Schule des Rades

Arnold Keyserling

Urreligion Astrologie

9. Neptun - Uranus

Unsterblichkeit

N e p t u n - U r a n u sNeptun ist historisch, knüpft an vergangenen Epochen oder einem anderen Lebenskreis an. Nur wer in die Vergangenheit zurückgeht, kann die Zukunft gestalten. Doch die Zukunft, der Geist wird durch Uranus zugänglich, weshalb der Name des Planeten richtig gewählt wurde; Uranus heißt griechisch Himmel. Seine Entdeckung koinzidiert mit der amerikanischen Revolution, wie Neptun mit der Evolutionstheorie und dem Marxismus, und Pluto mit der Atomspaltung und dem Beginn der Computerzivilisation.
Das Denken wird erst in der Wassermannzeit zum Tor der Unsterblichkeit. Der Mythos war seit jeher ein Mittel, um mathematisch-astronomische Zusammenhänge in Paradigmen für sinnvolles Handeln zu verwandeln. Das heißt aber nicht, daß wir von der rationalen Freiheit zurück müssen in mythische Dunkelheit wie etwa bei Heidegger oder vielen Esoterikern, sondern daß man die dichterischen Gestalten grammatikalisch klären muß, um sie anzuwenden. Bei dem ägyptischen Totengericht durch den Tiergott wurde das Herz, also das inkarnierte Wollen, gewogen gegen die Feder, das Symbol der denkerischen Freiheit, die wie der Vogel von der Erde abheben kann. Nur wenn die Feder schwerer wog als das Herz, dann war der Weg zur Wiedergeburt frei.

T o t e n g e r i c h t

Der Schritt vom Mythos zum Logos mit der Artikulierung des Rades durch Pythagoras befreite das Ich über das Denken aus der Abhängigkeit der Urfamilie. Sämtliche Visionen, Auditionen oder Mythen sind analog durch die Ähnlichkeit mit Naturvorgängen ihrer Zwanghaftigkeit zu entkleiden. Der Weg hierzu ist das Verständnis des Uranus.

Der Neptun ersetzt den Kampf ums Dasein durch den Dialog; nicht die Diskussion, sondern das gemeinsame Finden einer höheren Wahrheit ist sein Ziel. Aber der Dialog muß zwischen Strebenden stattfinden, nicht zwischen Machthungrigen, die ihren Standpunkt als einzig wahren behaupten und andere unterdrücken. So ist mit der amerikanischen Entdeckung des Uranus, der Befreiung aus der verpflichtenden Tradition und der indianischen Vorstellung, daß jeder seinen persönlichen Traum verwirklichen muß, der erste Schritt zur Anjochung des Denkens und zur Zerstörung ehrfurchtheischender Ideologien und Hierarchien vollzogen worden. Der uranische Lebenskreis umfaßt 84 Jahre, drei Saturnumläufe und sieben Jupiterintegrationen. Alle Handlinien zeigen eine Spanne von 84 Jahren; dieses Alter, in Entsprechung zu den Tönen des Quintenzirkels, ist also dem geistigen Denken als Maßstab persönlichen Handelns eingeboren. Durch das Horoskop und die Mondvision, die die Zeichen in Signaturen und Bilder verwandelt, tritt an die Stelle verpflichtender Geschichte wie der griechischen Anangke oder dem islamischen Kismet die immer neue freie Wahl im dialektischen Denken, zwischen Sein, Haben und Werden. Das Sein sieht die Möglichkeit eines höheren künftigen Zustandes im Haben, der über das Werden erreicht wird; syntaktisch der neue Indikativ, der bei Beachtung der Bedingungen — Sachzwängen im Unterschied zu saturnischen Umständen — eine neue Möglichkeit wählt und damit den Aufstieg, die persönliche Evolution beginnt.

Die Astrologie war der erste Schlüssel zum Sinn, die philosophische Grammatik der zweite, und die mathematische Naturwissenschaft erfand den dritten. Im Neptun ist das Case-law, das Anknüpfen an früheren Rechtserkenntnissen, die Voraussetzung rechtlichen Fortschritts, der Verantwortung der Menschen. Aber das Ziel einer friedlichen Weltgesellschaft, das Pleroma ist bekannt in den Eschatologien, und genauso ist uranisch das Ziel der Wortwerdung, der Versachlichung des Persönlichen offensichtlich. Seele-denken, bestimmt das Bewußtsein; empfinden und fühlen, Gewahrsein und wollen sind außerhalb des Assoziations­kreises. Es gilt sie im Werdegang einzubeziehen. Der Mensch wächst durch Aufnahme und Integration von Erfahrungen und Erlebnissen, nicht durch Nachdenken und Kombinieren gegebenen Wissens. Der Grenzzyklus wird tödlich, wenn er die regelmäßige Bewegung, die Stagnation und die Gewohnheit als Ideal von Harmonie und Gesundheit mißversteht.

Der Stamm eines Baumes kommt nicht aus der Erde, sondern aus dem Luftstickstoff. Die uranischen Siebenjahresabschnitte der Chakras, die jupiterischen Zwölfjahresabschnitte im ganzen Leben sind gleichsam der Takt, in dem sich beliebig viele Zeitmelodien entfalten können. Die Zahl 3 ist musikalisch im Verhältnis zur Identität der Oktave die Quinte und erzeugt damit den Assoziations­kreis, wie wir ihn bei der Erde schilderten. Das vergangene Gleichgewicht ist immer wieder zu überwinden. Der Takt ist wie in einer Partitur ein mathematisch zeitliches Maß, aber die Erlebensqualität kann ihn beliebig variieren.

Arnold Keyserling
Urreligion Astrologie · 1996
Enneagramm und Himmelsleiter aus der Sicht des Rades
© 1998- Schule des Rades
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