Schule des Rades

Arnold Keyserling

Bewußtsein im Sog der Evolution

Vergegenwärtigen

Vergegenwärtigen: dies heißt Eingreifen, Dasein eines Subjektes im Leib. Physikalisch ist Gegenwart nicht existent, nulldimensional, die Beobachtung kennt nur das raumzeitliche Kontinuum. Das Sein des Beobachters, seine Gegenwart als Negation der Dauer, entgeht ihr, wobei zwischen den Sinnesorganen und den technischen Instrumenten nur ein gradueller Unterschied besteht; letztlich müssen alle Erfahrungen durch einen Sinn zu Bewußtsein gebracht werden, erst dann kann das Denken sich ihrer annehmen.

Vergegenwärtigen: Gurdjieff bestimmte die Existenz höherer Wesen als Präsens, als ewige Gegenwart. Ewigkeit und Gegenwart sind synonym, die Zeit ist aufgehoben. Ohne Gegenwart keine Dauer: dies ist die innere Dialektik des Bewußtseins. Aber zu der Präsens, von der allein die Willensentschlüsse und damit die bewußte Lebensführung ansetzen können, dringt die gewöhnliche Bewußtheit nicht vor: zuerst ist eine Wandlung, eine Bekehrung notwendig, eine Absage an die falsche Mentalität.

Jedes Zeitalter begann mit einer Umkehr:

  • die Krebszeit mit dem Entschluß zur Familienbildung und Berufsgliederung, entgegen der tierischen überbewußten Instinktsteuerung;
  • die Zwillingszeit im Anerkennen der kollektiven und persönlichen Lebensalter als Klassen,
  • die Stierzeit in der Selbstüberwindung im gemeinsamen Bauen und Erzeugen im Rahmen der Kulturgebiete,
  • die Widderzeit in der Annahme eines offenbarten Gesetzes, und
  • die Fischezeit im Glauben, im Anerkennen einer höheren Welt jenseits des Todes und in der hierarchisch-ständischen Gesellschaft als Abbild des Himmels.
  • Die Bekehrung der Wassermannzeit ist nach innen gerichtet: es gilt in den eigenen Ursprung, den eigenen Körper einzudringen, die kulturelle Geformtheit zu verlassen, die Vorstellung aller Auserwähltheit und Elite aufzugeben und tatsächlich dem eigenen Leib zu begegnen: aus dem Zug der Assoziationen auszusteigen in die innere Ruhe, die der Körper jeden Tag für ein Drittel der Zeit im Schlaf verwirklicht, wo allein der Organismus sich zu regenerieren vermag.

Schlaf, Stille ist vom Bewußtsein her das Nichts. Zwar hat der Schlaf wie die Bewußtheit (Beobachten und Sprechen) zwei Formen: den Traum, von außen durch rasche Augenbewegung erkenntlich, und den Tiefschlaf als Abwesenheit der Assoziationstätigkeit. Doch Traum und Tiefschlaf wurden im Weltbild der Fischezeit von der äußeren Wirklichkeit als religiöser Bereich getrennt: der Traumbereich sollte magisch über die Taufe, der Todesbereich mystisch über die Kommunion einbezogen werden, wobei zur Blütezeit des Glaubens Wachen und Denken dem Streben nach Erlösung untergeordnet blieben. Durch die technische Zivilisation wurde der Schwerpunkt der Existenz vom Glauben auf die rationale Sprachebene verschoben; daher gilt es nicht mehr aus der Angst des Fühlens, sondern aus der Langeweile des Denkens anzusetzen und dieses umzuwenden, zu verwandeln.

Für das Denken ist die Stille, die Langeweile der Feind: in der sozialen Ordnung der Fischezeit sollte Schweigen im Salon vermieden werden, nur der Gottesdienst und die Meditation erkannten es an. Aber der Körper kann zu seinem Ursprung — der Mitte des Soges — nicht vordringen, solange die Stille nicht Angelpunkt geworden ist. Denn das assoziative Haften an der Peripherie äußert sich als bestimmter, muskulär oder nervlich verspannter Schwerpunkt. Die bedingten Reflexe, Grundlage aller Assoziationen, beziehen immer den Körper ein.

Wesen des Gedächtnisses ist, daß ein einmal begegneter Zusammenhang erinnert wird oder auftaucht, sobald ein Teil angesprochen wird. Diese Teile, die einmal als Verhalten funktioniert haben, werden nun durch die Angst immer wieder in den Vordergrund geschoben. Solange das Wachstum bzw. die Triebhaftigkeit, die emotionale Energie übermächtig ist, werden sie teils wieder eingeschmolzen, teils dem Strom untergeordnet. Aber mit fortschreitendem Alter verhärten sie sich immer mehr, sodaß der Körper sich gleichsam eigene Fesseln auferlegt, in denen er schließlich erstickt. Erst kurz vor dem Tod gelingt es dann manchmal, daß das wahre Subjekt erwacht und gegen die falschen Ängste eine gewisse Integration erreicht.

So ist die Erlösung nicht aus einem Jammertal anzusetzen: es gilt aus der Verspannung in den eigenen Tonus zu kommen, sich selbst zu erleben. Der Körper ist der Freund des Bewußtseins, er nimmt das Leiden stellvertretend auf sich, wird krank, um die Aufmerksamkeit in jenem Punkt zu lokalisieren, in dem die Angst, das falsche Ich des Assoziationszuges, am stärksten ist. Sicher kann die Krankheit so weit gehen, daß sie selbst zum Verlust des Bewußtseins führt. Aber das ist nicht notwendig, sobald die innere Umkehr vollzogen ist: nämlich den Körper als Abenteuer zu erfahren.

In der Widderzeit dienten Übungen und Drogen als Hilfsmittel, um das Bewußtsein wenigstens temporär in den Ursprung zu verlegen, und auch heute ist für viele die Droge ein erster Einstieg, falls sie nicht als Manie oder Flucht, sondern als Initiation verstanden wird; aber das Ausschalten der Denkverspannungen ist gleichsam nur ein therapeutischer Eingriff; die wirkliche Arbeit muß am Körper ansetzen, der unbegrenzte Erfahrungen ermöglicht.

Auch die äußere Erfahrung ist körperlich; die Sinnesdaten sind nicht seelisch oder geistig, sondern über Organe zu integrieren. Somit ist auch die äußere Reise letztlich nur so weit erlebnisvermittelnd, wie sie den Körper verwandelt; und dieser kann nur in seiner eigenen Entwicklungsrichtung, auf Grund des Genoms entfaltet werden.

Die Seele erwächst im Körper — sie bedeutet Bekenntnis zur persönlichen Kontinuität, verwendet sein Material. Und der echte Geist ist nicht aufnehmend, sondern über Erkenntnis, Arbeit, Inspiration und Integration aktiv zu gestalten. So ist das Grundproblem tatsächlich körperlich.

Dieser Tatbestand wird immer mehr Menschen bewußt: die Wiederbelebung des Yoga ist der erste Schritt zu körpergemäßem Verhalten. Bei vielen wird diese Renaissance als Hilfe zur Vergeistigung im alten Sinne verstanden, zur Kultivierung; man soll den Körper entspannen, damit man praktisch besser seinen Geschäften oder der Bildung nachgehen kann. Aber dies kehrt die Verhältnisse um: da der Körper immer das letzte Bindeglied zur Wirklichkeit bildet, wird er selbst zur großen Erfahrung; durch Eindringen in seine Welt wird das Bewußtsein geklärt.

Im Buddhismus wie bei Sokrates oder den europäischen Okkultisten der Neuzeit war das Nichtwissen das große Ziel. Oft wurde es als Abkehr von der Intellektualität des kalten nüchternen Verstandes, als Gefühlsbetonung im romantischen Sinn verstanden. Tatsächlich bedeutet es den Zugang zum Wollen, zur Spontaneität. Wenn dieser Schritt einmal durchgeführt ist, dann wird die seelische Kommunion zu allen Wesen eröffnet. Die sozialen Probleme erledigen sich allesamt, da dem Wesenskern eigener und fremder Körper gleich nahe stehen.

Das Bewußtsein gründet auf Vibrationen, bzw. bestimmt den Zusammenhang einer Anzahl von Grundschwingungen eines Energiefeldes. Die Funktionen des Stoffwechsels, der Atmung, des Kreislaufs und der Bewegung funktionieren beim natürlichen Menschen unterbewußt, bis zu einem gewissen Alter, da die selbsterzeugten Spannungen so stark werden, daß sie den natürlichen Rhythmus zerstören. Aber außer dem natürlichen gibt es den bewußten: das Unbewußte, die Stille kann zum Sein des Bewußtseins erwachen.

Der alte Begriff der Erleuchtung bedeutete, daß die Aufmerksamkeit — das innere Licht, das die Vorstellung erhellt — Träger des Wesens wird. Aufmerksamkeit ist eine Umschreibung wahrer Präsens, und aufmerksam-Sein bedeutet, die dynamische Richtung nach innen zur Stille immer offen zu halten, alle Verspannungen zu lösen und die innere Welt durchzuempfinden, bis der ganze Leib transparent geworden ist und damit die Möglichkeit der seelischen Dauer und Bewährung eröffnet.

Arnold Keyserling
Bewußtsein im Sog der Evolution · 1972
Vergegenwärtigen
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD