Schule des Rades

Arnold Keyserling

Bewußtsein im Sog der Evolution

Leben und Tod

Das Leben ist nicht heilig — es sei denn, man schließe den Tod darin ein. Leben und sterben, geboren werden und Vergehen sind Teil einer einzigen Melodie, die beim Menschen die Grundlage des Bewußtseins bildet.

Doch Leben und Tod haben in der Natur verschiedene Schwerpunkte: das Leben mit seinem Wachstum verkörpert sich in der Pflanze und der Tod wird zur Lebensbasis des Tieres.

Die Pflanzen existieren aus ihrer Fähigkeit, unmittelbar Sonnenenergie aufzunehmen und mittels ihrer und des Wasser ihre Körper aufzubauen, ferner Kohlensäure zu spalten, Sauerstoff abzugeben, auf daß sich die Tiere entfalten können. Pflanzen leben aus der Sonnenenergie: mit wenigen Ausnahmen vernichten sie kein fremdes Leben außer durch Überwucherung, durch Wegnahme des Lebensraumes. Es gibt hingegen kein Tier und kein Insekt, das nicht auf dem Töten gründete; jeder Verbrauch ist auf dem Tod irgendeines lebenden Zusammenhangs aufgebaut.

Auch der Mensch lebt aus dem Töten: Verbrauch, Konsum, verlangt den Verzehr von lebender Materie, von Pflanzen und Tieren. Aber er ist nicht nur Verbraucher; gleich der Pflanze ist er auch Erzeuger. Wenn er auch nicht direkt die Sonnenenergie umzusetzen vermag, so kann er dieses mittelbar: seine Zivilisation ist grundsätzlich auf Energieumwandlung aufgebaut, vom noch organisch erzeugten Feuer über die Verwendung von Elektromagnetismus, chemischer Energie und Strahlungsenergie bis zur Spaltung der Urmaterie selbst.

Konsum und Erzeugung bilden die beiden Schwerpunkte der menschlichen Existenz; auf ihnen gründet die Zivilisation. Aber beide bedeuten sie Mittel: weder Produktion um ihrer selbst willen, noch Konsum um seiner selbst willen — wie dies in der Ideologie der Wachstumsrate der letzten Jahrzehnte zum Ausdruck kam — kann die menschliche Existenz wirklich erfüllen. Konsum und Erzeugung müssen einem dritten dienen: der Entfaltung des Bewußtseins.

Das Bewußtsein ist nicht der Natur fremd. Innerlich hat es den Kontakt mit Pflanzen und Tieren nie verloren, es verwendet sie nur in einem neuen Zusammenhang. Ohne Verständnis der pflanzlichen Bedingungen gäbe es keine Grundnahrung — der Ackerbauer und Gärtner hilft gleichsam der Pflanze, verhindert das Überwuchern; er ist seiner Intention nach eine bewußte Fortsetzung der Evolution. Desgleichen sind alle Formen des Konsums beim Menschen wie beim Tier durch die vier Haupttriebe bestimmt: Nahrungstrieb, Sicherungstrieb, Geschlechtstrieb und Aggressionstrieb bzw. Sehnsucht nach Selbstbehauptung, nach Wahrung oder Erringung eines Territoriums, das sowohl dem einzelnen als auch seiner Familie die Entfaltung ermöglicht.

T r i e b e

Dieser letzte Trieb ist in der Aggressivität entartet, denn während das Tier nur seinen Mut und seine Kraft hat, um seinen Platz auf der Erde zu erringen, hat der Mensch die pflanzliche Fähigkeit, sich diesen durch seine Erzeugung, durch Arbeit, Gestaltung und Beruf selbst zu schaffen. Kämpfen tritt nur in Notlagen in Erscheinung, in Kriegen, die nicht die ultima ratio sein sollten, sondern einen Rückfall in vormenschliche Verhältnisse bedeuten.

Nicht nur die Triebe, sondern auch die Gemeinschaftsform teilt der Mensch mit den Tieren. Es gibt hierarchische Ordnung wie bei den Löwen, feudale Verhältnisse wie bei den See-Elefanten, militärische Horden wie bei den Pavianen, Einehen wie bei den Gänsen, insektenhafte Organisation wie bei Bienen und Ameisen, einzelne Kämpfer wie bei manchen Raubtieren — kurz, der Mensch scheint die ganze Skala tierischer und pflanzlicher Existenz auf die Bewußtseinsebene zu heben. Aber damit beginnt seine Problematik: da er die tierischen und pflanzlichen Möglichkeiten in sich trägt, kann er sich im Bewußtsein auf diese beschränken und sich mit einem Ausschnitt identifizieren. Hier beginnt der dramatische Niedergang, wie ihn die verschiedenen Mythen gezeigt haben: kaum eine seelische Problematik, die sich selbst überlassen, nicht in die Katastrophe führt.

Der Mensch, das Menschenpaar, kann nur als Individualität bestehen. So gilt es, die eigene Anlage zu bejahen und zu erkennen. Die niederen Formen der Vergemeinschaftung, die in Analogie zur Tierwelt konzipiert wurden wie etwa die römische Staatstheorie mit den Patriziern als Kopf und den Plebejern als Bauch führt in die Zerstörung: das Bewußtsein darf nicht Untermalung, Rationalisierung bleiben. Denn da es die Bejahung des Todes einschließt, auf dem Wechsel von Werden und Vergehen aufbaut, werden dann zerstörerische Tendenzen übermächtig: die Entelechie, beim Tier durch die überbewußte Gattungsseele der Evolution eingegliedert, wird als losgelöste Bewußtseinskomponente zum Todestrieb, der die Endlichkeit des Lebens auf die Ebene des Bewußtseins überträgt und damit absolut zerstörend, böse im metaphysischen Sinne wird.

Alle Ideologien sind Häresien: sie nehmen einen Aspekt des Lebens zum Ganzen, der dann das Gefüge der Zivilisation vernichtet, wie dies schon oft im Laufe der Geschichte geschah, aber erst heute, durch die technische Zivilisation, zur tatsächlichen Gefahr für die Gattung Mensch geworden ist.

Aus diesem Dilemma führt nur ein Weg hinaus: der Zugang zur wahren Geschichte der Menschheit, die letztlich identisch mit der Religion, in all ihren Aspekten zu betrachten wäre.

Arnold Keyserling
Bewußtsein im Sog der Evolution · 1972
Leben und Tod
© 1998- Schule des Rades
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