Schule des Rades

Arnold Keyserling

Bewußtsein im Sog der Evolution

Kriterien der Freiheit

Tatsächlich sind aber alle diese Projektionen Illusionen; sie sind funktionelle Verhältnisse, bilden den möglichen Stoff der Bewährung. Diese selbst wird positiv durch vier Koordinaten bestimmt:

  • persönliche Freiheit,
  • bewußte Anerkennung und Konstellierung des Anderen in der Gemeinschaft,
  • umfassende Liebe im Bereich der Familie,
  • und schließlich unbestechliche Bewertung der beruflichen Tüchtigkeit.

Traditionell wird Freiheit durch drei Kriterien bestimmt:

  • Freiheit von äußerem Zwang;
  • Freiheit als Bekenntnis zu sich selbst, und
  • Freiheit als Meisterschaft, so wie erst der vollendete Klavierspieler den Geist der Musik frei zum Ausdruck bringt.

Die Freiheit der Meisterschaft gehört zur Sphäre des Körpers, sie läßt sich über die Entspannung, das Finden von eigenem Rhythmus und Tonus erringen. Die Freiheit von äußerem Zwang bezieht sich auf falsche Geistigkeit, da kein Zwang existiert, der sich nicht auf falsche überpersönliche Substanzen beriefe; auch sie ist jenseits des seelischen Bereichs. Die seelische Freiheit bedeutet Bildung des Ichs, das Bekenntnis zu sich selbst, zum eigenen Willen. Dieser Wille erwacht erst, wenn der Körper befriedet ist und die Stille erreicht wurde. Aber das ist nicht genug; Freiheit ist kein Besitz, sie muß immer wieder errungen werden. In den persönlichen Rahmen fallende Entscheidungen wachsen drohend zu Angstvorstellungen, bis sich der einzelne entschließt, selbst Ja und Nein zu sagen, und dies nicht nur für sich, sondern auch für den anderen.

Niemals kann die Entscheidung aus dem Denken erfolgen, immer bleibt sie spontan. Es gibt keine Stimme des Gewissens, die einen der Entscheidung enthöbe. Doch wenn sie einmal getroffen ist, dann kommt als nächster Schritt die Bemühung um den anderen; nicht im Sinne des Führens, sondern der Gleichberechtigung, durch Verwendung des Denkens in Sitte, Recht und Methodik als kommunikative Brücke zwischen den Menschen.

Nur wenn die Brücken objektiviert, vergegenständlicht sind, kann man sie zum Überschreiten der zwischenmenschlichen Abgründe verwenden. Der Kantische kategorische Imperativ blieb im Wollen und erwartete das Heil von allen frei Entscheidenden, die einsam, gleich Leuchttürmen, einander erblicken und achten. Doch die gemeinschaftliche Seele lebt im Dialog; anstatt daß Denken sich in Ritualen verhärtete, dient es dem Verkehr in all seinen Aspekten.

Gemeinsamkeiten gibt es dreierlei: die gemeinsame Anstrengung im Rahmen eines Teams oder in der Wissenschaft; die Gemeinsamkeit der Freundschaft, die den Anderen als Sosein achtet; und die Gemeinsamkeit im Dialog. Allein die letzte ist seelisch.

  • Freund wird man dem anderen, indem man sein Wesen und Werk bejaht, ohne es dem eigenen unterordnen zu wollen; hier ist das körperliche Verständnis die Voraussetzung.
  • Das gemeinsame Streben, wie es die Forscher kennzeichnet, führt in die Unendlichkeit: nicht der andere, sondern die geistige Richtung entscheidet, der die Personen sich unterordnen.
  • Seelisch bedeutet der Dialog, daß der andere als Mitmensch immer präsent ist, und nicht nur dies: daß der Dialog verwendet wird, um den anderen als Person zu erwecken.

Für die Römer, denen die Welt die Entstehung echten Rechtes verdankt, gab es Person nur im zwischenmenschlichen Bereich, da, wo Entscheidungen andere tangieren; der Rest war sachlich. Durch Recht wurde Verantwortung geschaffen, wo niemand sich schuldig glaubte, und mit dem Ausgleich im Prozeß wurde ein neues Gleichgewicht errungen. Aber Recht ist nur ein kleiner Ausschnitt der zwischenmenschlichen Wirklichkeit, kennzeichnet deren Grenzen, jenseits welcher das Verbrechen beginnt. Sie selbst erwächst im Dialog, sobald der Begriff des Fremden und Feindes in jenen des Nächsten umgemünzt wird.

Jüdisch ist Gott dann und nur dann gegenwärtig, wenn der Mensch als Ich zum Du findet. Hierdurch wird alle Denktätigkeit entgiftet: letztlich muß sie sich am Mitmenschen bewähren, jeder Willensakt findet seine Ergänzung in der Antwort, die nicht hierarchisch, sondern von gleich zu gleich über die Rede erfolgt.

Persönliche Freiheit oder Bekenntnis zu sich selbst, und Dialog mit Hilfe von Sprache und Sitten bilden die waagrechte Achse der Seele, in der alle als Person gleich sind. Sie steht senkrecht zu den beiden hierarchischen Gebieten, in denen der Mensch Teil der Geschichte ist: als Familienglied in der Generationenfolge, und als Berufswesen im Rahmen der Öffentlichkeit.

Die Empfindungswirklichkeit wird auf dreierlei Weisen bewußt: Körperlich in Gestaltung und Besitz; geistig in werteschaffender Arbeit. Seelisch wird sie erreicht durch Tüchtigkeit und Können, durch die Rolle, die eine Tätigkeit im funktionellen Rahmen der Gesellschaft findet. Hier gibt es mehr und weniger, Berufe wandeln sich. Doch in einem stimmen alle überein: daß sie dem einzelnen die Möglichkeit geben, für sich und andere aus dem Strom des Erzeugens den Lebensunterhalt zu schaffen.

Empfinden ist der Pol des Erzeugens, Fühlen jener des Verbrauchens. Seelisch sind beide hierarchisch. Im Beruf ist man altersmäßig ebenso in die Geschichte eingeordnet wie in der Familie. Während aber das Ermessen der Tüchtigkeit sich und andere unbestechlich werten muß, damit die Erzeugung als Grundlage der Existenz funktioniert, ist im Bereich der Familie die Verantwortung gegensätzlich: hier gilt es den anderen zu bejahen mit seinen Problemen und seiner Anlage. Während im Beruf nur der durchkommt, der seine Tüchtigkeit öffentlich erweist, so kann nur die Familie gedeihen, die jeglichem Glied in Verbrauch und Entwicklung alle Möglichkeiten zuspricht — ihn nicht nur real, sondern auch potential anerkennt.

Die körperliche Triebhaftigkeit, das Geschlecht, sprengt die Familie, nur ihr Ergebnis, die Kinder und die Stimmung treten seelisch in Erscheinung. Die geistige und religiöse Integration des einzelnen bleibt ebenfalls außerhalb ihres Rahmens, denn dort ist nicht die Person, sondern die Läuterung der Anlage das Ziel. Solche ist nicht seelisches, sondern geistiges Anliegen: die Verbrauchsgemeinschaft der Familie wertet nicht; sie läßt im Idealfall jedem seine Sphäre, seine Genüsse; sie bleibt ewiger Mutterschoß, auf daß sich der Mensch nicht auf eine bestimmte Befriedigungsform festlegt, sondern dem jeweils Neuen offen bleibt.

Seelische Bejahung und Personalisierung schafft den Rahmen der menschlichen Existenz, in dem jeder sich erfüllen kann, der körperlich bis zur Transparenz, bis zur Spontaneität durchgedrungen ist. Aber Rahmen ist nicht Weg des Bewußtseins: dieser entfaltet sich im letzten, dem geistigen Bereich, wo die Impulse der Identifikation zu Organen des Gestaltens werden.

Arnold Keyserling
Bewußtsein im Sog der Evolution · 1972
Kriterien der Freiheit
© 1998- Schule des Rades
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