Schule des Rades

Arnold Keyserling

Der Uhrmacher

4. Die Metaphysik des Uhrmachers

Gnostische Tradition

Die Novelle Der Uhrmacher, in der Gustav Meyrink seine eigene Initiation dargestellt hat, folgt genau der gnostischen Tradition. Die Erzählung bis zum Finden des Uhrmachers gliedert sich nach den zwölf Häusern des Tierkreises; daran schließt sich die siebenstufige Unterweisung im Hause des Uhrmachers.

  1. Im ersten Bild — dem Haus der Person — kommt der Erzähler zum Antiquar, um seine Uhr richten zu lassen, die vierzehn anstatt zwölf Stunden mit nur einem Weiser zeigt. Die Stunden bezeichnen Doppelstunden: es handelt sich also um die 28 Zeiteinheiten der Mondhäuser, welche die mechanische Zeit der geistigen Entfaltung unterordnen; zu den zwölf Doppelstunden treten die vier geheiligten Momente, die im Sonnenlauf den Äquinoktien und Solstizien entsprechen: Aszendent oder Neumond, Deszendent oder Vollmond, Medium Coeli oder abnehmender Halbmond, Imum Coeli oder zunehmender Halbmond. Diese vier Mondstellungen waren das Vorbild der Einrichtung des siebten Tages, an welchem sich der babylonische König mit seiner Gemahlin auf die Spitze des Turmes zurückzog, um menschliche Fruchtbarkeit und himmlische Inspiration zu vermählen. In der Bibel galt der Sabbat als Vorgeschmack der Ewigkeit: In sechs Tagen schuf Gott die Erde, und immer schloß ein Abend und eine Nacht das Tagwerk ab; am siebten Tag ruhte Gott, und es gab keinen Abend und kein Ende der Zeit. Im Unterschied zur exoterischen Religion unterschied nun die gnostische Tradition auch im Alltag vier geheiligte Augenblicke, wo die irdische Existenz sich mit der himmlischen vereint: den Sonnenaufgang, in welchem Gott als der Quell des Bewußtseins und Wollens erlebt wird — in Entsprechung zum Neumond, wo die Eigenvorstellung ausgelöscht ist; die Mittagszeit, wo der eigene Beruf, die Macht der Stellung im Sinne des abnehmenden Mondes zum Symbol der Demut in der Berufung wird — ich muß abnehmen, auf daß er wächst; im Jahreslauf der Sonne entspricht dieses Mondhaus der Geburt des Erlösers zu Weihnachten; der Sonnenuntergang in Entsprechung zum Vollmond, wo es gilt, im anderen Menschen über die Liebe dessen Fülle, dessen höchste Möglichkeit zu erkennen, und damit den Egoismus zu überwinden; und schließlich die Mitternacht, in Entsprechung zum zunehmenden Mond, wo die eigenen Wünsche und Triebe sich im Traum als Vorboten der geistigen Entwicklung offenbaren.
    Wer dieses Wissen besitzt, begeht höchstens den Fehler, daß er die Dinge zu früh erreichen will, anstatt zu warten. Der Antiquar, also der Verwalter der Altertümer, des irdischen Wissens, kann kein Heiler des geistigen Weges sein, dessen Uhr stehen geblieben ist. So beginnt mit der falschen Suche, der falschen Frage ein Weg, der schließlich das Heil erreichen wird.
  2. Diese Uhr trägt ein Symbol; es zeigt einen Mann mit Frauenbrüsten, also die alchemistische Vereinigung, die auf den hermetischen Weg hindeutet; der Hahnenkopf bedeutet die Notwendigkeit der steten Erinnerung an die himmlische Herkunft, so wie der Hahn den Petrus erinnerte; die zwei Schlangen als Beine weisen darauf hin, daß die Geschlechtskraft zur Energie des Weges werden soll. Die Figur steht auf einer Quadriga, auf einem Wagen, der von vier Pferden gezogen wird; die Pferde entsprechen den Triebkräften des Gemüts: im Unterschied zur scholastischen Tradition mit ihren drei Seelenkräften unterschied die Gnosis vier Funktionen in Entsprechung zu den Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer: Das Empfinden der Sinnesdaten der Wachwelt; das Fühlen, das aus Trieben und Wünschen der Traumwelt gespeist wird; das Denken, das Wahrnehmungen des Empfindens und Triebe des Fühlens zu Vorstellungen im Medium der Sprache zusammenfügt, und als viertes das Wollen, das im Entscheiden und Handeln die verfügbare Kraft für die im Denken geklärten Ziele einsetzt. Die Unterscheidung der vier Funktionen befähigt den Menschen, die unbewußte passive Seele zu zügeln, was in der Peitsche der linken Hand ausgedrückt wird, und das bewußte geistige Handeln aus dem Wesenskern zu vollziehen, wie es die in der rechten Hand getragene Sonne verdeutlicht.
  3. Ohne daß der Erzähler weiß wieso, findet der Antiquar, daß die Uhr um die zweite Stunde des Ochsen, also zwischen zwei und vier Uhr morgens im astrologischen Hause des Stieres welches das Leben und die Sorge um die materielle Existenz bedeutet, stehen blieb. Jener erlebte nun um diese Zeit einen Herzkrampf, und erfährt — im dritten Haus der Beziehungen — den magischen Zusammenhang zwischen dieser Uhr und seinem Herzschlag: Daher der inbrünstige Wunsch, sie wieder zum Gehen zu bringen.
  4. Der Antiquar, der irdisch Wissende, kann die Uhr nicht richten; er erkennt in ihr ein Werk des Wahnsinnigen also eines Wesens einer anderen Bewußtseinslage. Er sagt, er habe nie geglaubt, daß dessen Uhren auch gehen könnten. In dieser Uhr steht der gnostische Leitspruch eingraviert, daß die Summe allen Wissens das Nichtwissen ist — also im Sinne des Nirvanas der Buddhisten oder der sokratischen Weisheit.
  5. Der Erzähler versteht nicht sogleich den Sinn — für sein Alltagsbewußtsein stammt diese Uhr aus seiner eigenen Vergangenheit, von seinem Großvater; nun scheint es aber, daß dieser Wahnsinnige noch heute lebt. Plötzlich erahnt er die größere Wirklichkeit — das fünfte Haus ist das Zeichen der Sonne — und erlebt den Durchbruch zur Vision.
  6. In einem Augenblick sieht er vor sich das Bild des sogenannten Wahnsinnigen, wie dieser in einer Winterlandschaft — also einem Leben jenseits der vegetativen Triebe aus geistiger Kraft — einherschreitet, mit kleinem Kopf, der unendliches Alter symbolisiert im Gegensatz zum übermäßigen Kopf des Kindes; mit den Raubvogelzügen des Visionärs, bekleidet mit dem Mantel eines alten Nürnberger Patriziers — in Nürnberg wurde bekanntlich die Taschenuhr erfunden.
  7. Der Erzähler erinnert sich nun, daß er als Kind immer davon gehört hat, der Wahnsinnige lebe hinter einer Mauer, aus welcher dereinst eine neue Kirche — also eine neue religiöse Gemeinschaftsordnung — gebaut werden wird, von der aber bisher nur die Grundmauern stehen. Eine solche Stätte, die erst in der Zukunft zur Wirkung kommen wird, könne nicht zerstört werden. Damit erkennt er das Wesen seiner Uhr: Er erlebt nicht nur in der irdischen triebhaften Zeit des Alltags, sondern auch in der anderen geistigen, die seine Uhr über die irdische Zeit mit ihren Dämonen und Blumen hinaus zeigt.
  8. Aus diesem Zeiterleben vernimmt er nun das Brausen seines Blutes in den Ohren und erkennt, daß sich in ihm der herannahende Tod verbirgt — der langsam sich nähernde Geier; das achte Haus des Tierkreises ist das Haus des Todes. Nun spürt er das Wesen des Sterbens, in dem die Zeit zum Raum gerinnt wie die Worte des Antiquars, die nun sein Bewußtsein gleich Masken umstehen; und er fürchtet, auch der Zeiger seines Lebens möchte vor einem der schrecklichen Dämonenbilder stehen bleiben; er verläßt den Antiquar, und begibt sich auf die Suche nach dem Uhrmacher.
  9. Im Haus der Reise macht er sich auf den Weg, aus der Stadt mit ihren Laternen hinaus auf die unendliche weiße Straße zwischen den ineinander verfließenden Wiesen, die vom Mondlicht beschienen wird.
  10. Doch hinter ihm auf der Straße der Unendlichkeit folgen im Haus des wachen Alltagsbewußtseins die schwarzen Schlangen, die das grelle Mondlicht aus der Erde gelockt hat — die Träger der vergifteten Gedanken; um ihnen zu entrinnen, wendet er sich scharf in einen Weg nach links, also von der bewußten weißen Straße in die Richtung des Unbewußten, der Schatten.
  11. Sein eigener Schatten wird ihm im Haus der Wünsche zum Führer, und das erstemal erlebt er nun wieder das Glück seiner Kindheit, die Geborgenheit des Mutes, da er voraus mit geschlossenen Augen schritt; ein ungeheures Glücksgefühl überkommt ihn; endgültig überwindet er den kalten nüchternen Verstand, den er als den tödlichen Erbfeind seines Wesenskernes erkennt, im Vertrauen zu seinem Schatten.
  12. In einem weiten Graben verschwindet, vom Mond geleitet, der Schatten. Der Erzähler weiß sich am Ziel, da der Schatten ihn verläßt; und ohne zu wissen, wie und auf welche Weise er hinkam, ist er nun in der Stube des Uhrmachers; die Straße ist zu Ende und die sieben Stufen beginnen.
    1. Die erste Stufe bringt das Gefühl der erlösenden Geborgenheit. Der Uhrmacher sitzt in seinem Zimmer, und blickt auf ein glitzerndes Ding auf einem Holz; hinter ihm hängt an der Wand zum Kreis geordnet, die Schrift: Nihil Scire Summa Scientia. Dieser Spruch wird als Beginn des Aufstiegs erkannt.
    2. Auf rotem Samt liegen Uhren der drei weiteren Grundfarben, blau, gelb und grün. Jede der Uhr-Typen entspricht einer Menschenart: die würdig Gelassenen dem phlegmatischen Typus, die rokokoartigen Dämchen und Pagen dem sanguinischen, die geharnischten Ritter dem cholerischen und schließlich der Sensenmann mit den Blumen und das schlafende Schneewittchen dem melancholischen Typus. Dazu sägt ein Holzknecht mit Mahagonihosen und Kupfernase — Symbol der gestaltenden Venus — die Zeit in Sägespäne entzwei: Der Arbeiter vereint die Typen, verliert sich jedoch an seine Tätigkeit.
    3. Wie bei den eleusinischen Mysterien gibt sich der Mystagoge auf der dritten Stufe als der Heiler zu erkennen: seine Lupe auf die Stirn geschoben erscheint als das dritte Auge, das das Licht der Deckenlampe funkelnd spiegelt. Alle, so sagt er, waren sie krank, bevor sie den Weg zu ihm zurückfanden. Manche heilt er im Schlaf, da sie nicht vom Alltagsbewußtsein zum geistigen Bewußtsein überwechseln können; manche, die passiv gläubigen, überlassen ihm die Uhr fortan zu treuen Händen; nur derjenige kann, wie sich in weiterer Folge herausstellt, die Uhr behalten, der selbst zum Adepten dieses Weges wird.
    4. Im Erzähler beginnt nun die Frage aufzukeimen nach dem Sinn des Nichtwissens. Der Greis erhebt drohend die Hand:Nichts wissen wollen! Lebendiges Wissen kommt von selbst! Hier ist die mittlere entscheidende Stufe des Aufstiegs; nur wer sich dem Wissen öffnet — dem Geist, wie er weht — der kann ihn assimilieren. 23 Stunden hat die große Uhr, die aus den 23 Buchstaben des Sinnspruches gebildet ist — die Anzahl der menschlichen Chromosomen, die seine Geschlechtskraft und damit den Schlüssel zur Erlösung bestimmen; 24 Stunden schließen den Kreis zur Zeitschlinge, in der der irdische Mensch gefangen ist; doch kann er aus der 23. Stunde, aus der Mitte des zwölften Hauses den Weg in die Freiheit der Erlösung, die Sonntagsruhe, einschlagen.
    5. Zwei Schwellen halten den Menschen im Alltagsbewußtsein fest und verhindern sein Erwachen: Traum und Tiefschlaf oder Tod. Die erste Schwelle überwand der Erzähler, als er sich im XI. Haus seinem Schatten, seinem traumhaften Unbewußten anvertraute, der ihn zum Uhrmacher geführt hat. Doch die größere Schwelle, die Todesangst, ergreift ihn jetzt, da seine Uhr wieder zum Gehen gebracht werden soll; fast fällt er der Angst zum Opfer, alles sei Illusion, obwohl der Uhrmacher beruhigend auf ihn einspricht. Da erinnert er sich an den Spruch seiner Kindsfrau, daß der große Uhrmacher jedes stehende Herz, das man ihm anvertraut, wieder zum Gehen bringt. Das innere Kind in seinem Vertrauen weiß die Wahrheit, die der Uhrmacher nun bestätigt: die Uhr geht wieder.
    6. Voll der Scham nimmt der Erzähler sie in Empfang und hört nun als sechste Stufe Weisheit und Mahnung: Menschen des geistigen Weges, die Kinder Gottes, scheitern oft in der menschlichen Wirklichkeit des zweiten Hauses im Zeichen des pflügenden Ochsen. Doch manchmal ist dieses Scheitern oder Zögern ein Vorbote großer Katastrophen, wenn der Ochse zum Büffel wird und in der glutrote Farbe der Wut die vernünftige Arbeitswelt periodisch zerstört. Genau wie alle anderen menschengeformten Ideale ist auch der Wohlstand des Stierhauses ein Dämon; wer sich ihm anvertraut, dessen Erzeugnis wird ein trügerischer Wechselbalg. Aber dieses Wissen darf nicht Unberufenen weitergegeben werden: daher gilt es, im traditionellen Sinn der Esoterik, sich den Gegebenheiten der Kinder der Erde mit ihren schwarz-weißen moralisch gut-und-böse unterscheidenden Maßstäben anzupassen. Nur wer den Weg zum Uhrmacher findet, der entrinnt der Stunde des Verderbens und erkennt sein Ziel in der nun folgenden höchsten Stufe der Unterweisung.
    7. In der letzten Stufe offenbart sich der geistige Führer als ewig lebendiger, echter Weiser und zeigt dem Erzähler für die Zukunft, die erst jenseits der Stufen anheben wird, seinen eigenen geistigen Weg: Auch er wird dereinst berufen sein, Uhren heil zu machen, gescheiterten menschlichen Schicksalen ihren Sinn und Lauf zurückzugeben; dann wird sich der Spruch an der Wand vollenden: das Nichtwissen wird zu höchstem Können; wer die Illusion des meinenden Wissens, die Ichverhaftung durchstößt, wird Teil der heilenden Urkraft und damit des wahren Reiches der Menschheit, das gleichzeitig das Reich Gottes ist.
Arnold Keyserling
Der Uhrmacher · 1988
Von Gustav Meyrinck
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD