Schule des Rades

Arnold Keyserling

Urreligion Astrologie

10. Uranus - Pluto

Kreativität

Pluto galt im Mythos als Herr des Hades, dessen Kennzeichen die ewige Wiederholung ist wie bei der Qual des Sisyphos. Somit ist Pluto einerseits die Hölle des assoziativen Bewußtseins, andererseits der Befreier, der Born der Schaffung des Wortwesens. Wie die neuesten Forschungen bewiesen haben, ist Kreativität keine besondere Begabung, sondern Rückkehr in die Modalität des Kindes. Durch die plutonische Computerzivilisation ist das heute selbstverständlich; kein Kind hat Schwierigkeiten Computer zu verstehen und zu gebrauchen. Erst durch seine Entdeckung wurde die mineralische Welt endgültig zum Gegenpol des Menschen.

Im Fühlen bestimmt Pluto die Erkenntnis der Strategien, um der Wirklichkeit gewachsen zu sein; im Empfinden ist es der Entwurf, im Denken der Plan, und im Gewahrsein die Fähigkeit des Schauspielers, hinter sein Bewußtsein zu treten, über die Bühne zu kommen. In der Wassermannzeit wird diese Fähigkeit zur Voraussetzung, in wirkliche Kommunion zu treten. Man kann die Vertreter der ideologischen Weltbilder als Schmierenkomödianten betrachten, ebenso die fixierten Berufsmodelle der Vergangenheit; gleichsam Schauspieler, die nur eine einzige Rolle, etwa jugendlicher Liebhaber spielen können, bis sie zu alt dafür sind.

Der uranische Lebenskreis schließt alle Erfahrungen, die Menschen machen können, virtuell ein. So verlangt die echte Gerechtigkeit, wie die Chinesen sie als Tao des Menschen verstehen, daß jeder seinen Platz im Kosmos finde; das Drehbuch des Lebens fließt aus dem göttlichen Auftrag, dem himmlischen Mandat.

In einer verwalteten Computerwelt kann niemand zu seinem Yin kommen das heißt seinen Sinn im Lebensweg entwerfen — der nicht die sprachliche Kreativität wiederfindet, und vom Monolog in den neptunischen Dialog aufsteigt. Hierarchie weicht dem Netzwerk; die psychischen Probleme führen nicht mehr in die vermeintliche Hölle, sondern in Lernprozesse. Jeder ist genial, der zum Pluto durchstößt.

Dem genetischen Code, dem Genom entspricht geistig das persönliche Horoskop. Doch die Kombinatorik des Rades verlangt Verständnis der Syntax, die freie Zusammenfügung der Wortarten in ihrer Fülle, mit deren Aussage im Satz der Mensch seine sprachliche Erinnerung schafft, und damit den Schwerpunkt seines Wesens von dem Überlebens­trieb in die Teilhabe an der Gattung überführt.

Um kreativ zu leben, muß das Bewußtsein zum Gewahrsein werden. Das führt uns zum elften Schritt des Enneagramm, in genauer Opposition zu Pluto, zu Luzifer, Rahu und Ketu, wodurch der seltsame Attraktor, das immer neu auftauchende Subjekt, seine Wurzel im Großen Licht findet, wie es der Buddha, der Entdecker der Null, der Leere als Seinsqualität beschrieben und erklärt hat.

Arnold Keyserling
Urreligion Astrologie · 1996
Enneagramm und Himmelsleiter aus der Sicht des Rades
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD