Schule des Rades

Arnold Keyserling

Bewußtsein im Sog der Evolution

Ruhe und Bewegung

Der tierische Instinkt wird im Menschen zur Fähigkeit des Wollens, zur Schaffung einer bewußten Kontinuität.

Wollen ist nicht immer Kennzeichen des Menschen gewesen: durch Jahrmillionen war er Teil der Tierwelt, wenn auch die Fähigkeit des Werkzeugmachens ihn von anderen Tieren unterschied. Erst nach der letzten Eiszeit kam es zu jener Mutation, die wir durch fünf Koordinaten bestimmen: abstrakte Sprache, Ackerbau, Viehzucht, Weberei und Töpferei.

Dieses Erwachen wurde einerseits als göttliche Offenbarung begrüßt, als Herabkunft der Kinder des Lichts und ihre Vermählung mit den Kindern der Erde, andrerseits als Verlust der Instinktsicherheit mit ihrer überbewußten Steuerung, als Vertreibung aus dem Paradies betrauert.

Die Sprache schafft in Begriffen das Bleibende im Wandel: im Grunde bedeutet sie die Übertragung der Werkzeuge auf Laute und Zeichen. Sobald der Mensch einen Hebel verwandte, um schwere Stämme beiseite zuschieben, konnte dieser Hebel zu einem Wort in der Kommunikation werden und damit zu einem Zeichen, das sich nach eigenen Gesetzen mit anderen Zeichen verknüpfen läßt.

In den Tieren sind sinnliche Erfahrung und triebhafte Steuerung vereint: es bemerkt nur was es angeht. Beim Menschen in seiner Wandlung von homo faber zum homo sapiens — die wir daher mit der neolithischen Revolution vor 11.000 Jahren ansetzen — trennte sich die Fähigkeit des Fühlens vom Empfinden, und zwischen Sinnesdaten und Trieben wandelte sich die Bildung bedingter Reflexe in das sprachliche Denken, auf dem fortan das Bewußtsein erwuchs, das den tierischen Organismus im gleichen Sinne wie ein Gefährt verwendet, wie Pflanzen und Tiere die einzelnen Zellen.

Mit Erwachen des Bewußtseins ging die überbewußte Kontinuität des Lebens verloren: Wachen, Träumen, sprachliche Kommunikation und Tiefschlaf wechselten einander ab. So ergab sich die Notwendigkeit, die vier Bewußtseinsstufen zu vereinen und auf jene zu eichen, die anscheinend die Brücke zum Tode, ja über ihn hinaus bildet: der traumlose Schlaf mußte als innere Stille die Basis bilden, auf daß ein Subjekt, ein Wesen sein Leben führen und lenken könne.

Jene Menschen, denen der Durchbruch gelang, wurden als Helden, Kulturheroen, oder als religiöse Führer verehrt: Religion bedeutete einen Ursprung jenseits der Stille, des Entscheidens zu finden. So trat an die Stelle des tierischen Lebensablaufs die bewußte Geschichte, welche das Leben der Gemeinschaft auf Willensentscheidungen einzelner zurückführt, die aber nicht aus sich, sondern in Vertretung oder im Auftrag einer höheren Macht handelten: von Anfang an waren Religion und Geschichte eines Sinnes.

Sprache vereint in der Kommunikation Ich und Du, Mensch und Mitmensch, sogar Mensch, Tier und Pflanze. Die ersten Menschenführer, die Schamanen, sind noch heute dadurch gekennzeichnet, daß sie den verlorenen Kontakt mit Tier und Pflanze auf bewußter Ebene wieder herstellten und damit den Tod überwanden. Doch dies nicht als losgelöstes Ich im Sinne des modernen Individualismus:

das wahre Subjekt offenbart sich als Nichts, als innere Leere, in die die Macht der Evolution als Mana, als verbindendes Charisma einfließen kann.

Parameter des Bewußtseins sind Raum und Zeit, Ruhe und Bewegung. Der Mensch versteht, indem er das Miteinander und Nacheinander in der Vorstellung trennt. Die indogermanische und semitische Teilung der Sprache in Raum- und Zeitworte ist nicht denknotwendig, Chinesisch kommt ohne sie aus. Aber irgendwo muß das Bewußtsein sich an Raum und Zeit orientieren; denn nur wenn Tag und Jahr als Einheit verstanden und mit Lebenskreis oder Geschichte gleichgesetzt sind, kann es gelingen, das Bewußtsein oberhalb des Ablaufes zu verankern.

Der innere Zusammenhang wurde von Anfang an weiter als die Gattung, als Brücke zum Weltenursprung begriffen. Denn dem Bewußtsein der Stille sind Pflanze und Tier nicht fremd, selbst dem Mineral fühlt sich der Mensch verwandt, da das Wachsen des Bewußtseins am ehesten eine Parallele im Vorgang des Kristallisierens findet; immer galten daher die Schamanen als Träger des kristallinen, des ewigen Bewußtseins.

Zuerst wurde der Tageslauf ritualisiert und auf Raum- und Zeitfaktoren abgestimmt. Dann trat der Jahreslauf hinzu, Geburt, Tod und Wiedergeburt wurden mit Saat, Frucht und Ernte verglichen, wobei die Frucht des irdischen Lebens als neues, ewiges Bewußtsein bezeichnet wurde, das sich die Potentialitäten der Erde, der Pflanzen, Tiere und Minerale einverleibt hätte.

Bald wurden Tageskreislauf und Jahreskreislauf durch Erkenntnis der Planetenrhythmen ergänzt. Gleichzeitig entdeckte der Mensch die Welt der Zahlen als Urmaßstäbe, welche die Welt zu regieren schienen. Da das persönliche Leben sich in Analogie zum Jahreskreislauf,

  • Frühling Jugend,
  • Sommer Reife,
  • Herbst Ernte und
  • Winter Weisheit,

verstehen ließ, wurde das Schema auf die Entwicklung der Gattung übertragen: Geschichte bedeutet die progressive Entfaltung der Menschheit, und als ihr Rahmen wurde das weiteste Zeitmaß, das Weltenjahr bestimmt.

Geschichte ist nicht notwendig im Sinne des Determinismus; sie ist kausal im Sinne der Anknüpfung. Mensch und Menschheit sind in ihrem jetzigen Zustand als Ergebnis der Entscheidungen jener zu begreifen, die zu ihrem Willen vordrangen, und in jedem Zeitalter den Rahmen erweiterten.

Arnold Keyserling
Bewußtsein im Sog der Evolution · 1972
Ruhe und Bewegung
© 1998- Schule des Rades
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