringe gebildet, nehmen unterschiedliche Orte und Volumina ein. (Man kann auch sagen, sie existieren in unterschiedlichen Welten bzw. Sinnfeldern. Dabei sind alle Strukturen, die es gibt, Zusammenhänge solcher Gewahrseins­punkte.) Ein solch einzigartiges Wesen, bzw. Teil eines solchen Wesens zu werden, ist die Bestimmung jedes Gewahrseins­punktes. Die ganze Dynamik der Wesenswerdung resultiert aus dem Streben der Gewahrseins­punkte, wieder die Einheit zu erreichen. Wodurch wurde die Einheit verloren, wie kam es zur Individuation, zur Vereinzelung, zur Zersplitterung in Viele? In Hinblick auf die innere Gespaltenheit, welche das unmittelbarste Erleben von Getrenntheit darstellt, spricht Gabriel davon, dass dem Menschen eine Distanz eingebaut ist. Für die Gespaltenheit, Vereinzelung und Zersplitterung im Großen aber liefern uns die Mythen ein angemesseneres Bild. Der indische Mythos spricht von Maha-Purusha, der germanische vom Riesen Ymir, der kabbalistische von Adam Kadmon, dem Ur-Menschen, welcher sich am Beginn der Zeit in unzählige Teile zersprengt hat. Auf ihrem Weg der Rückkehr zur Einheit schaffen sie dauernd neue Existenzformen, zeugen von der Unerschöpflichkeit des Urgrunds, dessen vollständige Ganzheit nicht schon in der homogene Einheit allein gegeben ist, sondern erst durch deren Verneinung und Gegensatz, die Zersplitterung in Viele.

Wie bildet sich aber das Wesen des Menschen, wie können wir unserer Bestimmung der Wesenswerdung folgen? Für Keyserling entsteht das Wesen durch Vereinigung von Ich und Selbst. Während also der gegenwärtige Diskurs von der Postmoderne über die SFO bis zu der von der Hirnforschung beeinflussten Neuro-Philosophie — zuweilen zur buddhistischen Lehre vom illusionären Ich schielend — vorwiegend mit der Dekonstruktion des Subjekts beschäftigt ist, konfrontiert uns Keyserling gar mit drei Subjekten. Das mit der Leere identische, einzige Subjekt zerfällt für das sprachlich-bewusste Individuum also in Ich und Selbst, die nach der Vereinigung zum Wesen verlangen. Wie lässt sich diese Dreieinigkeit, die den Zusammenhang von Bewusstsein, Gewahrsein und kreativem Leben bedingt, genauer verstehen?

Kann man überhaupt bei allen Wesen nach diesen drei Subjekten fragen? Auch ein Atom ist ein geprägtes Wesen. Aber Ich und Selbst sind in ihm von Anfang an (in seinem Sein) geeint, so dass es unsinnig ist, beim Atom überhaupt von Ich und Selbst zu sprechen. Es ist ein Gewahrseins­punkt, der sich vom Anfang bis zum Ende des Universums mit einem gleichbleibenden Wesen bekleidet. Sein geschichtlicher Aspekt beschränkt sich auf die Tatsache, dass es einmal entstanden ist, einerseits, andererseits, dass es sich in mehr oder weniger wechselnden, in mehr oder weniger vergänglichen Bindungen befindet. Als solches sind Atome der Baustoff des Universums. Als erste stabile Struktur im Universum, die der Zeit trotzt, stellt das Atom jedoch unser Vollendungsbild dar, und seine Zahlenstruktur spiegelt sich in der formalen Struktur des Rades wider. Die sieben Energieniveaus des Atoms und sein achtfältiger Bindungsschlüssel haben außerdem Entsprechungen in der indischen Chakrenlehre und in den achtfältigen Weisheitskonzepten verschiedener Traditionen, wie etwa dem Buddhismus. Das Atom ist also das Urbild des geeinten Zustands, des unzerstörbaren Diamantleibs, in dem Ich und Selbst nicht mehr geschieden sind. Über sieben Energieniveaus kann es Energie abgeben und aufnehmen, ohne sein Wesen zu verlieren, und über acht Bindungsstellen, den Bindungselektronen bzw. Leerplätzen des äußersten Orbitals, ist es eingebunden in die Welt. Das Ich mit seiner ganzen Fülle von Möglichkeiten in der Zeit zeigt das Atom jedoch nicht. Dies zeigt nur das menschliche Atom, der Körper des Menschen, der im Tierkreis sein Urbild hat.

Man kann also nicht bei jedem Wesen sinnvoll zwischen Ich und Selbst unterscheiden. Um sich ein Bild von deren dynamischem Verhältnis beim Menschen zu machen, betrachten wir dazu einen von Keyserlings vielen Versuchen, die Dreiheit von Ich, Selbst und Wesen zu erklären. Eklektisch ist die folgende Definition nur insofern, als gültige Formulierungen verschiedener Traditionen verwendet werden, um die Ur-Verhältnisse unserer komplexen Subjektivität zu veranschaulichen. Strukturell und formal ableitbar sind sie jedoch aus der zeitlosen Mathematik des Rades:

Das Selbst, das Subjekt von Traum und Schlaf, lebt seit Anbeginn der Schöpfung, das Ich nur zwischen Geburt und Tod; seine Struktur wird durch den ersten Atemzug, das astrologische Horoskop festgelegt. Während des Lebens sind Traum und Schlaf unbewusst, das Wachen und die Vorstellung dagegen bewusst. Als Ich sind wir nach außen gekehrt, wissen nichts von Traum und Schlaf. Als Selbst spinnen wir unsere Träume, können aber daran nichts tun, sind nur Zeuge. Ich-Organ, Ahamkara, gilt es nun mit Selbst, Atman, dadurch zu vereinen, dass man als Partner des Ich das ewige Du, Gott als Ishvara erlebt. Damit wird aus dem Chi-Nebel des Gemüts das Wesen gleich einem Kristall geschaffen, in der buddhistischen Terminologie als achtfältiger Diamantkörper, der das Licht in sich bergen kann.
Partner des Ich und Ursprung des Selbst ist beides Brahman, Gott. Doch in dieser neuen Achtfältigkeit, (der nächsten Stufe der Gehirnintegration) ist der Mensch bereits im Leben im kosmischen Bewusstsein, im Gewahrsein eingebettet. (Bewusstsein und Evolution)

Der Mensch wird hier als sterbliches Ich und unsterbliches Selbst definiert, deren Distanz und Spannung zueinander ein Wesen generieren kann. (Und zwar eines mit einer einzigartigen Geschichte, im Unterschied etwa zum konkreten Atom, das nur einen einfachen Archetypus darstellt.) In seiner noch ungeformten Potentialität ist laut dieser Definition das Wesen aber Chi, und mit dem Begriff Gemüt wird es als das noch nicht geprägte Subjekt angesprochen. Die namenlose Kraft, von der Buddha in seiner letzten Predigt spricht, identifiziert Keyserling also mit dem taoistischen Chi. Doch dieses materialistisch anmutende Etwas ist keine Substanz, sondern das Chaos, in seinem letzten Grund auch kein Etwas, sondern das Nichts. Es ist jenes Chaos, von dem Nietzsche meint, dass man es in sich haben muss, um einen tanzenden Stern zu gebären. Gelingt die Vereinigung zum geprägten Wesen, west der Mensch wieder im ursprünglichen Gewahrsein, in der Teilhabe am All, am einenden, schöpferischen Grund — und wenn auch nur für einen Augenblick. Denn dieses bereits im Leben im kosmischen Bewusstsein, im Gewahrsein eingebettet (-sein) muss nicht als einmalige und endgültige Erfahrung verstanden werden. Immer wieder muss das Gewahrsein erreicht werden, das immer wieder verloren gehen kann.

Gabriels postulierte Distanz, deren Pole keine Namen haben, die aber der Mensch in sich findet, und einerseits die Selbstsuche bewirkt, andererseits, in seiner maximalen Distanz, als gesuchter Gott imaginiert wird, erinnert in einigen Punkten an den hier besprochenen Zusammenhang. Auch hier sind Ich und Gott letztlich identisch, doch Gott wird nicht als vorübergehende Täuschung des Ich entwirklicht, oder als Sinnfeld kategorisiert, sondern Gott ist nicht weniger reales Subjekt als das Ich, solange die letzte Realität nicht nur als Leere, sondern auch als Fülle und Vielfalt geschaut wird. Hier wird nicht so sehr von einer Distanz und Spannung gesprochen, die eine Selbstsuche auslöst, und nicht von Sinn, der Sinn begegnet, was dann Geist heißt. Hier ist vom Ich die Rede, das sich als beschränktes Bewusstsein weiß, in Distanz zu seinem Selbst existiert und sich mit diesem — fortschreitend — zum Wesen vereint.

Metaphysisch hat Keyserling die Dreiheit als Urlicht, Urkraft und Urwort bestimmt. Sie sind potentiell geeint in der Leere, dem Unerschöpflichen, indisch das Brahman. Um Ich, und nicht Ich-Bild zu sein, muss sich der Mensch auf das Urlicht beziehen, die väterlich-männliche Gottheit mit seiner fordernden Vision. Als Selbst aber hat er Teil an der Urkraft, der Göttin als mütterlich-bergender Grund und Beweggrund aller Kräfte und Antriebe. Das Wesen schließlich, die Vereinigung von Ich und Selbst entsteht in der Teilhabe am Urwort. Es ist die werdende Gottheit, die als ewiger Partner dem Ich gegenübersteht, als göttliches Du und in jedem Du. Dieses göttliche Du ist dem Yogi der Gott Ishvara, dem Menschen der Wassermannzeit der Mensch im All, laut Keyserling der neue Name Gottes.

Gott ist Ursprung und Ziel der Welt. Der Mensch hat über sein Selbst Teil am göttlichen Ursprung und über sein Ich Teil an der Möglichkeit, den Weg der Rückkehr zu beginnen. Diese Rückkehr gehört nicht zur Evolution. Sie ist persönliche Entscheidung und Wahl. Seit alters her hat man sie als geistigen Weg bezeichnet, der frei und ohne Sicherung in eine unbekannte Zukunft führt. (Das magische Rad)

Die Wesenswerdung beim Menschen folgt also nicht automatisch dem evolutionären Impetus der Natur. Wenn aber Gott das Ziel aller Welt ist, muss wohl auch der Mensch darauf gerichtet sein. Durch die Formulierung, die menschliche Rückkehr gehört nicht zur Evolution, könnte man meinen, es handle sich um einen gänzlich anderen Prozess. Tatsächlich ist die Einstellung, die der Mensch gewinnen muss, nichts von der Evolution Verschiedenes, oder von deren Richtung Abweichendes. Passiv ist der Mensch immer schon der evolutionären Dynamik unterworfen, aktiv kann er aber erst durch das Wollen an ihr teilhaben. Er muss sich entscheiden, gleichsam in sich einen Schalter umlegen. Dabei ist das Wollen nicht ein Trigger, der die evolutionäre Dynamik anstößt, sondern das Wollen selbst ist die kreative Kraft der Evolution. Das Wollen gilt es also zu erwecken, erst im Wollen haben wir Teil an der Urkraft, die alles Seiende bewirkt.

Nach Keyserling ist das Selbst das Subjekt des Traumes und des Schlafes, also des Fühlens und des Wollens. Es gehör dem Unbewussten an — dem Durchschnittsmenschen sind in der Regel weder seine traumhaften Motive, noch sein freies Wollen so ohne weiteres zugänglich. Das Ich aber ist nach außen gekehrt, ist daher das Subjekt des Wachens (Sinnesdaten des Empfindens) und der Reflexion (sprachliches Denken). Der Durchschnittsmensch ist geradezu dadurch charakterisierbar, dass ihm nur die Bewusstseinsdimensionen bzw. -funktionen des Empfindens und Denkens zugänglich sind, und eigentlich überhaupt auch nur eine davon, das vorstellende Denken. Denn die Voreingenommenheiten des Denkens, ein ideologisches, selbstgebasteltes Denkgebäude, also verfälschendes Weltbild und Ich-Bild verunmöglicht wirkliches Wachen, nämlich die ungefilterte Wahrnehmung des Gegebenen. So ist die gewöhnliche Lage des Menschen ein Dasein in einem assoziativen Gespinst von Reflexionen, das ihn von der Wirklichkeit abschneidet und Ursache allen Leides ist. Dieses Gespinst erlebt er als sein Ich, das einer entsprechend verzerrten Welt gegenübersteht. Wie lässt sich dieses Ich, das Ich-Bild überwinden?

Wir haben weiter oben festgestellt, dass das wahre Ich nur in der Zeit existiert, nur im Sterben und Wiedergeborenwerden, von Augenblick zu Augenblick (und von Leben zu Leben, wenn man die Reinkarnation in Betracht zieht). In welcher Beziehung steht dann aber das dauernd neue Ich zu einer besonderen Struktur, die ihm laut Keyserling im Augenblick der Geburt zukommt? Es ist dauernd durch die Themen des Tierkreises bestimmt. Das Ich wird nicht nur einfach so geboren, sondern immer in eine besondere Zeit — in einen Augenblick, eine Stunde, einen Tag, ein Jahr, ein Leben, ein Weltenjahr. Das Ich muss immer in die Leere des Gewahrseins sterben, geboren wird es aber immer in eine geprägte Zeit.

Wer nur das göttliche Selbst zum Ziel hat, wird den Ich-Tod als das Entscheidende für den Weg erachten, eine Überzeugung, die uns in vielen spirituellen Traditionen begegnet. Wer aber das Ich nicht nur als notwendige Krücke für den Alltag betrachtet, wie es manche Formen populärer Mystik nahelegen, sondern im Ich ein Gesicht Gottes erkennt, wird auch das Immer-wieder-geboren-werden des Ich bejahen. Das Ich verweht in jedem Fall. Doch wird es bewusst auf seinen Ursprung im großen Ich, im Bild des großen Menschen zurückgeführt, wird es zum geprägten Wesen, das teilhat an der Unsterblichkeit des werdenden Gottes.

Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
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