Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

2. Zusammenhang

Ein gemeinsames Sinnfeld

Laut Gabriel kann die Welt logisch gar nicht gedacht werden, da die Welt ja Alles ist, wofür es aber kein Sinnfeld gibt. Doch selbst wenn wir Gabriels Argumentation gegen Alles, gegen den Zusammenhang aller Sinnfelder gelten lassen, trifft es nicht für den Fall zu, dass wir alle jene Sinnfelder in einen Zusammenhang stellen, die für menschliche Zwecke erkennbar und relevant sind. Denn wenn wir sagen alle Sinnfelder, die dem Menschen erscheinen können, gibt es noch unendlich viele, die da nicht dazugehören. Wir hätten dann zwar nicht den Supergegenstand Welt gefasst, aber die Welt des Menschen. Das sollte uns aber eigentlich genügen, denn uns kann es immer nur um eben diese Welt des Menschen gehen (eine andere können wir gar nicht kennen). Praktisch gesehen ist für uns Welt all das, was den Planeten Erde betrifft, und zwar in einer Weise, wie es bis jetzt für die Menschheit noch nie der Fall war.

E A R T H
Blue Marble, aufgenommen von Apollo 17 am 7. Dezember 1972
Quelle: de.wikipedia.org

Für die Sinnfeldontologie ist unser Planet ein Sinnfeld unter vielen. Doch ist dieses offenkundig ausgezeichnet, denn seine Realität legt uns auf ein elementares gemeinsames Sinnfeld fest, das uns auch einen Körper beschert, der bei allen Menschen nach gemeinsamen Prinzipien gebaut ist. Durch einen solchen Pragmatismus, den ja die Vernunft gebietet, verschieben sich die Akzente bei unseren philosophischen Fragestellungen: Vom Ganzen können wir uns kein Bild machen, von der Erde und unserem Körper durchaus. Und die Frage nach der Ganzheit kommt dann hier in einer anderen Weise ins Spiel, als in der Diskussion um die Unmöglichkeit eines Weltbildes. Wir erkennen, dass unsere konkrete, eigentliche Welt, die Erde, nicht ganz, nicht heil ist, was wir bereits am eigenen Leib zu spüren bekommen. Es liegt an uns, sie zu heilen und ihre Ganzheit anzustreben. Wir müssen es wollen, damit es wirklich wird. Gäbe es dieses Wollen nicht, die Welt wäre ewig ein heilloses Nebeneinander.

Vor dem Solipsismus rettet Gabriels Konzept der Weltlosigkeit, bzw. der unabhängigen Sinnfelder nur seine zwei Begriffe von den möglichen Überlappungen, und der Fähigkeit, Übergänge zwischen Sinnfeldern zu schaffen. Das erste meint bestehende Strukturähnlichkeiten zwischen Sinnfeldern, das zweite die kreative Schöpfung einer einenden Struktur. Gäbe es das nicht, würde beispielsweise etwa bei einer Gruppe von Fahrgästen in einer Straßenbahn jeder in seinem eigenen Sinnfeld Straßenbahn sitzen. Das könnt man sich ja durchaus noch als viele Individuen vorstellen, jedes vor sich hin stierend, hin sinnierend, hinträumend oder hindämmernd. Bei einer Verwicklung des Straßenbahnwagens in einen Verkehrsunfall würde sich aber sehr schnell herausstellen, dass die Überlappung das eigentlich entscheidende Sinnfeld ist. Die eigenen Straßenbahnen wären nicht mehr relevant, sondern nur mehr die gemeinsame Straßenbahn, welches Sinnfeld dann aber auch gewissermaßen einen höheren Realitätsgrad besitzt, als die vereinzelten. Und dass dieses gemeinsame Sinnfeld irgendwie immer schon bestanden hat, wird nicht nur der Hausverstand konstatieren. Man kann natürlich auch die Vorstellung bevorzugen, dass dieses neue Sinnfeld erst im entscheidenden Augenblick entstanden ist. Bei dieser Sichtweise verortet man sich dann stärker in einer formbaren, flexiblen, bzw. kreativen Wirklichkeit, was übrigens für ein verantwortendes Leben zumindest bis zu einem gewissen Grad immer notwendig ist. Beim Straßenbahnunfall wird aber das kreative Vermögen der Insassen, Sinnfelder zu beeinflussen, wohl eine geringe Rolle spielen — außer vielleicht im Falle des Fahrers — und die Wirklichkeit (gemeinsame Straßenbahn, Unfall) wird als unveränderbar gegeben erlebt, und nicht als von uns geschaffen. Das kreative Vermögen ist für alle Beteiligten vor allem bei der Verarbeitung der Konsequenzen des Unfalls gefordert. Hier wird dann wieder die Wirklichkeit mehr als eine formbare erlebt, als die zu gestaltende Zukunft.

Vor der Absurdität des Solipsismus rettet uns also immer nur ein gemeinsames Sinnfeld, was in der SFO durch Überlappungen und durch Schaffen von Übergängen zwischen Sinnfeldern gewährleistet wird. Dass wir uns aber alle schon längst in einem gemeinsamen Sinnfeld befinden, das wir nicht selber geschaffen haben, ist trotz Weltverneinung auch für Gabriel scheinbar klar, sonst würde er davon nicht reden, dass wir uns alle gemeinsam auf einer gigantischen Expedition (S. 255) ins Unendliche befinden. Natürlich hat niemand das ganze Bild von dieser Expedition, und wer sein Bild als das Ganze ausgibt, unterliegt einem Irrtum. Aber dass es alle als eine Expedition erkennen, das ist das Entscheidende. Damit etwas als bspw. eine Expedition identifiziert werden kann, muss es gewisse Kriterien erfüllen. Und dass es also Kriterien gibt, die für alle erkennbar sind, bzw. auf die sich alle aus guten (auch logischen) Gründen einigen können, muss man immer voraussetzen, sonst könnte man nicht wirksam mit solchen Metaphern arbeiten. Wir brauchen diese Kriterien, bzw. sie sind immer schon da, um überhaupt miteinander zu reden, um uns zu verstehen, sogar um sich nicht einig zu sein, sogar um sich miss zu verstehen.

Damit man an einem Sinnfeld teilhat, ob Expedition, Planet Erde oder sonst etwas, muss man nicht die ganze Expedition oder den ganzen Planeten erfassen, kann es auch nicht. Man hat aber teil an ihrem Sinn, wenn man die Kriterien erfasst, die Konzepte wie gemeinsame Expedition oder Planet Erde bedingen. Das ist auch der entscheidende Gedanke, um die Bedeutung des Rades zu begreifen. Es zeigt die allen gemeinsamen, bedingenden Kriterien für alle Konzepte, Vorstellungen und Bewusstseinsinhalte. Es ist kein Bild von der Welt und kein Wissensspeicher über alle Bereiche, es ist auch nicht HabermasSumme alles Erkennbaren. Vielmehr zeigt es die gemeinsamen Kriterien, wie wir Wissen generieren und wie wir Sinn erfassen, wodurch erst etwas wirklich wird und wir uns in einer gemeinsamen Wirklichkeit verorten. (Und nebenbei und vorausgreifend bemerkt: es zeigt auch, in welchen Sinnfeldern sich der Mensch ansiedeln muss, um auf seinem Weg der Menschwerdung voranzuschreiten, im Einklang mit den anderen, und dabei dem individuellen Lebensentwurf und Lebensstil keine Gewalt antut, sondern ihn fördert.)

Im Lichte all dessen erweist sich Gabriels Einsicht Gedanken über die Welt sind nicht wahrheitsfähig, sie haben keinen Gegenstand auf den sie sich beziehen (S. 104) vielleicht als logisch richtig, und sein Kampf gegen absolutistische Weltbilder mag Argumentationshilfen bieten gegen stumpfsinnigen Fundamentalismus und Einheitsfanatismus. Für unser wirkliches Leben bedeutet das alles aber kaum mehr als eine akademische Übung. Ihm scheint es mit der Ablehnung des Weltzusammenhangs aber sehr ernst zu sein, denn in dem besagten Interview meint er auch, die Wirklichkeit von irgendwelchen südamerikanischen Bauern, die gerade ihr Tagwerk beginnen, hätte nichts mit unserer Wirklichkeit zu tun. Er verwirft auch die populär gewordene Vorstellung der Chaostheorie vom Flügelschlag des Schmetterlings, welcher am anderen Ende der Welt einen Wirbelsturm auslösen kann. Dass alles mit allem zusammenhängt, ist für ihn schlicht falsch. Aber dass die Arbeitsbedingungen südamerikanischer Bauern etwas mit unseren Lebensmittelpreisen zu tun haben, und dass unsere Industrie die Wasserversorgung in den Anden gefährdet, wird wohl auch er zugeben. Allerdings lässt sich so ein Zusammenhang auch im Rahmen der SFO erklären, die von keinem grundlegenden Zusammenhang in der Welt ausgeht. Südamerikanische Arbeitsverhältnisse und europäische Lebensmittelpreise sind zwei voneinander unabhängige Sinnfelder. Der Mensch kann sie aber in einen wirkenden Zusammenhang bringen, was durch die Globalisierung ja auch offenkundig geschehen ist. Das Schaffen von immer umfassenderen Sinnfeldern durch besagtes Übergänge schaffen ist in der SFO ja möglich. Die Schaffung eines philosophischen universellen Sinnfeldes auf Grundlage dieses kreativen Vermögens scheint für Gabriel aber kein Thema zu sein, außer im Bild von der gemeinsamen Expedition. Man muss sich jedoch mit dieser sehr allgemeinen Metapher nicht zufrieden geben. Es lässt sich ein viel differenzierteres Bild entwerfen, nicht von der ganzen Welt, aber von den gemeinsamen Kriterien, die alles bedingen, was uns zur Welt wird. (Platon spricht im Zusammenhang mit dem pythagoräischen Zahlenkreuz, dem Chi, vom Werkzeug des Demiurgen, vom Werkzeug des Weltenschöpfers. Als ein solches Werkzeug ist auch das Bild des Rades zu verstehen.)

Dass Gabriel mit der Ablehnung des totalitären Weltbegriffs zugleich die Suche nach einem gemeinsamen, universellen Sinnfeld ablehnt, das für alle Menschen gelten könnte, bringt ihn unter einen gewissen Ideologieverdacht, wobei die Ideologie Pluralismus heißt. Dieser muss wohl unter allen Umständen verteidigt werden (– auch dann, wenn er vielleicht gar nicht gefährdet ist?) Doch es gibt keinen logischen Grund, warum die Integration alles Menschenrelevanten in einem Sinnfeld, das ja nicht alles umfasst, nicht möglich sein soll, und es ist nicht einzusehen, dass wirklichkeitsadäquate Urformen, bzw. Kriterien in Bild und Begriff nicht konzipierbar sein sollen, die — in einen kohärenten Zusammenhang gebracht — eine Orientierungshilfe sein können auf dem Weg durch alles Kontingente, Zufällige, zuweilen Chaotische des Lebens, das sich nicht immer unmittelbar als sinnvoll zeigt. Ein solches Sinnfeld wäre formal ein Modell und damit natürlich eine Vereinfachung, aber ein integrierendes Symbol. Doch das allein scheint schon sehr nach Weltbild und Konstruktivismus zu riechen, und kann daher von Gabriel nur abgelehnt werden. Aber das allein schon würde auch reichen, als Orientierungswissen zu fungieren, als ein gemeinsames Wissen, welches die individuellen Sinnfelder an einem gemeinsamen auszurichten und anzubinden vermag. Diese Funktion kann das Rad erfüllen. Durch so etwas sieht aber Gabriel die Demokratie gefährdet, die für ihn in der Anerkennung der Tatsache besteht, dass es keine abschließende, alles umfassende Wahrheit, sondern nur ein Perspektivenmanagement gibt, dem man sich politisch stellen muss (S. 236).

Abgesehen davon, dass ja die Anerkennung einer gemeinsamen Wahrheit nicht zwangsläufig politischen Totalitarismus zur Folge hat, gilt es zu bedenken, dass die Anerkennung der universellen Gültigkeit bestimmter Sinnfelder sogar für den liberalsten Menschen nicht verhandelbar ist. Denn es ist ja nicht so, dass wir so etwas nicht bräuchten und ja längst zum Teil auch haben. Kein vernünftiger Mensch wird heute bestreiten, dass der Kanon der Menschenrechte ein Sinnfeld von dieser Art ist. Auch der Sinnfeldontologe hält es gewiss für erstrebenswert, dass sich alle Menschen an diesen Forderungen orientieren. Ich glaube, dass es aber eine solche Gemeinsamkeit nicht nur im Bereich fundamentaler politischer Zielvorstellungen bedarf, sondern auch im Bereich des geistigen Strebens. Solange wir nicht zu so etwas gelangen, bleibt die Frage, wie wir zur geistigen Gemeinsamkeit kommen, weiterhin bestehen, und damit auch die Gefahr, immer wieder in Ideologien und überholte und separierende Weltbilder zurückzufallen. Angesichts der Anerkennung dieser Gefahr, doch unter Ausschluss der Möglichkeit eines gemeinsamen Sinnfeldes aus logischen Gründen, bleibt Gabriel nichts anderes übrig als zu appellieren, gemeinsam zu versuchen, die vielen bestehenden Strukturen besser, vorurteilfreier und kreativer zu verstehen, damit wir besser beurteilen können, was bestehen bleiben soll und was wir verändern müssen. (S. 114). Letztlich wird hier schlicht an den guten Willen appelliert.

Gabriel spricht in einem Aufsatz davon, es gäbe tatsächlich einen Ausweg aus der Alternative zwischen einem allzu wilden Polytheismus und einem allzu sparsamen Monotheismus des Sinns. Und dies ist der Sinn selbst. Allerdings bleibt doch zu bemerken, dass der allzu wilde Polytheismus nicht gebannt ist durch die Einsicht, dass es undenklich viele Sinnfelder gibt, und dass wir uns in diesen durch ein Perspektivenmanagement zurechtfinden müssen. Wir brauchen noch viel mehr an gemeinsamen Sinnfeld, als es das Sinnfeld Menschenrechte darstellt. Daher sollte, wenn Gabriel Wissenschaft und Kunst beschwört, um herauszufinden, welche Wege gangbar und welche ausgeschlossen sind (S. 237), nicht dogmatisch die Möglichkeit ausgeschlossen sein, auf philosophischem Gebiet genauso zu universell gültigen, unverhandelbaren Einsichten zu kommen, wie es auf sozialem Gebiet die Menschenrechte sind, und auf materiellem Gebiet die von allen geteilten Einsichten der Naturwissenschaften — auch wenn das in Anbetracht der Macht bestimmter Ideologien und religiöser Traditionen, die heute fröhliche Urstände feiern, noch utopisch anmuten mag.

Ist nun das Rad eine abschließende, alles umfassende Wahrheit über die Welt und den Menschen, welche Gabriel ja prinzipiell für unmöglich hält? Nur in dem Sinne, wie etwa die Entdeckung des periodischen Systems der Elemente einen Abschluss bildet und alle Atomkonfigurationen im Rahmen der 118 Plätze umfasst. Die möglichen Synthesen und Anwendungen auf Grundlage dieses Wissens sind weder voraussehbar, noch absehbar in ihrer Fülle.1 Also auch wenn die endlichen Grundlagen ewig gleich bleiben, das darauf aufbauende Wissen ist unendlich erweiterbar. So ist auch das Anerkennen und Erlernen der Radstruktur kein Endpunkt und Abschluss, sondern Beginn des Weges freier Sinnkombinatorik.

1Darüber hinaus kann man natürlich auch fragen, ob denn das periodische System wirklich abgeschlossen ist. Tatsächlich ist es prinzipiell denkbar, dass ein noch umfassenderes Elementarsystem gefunden wird, dass über das jetzige System und unsere heutigen Vorstellungen hinausgeht. Das bekannte periodische System wäre damit aber nicht außer Kraft gesetzt, sondern integraler Teil der größeren Struktur. So verhält es sich etwa auch mit der klassischen Mechanik, die sich nicht als falsch, sondern als besonderer Grenzfall innerhalb der Relativitätstheorie erwiesen hat.
Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
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HOMEDas RAD