Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

Kurzfassung

Der Neue Realismus der unendlich vielen Sinnfelder, wie er von Markus Gabriel konzipiert wurde, wendet sich gegen den Hegemonialanspruch der Naturwissenschaften, als auch gegen die Beliebigkeit des heute allgegenwärtigen Konstruktivismus. Doch obwohl im Unterschied zum Konstruktivismus einen Wahrheitsbegriff vertretend, steht der neue Realismus dem Konstruktivismus an Beliebigkeit in nichts nach. Denn da laut Sinnfeldontologie die Welt als Ganzes nicht gedacht werden kann, kann es nur die vielen Wahrheiten über die vielen Sinnfelder geben, niemals eine Wahrheit über das Ganze. Es stellt sich aber die Frage, ob auf Grund logischer Überlegungen (der neuen realistischen Art) die Ganzheit tatsächlich in dieser Radikalität verneint werden muss. Liegen wir vielleicht doch nicht so ganz falsch, wenn wir an die Ganzheit glauben?
Dass sie in einer exklusiven Weise glauben, die eine Wahrheit über das Eine, das Ganze zu haben, kreidet Gabriel zu Recht den religiösen Fetischisten als auch den Naturwissenschaftlern an. Ist aber die Intuition derer, die vom all-einenden Sinn, vom Sein Gottes überzeugt sind, und die Intuition derer, die mit allen Sinnen die Materie erforschen und in der Natur die eine Wahrheit erkennen wollen, grundsätzlich ein Irrtum? Ein Ansatz, der beiden Intuitionen Rechnung trägt, und die Ganzheit auch in einer philosophisch befriedigenden Weise für denkbar und als Teilhabe für erlebbar hält, ist der von dem Religionsphilosophen Arnold Keyserling, seine Philosophie des Rades. Dieses ganzheitliche Denken wird hier erörtert und den ganzheitsverneinenden Positionen der Sinnfeldontologie gegenübergestellt.

In der Einführung

  • werden die grundsätzlichen Einstellungen der beiden Denker skizziert, und ihre Selbstbestimmung in Bezug auf die heutige Zeit. Gabriel will seinen Neuen Realismus als den Beginn der Ära nach der Postmoderne verstanden wissen, Keyserling das Rad als die Philosophie der Wassermannzeit, wie die heutige Epoche im Astralmythos bezeichnet wird. Und während sich Gabriel ganz von der Logik leiten lässt, versteht Keyserling das Rad als Systemik des analogen Denkens und als eine Sprache, die uns sowohl die Menschheitsgeschichte als auch das individuelle Leben in einem sinnvollen Kontext begreifen lässt.

Im 1. Kapitel Wirklichkeit stellen wir

  • den Konstruktivismus dem Realismus gegenüber und kommen zu dem Schluss, dass sie sich bezüglich ihrer Erkenntnisgewissheit und Lebensrelevanz kaum voneinander unterscheiden.
  • Weiter behandeln wir hier das Konzept der Sinnfelder und ihre existenzgebende Funktion, außerdem den Begriff des Sinnes überhaupt, insbesondere den Sinnbegriff von Frege, an den sich der von Gabriel anlehnt.
  • Auch der entscheidende Unterschied, dass es laut Rad universelle Prinzipien gibt, die der Vielfalt (also allen Sinnfeldern) zugrunde liegen — was laut SFO nicht sein kann — wird hier erörtert. Thematisiert wird zudem der gemeinsame Ursprung von Allem, eine Vorstellung, die im Einklang mit so gut wie allen spirituellen Traditionen, den Naturwissenschaften und dem Raddenken steht, aber von Gabriel als das eigentliche Problem diskreditiert wird. Schließlich wird in diesem Abschnitt nach dem Subjekt der Sinnfelder gefragt, eine Frage, die die SFO so nicht stellt.
  • Dass die Wirklichkeit nicht nur auf das Augenscheinliche und Handgreifliche beschränkt ist, wird in der SFO als auch im Rad vertreten. Während aber in der SFO einfach alles real ist, und nur zwischen guten und weniger guten Sinnfeldern unterschieden werden kann, gehört es laut Rad zur Grundkonstitution des Menschen, dass er in illusionären Bewusstseinszuständen, in Ideologien, Vorurteilen und Komplexen befangen ist, und erst zur Realität erwachen muss.

Das 2. Kapitel Zusammenhang widmet sich

  • Gabriels provokanter Behauptung, dass es die Welt nicht gibt, dass also das Ganze in keiner Weise denkbar ist, wie er das logisch begründet, warum er deshalb jeglichen Monismus aber auch den Dualismus und letztlich alle Theorie, die von Ganzheit und Einheit redet, ablehnt.
  • Gabriels Kritik fällt auch Kants Begriff von Welt als Idee — von Habermas als notwendige Voraussetzung für sinnvolle Gespräche verstanden — zum Opfer, und Kant wird als Wegbereiter des Konstruktivismus abgeurteilt.
  • Im dynamischen Weltverständnis des Rades entsteht alle Wirklichkeit durch Entscheidungen, weshalb die Funktion des Wollens als der eigentliche Zugang zur Wirklichkeit verstanden werden muss. Wir unterscheiden hier diese dem Bewusstsein weitestgehend entzogene Bewusstseinsfunktion von der des Fühlens, und betonen, dass das Ersehnen, Erahnen und Glauben der Ganzheit im Fühlen, und die Offenheit gegenüber der alles bewirkenden Urkraft im Wollen erst die Wirklichkeit in ihrer Sinnfülle erlebbar macht, was bei einer Selbstbeschränkung des Menschen auf die Logik des Denkens und auf die Daten des sinnlichen Empfindens nicht möglich ist.
  • Der all-einenden Kraft gewiss, ist dem Menschen dann auch ein all-einendes Sinnfeld philosophisch denkbar, ohne dass die Strenge des Denkens dieses System zu eng führt, abschließt und Entscheidendes ausschließt. Das Rad ist ein solches, allen semantischen Ebenen gegenüber offenes System. Eine derart einheitliche Struktur über das Ganze wird im radikalen Pluralismus der SFO abgelehnt, da ein Reden über Alles logisch nicht möglich sei. Alles Menschenrelevante ist aber nicht alles, daher braucht das Rad als philosophisches Sinnfeld nicht weniger Allgemeingültigkeit beanspruchen, als auf politischem Gebiet das Sinnfeld Menschenrechte, und auf materiellem Gebiet das Sinnfeld Naturwissenschaften.
  • In der Wirklichkeit zu leben heißt laut Rad, Teilhabe am Ganzen, was sich erschließt, wenn der Mensch die Mitte seiner Welt einnimmt und mit allem im Dialog ist. Eine solche Sinnerfahrung, die alle Rationalität übersteigt, ist uns aus dem Schamanismus bekannt. Da wir aber heute nicht in der Wildnis, sondern in der technischen Zivilisation leben, brauchen wir einen Kontext, welcher alle Themen der menschlichen Zivilisation und Kultur umfasst. Ein solcher mitte-konstellierender, die zivilisatorische Vielfalt und alle Lebensthemen umfassender Raster ist der Tierkreis der Astrologie, in welchem sich der Mensch verorten kann, um ganzheitlich zu leben.

Im 3. Kapitel Lebenssinn lassen wir

  • Gabriel seine abschließende Antwort geben, auf die von ihm gestellte Frage Was soll das Ganze eigentlich? und darauf, was unser Leben eigentlich ist. Diese Antwort sei an dieser Stelle ganz knapp mit dem Ausdruck Surfen im unendlichen Sinn-Pool zusammengefasst.
  • Doch das Leben nimmt sich zuweilen aus wie die Fahrt auf einem stürmischen Meer und es kann die Orientierung fehlen. Diese anzubieten war schon immer das Geschäft von Religion und Philosophie. Inwiefern sich das Rad von den traditionellen religiösen Orientierungsangeboten unterscheidet, ist ein weiterer Aspekt dieses Kapitels. Ohne in einen reduktionistischen Physikalismus abzugleiten, kommt im Rad dem materielle Universum — von Gabriel zu einer ontologische Provinz der Realität degradiert — die entscheidende Rolle bei der Sinnschöpfung zu, indem durch hermetisches Denken der gleiche Sinn im Höchsten wie im Niedersten erkannt wird.
  • Jede Erkenntnis und Sinnerfassung geht mit einer Exformation, einer Vernichtung von Information einher, ein Begriff, der von Tor Nørretranders geprägt wurde. Auch jedes sich Verorten und Orientieren in der Wirklichkeit bedeutet ein Beschränken und Auswählen. Als solches wollen wir auch die Wahl des Tierkreises, die Wahl dieser 12 Weltteile begreifen, als hermetische Exformation.
  • Abschließend vertiefen wir noch das Verständnis des Tierkreises als zwölffältigem Bild des Großen Menschen, dem Urbild aller Menschen- und Gottesbilder. Denn auch wenn es niemals einen zulänglichen Ausdruck für Gott in Wort oder Bild geben kann, bedarf der Mensch in seiner Endlichkeit zu allen Zeiten fassbarer Vorstellungen, die Gott zu einer lebensrelevanten Wirklichkeit werden lassen und Bilder der menschliche Vollendung liefern.

Das 4. Kapitel Wesen beleuchtet die

  • Spaltung in Subjekt und Objekt, den Anfang aller Differenzierung und aller Getrenntheit. Die Unterscheidung in Welt und in die Vorstellungen über die Welt sieht Gabriel als epistemologischen Grundirrtum, und durch das Objektivitätsideal der Naturwissenschaften sieht er die Freiheit der subjektiven Sinnsuche gefährdet. Doch die Spaltung ist nun einmal da, sie und alle weitere Differenzierung ist die Bedingung für das Bestehen einer vielfältigen Wirklichkeit. Mythisch ist es das Essen vom Baum der Erkenntnis, was die Fähigkeit der Unterscheidung mit sich brachte. Es ist nicht rückgängig zu machen, doch ist eine Rückkehr zum Ursprung notwendig, um vom Baum des Lebens zu essen, wodurch sich alles Getrennte zum einenden Sinn fügt.
  • Werfen wir die Trennung in Innen und Außen zu voreilig über Bord, laufen wir Gefahr, in unseren Theorien des Subjekts genauso verlustig zu werden, wie durch das Objektivitätsideal der Naturwissenschaften. Das Subjekthafte wird dann als kein positives Sein für sich verstanden, sondern als Illusion, oder als etwas, worüber jede Aussage nur eine konstruierte, unwirkliche Substanz meinen kann. Auch viele Gehirnforscher kommen zu solchen Schlüssen, wenngleich es noch keinem von ihnen gelungen ist zu zeigen, wie die Materie, bei der ja kein Innen und Außen zu unterscheiden ist, eine Innenperspektive, das feel like something, die 1. Person-Perspektive hervorbringt. In diesem Zusammenhang stellen wir die Frage, wer es eigentlich ist, der von Sinnfeld zu Sinnfeld schreitet, worauf uns Gabriel aber keine Antwort gibt. Im Rad ist es das einzige Subjekt, das es gibt, dem Menschen als Leere des Gewahrseins zugänglich und identisch mit der Leere, die alles hervorbringt.
  • Ein solches allgegenwärtiges göttliches Subjekt kennt Gabriel nicht, aber es gibt für ihn Gott als ein bestimmtes Sinnfeld, in welchem wir der Ahnung vertrauen dürfen, dass alles sinnvoll ist, auch wenn es unsere Fassungskraft übersteigt. Doch letztlich ist Gott für Gabriel unser eigener Geist, der nichts anderes als die Dynamik unserer Selbstsuche ist, die daher kommt, dass in uns eine Distanz eingebaut ist, und wir uns selber nicht kennen. Diese ewige Selbstsuche versteht Gabriel als das Wesen wahrer Religiosität und als Leben im Geist.
  • Im Abschnitt Wer bin ich? geht es um die Unterscheidung von Nichts und Etwas, wobei laut Rad das Nichts das Gewahrsein, unser inhaltsleeres Selbst-Sein ist, das Etwas aber die vielen Bewusstseinsinhalte, die unser Ich ausmachen.
  • Dass empfinden, denken, fühlen, wollen, Körper, Seele und Geist die grundsätzlich möglichen Bewusstseinsinhalte des Gewahrseins sind, wird im vorletzten Abschnitt aufgezeigt. Die formale Grundlage dieser epistemologischen Grundkonstanten, der sogenannte Achterkreis, eine Struktur, in welcher Arnold Keyserling die elementaren Zahlenarten und Rechnungswege der Arithmetik, und vier Raum- und vier Zeitdimensionen in einen integrale Zusammenhang gebracht hat, wird nicht ausführlich behandelt, nur die entscheidende Einsicht, dass die vier Funktionen und drei Bereiche kombinatorisch die 12 Themen des Tierkreises ergeben, denen jegliches Ich entspringt, dessen wir uns im Laufe unseres Lebens bewusst sein können.
  • Am Ende des 4. Kapitels legen wir Keyserlings Verständnis der menschlichen Bestimmung dar, die darin besteht, in der Vereinigung des sterblichen Ich und dem unsterblichen Selbst ein einzigartiges Wesen zu erschaffen, das Teil des werdenden Gottes ist.
Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
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