Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

2. Zusammenhang

Die Wirklichkeit und die Ganzheit wollen

Ist wollen etwas anderes als wünschen, begehren oder ersehnen? Wollen wird oft nicht von diesen anderen Formen des Intentionalen unterschieden. Im Rad steht das Wollen aber für eine andere Dimension des Erlebens als Wünschen, Begehren oder Phantasieren, welche allesamt der Dimension des Fühlens angehören1 Der Vollständigkeit halber sei aber festgehalten, dass es neben den Bewusstseinsfunktionen des Fühlens und des Wollens auch noch die des Empfindens und des Denkens gibt. (Man könnte auch von vier Klassen von Sinnfeldern sprechen) Normalerweise liegen sie vermischt im Bewusstsein vor, Wahrgenommenes, Gedachtes, Gefühltes und Entscheidungen bilden ein buntes, oft verwirrendes Durcheinander in unserem Kopf. Doch es geht darum, diese Vierheit zu unterscheiden, was in vielen Traditionen und etwa auch bei C. G. Jung und Gurdjieff als wesentliche Aufgabe gilt auf dem Weg der Befreiung und Verwirklichung des Menschen.

Bekanntlich zeigen Gehirnscans eine Vielzahl von parallel ablaufenden Prozessen, was meist durchaus natürlich und notwendig für unser Funktionieren ist. So sind etwa die Zentren zum Verarbeiten der Außenwelt-Informationen, und die Gefühlszentren zur Verarbeitung von Innenwelt-Informationen oft gleichzeitig aktiv. Das heißt aber nicht, dass jede unwillkürliche Gleichzeitigkeit von neuronalen Prozessen notwendig und wünschenswert ist. Welche Neuronen wie und wann und wie oft aktiv sind oder schweigen, ist nicht völlig unserer Kontrolle entzogen, sondern kann von uns einigermaßen beeinflusst werden. Insbesondere Untersuchungen an Meditierenden konnten zeigen, wie sehr der Mensch seinen neuronalen Zustand im Gehirn bewusst formen kann.

In ihrer möglichen Differenziertheit liegen empfinden, denken, fühlen und wollen nur im menschlichen Bewusstsein vor. Tatsächlich ist diese Vierheit aber auch in der Funktion des Fühlens selbst schon vorgebildet. Beim Tier, das ganz in der Welt der Emotionen gegründet ist, zeigt sie sich als vier Grundtriebe — Sicherung, Aggression, Nahrung und Reproduktion. Natürlich gilt das ebenso für den Menschen, der unter anderem auch Tier ist. Das Verständnis der Rolle dieser vier Grundemotionen in Bezug auf die Erhaltung der Gattung und die Erhaltung des Einzelnen lässt auch den Sinn der vier menschlichen Bewusstseinsfunktionen besser begreifen.

Doch lassen wir das Empfinden und das Denken hier beiseite — also die Informationen aus der mehr oder weniger bedrohlichen Außenwelt und die sprachlich-symbolische Verarbeitung der Außenwelt-Informationen, oder anders ausgedrückt: die neuronalen Repräsentationen der Außenwelt und die neuronalen Repräsentationen von Repräsentationen. Erwähnt sei nur noch, dass nach Maßgabe der Signale aus den fünf Sinnen alle tierischen Schutz- und Fluchtreaktionen erfolgen, welche die Angst bannen, und dass alle Strategien der Selbst-Behauptungen und Positionierung im sozialen Feld der Aggression entspringen. Auf der höheren Ebene des menschlichen Bewusstseins ist dann das sinnliche Empfinden also Grundlage aller Anpassung an die wahrgenommene materielle Welt, und das rationale Denken umfasst alle verstandenen Regelkreise, gesetzmäßigen Abläufe und erkannten Strukturen, die zum strategischen Wissen werden, zu Kompetenzen, welche die soziale Rolle und den Status begründen. Wenden wir uns aber nun tatsächlich wieder dem Unterschied von fühlen und wollen zu, denen biologisch die Nahrungssuche und die Fortpflanzung entsprechen. Durch das Verständnis von Hunger und sexuellem Trieb, von denen das eine seinen Schwerpunkt in der Selbsterhaltung, das andere in der Arterhaltung hat, versuchen wir uns der Bedeutung von Fühlen und Wollen anzunähern.

Hunger kann nach allem Möglichen bestehen, das Fühlen ist die Mangelfunktion par excellence. Fühlen heißt aber auch, die Erfüllung des Mangels zu erleben, vom einfachen Sättigungsgefühl über das liebevolle Angenommen-Sein bis zum ekstatischen Außer-sich-Sein. Bei den primitivsten Wesen ist es einfach das Streben nach Stoffaufnahme, die den Erhalt des individuellen Körpers gewährleistet.

Mit dem Nahrungstrieb als Grundlage hat also Fühlen ursprünglich das unmittelbare Überleben des Individuums zum Ziel. Das Fühlen kann aber auch das Höchste und Ganze anstreben und reicht dann durchaus über den individuellen Überlebensdrang hinaus. Was dabei allerdings angestrebt wird, ist nicht ein übliches Objekt der Begierde, sondern man nennt das ein Ideal. Wohl ist auch der Sättigungszustand eine Art Ideal für den Hungrigen. Doch dieser Idealzustand ist erreicht, sobald man sich Entsprechendes einverleibt hat. Mit den Idealen, die auf die höchste Erfüllung gerichtet sind, scheint es sich anders zu verhalten: Das Ideal bildet einen Horizont, und der ist bekanntlich unerreichbar. (Im Übrigen kann man auch die Sehnsucht nach dem Idealen mit den Kategorien von Hunger und Durst erfassen, so wie man etwa den Namen Allah mit dem Bild des in der Wüste nach Wasser Dürstenden in Beziehung setzt.) Das angestrebte Ideal wird niemals endgültig Realität. Es bleibt eine ewige Kraft, die uns bewegt, auf die Vollendung zu.

Entscheidend zum Verständnis des Fühlens ist die Einsicht, dass die Mangelerfahrungen des Fühlens, das Streben des Fühlens nach Erfüllung, die eigentliche und einzige Kraft ist, die uns als individuellem Wesen zur Verfügung steht. Es ist das, was man als Motivation bezeichnet. Dabei scheint, wie gesagt, die Erfüllung niemals endgültig: auf Sättigung folgt wieder Hunger, ein erfüllter Wunsch wird von einem anderen abgelöst, und das Ideal, das Höchste scheint überhaupt unerreichbar, nämlich insofern, als es etwa zu jedem Schönen noch ein Schöneres gibt, wie schon Sokrates gelehrt hat. Doch tatsächlich gelingt dem Fühlen allein nicht einmal die Erfüllung des einfachsten Mangels. Denn das Fühlen lässt nur Mangel und Sättigung erleben, damit Sättigung tatsächlich passiert, ist ein Freisetzen und Lenken der Gefühlskräfte nötig. Beim Tier vollzieht sich das auf völlig unbewusster Instinktgrundlage, beim Menschen durch sein — mehr oder weniger bewusstes — Wollen.

Wollen heißt also, beim Angestrebten angekommen zu sein, bzw. es zu realisieren. Realisiert dann also das Wollen sogar das Ideal (während das Fühlen vorerst nur nach ihm lechzt)? Ja, zumindest für einen Augenblick. Im Fühlen erleben wir das profanste Sättigungsgefühl als auch die höchste Seligkeit, wie wir bereits angemerkt haben. Dass aber Erfüllung verwirklicht wird, erfordert ein Lenken der Kräfte — der inneren als auch der äußeren — durch das Wollen, erfordert ein Handeln.

In der Radepistemologie ist die Bewusstseinsfunktion des Wollens das, was im chinesischen Buch der Wandlungen als das Empfangende bezeichnet wird, und ist somit das Gegenteil von Willkür. Es bedeutet Offenheit, die Einstimmung auf die sich ereignende Wirklichkeit, die Intuition dafür, was im Augenblick als Tun möglich und im Einklang mit den kreativen Prozessen im Kosmos ist. Wollen heißt also Einstimmung auf das Ganze, auf die Kraft, die alles bewirkt, womit wir hier auch Wollen als Kraft bezeichnen, in Ermangelung eines besseren Ausdrucks. Handeln aus dieser Kraft nimmt sich zuweilen wie Nicht-handeln aus, wenn sich die Dinge gemäß unserer Intention ereignen und sich sinnvoll fügen, ohne unser angestrengtes, willkürliches Zutun. Diese vollendete Form des Handelns kennen wir vor allem aus dem Taoismus, und die heutige Glücksforschung spricht vom flow.

Am Ende des vorigen Abschnitts haben wir festgestellt, dass selbst wenn das Denken sagt, es gibt den Weltzusammenhang nicht, das Wollen ihn dennoch meinen kann, und haben gefragt, ob diesem Gemeinten etwas Wirkliches entspricht. Für die SFO kann dieser Weltzusammenhang höchstens ein erträumter sein, bzw. wieder nur ein vereinzeltes Sinnfeld, wie alle anderen. Im Rad hingegen gilt die Teilhabe am All-Zusammenhang als erreicht und verwirklicht, wenn die Ebene des Wollens erreicht ist. Erst im Wollen sind wir daher überhaupt bei der Wirklichkeit angelangt, die nicht die Wirklichkeit des Einzelnen ist, sondern die aller.

Erinnern wir uns des Reproduktionsdrangs, der die biologische Grundlage des Wollens ist, der aber nicht bewusst ist. Menschen erzeugen nicht Kinder, weil sie die Menschheit erhalten wollen, doch genau das ist der elementarste Zweck der Sexualität. Dass der Mensch die Sexualität auch losgelöst davon lebt, widerspricht dieser Tatsache nicht, denn die Liebe dient auch in ihren höchsten Formen dem Erhalt der Gattung. Der Reproduktionsdrang, der beim Menschen als Liebe und Kreativität gelebt wird, hat also nicht das Überleben des Einzelnen, sondern das der ganzen Gattung zum Ziel. Wollen ist also immer aus dem Ganzen getragen, auf das Ganze abgestimmt. Es ist kein bloßes Ersehnen des Ganzen, sondern immer schon Teilhabe an ihm.

Die Sphäre des Reproduktionsstrebens, mit der unbewussten Ebene der Genaktivität als ihrem elementarsten Ausdruck, ist eine andere Dimension als die halbbewusste Ebene der Triebaktivität. Während letzteres dem Traum entspricht, dem Wünschen, Sehnen und Begehren, entspricht ersteres dem Tiefschlaf, der Abwesenheit von irgendwelchen Bewusstseinsinhalten. Wollen heißt daher Teilhabe an einer Kraft und Wirklichkeit, die üblicherweise dem Bewusstsein völlig entzogen ist. Diese Kraft zu erwecken bedeutet, zur wahren, ganzen Wirklichkeit zu erwachen (die kein einsames, vereinzeltes Sinnfeld ist). Es ist die Teilhabe an der Kraft, die alle Wirklichkeit schafft. Sie ist nur dann bewusst gegeben, wenn der Mensch im ganzheitlichen Gewahrsein lebt, in welchem sich Subjekt und Welt, Angestrebtes und Entgegenkommendes zur sinnvollen Ganzheit fügen.

Dass unser Wollen primär gar nicht der Sphäre des Bewussten angehört, sondern dass sich unser Wollen in der Regel gleichsam ohne unser Wissen vollzieht, zeigen auch Benjamin Libets Forschungen aus den 80ern über Aktivierungspotentiale im Gehirn. Die Erkenntnis, dass wenn das bewusste Ich eine Entscheidung trifft, der Organismus sie schon eine halbe Sekunde vorher getroffen hat, wird von vielen als Erweis für das Fehlen des freien Willens interpretiert. Der freie Wille ist demnach nur eine Illusion. Eine Entscheidung fällt, weil eine Kausalkette aus der Vergangenheit unseren Körper dazu veranlasst, nicht weil ein bewusster Akteur dies will. Erst im Nachhinein bildet sich dieser Akteur ein, er hätte frei gewählt. Wenn dem wirklich so ist, löst sich nicht nur die Vorstellung vom Willen auf, sondern natürlich auch die Vorstellung von einem Akteur, denn schließlich ist es die Mechanik der Materie, die alles bewirkt. Der Akteur ist genauso eine Illusion, wie der Wille. Viele naturwissenschaftlich eingestellte Bewusstseinsforscher vertreten diese Sicht der Dinge und meinen, im Lichte dessen müssen wir das Konzept der Verantwortlichkeit der Menschen für ihre Taten neu überdenken. Die Auffassung, dass somit niemand zur Verantwortung gezogen werden darf, weil ja eigentlich niemand einen Willen hat, vertreten sie nun aber doch nicht. Auch diese aufgeklärten Forscher sind dann letzten Endes doch der Auffassung, dass die Menschen weiterhin so behandelt werden müssen, als ob sie einen freien Willen hätten.

Es wird zur Zeit viel Aufhebens gemacht wegen der Entdeckungen von Libet, so als ob jetzt zweifelfrei und endgültig bewiesen wäre, dass der Mensch keinen freien Willen hat. Libets Ergebnisse sollten wir aber nur dahingehend interpretieren, dass die erste Instanz des Wollens nicht unser bewusstes Ich ist, sondern eine Instanz, die dem Bewusstsein nicht selbstverständlich zugänglich ist. Das bewusste Ich weiß zumeist gar nichts von ihr, vergleichbar dem instinkthaften Gesteuert-Sein beim Tier. Für oben erwähnte Forscher ist dies aber keine verborgene Bewusstseinsinstanz, kein verborgenes Tiefensubjekt, sondern eben der materielle Organismus, der von blind waltenden Kräften bedingt ist, die im Urknall ihren Anfang genommen haben. Wenn es keinen Wille gibt, können es nur diese Kräfte sein, die etwa bewirken, dass ich in diesem Moment genau diese Worte schreibe. Von den Materialisten unter den Bewusstseinsforschern wird genau das vertreten, und sie sehen auch keine Hoffnung, den Willen einführen zu können mit Hilfe der Quantentheorie und den nachweislich erkannten zufälligen, unberechenbaren Quantenereignissen. Auch im Lichte der Quantentheorie bleibt die Welt für die Materialisten ein mechanischer Ablauf vom Urknall weg, eben durchsetzt mit ein wenig Quantenzufall. Forscher, welche die Unbestimmtheit von Quantenprozessen im Gehirn als den Ansatzpunkt des Willens zu begreifen versuchen, werden etwa von dem deutschen Bewusstseinsforscher Metzinger als Quantenspinner bezeichnet.

Für diese Materialisten sind also Ich und Wille Illusionen, das eigentlich Wirkende, Wirkliche ist das Wirken der Materie vom Urknall an. Natürlich kann man auch mit einer solchen Überzeugung ein humanes und produktives Leben führen, und mir persönlich sind Atheisten und Materialisten allemal sympathischer als religiöse Eiferer — falls sie wirklich echte Materialisten sind, und nicht nebenher doch noch einem Idealismus frönen, etwa in Form einer politischen Ideologie. Stalin und Hitler, welche ja seitens der Religiösen gerne als Beispiel angeführt werden, um zu zeigen, wie gefährlich Atheismus ist, waren eben nicht nur Materialisten. Aber auch mit den Verbrechen, die im Namen Gottes begangen wurden und werden, können die Atheisten bei dieser Art von Argumentation locker dagegen halten. Im Kampf gegen religiösen Fanatismus leisten viele der heute sehr engagiert auftretenden Atheisten auf jeden Fall einen wichtigen Beitrag.

Eine materialistische Einstellung ist nicht einmal mit einer gewissen Spiritualität unvereinbar, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Tatsächlich betreiben manche der besagten Materialisten Meditation oder liebäugeln mit bestimmten Aspekten mystischer Traditionen. Und für einen Materialisten wie den Bewusstseinsphilosophen Daniel Dennett ist die Sache mit dem Willen überhaupt nicht so dramatisch. Er schafft sogar den Spagat — den ich nicht kann — zwischen einer Rede von der Illusion des Willens, und der Rede davon, dass wir für unsere Zwecke ausreichend freien Willen haben, um uns zu moralischem anstatt zu unmoralischen Verhalten entscheiden zu können. Überhaupt ist moralisches Wohlverhalten einigermaßen unabhängig von der philosophischen Einstellung, die man pflegt. Atheisten, was materialistische Reduktionisten per definitionem ja sind, meinen mit ihrem Bekenntnis zu moralischem Wohlverhalten den Religiösen den Wind aus den Segeln nehmen zu können. Letztere sind bekanntlich der Ansicht, nur eine über den Menschen hinausreichende Instanz, eben Gott, könne der Garant für moralische Werte sein. Materialisten sind hingegen überzeugt, dass Moral auch ohne Gott funktioniert. Neben der Materie gibt es zwar nichts anderes, keinen Gott, kein absolut Gutes, kein Subjekt und keinen Willen, aber im Bereich der Biologie entwickeln sich im Laufe der Zeit Systeme, die sich wie Akteure mit Willen gebärden, die kulturfähig sind und im Rahmen der Kultur dann Werte hochhalten, die aber letztlich alle auf den biologischen Überlebensdrang zurückzuführen sind.2 Wer von Anfang an der Überzeugung ist, dass wir wissen was Materie ist, und dass es neben dieser als bewusstlos und werte-los verstandenen Materie nichts gibt, muss so denken. Ist aber das moralische Wohlverhalten von Menschen, die an nichts Größeres glauben, nicht doch auch auf das zurückführen, woran die Religiösen glauben? Ist es vielleicht nicht nur ihre Biologie, und nicht ihre biologischen Theorien der Moral, die sie moralisch sein lassen, sondern die unbewusste Ahnung von der großen Einheit, an welche die Religiösen glauben? Tatsächlich wird unser Verhalten auch noch von etwas anderem gesteuert, als von unserem bewussten Ich und dessen unzulänglichen Welt- und Menschenbildern.

Größeres kennen natürlich auch die Materialisten, doch das ist einfach die Materie selbst, und Subjekt und Wille erweisen sich in dieser als Illusionen (und selbstredend gibt es das wollende Subjekt spätestens dann nicht mehr, wenn der materielle Körper zerfällt). Dass unser bewusstes Ich eine Illusion ist, und etwas Größeres, unserem Alltagsbewusstsein Entzogenes all unser Tun bewirkt, denken aber nicht nur die Materialisten. Auch in den spirituellen und religiösen Traditionen wird diese Ansicht gepflegt, nur dass dieses Größere dort eben nicht das Walten der blinden Materie ist, sondern das Walten Gottes, des Brahman oder des Tao. Dass wir Ethik und Moral entwickelt haben, kann man natürlich auf die biologische Evolution zurückführen. Warum aber so etwas überhaupt im Rahmen der stupiden Materie auftaucht, bleibt eine offene Frage. Zufall! ist die einzig mögliche Antwort für Materialisten. Dass nun auch Menschen mit solchen Überzeugungen moralisch positiv handeln, ist meinem Verständnis nach aber eben nicht auf ihre Biologie und ihre spitzfindigen Gedanken zu dieser zurückzuführen, sondern auf ihr unbewusstes Wissen vom Ganzen, an dem wir teilhaben — auf die Ahnung, dass wenn wir andere verletzen, wir uns selbst verletzen, auf die Ahnung, dass wir im tiefsten Grunde einander identisch sind. Worauf diese Identität gründet, und wie das bewusste — in vieler Hinsicht tatsächlich illusionäre und mit falschen Autonomievorstellungen behaftete — Ich mit dem Selbst des großen Zusammenhangs in Beziehung steht, und wie ein spontan wollendes Ich sich nicht bloß im große Wollen der Schöpfung verflüchtigt, sondern einen entscheidenden Akteur auf den höchsten Stufen der Evolution darstellt, werden wir im 4. Kapitel näher behandeln.

Wirkliches Wollen ist also Eingestimmtheit auf das Ganze, auf die Kraft, die allen Kosmos wirkt, auf die Kraft, die alle Kräfte lenkt. Wenden wir uns aber vorerst wieder Gabriels Argumenten zu, dass dieses Ganze, die Welt als Ganzes logischerweise gar nicht existieren kann, und zu unserem Versuch, dieses Ganze vom Rad her als seiend zu denken.

1Formal zeigt sich ihr wesentlicher Unterschied im Rad schon dadurch, dass Fühlen der Dreidimensionalität des Raumes, Wollen hingegen der Vierdimensionalität zugehört. In der Abbildung ist der systemische Zusammenhang aller vier Funktionen dargestellt. Diese mathematisch-geometrischen Grundlagen sollen uns an dieser Stelle aber nicht weiter interessieren.
2Man könnte sich natürlich auch fragen, worauf denn dieser ominöse Überlebensdrang zurückzuführen ist.
Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
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