Schule des Rades

Arnold Keyserling

Strahlen der Wahrheit

IV. Offenbarung der Erde

Jungfrauland - Merkur

J u n g f r a u l a n d

Alle Polynesier, aber auch die australischen Aborigines haben die unmittelbare Kommunion mit der Erde und der Natur nie verloren. Sie bedürfen keiner technischen Kunstgriffe, da diese nicht lebensnotwendig sind. Sie teilen nicht den jüdischen Fluch im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen sondern der Ritus und die Freude der Feste umrahmt die alltäglichen Notwendigkeiten. Der ganze Pazifik ist das Feld ihrer Abenteuer, der Betätigung ihres Mutes.

Im Jungfrauland, dessen Schwerpunkt in Hawaii liegt, tritt eine neue Dimension hinzu. Die Hawaiianer sind keine Polynesier, sondern eine ältere friedliche Kultur. Sie wird dort als Kahuna, Geheimnisträger bezeichnet. Ihre Schamanen haben die Struktur des Menschen in Hinsicht auf die Heilung — die im Tierkreis gegenüberliegenden Fische — in menschheitsgültiger Weise formuliert. Jeder besteht aus drei Subjekten:

  • dem unteren körperlichen Selbst, dem magischen Kind;
  • dem mittleren sprechenden seelischen Wesen,
  • und dem oberen geistigen Ich, in Kommunion mit dem Engel oder Weisen Alten.

Sie entsprechen den drei Tandiens Chinas, indisch den Chakras 2, 4, 6, mit denen der Mensch auf der Erde im Schlaf aufliegt und sie daher immer wieder aktiviert. Die sie vereinigende Energie, chinesisch Chi, heißt in Hawaii Mana. Dies war der erste Begriff mit dem die kreative Vitalkraft unserer Anthropologie bekannt wurde. Das Mana ist sowohl durch die Aufmerksamkeit lenkbar, als auch ein Energiefeld, das für Gesundheit oder Krankheit verantwortlich ist, gleichsam eine Aura, die den Körper umhüllt.

Das Bewußtsein wird als Vernunft vom mittleren sprechenden Selbst getragen, dem Herrn des Zentralnervensystem. Die sich bildende Substanz, die die Vereinigung von Selbst und Ich im Wesen schaffen kann, heißt Aka-Faden. Nur das niedere Selbst — in manchen Schulen das magische Kind geheißen — kann diese Kraft aussenden und lenken. Sie ist ein Tastsinn, der nicht Raum und Zeit unterworfen ist, sondern sich in der nullten Dimension des Gewahrseins mittels des Aka-Fingers vollzieht.

Das untere Selbst erzeugt und schafft das Energiepotential, chinesisch das ancestrale Chi, physikalisch die Fähigkeit der Selbstorganisation im Bilde des seltsamen Attraktors. Mana ist nur dem niederen Selbst, dem Körper verfügbar, der sich dauernd auf der Erde bildet. Dieses körperliche Selbst, gesteuert durch die rechte Hemisphäre des Großhirns und daher der bewußten Kontrolle entzogen, muß nun vom mittleren seelischen sprechenden Selbst eingeladen werden. Wie im Qigong gelingt dies durch Gebrauch der Finger, der Tastsinn verlängert sich im energetischen Aka-Bereich. Der Aka-Finger erfaßt Gedankenformen, die in Clusters auftauchen, kann sie identifizieren, mit ihnen in Beziehung treten und sie wandeln.

Das mittlere sprechende seelische Selbst kennt nur die Gegenwart, es muß das bisherige Wachstum einbeziehen, das Karma der Vergangenheit, die Motivation, um von dort ins höhere Selbst aufzusteigen. Hierzu muß das magische Kind, das durch jahrzehntelange Vernachlässigung fast immer störrisch geworden ist, durch Freundlichkeit versöhnt werden. Der erste Schilderer der Hunaüberlieferung, Max Long, schlug vor es George zu nennen, gemäß einer amerikanischen Redensart let george do it. Ich habe festgestellt, daß es leichter ist, einen Namen zum Verkehr zu suchen, in dem der Mensch nie beleidigt wurde, ein Kosenamen der Kindheit. Dann muß man den Tastsinn über einen Pendel in ein Kommunikationsmittel verwandeln, ein Frage- und Antwortspiel beginnen, indem man die Richtungen des Pendels im Einklang mit dem Rad festlegen läßt: ja senkrecht zum Körper, nein waagrecht vor dem Körper, ferner im Uhrzeigersinn kraftgebend, gegen den Uhrzeigersinn kraftnehmend aber auch verwirklichend. Wenn man durch das Pendel den Aka-Faden zwischen mittlerem und niederem Selbst, also Chakra zwei - vier über die Aktivierung von drei, fühlen erreicht hat, dann kann man daran gehen, vom unteren Selbst das Mana zum höheren Selbst im Geist durch Aktivierung der fünften Energie, dem Körpergewahrsein oder kinästhetischen Körper zu verbinden. Das erste Chakra wahrt die Öffnung zu den Sinnen des Empfindens, das oberste zur imaginalen Welt des Geistes und auch zu Botschaften, die einem von anderen Geistwesen zukommen.

So brachte die Jungfrauoffenbarung die einfachste Veranschaulichung des Werkes der Sonne des dreimalgroßen Hermes: erst hinunter, dann hinauf, und getragen von der großen Gemeinsamkeit aller Ahnen verwirklicht sich jeder Wesenswunsch durch Anjochung der chaotischen Potentialität. Damit wird der Tod als Grenze der falschen Gegenwart des sprechenden Selbst in eine Wandlung zu einem höheren Seinszustand überführt und geistige Heilung wird zugänglich. Die Kahunas, Geheimnisträger, erfahren die Wahrheit und Wirklichkeit unmittelbar und vertiefen den Ritus von einem erhaltenden — Bewahrung der Gemütsruhe des Löwen — in einen kathartischen.

Arnold Keyserling
Strahlen der Wahrheit · 1996
Von der globalen Zivilisation zur transzendentalen Weltkultur
© 1998- Schule des Rades
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