Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

2. Zusammenhang

Weltverneinung

Der wohl überraschendste und provokanteste Schluss, zu dem das Konzept der Sinnfelder führt, ist jener von der Nicht-Existenz der Welt. Wie kann man so etwas behaupten? Weltbilder mögen sich zwar nicht gleichen, aber dass es so etwas wie einen einenden, großen Zusammenhang gibt, ein Ganzes, die Welt eben, in der wir enthalten sind, das setzt jeder irgendwie als Selbstverständlichkeit voraus. Genau diese Selbstverständlichkeit stellt Gabriel in Abrede und exerziert uns das logisch vor. Logisch — und die Prämissen der SFO voraussetzend — wäre es nämlich unmöglich, vom Ganzen der Welt zu sprechen. Denn wenn ich Alles als Welt zusammenfasse, muss dieser Gegenstand Welt in einem Sinnfeld erscheinen, damit er existiert. Dieses nun die Welt beherbergende Sinnfeld war jedoch in dem vorher gedachten Alles noch nicht mit dabei. Nehme ich in einem zweiten Schritt nun dieses auch noch dazu, stellt sich wieder die Frage nach einem Sinnfeld, einem Hintergrund, in dem dieses nun größere Ganze erscheinen muss, usf., ich komme niemals zu einem letzten Sinnfeld aller Sinnfelder, es ist unmöglich in irgendeiner Weise das Ganze zu fassen, uns also ein richtiges Bild über den Supergegenstand Welt anzueignen. Nicht nur können wir uns kein Weltbild machen — es gibt die Welt nicht (eben weil wir in keiner Weise logisch sinnvoll sagen können, dass es sie gibt).

Mit der Verneinung der Existenz der Welt will Gabriel auf keinen Fall behaupten, dass nichts existiert. Im Gegenteil, es gibt alles — in unterschiedlichen Sinnfeldern —, aber eben kein Gesamt, das wir als Welt bezeichnen können. Gabriel plädiert daher für einen Pluralismus und beruft sich auf Leibniz, der nicht eine Substanz, eine Welt, sondern eine Vielzahl von Monaden annahm. Hingegen sind alle Formen des Monismus, ob idealistischer oder materialistischer Art, ein Irrtum. Da eben alles Existente in einem Sinnfeld erscheinen muss, kann das Eine Ganze, der Gegenstand Welt, der kriterienlos alle Gegenstände und somit alle Eigenschaften umfasst, die es gibt — und sich daher von nichts unterscheiden kann — niemals erscheinen, niemals sein. Damit ein Gegenstand existieren kann, muss er aus seiner Umgebung hervorstechen, sich von einem Hintergrund abheben — existere heißt ja hervorstechen, hervorragen. Für Alles gibt es aber keinen Hintergrund, von dem es sich abheben, auf dem es erscheinen könnte, daher existiert Alles nicht. Folglich wäre auch die eine, göttliche Substanz, wie sie etwa Spinoza konzipierte, schlicht ein Irrtum — dem übrigens auch der erste Philosoph, Thales von Milet erlegen wäre, als er meinte, alle Dinge sind nur Erscheinungsformen einer einzigen Substanz, dem Wasser. Er hätte sich nicht nur in Bezug auf das Wasser als vermeintliche Grundsubstanz geirrt, sondern ganz grundsätzlich darin, dass es die Arché gibt, das alldurchdringende Prinzip, dem die sogenannten archaischen Philosophen der vorsokratischen Epoche auf der Spur waren. Genauso falsch sind dann natürlich auch alle moderneren Varianten des materialistischen Monismus, auch etwa die Antwort des Physiknobelpreisträgers Richard Feynman auf die Frage, was er denn als wichtigste Erkenntnis der Menschheit an eine außerirdische Zivilisation übermitteln würde. Die lautete schlicht: Alles besteht aus Atomen.

Laut Neuem Realismus ist der Weltbegriff also nicht nur verzichtbar, sondern grundsätzlich falsch, und die Entscheidung, sich seiner und der Suche seiner näheren Bestimmung als einer umfassenden Grundstruktur zu entledigen, würde uns der Wahrheit näher bringen. Gemäß dieser Denkungsart liegt das Hauptproblem nicht darin, dass es viele Weltkonzeptionen gibt, von denen manche richtig und manche falsch sind, sondern dass alle falsch sind, weil sie eben die Welt meinen. Jedes Bild, jeder Begriff, der die Welt als ein Ganzes, als ein kohärent Zusammenhängendes zum Gegenstand hat, kann nur eine der Wahrheit widersprechende Konstruktion sein.

Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
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