Schule des Rades

Arnold Keyserling

Strahlen der Wahrheit

II. Zeugende Zahlen

Null

N u l lUrsprung und Urgrund aller Zahlen ist die Null, das substantielle Nichts. Sie wurde von Buddha als Sunya entdeckt und formuliert, als Seinszustand innerer Leere. Diese Leere ist kein Nihilismus, sondern in den Worten von Bodhidharma das donnernde Schweigen oder die reine Aufmerksamkeit, bereit zum Wollen und zur Wahl. Nur wenn ich leer bin, kann ich die Fülle der Welt aufnehmen. Sobald ich wissenschaftlich von einer Hypothese ausgehe, ist meine Merkwelt und Wirkwelt beschränkt. Meditation ist keine Theorie, sondern eine Praxis: sie bedeutet den Zustand jenseits des diskursiven Bewußtseins, das immer an den Wechsel von Wachen, Träumen, Reflektieren und Schlafen gebunden ist und daher zu keinem dauerhaften Wesen führt.

Null ist vom Raum her der Punkt ohne Ausdehnung, von der Zeit her der Augenblick, der in der Gegenwart die Vergangenheit von der Zukunft trennt. Null ist die einzige Beschreibung der Substanz, des Seins, das nicht Dingen oder anderen Subjekten untergeordnet ist. Das Erreichen des nullhaften Gewahrseins, der reinen Aufmerksamkeit, ist indisch die Erlösung als Befreiung. Auch auf deutsch ist Freiheit ein negativer Begriff.
Aber null ist ebenfalls zehn, eine abgeschlossene Periode, oder der Überstieg in eine andere Zählweise. Später werden wir sehen, wie null durch einen rechten Winkel veranschaulicht wird, der zwei Zahlenarten voneinander trennt wie bei den ganzen Zahlen die positiven von den negativen.

Wie kann ich null erreichen? Mental im inhaltsleeren Tiefschlaf; im Körper durch Eichung der Aufmerksamkeit durch die Schwerkraftachse auf die ruhende Erdmitte, Quell aller Kraft. Doch auch durch die Erkenntnis der Unendlichkeit; nicht als Vorstellung, sondern als das existentielle Erleben, mit allem in Beziehung zu sein. So ist Null auch Grenze und Durchbruch.
Gott ist Null; der Mensch wirkt als Eins oder eine der neun Ziffern. Wählt er eine, dann schließt er andere aus, oder er bezieht diese in einem fraktalen Algorithmus ein.

Null und die neun Ziffern sind ebenso wie alle Rechnungswege nur Sinn, nicht Bedeutung. Sinn ist Mathematisch, Bedeutung ist sprachlich. Vergleichen wir die beiden folgenden Aussagen:

Zwei
2
Raben und
+
drei
3
Tauben sind
=
0
fünf
5
Vögel

Die erste Aussage hat Sinn und Bedeutung, die zweite Gleichung nur Sinn. Das Istgleichzeichen bedeutet die Copula, die nullhafte intensive Verbindung ohne Eigenbedeutung, die prädikative Aussage. Es gibt Sprachen, in denen sie nicht verwendet wird, also statt Die Rose ist rot, Die Rose rot, wie etwa russisch oder ungarisch.

Das Verstehen des Sinnes erfordert die Wahrnehmung der Stille, des Schweigens zwischen den Worten, wie es schriftlich in den Satzzeichen, oder musikalisch in den Intervallen, dem Nichts der Verbindung zwischen dem Etwas der Töne erkennbar wird. So ist Sinn immer nullhaft, und damit identisch mit der inneren Leere der Aufmerksamkeit.

Dieses Wissen war in Indien und China offensichtlich, blieb aber der europäischen akademischen Philosophie verborgen. In Indien gilt die silent upadesha, die schweigende Unterweisung von Sein zu Sein als wirksamer als die sprachliche. Das Schweigen ist dem Schlaf und dem Tod verschwistert; in der Aufmerksamkeit wird es zum Subjekt des Wesens.

Aber wenn das Sein zum Wesen wird, dann nimmt es eine Reihe von Sinnpotenzen an, nämlich die Ziffern als Fältigkeiten. Natürliche Zahlen wie die Ziffern sind punkthaft, haben keine Ausdehnung, eine Drei ist nicht größer als eine Zwei; der Unterschied ist innerlich, intensiv; sie bilden keine Reihenfolge, sondern emblematische Subjekte.

Betrachten wir nun die Ziffern als zeugende Zahlen, als Ausdrucksweisen von Gott, Mensch und Natur, und ferner als Mittel, um die Verbindung zwischen Wesen und Welt sowohl handelnd wie erlebend, in allen Ausdrucksweisen der Zahl, offen zu halten.

Arnold Keyserling
Strahlen der Wahrheit · 1996
Von der globalen Zivilisation zur transzendentalen Weltkultur
© 1998- Schule des Rades
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