Schule des Rades

Arnold Keyserling

Bewußtsein im Sog der Evolution

Der Körper ist nicht das Grab der Seele

Der Körper ist nicht das Grab der Seele, sondern das Abenteuer des Bewußtseins. Hier sahen die alten Mythen richtiger als die prophetischen Religionen: für die reinen Götter, die Geister, sei es ein Glück, als Mensch wiedergeboren zu werden, da nur mittels des Leibes eine Wandlung der seelischen Anlage und des geistigen Potentials zu erreichen wäre.

Der Körper ist ein Freund des Bewußtseins: die Erde stellt ihre Möglichkeiten der Entfaltung der Evolution zur Verfügung. Jahrmillionen von mineralischer, kristallisierungsfähiger Existenz, von Einzellern, von Pflanzen, Insekten und Tieren waren notwendig, um einen Organismus zu schaffen, der in seinem Reichtum zum Gefährt der geistigen Evolution werden könnte. Es gibt keine mineralische Kristallform, keine pflanzliche und tierische Gestalt, die nicht Ansatz werden könnte zu einer Bewußtseinsbildung, solange diese letztere das eingestandene Ziel bleibt.

Das Bewußtsein wird im Körper auf vier Weisen gewahrt:

  • im Wachen erlebt es die Welt der Sinnesdaten, der Farben, Töne, Geschmäcker, Gerüche, und der tastbaren Gestalten.
  • In den Trieben erlebt es den Spannungsbogen zwischen Sehnsucht und Sättigung als Ursprung der emotionalen Energie.
  • In den Assoziationen der Reflexion fügt es äußere Sinnesdaten und innere Triebwünsche zu Ketten, welche dann,
  • sprachlich artikuliert Gegenstand von Willensentschlüssen werden, die selbst aus dem Wollen, dem Entscheiden und Entschließen ansetzen und zum Erleben der Dauer, der Konsequenz, und damit der Überwindung der Zeitlichkeit führen, sobald die eigene Existenz in den geschichtlichen Strom gestellt und eingeordnet wird.

Die bedingten Reflexe bilden den Ansatz des von der Evolution und der elterlichen Vereinigung geschaffenen Organismus zur Bewußtwerdung. Sie sind bis zu einem gewissen Grad von außen her zu induzieren, zu erlernen, wenn auch ein Teil von ihnen, im Einklang mit den Tieren, mit unbedingten Reflexen verknüpft ist; denn ganz aus dem Denken würde der Organismus keine Stunde auf der Erde überleben können. Die Organsysteme stehen miteinander in einem labilen Gleichgewicht, in das gewöhnlich die Reflexbildung überhaupt nicht eindringt.

Die vergangene Epoche ignorierte den Körper, alles Streben richtete sich auf moralische und geistliche Läuterung, von der demütigen Hingabe bis zur Entsagung; die Erde galt als ein Gefängnis, dem zu entrinnen die frohe Botschaft verkündete. Doch das äußere und geistige Abenteuer ist zuende; die dichterische Nachfolge im Sinne der Imitation kann nur bis zum Erwachen des Wesens führen, dieses aber nicht der Evolution integrieren.

Geistiges Streben entartete zu ideologischer Diskussion, moralische Läuterung zu psychologischer Selbstbespiegelung, selbstlose Erkenntnis zu sinnloser Wissensanhäufung. Der Körper hingegen blieb unerkannt: erst in den letzten fünfzig Jahren begann sich langsam das neue Abenteuer abzuzeichnen; die innere Reise, die um vieles aufregender ist als das komplexeste Phantasiegebäude. Physik und Chemie gaben den Anstoß: alle menschlichen Konstruktionen blieben hoffnungslos hinter dem Reichtum der Materie in all ihren Ausdrücken zurück. Gleichzeitig begann die Beschäftigung mit der Welt des Leibes, die Erfahrung der körperlichen Freude. Zum Teil geschah dies noch innerhalb der alten Koordinaten: der Leistungssport stellte die körperliche Bemühung in den Dienst fiktiver Vergleiche, blieb letztlich triebhaft; und die meisten physiologischen Erkenntnisse hatten als Motiv die Heilung, gingen von einem Ideal der Gesundheit aus, das in seiner Statik eine Profanisierung der Heiligkeit bedeutet.

Der Körper ist nicht statisch: in jedem Lebensalter, unter allen Bedingungen der sogenannten Gesundheit wie der tatsächlichen Krankheit wird er zum Experimentierfeld, zur Erfahrung. Auch die äußeren Erlebnisse sind körperlich, denn sie kommen über die Sinne zu Bewußtsein.

Aber der Körper hat zwei Existenzweisen: einerseits kann er in sich ruhen, das vorbewußte Gleichgewicht erfüllen und damit gleichsam die tierische Existenz menschlich fortsetzen, wobei die Fähigkeit der bewußten Sprache dann Rationalisierung, Begleiterscheinung wird, wie sich dies in den meisten Gesprächen zeigt; im Unterschied zum Tierreich geht das Lebensgeschäft unter Wortgetöse vor sich. Doch der Körper kann zum Tor der großen Erfahrung werden: in ihm sind alle Gegebenheiten des Weltalls enthalten, die uns betreffen; denn sofern es keine leibliche Vergegenwärtigungsmöglichkeit gibt, ist die Existenz der entsprechenden Erscheinung nicht auszumachen. Was nicht heißt, daß es diese nicht geben kann — sie berührt uns nur in unserer irdischen Lebensweise nicht.

Arnold Keyserling
Bewußtsein im Sog der Evolution · 1972
Der Körper ist nicht das Grab der Seele
© 1998- Schule des Rades
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