Schule des Rades

Arnold Keyserling

Urreligion Astrologie

4. Jupiter - Mond

Krisen

Im Fühlen bestimmt der Mondkreislauf in Entsprechung zu Arbeitsjahr und Tag die Folge der Krisen, die den mikrokosmischen chemischen Elementen entsprechen. So kann man über den Mond psychologisch das nachtodliche Fegefeuer im wachen Leben aufarbeiten. In den Religionen wurde wie im tibetischen Totenbuch diese Integration mythisch dargestellt, die Tiefenpsychologie hat sie seit Sigmund Freud von dem Mythos in den Logos erhoben. Die Reihenfolge der Krisen folgt der Ordnung der Atomstruktur:

K r i s e n

1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
Mond
Venus
Jupiter
Pluto
Saturn
Mars
Merkur
Uranus
Neptun
Sonne
Grundvertrauen
Anpassung
Inbild
Strategien
Norm
Prioritäten
Inspaniduation
Mantik
Mystik
Ritus
Alkalimetalle
Kalziumgruppe
Aluminiumgruppe
Kohlenstoffgruppe
Stickstoffgruppe
Sauerstoffgruppe
Halogene
Eisengruppe
Seltene Erden
Edelgase

In vorschriftlichen Kulturen wurden die Krisen durch Initiationen im Nacheinander zum geistigen Lebenslauf. In der Wassermannzeit wirken sie alle zusammen. Wurde eine vernachlässigt, kann sie mit Hilfe eines Therapeuten individuell nachgeholt werden.

Der Mond betrifft die nachtodliche Läuterung, die in der Wassermannzeit im wachen Leben vollzogen werden muß. Da die Krisen heute bekannt sind — vor allem durch Charlotte Bühler und Ken Wilber — gehört ihre Überwindung zur pädagogischen Propädeutik. Für jede hat sich seit Beginn der Wassermannzeit eine Psychotechnologie entfaltet.

1M O N DMondIm embryonalen Zustand ist das Kind total gesichert. Dieses Grundvertrauen geht mit der Geburt verloren. Man muß es wiedergewinnen, indem man anstelle der körperlichen Mutter die Erde als Mutter erlebt und darauf vertraut, daß man immer ernährt sein wird, wie es die Tradition des Krebslandes Australien vermittelt.
2V E N U SVenusHat man die Angst vor dem Verhungern verloren, kommt als zweite Stufe die Anpassung: Eltern, Brüder, Schwestern, Lehrer wollen einem wohl, wenn man auf ihre Wünsche eingeht. Damit ist die Sorge besiegt.
3J U P I T E RJupiterNun gilt es aber in der jupiterischen Stufe sein eigenes Inbild zu finden, die Medizin des höheren Selbstes zum Angelpunkt der Entwicklung zu erheben. In einer traditionellen Gemeinschaft ist der Zeitpunkt zwischen drei und vier Jahren, wenn ein Kind aufhört von sich in der dritten Person zu reden und sein Ich behauptet.
4P L U T OPlutoIn der plutonischen Stufe soll man nun die Strategien entwickeln, um nicht von Menschen, die nicht zu ihrem Ich vorgestoßen sind und ein kollektives Ichbild vertreten, bekämpft zu werden. Man entfaltet gleichsam eine doppelte Existenz, um seine Integrität zu wahren.
5S A T U R NSaturnAlles Wissen, alle Strategien zusammen müssen eine Anerkennung in der Öffentlichkeit in einem Beruf, einer Norm finden, durch deren Erfüllung der einzelne Teil der Gesellschaft wird, als Handwerksmeister, Beamter, Arzt oder Lehrer. Wer diese Norm erreicht, wird nicht mehr durch psychische Probleme bedrängt, sondern wendet sich öffentlichen Anliegen zu.
6M A R SMarsIn der marsischen Stufe äußert sich die Initiative als Setzen von Prioritäten. Es gilt herauszufinden, was für Werte einem wichtiger sind als das bloße Überleben und für die Ideale zu kämpfen.
7M E R K U RMerkurBis zur sechsten Stufe ist der Mensch auf sich bezogen, zuletzt auf seine Werte. Mit der siebten, der Individuation erkennt man die Fügungen, Hermes als Psychopompos. Immer wieder zeigen einem jenseitige Wesen, Engel und Geister durch Ereignisse und Eingebungen, wo der nächste Schritt beginnt.
8U R A N U SUranusMit Annahme der Fügungen ist man aus dem assoziativen Bewußtsein befreit. In der uranischen Stufe der Mantik lernt man, wie man durch Orakel und Spiel — wie dem I Ging und dem divinatorischen Meisterspiel — die Hilfe des Jenseits als Potentialität, nicht als Aktualität, erlangen könnte.
9N E P T U NNeptunIst man in der Mantik geübt, dann wird man reif, unmittelbar mit dem Göttlichen und den Geistern zu sprechen, die Mystik. Meistens offenbart sich ihre Botschaft dem Schreibenden. Da alle Information letztlich dem Rad entstammt, also den Ziffern als Namen Gottes, kann man falsche Stimmen und Eingebungen entlarven, da sie nicht bis ins letzte auf das Rad geeicht sind.
10S O N N ESonneIn den raumzeitlichen Festen und im Ritus verwandelt sich das Bewußtsein in das Gewahrsein. Das Urlicht wird zugänglich, sobald alle Chakras durchlässig geworden sind für den wechselnden Strom von Urlicht und Urkraft.

Die großen Religionen, aber auch die jungsteinzeitlichen Traditionen haben die Riten in mancherlei Weise vermittelt. Man kann sie als echte Dichtung betrachten, und auch als Lebensformen. Werden sie durch das Rad geklärt und ihres Ausschließlichkeitsanspruches entkleidet, dann werden Religion und Mythos wie früher die Natur, also die imaginale Welt zur Schatzkammer der Menschwerdung.

Sowohl die Krisen als auch das Weltenjahr beginnen im Mond, im Alltag zu Mitternacht, dem Krebsabschnitt, das heißt im IV. Haus. Im Mond gilt es wie in der Polarisation der Mitose Ich und Selbst zu trennen, und die echten Synthesen der Wesenswerdung zu prüfen. Mars zeigt die Menschwerdung im Feuer der Sauerstoffgruppe als Zugang zur animalischen Vitalität, die Elemente der Erdalkaligruppe haben als Mitte das Silber 47 Ag. Wird der Mond zur Silberscheibe, erkennt er die Wahrheit des Imaginalen ohne Verfälschung.

Persönlich verlangt der Mond die seelische Einbeziehung der Generationen, indem man ihre Wünsche vollendet und ihre Fehler gutmacht, kollektiv die gesamte Evolution, vor allem aber die Weltgeschichte seit der jungsteinzeitlichen Revolution.

Seit Beginn der Wassermannzeit ist nicht mehr der solare paternalistische Gott der Ausgangspunkt des Verstehens mit seinem Kosmos, das heißt die geordnete Welt der Gesetze, sondern die Vielzahl der Wesen im Chaos des All, der Individuen auf allen Stufen der Natur und des Geistes. Der Akzent liegt fortan auf dem Aufstieg vom Dunkel zum Licht. Daher wird der Mond als Vertreter des Chaos mit seinen vier Richtungen, zum Führer des einzelnen auf dem Weg zur Vollendung, und an die Stelle der solaren Ideologie tritt das gemeinsame Streben der Seinserhellung aus dem Wort.

Der Kosmos ist nicht von Gott geschaffen, sondern der Mensch im All als Gegenpol des Einzelnen offenbart sich nach Maßgabe der vier Richtungen: zunehmender Mond mit dem Ziel der Fülle des Vollmondes als Klärung der Vision; zunehmender Halbmond, die Nahtstelle zwischen Nichts und Etwas; Neumond, Beginn einer neuen Thematik; abnehmender Halbmond, die Mitte zwischen Fülle und Leere. Man behauptet sich im Intervall, kann die Richtung nach vorne und rückwärts unterscheiden. Dies sind die vier Entscheidungssituationen des I Ging in den Digrammen:

Digramme
D i g r a m m e

Kennt man die Umwandlung (Yin auf Yang) und Veränderung (Yang auf Yin), die reine Ruhe und die reine Bewegung, dann versteht man den Lauf der Zeit und kann das Wollen aus triebhaftem Nachgeben des assoziativen Bewußtseins in freie Wahl und Entscheidung verwandeln.

Diese vier Grenzpunkte werden durch die siebentägige Woche zweiundfünfzigmal im Jahr miteinander verknüpft. Der Neumond ist rituell in den drei Tagen der Nichtsichtbarkeit das Symbol für Tod und Auferstehung wie bei Christus. Doch heute ist nicht mehr die Nachfolge, sondern das persönliche Erleben und Handeln entscheidend. Daher sind Mythen und Traditionen auch keine Gebote des einen oder der vielen Götter. Sobald die Sicht des Jenseits von der Aktualität auf die Potentialität, vom Kosmos auf das Chaos mit seinen vier Attraktoren überwechselt, erledigt sich alle Schuldvorstellung, denn jedes Gefühl ist neu und führt zu einem anderen energetischen Verhalten.

Die Energie des Fühlens zielt auf Befriedung, die nur im Geist zu erreichen ist. Aber der Mensch lebt zwischen Sonne und Mond. Aus der Klarheit des Lichts findet er die Fähigkeit des Ordnungschaffens, der mathematischen Kreativität, aus der Kraft der Dunkelheit den Ansatz, einen Mangel, eine problematische Situation zu ihrer Lösung zu bringen. Damit kommen wir nun aus dem Dreiklang des Fühlens in den Dreiklang des Empfindens, während der Mond selbst als kleine Terz die vierfältige Spannung zeigt, die Überwindung der Stagnation bringt. Der Übergang ist zahlenmäßig kein Intervall des Zwölftonkreises, sondern der Abstand der natürlichen Zahlen mit einem Winkel von 40°, außerhalb der Toleranz der Resonanz. Der Schritt vom Fühlen zum Empfinden, von der Nachtwelt in die Tagwelt muß aus dem Gewahrsein vollzogen werden.

Arnold Keyserling
Urreligion Astrologie · 1996
Enneagramm und Himmelsleiter aus der Sicht des Rades
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD