Schule des Rades

Arnold Keyserling

Strahlen der Wahrheit

Einführung

Noosphäre

Die Noosphäre von Teilhard de Chardin ist Wirklichkeit geworden. Die elektronische Vernetzung umfaßt alle Lebensgebiete; es gibt keinen Aspekt des Daseins mehr, der nicht durch die Mathematik gelenkt würde.

In dieser Vielfalt wird es für viele schwer, den Sinn ihres Lebens zu erfassen und zu verwirklichen. Der Mensch lebt zwischen Tag- und Nachtwissen, Körper und Geist, Selbst und Ich, wenn die Entfaltung seines Wesens in den Vordergrund tritt. Unsere Umwelt ist fortan durch das Denken, das Differentialkennzeichen des Menschentiers geprägt. Einerseits steht jedem, der sich darum bemüht, alles relevante Wissen in Form des Internet und der Datenbanken zu Verfügung, andererseits wissen die meisten nicht, was sie mit der Flut der Informationen anfangen sollen. Bisherige Orientierungen wie Ideologien und Bekenntnisse erwiesen sich als falsch oder überflüssig.

Die politische Geschichte steht an einem Wendepunkt. Die letzten zweitausend Jahre waren unter dem Zeichen von Glaube, Hierarchie, Bekenntnis und Nachfolge. Sie beschränken sich nur auf den Menschen und ließen das ganze All, von den Sternen bis zu den Toten, Ahnen und Geistern außer acht. Machtstrukturen waren geheiligt, Führerpersönlichkeiten verehrt. Heute gesteht sich jeder das Recht zu, im Paradigma der Menschenrechte und Selbstbestimmung seinen eigenen Weg zu schaffen, seine persönliche Vision zu verwirklichen. Aber wo findet er hierzu die Orientierung? An die Stelle der Machthaber ist das Geld getreten, und er versklavt sich über Schulden und Zinsen nicht weniger als in den früheren Diktaturen; manche sehnen sich sogar zurück nach einer hierarchischen Gesellschaft von Recht und Ordnung, gegründet auf vermeintliche ewige Wahrheiten.

Aber die Geistesgeschichte von der neolithischen Revolution bis zur Gegenwart, wie ich sie in meiner Geschichte der Denkstile nachgezeichnet habe, ist mit der Erkundung des deterministischen Chaos, mit der Entdeckung der Seinsvernunft als Träger des Gewahrseins in der Systemik aller Gegebenheiten der Erfahrung und des Erlebens beendet. Das Ich ist aus dem Gattungstrieb befreit, der revolutionäre Kampf vorbei. Denn wenn das menschliche Subjekt, wie es die Chaostheorie und Fraktalität erweisen, nicht von der Vergangenheit bedingt ist, sondern sich zwischen Gegenwart und Zukunft aus dem Augenblick entscheidet, dann muß auch der einzelne sich wieder zu den Mächten des Jenseits öffnen, die ihn aber nicht beherrschen, da sie nur die Möglichkeit und nicht die Wirklichkeit bestimmen. Sie sind nicht durch logische Beweisführung zu erfassen, sondern nur dem fühlenden Werten, der freien Entscheidung und dem mathematischen Denken zugänglich.

Die globale Informationsgesellschaft ist rational verankert; was nicht wissenschaftlich untermauert ist, findet keine Anerkennung. Aber die Frage des Todes, des Leidens, der Selbstverwirklichung, des Sinnes und der Beziehung zu anderen Wesen ist der wissenschaftlichen Methode nicht zugänglich. Als Frage nach dem Sinn von Ereignissen und Handlungen tritt sie heute in den Vordergrund. In den letzten Jahrzehnten geschah dies im Gebiet von Therapie und Pädagogik, aber heute wird es zum existentiellen Anliegen.

Alle kleineren Gemeinschaftsformen als die Menschheit führen in Krieg und Zerstörung, ob es sich um religiöse Bekenntnisse, Nationalismus, Rassismus oder Elitarismus handelt. Wir müssen eine neue Gemeinsamkeit finden, die das Anliegen der Nächstenliebe und der Entfaltung zur Fülle nicht mehr als Glaube behauptet, sondern als Weisheit versteht, und jene Menschen als Vorbilder der Gesellschaft anerkennt, die sowohl ihren eigenen Sinn und Wirkungskreis fanden, als auch sich für andere als nützlich erwiesen.

Die Sphäre des Körpers ist durch den Tod begrenzt, die Sphäre der Seele durch die Probleme zwischenmenschlicher Beziehung mit Lebenden und Toten. Aber die Sphäre des Geistes, des höheren Selbstes und der Teilhabe am Göttlichen ist unbegrenzt, sie umfaßt das All in sämtlichen Aspekten.

Die Transzendenz, das Chaos, indianisch der Nagual ist genauso begreiflich wie die Buchhaltung und die Fähigkeit immer neue Entwürfe zu machen.

Pluto ist der Planet der Wassermannzeit; er steht für Potenz, kreative Sprache und Grammatik, beherrscht im Rad den Urcode der Semiotik. Als mythischer Herr des Totenreichs mit seiner ewigen Wiederholung war er auch Schwiegersohn Sohn der Erdgöttin Demeter, die den Griechen in den Mysterien von Eleusis den Durchbruch zum Licht eröffnete.

Körperliche Geburt fußt auf der Sexualität, geistige auf Sprache und Zahl. So ist der heutige Wust der Information das Feld der Selbstaktualisierung, und all seine Kriterien müssen zu einem Werkzeug zusammengefaßt werden, damit zusätzlich zur Erkenntnis der Vergangenheit und Problematik der Gegenwart auch die globale Vision der höchsten menschheitlichen Möglichkeit tritt.

Die Gesamtheit der Kriterien findet sich logisch, kritisch und phänomenologisch im Rad. Ich habe seine Aspekte systemisch, geometrisch und arithmetisch im Atlas des Rades veranschaulicht mit den Parametern von Raum, Zeit und Zahl, mit den Gesetzen der Sinne, von Makrokosmos und Mikrokosmos; mesokosmisch mit den Gesetzen der Sprache im Enneagramm und metaphysisch als immanente Offenbarung des Seins und der Gottheit, deren Körper der Tierkreis ist.

Die Komponenten dieser Vision konstituierten die Esoterik aller Traditionen, die mit dem Rad auf ihre allgemeinen Nenner zurückgeführt, und damit aus dem Mythos in den Logos überführt wurden. In diesem Buch handelt es sich darum, diese Erkenntnis als Öffnung zu den jenseitigen Mächten in eine gemeinschaftliche Verwirklichung zu bringen, indem die globale Informationsgesellschaft in die Weltkultur mündet, die jedem ermöglicht, seinen persönlichen Weg mit dem kollektiven zu vereinen.

Arnold Keyserling
Strahlen der Wahrheit · 1996
Von der globalen Zivilisation zur transzendentalen Weltkultur
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD