Schule des Rades

Arnold Keyserling

Strahlen der Wahrheit

IV. Offenbarung der Erde

Waageland - Neptun

W a a g e l a n dDas IX. Haus der Wassermannzeit zeigt das Ideal der Menschlichkeit. Die Lehre der Indianer des fernen Westens, allen voran Häuptling Seattle ist, daß sich die Gemeinsamkeit des Lebens über alle Naturreiche erstreckt. Bei vielen Zeremonien wie der Schwitzhütte soll man vor Beginn shilohe sprechen — für alle meine Verwandten. Damit sind die Steine, Pflanzen, Tiere ebenso einbegriffen wie die Menschen, die Toten, die Ahnen und die Geister. Der Mensch ist Glied der Natur, nicht ihr Herrscher. Der Kampf für die neue Spiritualität richtet sich gegen alle Verhärtungen, alle Hierarchien und Traditionalismen. Im Kampf der Missionare und des Militärs gegen die Indianer, die im Einklang mit der Natur leben wollten, entstand eine große Schuld, zu deren Wiedergutmachung im Sinne kosmischer Gerechtigkeit sich zahllose Menschen berufen fühlen.

Die rationale Erkenntnis schließt nur einen kleinen Teil menschlicher Erfahrung ein, jene die dem Lebensunterhalt dient, und leugnet die bisher besprochenen höheren Kräfte, die dem höheren Selbst zugänglich sind. Die Kabbala des Rades, die wir im dritten Kapitel beschrieben, verdankt ihre Kriterien den indianisch-schamanischen Entdeckungen, die aber erst durch einen Forscher und genialen Schriftsteller, nämlich Carlos Castaneda bewußt wurden.

Die Geister sind den Menschen zugänglich, wenn er sich an den sacred count erinnert, den jedes Indianerkind lernte. Er existiert in verschiedenen Fassungen und betrachtet die Erde und die Menschen als Teil einer kosmischen Familie; zuerst Wakhan und Skwan, der unendliche Raum und die schöpferische Zeit, Urmutter und Urvater des All. Zuerst ist der Raum und die ewige Mitte, die überall erscheint wo sich Wesen bilden. Dann entsteht die Zeit als die Fähigkeit des Zusammenklangs vieler Wesen, deren Grundgesetz durch Einsteins Relativitätstheorie erhellt wurde: Gleichzeitigkeit und Gegenwart ergeben sich nur zwischen Subjekten und Wesen.

Während das westliche Recht, das Jus seit seiner römischen Begründung versucht, Menschen für immer mehr Handlungen, die sie unbewußt begehen, durch Anerkennung von Präzedenzfällen in eine historische Folge der Erweiterung der Verantwortung zu bringen, bis Fehlhandlungen und Verbrechen vermieden werden können, wurde im Waageland die ganze Natur einbezogen. Die Fähigkeit des Zauberns wurde nicht wie bei den Christen als teuflische Verführung betrachtet, sondern als Erweckung des Menschen zum Abenteuer, immer neue Wege in dieser wunderbaren Welt zu finden.

Sowohl das Erdheiligtum als auch die Raumriten entstammen diesem Landstrich. Die Riten geben einen zeitlichen Rahmen, der Steinkreis des Gesetzes einen räumlichen. Die Kraft des Göttlichen manifestiert sich in zehn Reichen, die auch den Chakras und der Himmelsleiter entsprechen.

Nach Urmutter Wakhan und Urvater Skwan kehrt sich im Leben das Verhältnis von männlich und weiblich um. Hier ist die Sonne der Vater, die Erde die Mutter. Erstgeboren sind die Pflanzen, zweitgeboren die Tiere. Beide sind Lehrer der Menschen auf der Erde, die als Schule verstanden wird. Das dritte und damit das fünfte Wesen ist der Mensch, dessen Aufgabe die Harmonisierung des Ganzen ist. Von der Mitte des Rades ergeben sich acht heilige Richtungen, in die man sich setzt, wenn man mit den Mächten in neptunische Kommunion treten will:

  1. Im Osten, mit der Offenbarung und dem Feuer, wenn man die Hoffnung verloren hat, wobei die Kraft immer von rückwärts kommt; das Auge ist auf die Mitte des Kreises gerichtet;
  2. im Westen, mit der Mineralwelt und der Fähigkeit des Wählens, Durchhaltens, Entscheidens und Lassens.
  3. im Süden, Kulmination der Sonne, die Welt von Vertrauen und Unschuld, der Pflanzen und Bäume, denen man alles Leid abgeben kann. Die Kommunikation entsteht nach Swift Deer und Storm dadurch, ebenso nach Castaneda, daß man die Schwingungen, die man als Antwort erfährt, in Worte umsetzt, genauso wie man einst die Laute der Eltern entschlüsselt hat, bis man schließlich im Erwachen der plutonischen syntaktischen Kreativität selbst zum Mitwirker erwacht.
  4. im Norden, der Ort der Weisheit und des Polarsterns, der Kommunion mit den Tieren. Ihr Gesetz ist das give away im Stirb und Werde; doch die heutigen Menschen haben diese Lehre vergessen, und daher kommt das Unglück unserer Zeit. Jeder Mensch hat einen oder mehrere Tierhelfer, von denen er lernen kann und die ihm auch ermöglichen, die Himmelsleiter bis zur Milchstraße und der Neuen Erde zu ersteigen. Die Tiere sind die größten Helfer der Menschen, die eigentlichen Lehrer, und jede Gattung die von der Zivilisation vernichtet wird, ist ein Verlust für den menschlichen Weg.
  5. ist in der Mitte des Steinkreises, wo niemand sitzen soll. Es ist der Ort des einenden Einen, des Göttlichen, und damit auch aller Menschen, die guten Willens sind. Sie bringen den Himmel durch Güte, Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit in ihrem Verhalten auf die Erde.

Diese vier Tore mit der Mitte schaffen den Kontakt zu den inkarnierten Wesen, dem Feuer, den Steinen, den Pflanzen und Tieren in den kardinalen Richtungen. Hierzu kommen die vier Mächte des Jenseits:

  1. im Südosten die Ahnen und Lehrer der Menschheit, an deren Werk man anknüpft.
  2. im Südwesten die Elementalen, symbolisiert als Zwerge der Luft, Feen des Wassers, Elfen des Feuers und Trolle der Erde, die einem Glück und Mut geben.
  3. Im Nordwesten sind die Engel, die Aufrechterhalter des kosmischen Gleichgewichts, von denen einer den eigenen Weg zeigt, im Sinne des höheren Selbstes der Kahunas.
  4. Im Nordosten manifestieren sich die Verwirklicher der Weisheit über alle Neunheiten, vom Mikrokosmos über die Grammatik des Enneagramm bis zum Makrokosmos. Sie sind die Geister der Fülle.
  5. ist wieder die Mitte, der Mensch im All, der sich durch uns vollendet, der Heilige aller Zeiten. So ist der Name Gottes in der Waage gefaßt als ewiges Subjekt, die große Singularität jenseits von Name und Form, von Raum und Zeit, zu der jeder über die Null der Meditation Zugang findet.

Die Raumzeitriten machen alle diese Mächte im Jahreskreis zugänglich. Ihre Identität mit den Schöpferkräften wurde sowohl von den jüdischen Kabbalisten, als auch von den Chinesen und Tibetern erkannt.

Wie Heyerdahl die Sonnenwelt in Polynesien zugänglich machte und damit das weiße Unglück potentiell überwand, hat das Human Potential Movement, das seit Beginn der Wassermannzeit in den zum Teil absurden Formen des New Age entstand, das Ende der Hierarchie und die Weltkultur eingeläutet. Acht Feste im Jahr im Erdheiligtum geben der Sonne die Möglichkeit, immer wieder aus dem Chaos in die göttliche Ordnung zu treten und damit, im Sinne von Al Gazali, das Recht zur Ethik und Mystik zu erhöhen.

Castaneda im Waageland gelang es, die indianische Weisheit über eine Doktorarbeit in das akademische Establishment einzuschleusen, und sein Werk veränderte eine ganze Generation. Die Wassermannzeit wurde als neues Zeitalter bewußt, und während sich heute die Kräfte aller todgeweihten Moralen und Ethiken, Religionen und Fundamentalisten zu einem Abwehrkampf vereinen, wurde die akademische Pseudoautorität bereits 1968 auch in Europa vom Sockel gestoßen, wenn auch nur aus dem Kampf gegen das Vergangene; die spirituelle Revolution blieb im Hintergrund. Um sie zu begreifen und damit die kosmische Rolle von Turtle Island, der indianische Name für Amerika, müssen wir die Erkenntnisse des Skorpionlandes einbeziehen.

Arnold Keyserling
Strahlen der Wahrheit · 1996
Von der globalen Zivilisation zur transzendentalen Weltkultur
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD