Schule des Rades

Arnold Keyserling

Strahlen der Wahrheit

I. Gott in der Wassermannzeit

Mensch im All

Am 18. Dezember 1972 nach dem astrologischen Ritus der zwölf heiligen Nächte, erlebte ich in einer Audition die Stimme des Ostens. Die erste Botschaft endete mit den Worten der Mensch im All ist Ich. Also nicht wie in der jüdischen Offenbarung am Sinai Ich werde dasein als der Ich da sein werde, sondern in der dritten grammatikalischen Person Einzahl, was also bedeutet, daß das Ich jedes Menschen potentieller Teil Gottes ist. Ferner hieß es: Der Weg führt vom Dunkel zum Licht; wer nicht das Dunkel achtet, kann nie das Licht erreichen. Und später in der gleichen Botschaft an den Menschen gerichtet: Berufen bist du nun Herr der Zeit zu werden.

Der Mensch im All, jüdisch Adam Kadmon, brahmanisch Mahapurusha, germanisch Ymir, ist in allen Traditionen der älteste Gottesbegriff. Er ist dem Menschen durch Vision und Audition zugänglich; als Vision im Rad wie Merkaba von Hesekiel und bei Jakob Böhme, als Audition in unzähligen Überlieferungen. Dieser Gott hat sich bei Beginn der Schöpfung in Myriaden von Wesensfünklein zerstückelt, die in der Evolution zur Vereinigung mit ihm zurückstreben; dies ist der Sinn der kosmischen Entfaltung. Das ganze All ist nicht nur materiell, sondern auch seelisch und geistig zu begreifen. Der Mensch wird von der Erde physisch geboren und muß dann aus eigener Kraft oder durch Begnadung die zweite geistige Geburt erreichen, nämlich die Teilhabe am werdenden Gott, der Mensch werden will.

Es gibt nur ein Weltensubjekt, physikalisch die große Singularität. In der ersten Botschaft kündet der Mensch im All:

Ich bin der große Alte der Verwirklichung, der heilige Alte aller Zeiten und Welten; das Urbild jeder Religion, jeglichen Denkens und Strebens. Wer mich hat braucht kein zweites. Er lebt im Sein und genießt die Freude der Teilnahme.

Der Prophet Mohammed kündete: Gott hat hundert Namen, einer davon ist Allah; das bedeutet einen Verdurstenden in der Wüste. Hinter jedem Wunsch steht Allah, es gibt also nichts Natürliches, das nicht zu Gott strebt. Aber jedes geprägte Wort hat eine bestimmte Bedeutung, ist daher eine Beschränkung und schließt andere aus, was zur Feindschaft der Religionen geführt hat. Der einzige rationale Begriff für Gott ist die Null als Klasse aller natürlichen Zahlen, die der Buddha verkündete. Die Leere sowohl der Erkenntnis als auch der Meditation ist der Ansatz, um der Fülle gewahr zu werden und damit niemanden auszuschließen. Indianisch ist Gott Wakhan und Skwan, Urgrund und Ursprung, Raum und Zeit, überall Mitte und ewiger Augenblick; desgleichen im chinesischen Tao als der Sinn, der dem Leben, dem Te, also der natürlichen Strebensrichtung der Evolution antwortend gegenübersteht. In Turkestan wurde um das Jahrtausend in der großen Zusammenkunft der Meister vom Islam, Christentum, tibetischen Buddhismus, Taoismus und Schamanismus, für das Göttliche der Name Chi gewählt, im Einklang mit den Worten der letzten Predigt des Buddha:

Nichts ist in den unsichtbaren und sichtbaren Welten außer einer einzigen Macht, die ohne Anfang und Ende ist und ihrem eigenen Gesetz untertan. Versucht nicht, ihre Unermeßlichkeit mit Worten zu fassen. Wer fragt, irrt schon, wer antwortet, ebenfalls. Erwartet euch keine Hilfe von den Göttern; sie sind wie ihr dem Gesetz des Karma unterworfen, werden geboren, altern und müssen sterben, um wiedergeboren zu werden. Erwartet alles von euch selbst. Vergeßt nicht: Jeder kann jene höhere Macht erlangen.

In allen Religionen und Traditionen west die ganze Wahrheit über Gott, die sich logisch nur durch die Null und die neun Schöpfungsprinzipien erfassen läßt, wie ich sie in meinem Buch Urreligion Astrologie an Hand des Enneagramm bestimmen konnte, das in diesem ersten großen Zusammentreffen der fünf großen Religionen konzipiert wurde. Doch fortan handelt es sich nicht mehr um Religion im Sinne des Gehorsams und der Nachfolge, sondern um die sechste Lebensform des Menschen im Weltenjahr. Gott ist nicht mehr Vater-Mutter wie im Klan der Krebszeit, nicht mehr Großer Geist in der Führung durch Visionen der Stämme in der Zwillingszeit, nicht mehr die Summe aller Ahnen und Kulturträger wie in der Stierzeit, nicht mehr Volksgott wie Jahwe, der die ausschließliche Herrschaft einer Volksgruppe heiligte, auch nicht mehr Heilige Schrift wie Bibel, Koran und Upanishaden, sondern die Weisheit, die seit der jungsteinzeitlichen Revolution als der Zusammenhang von Raumzahlen, Zeitzahlen und Ziffern bestimmt wurde. Dies erfolgte als biologische Mutation des homo faber in den homo sapiens, durch Trennung der beiden Großhirnhemisphären gleichzeitig auf der ganzen Erde, und die Lateralisation der Hände.

Gott ist christlich die Liebe, buddhistisch die Leere, islamisch die Gottoffenheit, jüdisch die Elohim als Schöpfungsprinzipien und Jahwe als ewige Zukunft. Der Glaube an seine Existenz verlangt heute den Einsatz für die Erde und den Mitmenschen, das gleichberechtigte Zusammenwirken von Mann und Frau im Symbol des Wassermann. Es ist der Mensch im All, der jedem als Freund gegenübersteht, welcher das begrenzte sprachliche Bewußtsein zum mathematischen Gewahrsein transzendiert und damit fähig wird, dem anderen Freund zu sein, ihn als verschieden zu bestätigen und zu fördern. Jeder hat in seinem Wesenskern, wie die Afrikaner und Sufis wissen, vorgeburtlich das Wissen um seine Aufgabe und seine öffentliche Berufung. Sobald diese Wahrheit offenbar ist, und sich das Bekenntnis in Kenntnis des eigenen Horoskops verwandelt, wird jene Zeit der Fülle und des Friedens beginnen, die für die sechste Menschheitsepoche, für die Zeit des Menschen, seit jeher prophezeit war — der Wassermann, der mit dem Wasser des Himmels die Erde befruchtet.

Arnold Keyserling
Strahlen der Wahrheit · 1996
Von der globalen Zivilisation zur transzendentalen Weltkultur
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD