Schule des Rades

Arnold Keyserling

Strahlen der Wahrheit

IV. Offenbarung der Erde

Das Geheimnis der Existenz

Im ersten Konzil der katholischen Kirche in der Wassermannzeit, im II. Vaticanum, wurde Religion im Abschlußdokument 1965 als Antwort auf folgende Fragen definiert:

  • Was ist der Mensch?
  • Was ist Sinn und Ziel unseres Leben?
  • Was ist das Gute, was ist Sünde?
  • Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es?
  • Was ist der Weg zum wahren Glück?
  • Was ist der Tod, was die Existenz nach dem Tod, was ist das Gericht?
  • Was ist jenes letzte unsagbare Geheimnis unserer Existenz aus dem wir kommen und wohin wir gehen?

Manche dieser Fragen und mögliche Antworten wurden seither in vielen interreligiösen Konferenzen besprochen aber das wichtigste Postulat blieb bisher unkommentiert: die Notwendigkeit, die Strahlen der Wahrheit bei anderen Traditionen und Religionen zu untersuchen, in nostra aetate.

In der seitherigen Rückwendung der katholischen Kirche zur konservativen Haltung, zur Heiligung der gegebenen gesellschaftlichen Moral, der patriarchalischen Struktur, wurde vergessen, daß die letzte Frage, nämlich das Geheimnis der Existenz für die vorschriftlichen Kulturen, die dreihundert Millionen Aborigines kein Mysterium ist, sondern eine erfahrbare und nachprüfbare Erkenntnis und Initiation. In Tibet unterscheidet man in der Religion zwei Zweige: die Religion der Götter als Geschenk des Jenseits, wie Buddhismus, Christentum und Islam und die Religion des Menschen und der Ahnen, die anstelle einer schriftlichen Offenbarung einen mündlichen Weg der Initiation lehrt und die Etappen der Menschwerdung kennt, und bei allen vorschriftlichen Kulturen die metaphysische Basis bildet.

In der Wassermannzeit sind Erde und Kosmos eine Einheit; das Bewußtsein weicht dem Gewahrsein, die innere Verwandtschaft aller Wesen des All ist sowohl naturwissenschaftlich als auch experimentell nachprüfbar. Aber um diese Erkenntnisse in die gelebte Wirklichkeit zu verwandeln, müssen wir die geistige Struktur der Erde in Entsprechung zum Tierkreis als Bild des werdenden Gottes begreifen und zum Raster unseres Daseins machen.

In den Längengraden ist der Ostpunkt der Erde die Kaaba in Mekka auf 40° westlicher Länge. Der Meteor, den sie umschließt, wurde nach arabischer Überlieferung dem ersten Menschen zur Orientierung auf der Erde von Gott gegeben, und mit Hilfe des Erzengel Gabriel an diesen Ort gebracht. Tod und Himmelfahrt Christi, und auch des Propheten Mohammed, geschahen in Jerusalem auf 25° Fische, dem Tierkreisort Jupiters, Symbol des Heilers und Heilands.

Es gibt unzählige Orte, wo eine Verbindung mit dem Himmel geschaffen oder entdeckt wurde. Kadmos fand und begründete Delphi als den Ort des Orakels. Andere schufen sie, wie die gotischen Kathedralen in Frankreich in Beziehung zu himmlischen Konstellationen gebaut wurden, ebenso die babylonischen und ägyptischen Tempel. In der nordischen Religion heißt Schweden, Swerige, das Land der Zwerge, und Norwegen, Jotun, das Land der Trolle. Die Maoris stellten ihre Hauptheiligtümer auf zwei Inseln im Pazifik, am Wendekreis des Krebses und des Steinbocks.

Giorgio de Santillana, Joseph Campbell, Mircea Eliade mit seiner Unterscheidung der Kratophanie und Hierophanie, der Manifestation der Kraft und des Lichts als des Heiligen im Unterschied zum Profanen, zeigte, daß man in früheren Zeiten bis zu den Wallfahrtsorten oder Begräbnisstätten von Heiligen, oder von speziellen Plätzen der Offenbarung wie Sinai und Mount Kailash, immer weitere Tore zur Offenbarung geschaffen wurden. Sie haben in den letzten zwei Jahrhunderten ihre Macht verloren, und besitzen heute nur noch eine folkloristische oder touristische Bedeutung.

Nun ist das Weltbild eines Zeitalters gültig für 2.160 Jahre als Ganzes, und kennt keine historische Entwicklung. Es ist das kollektive Ich einer Zeit. In jedem war es der künftige Herrschaftslandstrich, der durch Zerstörung die neue Zeit vorbereitete. Am Ende der Widderzeit, bevor die imperial-hierarchische Ordnung einsetzte, zerstörten Griechen und Römer aus dem Fischebereich die Gesetzeskultur, vor allem Alexander der Große und Cäsar. Das gleiche geschah am Ende der Fischezeit aus Westeuropa, dem Landstrich des Wassermann, seit der kopernikanischen Wende.
Durch fünfhundert Jahre fühlten sich die Westeuropäer berechtigt, Afrikaner als Sklaven wie Vieh zu behandeln, Indianer auszurotten, die australische Religion zu verbieten. Man braucht sich nur eine Landkarte der Dreißigerjahre anschauen; etwa die Hälfte der Erdkugel war englisch gefärbt, die andere französisch, dazu holländische, belgische, spanische und portugisische Einsprengsel. All das geschah unter dem Paradigma, durch Alphabetisierung und Missionierung den Primitiven die Zivilisation zu bringen. Auch der Kommunismus im Osten betrachtete sich als Befreier aus Aberglauben, und verursachte eine noch größere Zerstörung alter Kulturen als Missionare und Kolonialisten.

Nun brachte die westeuropäische Revolution von Charles Darwin bis Karl Marx, von der Industrialisierung bis zur Informationsgesellschaft, tatsächlich etwas Positives. Durch die globale technische Zivilisation könnten alle Erdbewohner ihren Lebensunterhalt sichern. Das Menschentier findet heute seine angemessene Stellung im Kosmos, gleichsam als Leitfossil, wie früher einmal die Dinosaurier. Hierzu wirkt ein Begriffspaar klärend, das nur im deutschen Sprachgebrauch üblich ist: die Unterscheidung von Zivilisation und Kultur. Zivilisation betrifft alles, was das Leben angenehm macht: sie ist Verkörperung des Selbsterhaltungstriebs. Durch Marxismus und Kapitalismus wurde der Mann auf der Straße oder der Proletkult zur Weltanschauung, und die Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Dasein ist das Leitbild der meisten revolutionären Bewegungen.

Astrologisch bestimmen der Widder und das erste Haus den Kopf des Tierkreises, das Ich, also das vernünftig Entscheidbare, das aber dem ganzen Körper und seiner Allbeziehung dienen oder helfen muß. In der Wassermannzeit der Noosphäre ist die Menschheit in Gedeih und Verderb dem Rationalismus unterworfen und damit dem Ichbewußtsein. Die Religionen hatten der Intention nach das Ziel der geistigen Auferstehung und des Verstehens der nachtodlichen Welt. In den Vedas hieß es: von den vier Welten des All kennt der Durchschnittsmensch nur eine, die seiner Reflexion, der Spiegelung seines Denkens in der Sprache — meistens Illusion. Er muß die drei anderen Bewußtseinsschichten einbeziehen; den Traum, das Wachen, den Schlaf und den Tod mit ihren Erfahrungen; dann sieht er die Welt richtig.

1962, am 5. Februar, rastete der neue Zeitgeist ein, was der lateinische Ausdruck de nostra aetate meint. Alle lunaren Planeten mit Sonne, Mond und Ketu befanden sich um 15° Wassermann. Aszendent Wassermann befand sich zu diesem Zeitpunkt in Kalkutta, am Wendekreis des Krebses. Wir feierten dort diesen Augenblick. In der indischen Überlieferung ist es die Konstellation des Beginns der Schlacht von Kuruk Shetra, welche die Bhagavad Gita schildert. Darin erklärte Krishna — die achte Inkarnation Vishnus — dem Arjuna die Menschwerdung aus zwölf Wegen oder Yogas, im Unterschied zu den drei klassischen der Meditation, der liebenden Nachfolge im Bhakti oder dem Verständnis der göttlichen Natur des Körpers im Tantra. Hier wurde erstmalig die Zwölfheit des Tierkreises als zwölf Wege der Menschwerdung dargestellt, behandelt in meiner Urreligion Astrologie.

Doch die indische Religion ging wie andere der Widderzeit nicht über die Land- und Kulturmonade hinaus. Hinduismus ist der Intention nach keine Weltreligion, sondern Volksreligion, und kann die gemeinsamen Nenner nicht enthüllen. Nur jenes Gebiet, das die Zerstörung der alten Welt vollendete, also Europa mit seiner Neugier und Geistigkeit, wäre imstande, die tiermenschliche Zivilisation in die geistige Weltkultur zu überführen.

So ist Europa heute zum Fokus der weltweiten Zivilisation geworden, die von Anfang an säkularistisch ist und Religionen wie andere Kulturausdrücke in die Privatsphäre verweist; ferner die USA, die sich als stärkste politische Kraft entwickelt haben, und gleichzeitig mit der Entdeckung des Uranus gegründet wurde.

Arnold Keyserling
Strahlen der Wahrheit · 1996
Von der globalen Zivilisation zur transzendentalen Weltkultur
© 1998- Schule des Rades
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