Schule des Rades

Arnold Keyserling

Urreligion Astrologie

5. Mond - Venus

Anpassung

In der Himmelsleiter entspricht die Venus der Pflanze, dem Baum. Das Wachstum beginnt körperlich bis zur Geschlechtsreife, der Menstruation. Mit diesem Zeitpunkt hört das Mädchentum auf, und es beginnt die frauliche Verantwortung, die so lange währt, bis die Kinder erwachsen sind. In der Rolle der Großmutter, der alten weisen Frau, wird der geistige Zusammenhang wie in Märchen und Mythen offenbar. Der Morgenstern und der Abendstern sind gleichermaßen Symbole für erfüllbare Sehnsucht.

Venus ist Liebreiz, Anmut, aber auch die Fähigkeit, einen Reichtum zu beseelen und zu vergeistigen. Wo immer ein Mensch im Horoskop seine Venus hat, ist der Ansatz seines Stils und all seiner Gestaltung. Jeder Mann trägt in sich seine Venus, und jede Frau ihren Mars. Die olympischen Götter werden als jung vorgestellt, sie besitzen ewige Jugend. Doch gleichzeitig sind sie auch uralt, wie Ahnen, aber über den Tod haben sie ihren Ursprung, ihre Medizin in eine ewige Form gebracht, woran Nachfahren anknüpfen können.

Tod und Liebe, Mars und Venus gehören zusammen. Der Kreislauf der Venuskonjunktionen mit der Sonne bildet in acht Jahren ein Pentagramm am Himmel, und war der Zeitrahmen des alchemistischen Großen Werkes. So ist die Bedeutung der Zahlen 2, 8 und 5 als Mächte von Venus, Saturn und Merkur astronomisch bei der Venus im Zeitzusammenhang.

Um ihre Schönheit einzubringen, muß sie durch Liebenswürdigkeit in Resonanz mit allen anderen Wesen treten. So zeigt auch, wie wir bei den Krisen anführten, die Venus die Fähigkeit der Anpassung. Nur wenn man auf die Wirklichkeit eingeht, die Eigengesetzlichkeit des Gestaltungsmaterials versteht, kann das eigene Wachstum, das die Kreativität trägt, sich fraktal vervielfachen. Venus geht auf die Einheit des Jupiter zurück, erweitert sich in der Oktavierung zur vollen Gestalt und im Mond erlernt sie den Wandel zwischen Fülle und Leere, pulsiert gleich dem Herzen zwischen aufnehmen und ausgeben, Yin und Yang, marsisch stirb und werde.

Dieses stirb und werde, der Wechsel zwischen Fülle und Leere führt weiter zur Zahl 8 des Saturn, zur Meisterung der Umstände. Die Venus ist selbstbezogen. Man liebt sie als Schönheit an und für sich. Aber im Saturn muß der kulturelle Wert in die öffentliche Ordnung eingeordnet werden, um anderen Teilhabe am kosmischen Reichtum zu ermöglichen.

Die Vorstellung der Schönheit ist uns eingeboren, die Sinne streben nach Vollendung, und das Gesetz der Sinne ist das Gesetz des Sinnes. Offenbart ein Mensch sein Wesen in Ausdruck und Gebärde, wirkt er überzeugend. Und nur in Rückbindung auf die Potentialität der Schönheit kann ein Gemeinwesen sich aus Sprache und Reichtum entfalten.

Der Weg zur Weltliteratur führt nach Goethe über Meisterung der eigenen Sprache und Geschichte. Aber alle Kulturmonaden zusammen bilden das morphogenetische Feld der Menschheit. Die fraktale Zweiheit, die Oktavierung, schafft in der Skaleninvarianz die Fülle, und diese wird erst saturnisch ihre Einpassung finden. So kehrt durch Integration der Venus das goldene Zeitalter zurück.

Hierzu wird zu Beginn der Wassermannzeit die Sexualität aus dem Gefängnis der paternalistischen Religion des Monotheismus befreit. Der Orgasmus, die körperliche Vereinigung ist eine Gipfelerfahrung, ein Samadhi, die jedem Liebenden erreichbar wird. Liebe bringt Früchte, gerade weil sie Erfüllung findet, kommt der Mensch nicht nur in die Zeugung weiterer Familie, sondern auch seelisch und geistig in die Fülle des Werks, sobald Saturn und Merkur integriert sind.

Der Schritt von Mond zur Venus führt zur 2 im Enneagramm, beträgt 80°, ist also außerhalb der zwanghaften Resonanz. Die Tagwelt hat nichts mit der Nachtwelt zu tun, der Tonal nichts mit dem Nagual, es sei denn, man erfindet eine Verbindung. Durch Mond, Jupiter und Mars ist die Dreiheit der Bereiche im Fühlen geeint, sie sind kein Problem wie im assoziativen Bewußtsein. Doch nun gilt es das reine Empfinden zu erkennen, die eigene Existenz aus dem Gesichtspunkt zu betrachten, wie man sich als wachsende Pflanze organisch entfalten kann. Meistens bringen einen Katastrophen zur Reife; man hatte einen falschen Weg gewählt, der in die Stagnation führte, doch plötzlich geht es woanders weiter. Ein Baum wächst gleichsam um die Krankheiten herum. In den Prophezeiungen von Celestine wird das Eintreten solcher Katastrophen als kritische Masse bezeichnet. Zufälle werden Teil des wachsenden Wesens, und der Entelechie angegliedert. Vom Alter aus gesehen kann ich bekennen, daß alle meine entscheidenden Entwicklungen von Anregungen oder Katastrophen kamen, die gerade zur rechten Zeit auftraten. Die Zeit ist dem Empfinden zugänglich wie der Raum dem Fühlen. Empfinden vollzieht sich im Wachen, fühlen offenbart sich über den Traum und die aktive Imagination, sobald der Mensch zur Deutung findet.

Wenn Griechen und Römer Venus als Göttin verehrten, so kann man es so deuten, daß nur, wenn man die Schönheit verehrt, einem auch die richtige Inspiration zukommt. Die Musen wurden immer weiblich vorgestellt, und die liebende Zuwendung ist gleich der künstlerischen. Das Glück der Venus kommt aus einer folgerichtigen Entwicklung. Doch der Künstler weiß, daß die Inspiration — im Unterschied zur jupiterischen Intuition — von der sinnlichen Wirklichkeit ausgeht. Jupiter im Geist-fühlen ist Schwerpunkt des Fühlens, Zugang zum Fixpunkt-Attraktor als der eigenen Medizin. Die venusische Inspiration beruht auf dem Torus-Attraktor im Stier, Körper-empfinden. Sie zielt auf Gestalt, Harmonie, und Zusammenspiel aller Glieder, wie in der Anmut des weiblichen Körpers.

Verehrung der Liebe und der Schönheit, auch Annahme der scheinbaren Verführung kann einem den Weg in die Gestaltung eröffnen. Und in der Jugend ist die Suche nach dem eigenen Stil entscheidend; denn ebenso, wie nur die ausgewachsene Frau Kinder gebären kann, ist nur das geschaffene Werk imstande weiter zu wachsen und in die Vermehrung, schließlich in den Reichtum zu führen.

Arnold Keyserling
Urreligion Astrologie · 1996
Enneagramm und Himmelsleiter aus der Sicht des Rades
© 1998- Schule des Rades
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