Schule des Rades

Arnold Keyserling

Der Uhrmacher

1. Die Prager Esoterik

Exoterisch - Esoterisch

Die Unterscheidung von exoterisch und esoterisch stammt von Pythagoras; laut Angabe der zeitgenössischen Schriftsteller bestimmte sie den Unterschied zwischen dem inneren Kreis der Schüler, die das Wissen tatsächlich besaßen, und dem äußeren, exoterischen Kreis, der sich zwar für die Lehre des Pythagoras interessierte, doch nicht am Leben des Bundes teilnahm. Diese Bestimmung trifft aber nicht den Kern der Sache, sondern nur die äußeren Umstände; vieles, was man über die eigentliche Lehre des Pythagoras schrieb, hat sich inzwischen als Fälschung, wenn nicht sogar als bewußte Irreführung herausgestellt.

Dank dem Werk des Freiherrn von Thimus im vorigen Jahrhundert und seines kürzlich verstorbenen Schülers Hans Kayser ist es uns heute möglich, die ursprüngliche Bedeutung der Unterscheidung zu klären. Um sie in einem Schlagwort vorwegzunehmen:

  • Exoterisch bedeutete für die Pythagoreer die quantitative Erklärung der mannigfaltigen Naturphänomene, also die Erklärung der Qualität durch die Quantität; mit anderen Worten: die Rückführung der Wirklichkeit auf mathematisch bestimmbare Elemente und Gesetze. Hierin hat sich zwischen Pythagoras und der heutigen wissenschaftlichen Methode nichts geändert, so daß man den Philosophen mit Recht als Begründer der mathematischen Naturwissenschaft feiert.
  • Esoterisch hingegen hieß die Gestaltung der Qualität aus der Kenntnis der Quantität. Hier nun kommen wir in das Gebiet, welches der heutigen Wissenschaft fremd ist. Gnosis, Astrologie, Kabbalistik und Numerologie gelten schlechtweg als krasser Aberglaube; und heutige Philosophiehistoriker stimmen meistens einen bedauernden mitleidigen Ton an, wenn sie berichten, daß Pythagoras und später auch Newton und Kepler diese Gebiete durchaus ernst genommen haben.

Die Wissenschaftler sehen wegen ihrer einseitigen, auf Erkenntnis gerichteten Einstellung am Wesen der Sache vorbei: bei allen esoterischen und okkulten Gebieten handelt es sich überhaupt nicht um Erkenntnisweisen im naturwissenschaftlichen Sinn, sondern um Gestaltungsmethoden; um den Versuch, die mannigfaltige Welt der Wirklichkeit über die Kunst zu vermenschlichen. Persönlich gestalten kann man nur das, was sich selbst als Einheit begreifen oder in eine solche verwandeln läßt, als welche sich der schöpferische Mensch erlebt. Somit handelt es sich bei der esoterischen Lehre des Pythagoras nicht um wertfreie Wissenschaft, sondern um eine denkerische Methode, wie der Mensch durch Kenntnis der vereinigenden Gesetze der Wirklichkeit zu einer persönlichen Gestaltung kommen kann, welche Gestaltung auch ihn gleichzeitig aus einer Vielheit in eine Einheit verwandelt, wie es die frühen mystischen Religionen auf dem Meditationsweg anstrebten.

Die Zahl eins bildet nicht nur das Symbol, sondern auch das Wesen der Einheit. Wie steht es nun mit anderen Zahlen, mit drei, vier, fünf, oder gar mit den Brüchen wie ½? Und wie steht es mit der Nichtzahl, der Null als Ursprung aller Zahlen? Auch sie gilt es zu begreifen, wenn der Vorgang der creatio ex nihilo, das Schaffen eines Kunstwerkes aus dem Nichts oder Noch-Nicht besprochen werden soll. Hier fand nun Pythagoras auf archaische Weise zu einem Ansatz, der erst durch den schon erwähnten Philosophen Gottlob Frege um 1890 wissenschaftlich endgültig geklärt wurde: er betrachtete die Grundzahlen von eins bis zehn, denen er seine Hauptaufmerksamkeit schenkte, als Prinzipien oder Klassen. So ist drei nicht als Eigenschaftswort zu betrachten, das etwa eine Eigenschaft von Äpfeln beschreibt drei Äpfel liegen auf dem Tisch, sondern ein Prinzip. Heute, nach Kenntnis der dreiwertigen Logik, würden wir sagen ein Erzeugungsprinzip. Frege hätte es folgendermaßen formuliert: drei ist die Klasse aller der Dinge, die drei Bestandteile haben. Darunter fallen aber nicht nur drei Äpfel, sondern auch die christliche Dreieinigkeit und Gleichungen, deren Ergebnis drei ist, wie 27 dividiert durch 9.

Heute sucht man die Grundlage der Mathematik auf euklidische Weise in einem Axiom, also einem Satz. Ein Satz jedoch ist eine Vielheit, da er aus Worten besteht; Pythagoras suchte daher umgekehrt die Axiome und Formeln, Arithmetik und Geometrie aus einem Schema des Dezimalsystems abzuleiten, welches Platon in verschlüsselter Form in seinem Dialog Timaios als das Chi bezeichnete, mittels dessen der Demiurg die Schöpfung wirke.

Nur in der Zahl läßt sich die Einheit des Bewußtseins verstehen. Wenn nun Zahlen Träger des Gestaltungsprozesses oder der Schöpfung sind, dann müssen auch alle Zahlenverhältnisse arithmetisch und geometrisch aufeinander abzustimmen sein. Hier kommt es aber zu Inkommensurabilitäten: Geometrie und Arithmetik lassen sich nicht immer ineinander überführen. Schon der pythagoräische Lehrsatz führt zu irrationalen Zahlen: im rechtwinkligen gleichschenkligen Dreieck ist die Summe der Kathetenquadrate zwei, also die Länge der Hypothenuse W u r z e l 2; ein Wert, der sich wohl geometrisch, nicht aber arithmetisch rational bestimmen läßt.

Dieses Dilemma löste Pythagoras über die Tonwelt. Dem Altertum waren Ton und Zahl nicht getrennt; der Ton galt als der sinnlich wahrnehmbare Aspekt der Zahl, als welcher er sich als einziger unter den Sinnesdaten eindeutig bestimmen läßt; bei den Obertönen erklingt z. B. die Hälfte einer Saite als Oktave, zwei Drittel als Quinte, drei Viertel als Quarte, vier Fünftel als große Terz und fünf Sechstel als kleine Terz; die Schwingungswerte verhalten sich reziprok zu den Längen; die halbe Saite entspricht der doppelten Schwingung und so fort. Alle diese Verhältnisse lassen sich im sogenannten Lambdoma, dem unteren Feld des pythagoräischen Chi ablesen.

Auch die Tonwelt führt aber zu Dilemmen, die Pythagoras selbst feststellte. Ihre Lösung fand er in der temperierten Stimmung des Quintenzirkels, die auf der geometrischen Teilung der Oktave in zwölf Halbtöne beruht, wie sie heute wieder bei unseren Klavieren üblich ist; der Pythagoreer Aristoxenos erwähnte sie das erste Mal schriftlich. Und zweitens im Begriff der Toleranz: Tonwerte treten zueinander in Resonanz im Rahmen einer gewissen Schwingungsbreite. Nur die Oktave, also der Einklang, zeigt keine Toleranz; bei den folgenden Intervallen nimmt sie progressiv zu und erreicht im Halbtonschritt die größte Breite.

T e t r a k t y s
Im temperierten Tonkreis lassen sich die vier Zahlenverhältnisse 1 : 2 : 3 : 4 miteinander harmonisieren, in Beziehung setzen. Diese vier Zahlen waren für Pythagoras gleichzeitig der geheiligte Tetraktys, da ihre Summe 10 ergibt. So kam er zur Vereinigung von Dezimalsystem und Duodezimalsystem als Grundprinzip des Erkennens und des Gestaltens, wie es auch heute noch die Grundlage unserer Rechnung von Raum und Zeit bildet. Hierzu trat die Siebentonleiter als Weg, den gleichen Zustand auf höherer oder niederer Ebene über sieben Schritte zu erreichen: sie entstand durch Aneinanderreihung von sieben Quintenschritten.
Q u i n t e n z i r k e l
Was immer sich dem Kreis der zwölf Töne eingliedern läßt, kann auf die Eins als Erzeugungsprinzip zurückgeführt und damit vom Menschen als Einheit gestaltet werden. Architektonisch vereint eine Figur des Zwölferkreises, die sich aus dem Chi konstruieren läßt, Dreieck, Viereck und Kreis, aus denen später alle gotischen Bauten gedanklich konzipiert wurden. Mathematisch entstehen alle Formeln und Axiome aus den ersten zehn Zahlen und der Null; astronomisch läßt sich die Bahn von Sonne und Planeten im Tierkreis in Analogie zum Tonkreis bringen: laut Pythagoras bilden sie die Harmonie der Sphären. Damit wurde das pythagoräische System zum Kanon der Kunst im weitesten Sinn, von der Architektur und Musik bis zur astrologischen Lebensplanung und Regierungsplanung; was immer dem Schema einzuordnen war, ließ sich vom Menschen zur Einheit gestalten; doch nur dann, falls er das Streben hatte und auch zeigte, selbst zu seiner Integration — heute würden wir sagen Individuation — zu gelangen.
P y t h a g o r ä i s c h e s · C h i

Doch hierzu ist der persönliche Entschluß notwendig. Die exoterische Wissenschaft kann von Menschen jedweder Anlage betrieben werden. Sie war immer schon, wie es Max Weber formuliert hat, der Intention nach wertfrei. Nicht aber diejenige Kunst, die es unternahm, nach psychischer Integration zu streben: sie setzt beim Künstler selbst dieses Streben voraus. Daher war der Zugang zum esoterischen Studium von strengen Prüfungen und Bewährungen abhängig, die den Ernst der Bemühung deutlich machen sollten; so mußten in der pythagoräischen Schule die Adepten sieben Jahre schweigend zuhören, bevor sie im esoterischen Kreis Aufnahme finden konnten.

Die pythagoräischen Zahlen entsprechen weniger den mythischen Zahlenkategorien der chinesischen Philosophie — obwohl dort die gleiche Intention vorlag — als vielmehr den Parametern und Konstanten der modernen Naturwissenschaft, die sich auch heute aus dem pythagoräischen Chi schlüssig ableiten lassen. Doch gibt es einen wesentlichen Unterschied: nicht nur zur Beherrschung der Natur, sondern auch zur Erreichung der Integration des Bewußtseins, der inneren Einheit, sollte das Studium der Zahlen dienen. Dies kommt nun noch viel stärker zum Ausdruck in der neuplatonischen Renaissance des pythagoräischen Bundes im hellenistischen Alexandria, und vor allem in der von ihr inspirierten christlichen Gnosis des zweiten bis fünften Jahrhunderts.

Ziel der pythagoräischen Lehre war die Erringung eines neuen Bewußtseins; heute würden wir sagen der Vollzug der biologisch-geistigen Mutation, dank welcher der Mensch sowohl zum Herrn der Natur als auch zum Herrn seiner selbst, seiner Triebhaftigkeit aufsteigen kann. Die ersten Kirchenväter und christlichen Gnostiker, vor allem Clemens von Alexandria, faßten Christus selbst als Vorbild dieser Mutation auf: im Menschensohn hat sich der Weltengott offenbart, auf daß der Mensch ein geschichtliches Vorbild in Fleisch und Blut vor sich habe, dessen Zustand dereinst die ganze Menschheit erreichen soll. So waren die esoterischen Lehren — zum Pythagoräismus hatten sich inzwischen die neuplatonische Mystik mit ihren Meditationswegen, die jüdische Kabbala, die ägyptische Alchemie und die ptolemäische Astrologie gesellt — in der christlichen Gnosis vereint. Die Fassung der Evangelien zeigt auf Schritt und Tritt die Spuren astraler Vorstellungen — so die Zuordnung der Evangelien zu den Tierkreissymbolen Stier, Löwe, Adler und Mensch. Eine alchemistische Tradition zeigt sich im Christuswort: wer nicht wiedergeboren wird aus Wasser und Geist, kann niemals das Himmelreich erlangen; die neuplatonische Kabbalistik schließlich kommt im Anfang des Johannes-Evangeliums mit seiner Betonung der Göttlichkeit des Wortes zum Ausdruck.

Arnold Keyserling
Der Uhrmacher · 1988
Von Gustav Meyrinck
© 1998- Schule des Rades
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