Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

1. Wirklichkeit

Erwachen zur Wirklichkeit

Neben der Betonung der Kontextabhängigkeit der Gegenstände, ist die extreme Ausweitung des Realitätsbegriffs auf buchstäblich alles, was erscheint, ein wesentliches Kennzeichen des Neuen Realismus. Er tritt gegen eine naturwissenschaftlich verkürzte Wirklichkeitsauffassung an, und will nichts weniger, als allen Erscheinungen Realität zubilligen. So ist etwa der Satz Es gibt Hexen wahr. Hexen sind laut diesem Realismus eine reale Erscheinung, denn sie erscheinen in den Sinnfeldern des Märchens, in Goethes Faust oder in den verwirrten Köpfen der spanischen Inquisitoren. Es gibt keine Hexen ist aber auch wahr und kein Widerspruch zur vorhergehenden Behauptung, wenn man nämlich das materielle Universum als Hintergrund nimmt, welches nicht magisch, sondern naturgesetzlich funktioniert und aus Atomen besteht. Im Neuen Realismus sind also alle Gegenstände wirklich, nur sollte man sich immer bewusst sein, welche Realität, welches Sinnfeld gerade gemeint ist. Man ist vielleicht dazu geneigt, eine solche Rede verärgert als sophistischen Taschenspielertrick zurückzuweisen. Was der Autor aber damit intendiert, ist die Rettung der Phänomene. Denn nicht nur die im materiellen Universum erscheinende Dinge seien real — Liebe, Inspiration, Religionen, ein Staatsgebilde, politische Funktionen, Überzeugungen etc. sind gemäß Neuem Realismus ebenfalls reale Erscheinungen, auch wenn sie nicht aus Atomen bestehen. Ein strenger Materialismus hingegen hätte laut Gabriel bereits Probleme, die Realität eines so alltäglichen immateriellen, sozialen Gebildes zu erklären, wie das eines Staates.

Dass es vielleicht wirklich Frauen gegeben hat oder gibt, die auf eine magisch anmutende Weise ihre heilende Autorität zur Wirkung bringen, oder solche die meinen, einen Pakt mit der bösen Macht zu haben, und tatsächlich entsprechende Wirkungen verursachen können, hält Gabriel im Sinnfeld Erde für nicht möglich. Auf Grund dieser aufgeklärten Einstellung weiß er sich auch eins mit dem Großteil seiner Leserschaft in der Überzeugung, dass es keine Geister gibt, womit er mit einem Federstrich alle schamanischen und religiösen Konzepte dieser Art zur bloßen Phantasie, bzw. zu Sinnfeldern der Einbildung und Illusion degradiert. Andererseits attestiert er den indigenen Gemeinschaften Brasiliens, sie wären ontologisch viel weiter, als das wissenschaftliche Weltbild (S. 129), da jene im Unterschied zum wissenschaftlichen Weltbild von einem Universum voller Zuschauer ausgehen würden. Bedenkt man aber, dass für die Amazonasvölker besagte Zuschauer nicht nur Menschen, sondern Tiere, Pflanzen, Steine und Geister sind, diese als echte Wesenheiten gelten und sogar als humanoid gedacht werden, weiß man nicht so recht, wie Gabriel dies nun eigentlich bewertet.

Auch im Denken des Rades wird kein platter Materialismus vertreten, der nur handfesten Objekten Realität zubilligt. Wirklichkeit in der Radphilosophie ist die Wirklichkeit im Bereich der körperlichen Erscheinungen, im Bereich der seelisch-sozialen Zusammenhänge und im Bereich der geistigen Wirkkräfte und Vorstellungen, des Imaginalen. Und während für die SFO die Naturwissenschaften bloß eine ontologische Provinz beschreiben, bilden im Rad die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über den Mikro-, Meso- und Makrokosmos die Basis für ein ganzheitliches Verständnis der Realität. Keyserling meint in Gott, Zahl und Wirklichkeit:

[Die] Wirklichkeit ist nicht auf die Erde und die menschliche Welt beschränkt: was immer dem Menschen erfahrbar oder auch nur denkbar ist, gehört dieser gleichen Wirklichkeit zu. So ist das menschliche Bewusstsein anders als das der Tiere und anderer Lebewesen geortet: sein Koordinatensystem bildet das sich ausdehnende All, mit allem, was es enthält oder noch aus sich hervorbringen mag. Die menschliche Umwelt ist der Kosmos. Die Erreichung des kosmischen Bewusstseins bedeutet das Durchstoßen zu der wahren Wirklichkeit, innerhalb derer der Mensch erst seine echte Orientierung finden kann.

Die Realität der immateriellen Erscheinungen, die der Neue Realismus gegenüber einem naturwissenschaftlichen Reduktionismus und Materialismus verteidigen will, ist auch im Raddenken nicht in Zweifel gezogen. Entscheidend ist hier aber etwas anderes: der Mensch muss sich des Koordinatensystems bewusst werden, in welchem er sich befindet, erst dann ist der Kontakt zur wahren Wirklichkeit gegeben. Eine grundlegende Wandlung des Bewusstseins — traditionell als Bekehrung, als Erwachen oder als zweite Geburt, von Keyserling als Erreichen des Gewahrseins bezeichnet — gilt als unumgänglich, gleichlautend mit vielen spirituellen Traditionen. Gabriel hingegen kritisiert an den Religionen und klassischen Erlösungslehren, dass sie meist mit einer ziemlich globalen Irrtumstheorie (S. 190) daherkommen, die in der Forderung gipfelt, die Wahrheit hinter dem Schleier der Illusion zu erkennen, und er bezichtigt im gleichen Atemzug die moderne Naturwissenschaft dieser Einstellung. Wissenschaftliche Experten würden sich wie Priester gerieren, die vermeinen, den alleinigen Zugang zur Wirklichkeit zu haben. Nun ist Borniertheit sicher auch ein Merkmal vieler Naturwissenschaftler, aber den Aufruf zum spirituellen Erwachen mit der Forderung gleichzusetzten, sich ausschließlich der wissenschaftlichen Methode zu unterwerfen, ist sicher zu wenig differenziert. Geht man von Sinnfeldern aus, ist allerdings die Rede von wahrer Wirklichkeit und Illusion tatsächlich falsch, denn es gibt dann einfach nur verschiedene Sinnfelder, jedes ist real, wenn auch nicht jedes gleich gut. Im Neuen Realismus kann man nicht von Illusion auf Wirklichkeit schalten, sondern kann höchstens das Sinnfeld wechseln (oder ein neues erschaffen, was in der SFO trotz ihrer Konstruktivismuskritik doch auch möglich ist.) Daher wird Gabriel kaum die Worte bestätigen, mit welchen Keyserling den Aufsatz Gott, Zahl und Wirklichkeit beginnt:

Der Mensch lebt in der Wirklichkeit. Doch braucht er sich dessen nicht bewusst zu sein: an Stelle der Wirklichkeit kann er in einer eingebildeten Welt leben, einer Welt, in welcher die Daten seiner Erfahrung aus seiner Vorstellung heraus zu einem phantastischen Bild ergänzt werden. Der Mensch kann sich also irren. Während das Tier ein Korrektiv seines Handelns aus seinem unbewussten Drang, aus seinem Instinkt erfährt, schafft die Vorstellung des Menschen eine eigene menschliche Umwelt; er muss sich ein Korrektiv, welches die Rolle der Instinktsicherheit übernehmen könnte, durch bewusste kritische Arbeit bilden.
Nicht nur er selbst, sondern auch sein Weltbild und die Lebensform, die er sich aus diesem Weltbild geschaffen hat, muss zum Gegenstand seiner kritischen Untersuchung werden, bis dass er zur ursprünglichen Wirklichkeit durchgestoßen ist.

Nach Keyserling ist es Aufgabe der Philosophie, diese ursprüngliche Wirklichkeit zu erschließen. Philosophie erfüllt ihre Aufgabe, wenn sie a) eine adäquate Beschreibung der realen Phänomene schafft, b) das Bewusstsein des gemeinsamen Ursprungs aller Wesen erweckt, und c) die allgemeinen Prinzipien artikuliert, deren Zusammenwirken die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen hervorbringt.

Dann könnte die Philosophie dem Menschen ein Orientierungsorgan erwecken, welches ihn auf höherer Ebene als der Instinktsicherheit des Tieres sein Leben sinngemäß zu führen erlaubt. (Gott, Zahl und Wirklichkeit)

Sinn ist wie für Gabriel auch für Keyserling der Kernbegriff der Philosophie: So bedeutet Philosophie die Beantwortung aller Fragen nach dem Sinn; und das System aller dieser Worte und Sinne, wenn es vollendet ist, bedeutet das ursprüngliche System der Philosophie, (ebd.) — und die aktuellste Formulierung dieses ursprünglichen Systems der Philosophie wäre das von ihm wiederentdeckte und neukonzipierte Rad. Es ist nicht Weltbild oder Ideologie, sondern eine Welt-Grammatik, welche die Elemente zeigt, aus denen Weltbilder gestrickt sind. Es ist auch keine Heilslehre, der man sich gläubig hingibt, sondern ein Werkzeug der Entdeckung und Schaffung von Sinn. Wenn die Philosophie dieses Orientierungsorgan in uns erwecken soll, impliziert das natürlich, dass es unbewusst in uns immer schon vorhanden ist. Jedes Erkennen, jedes Sinnerleben, selbst im beschränktesten ideologischen Korsett, vollzieht sich auf Grundlage bewusstseinsimmanenter Prinzipien, egal ob wir sie uns über die Kenntnis des Rades bewusst machen oder nicht. Insofern also das Rad unsere Bewusstseinsstruktur beschreibt, würde Gabriel den ganzen Ansatz eindeutig dem konstruktivistischen Lager zurechnen. Keyserling war aber der Überzeugung, dass die besagten Prinzipien auch kosmische Schöpfungsprinzipien sind, die der Realität ihre Form geben, unabhängig von und vor der Existenz des — seiner selbst bewussten — Menschen auf diesem Planeten.

Das Raddenken folgt der an sich sehr simplen Prämisse, dass wir als Teil der Natur grundsätzlich genauso beschaffen sind wie der Rest der Natur. Wenn dem so ist, dann sind die innerlichen, transzendentalen Erkenntnisprinzipen in uns genauso beschaffen wie die äußerlichen Phänomene. Dann wäre aber die Annahme einer unerkennbaren Realität an sich auf der einen Seite, und das Zurückgeworfen-Sein eines Subjekts auf seine inneren Erkenntnisvoraussetzungen auf der anderen, wie sie Gabriel bei Kant kritisiert, tatsächlich eine überflüssige Konstruktion. Doch die Identität von Innen und Außen ist erst im Erreichen des ganzheitlichen Gewahrseins gegeben, erst dann ist diese Kluft überwunden, erst dann können wir Gabriel zustimmen und sagen, dass wir die Welt so erkennen, wie sie an sich ist. (S. 13)

Wenn das, was Außen ist, dem Inneren prinzipiell gleicht, dann ist in beiden der gleiche Sinn. Dann können wir uns über den Sinn, den die Natur trägt, auch auf den Lebenssinn einstimmen, und Strukturen wie die unseres Sonnensystems, unseres Körpers und des Atoms können uns dann Orientierung bieten. Zu einem solchen Schluss kommt die SFO natürlich nicht, im Raddenken ist er aber von zentraler Bedeutung, womit hier an einer verdrängten, ganzheitlichen europäischen Tradition angeknüpft wird, der Hermetik, der die ganze Natur der Leib Gottes ist. Sie erkennt aber auch die Widersprüchlichkeit und Paradoxie als Merkmal aller Existenz an, und die Natur ist für sie zugleich das Widergöttliche. Das Sein der Natur ist also heilig und unheilig zugleich. Sie ist äußerste Ferne von Gott und zugleich der werdende Gott, an dem der Mensch teilhat.

Die Hermetik wurde in jüngster Vergangenheit von Ralf Liedtke (Die Hermetik. Traditionelle Philosophie der Differenz, 1996) wieder in Erinnerung gerufen, als europäischer Taoismus, als ein in den Untergrund verdrängter Strom europäischer Geistesgeschichte, neben der offiziellen, monolithisch anmutenden Einheitsmetaphysik des Abendlandes. Der Hermetiker hat nicht nur die Einheitsschau, er sieht auch die Zersplitterung der Welt. Keine der beiden Sichtweisen ist weniger wirklich. Er anerkennt einerseits das Sein dieses unüberbrückbaren Gegensatzes, und erlebt andererseits seine eigene Existenz im Werden, welches von der Spannung des Gegensatzes hervorgebracht wird, und dauernd dessen Einung bewirkt.

Gemessen an der hermetischen Theorie, welche die Differenz des Gegensatzes nicht entwirklicht, bzw. bei allem auch das Andere, das Widersprechende als wahr erkennt, hat eine Theorie, die nur unzählige unzusammenhängende Felder in den Blick bekommt, schlicht den Gegensatz der Vereinzelung und Zersplitterung verloren, die Schau der Einheit, des Zusammenhangs im großen Sinn. So bestätigt sich ein Wort von Leibniz auch in Hinblick auf die SFO, nämlich dass alle Philosophien in dem Recht hätten, was sie behaupten, Unrecht in dem, was sie bestreiten.

Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD