Schule des Rades

Arnold Keyserling

Urreligion Astrologie

12. Luzifer - Sonne

Chaldäische Woche

Seit Anfang der Wassermannzeit, 1962, hat sich die Lage verändert, die Astrologie kehrt in die Öffentlichkeit zurück. Doch ihre Voraussetzungen sind unklar; die transsaturnischen Planeten wurden nach ihrer Entdeckung als vermeintlich höhere Oktaven als Signifikatoren anderen Tierkreiszeichen zugeordnet als in der Zahlenordnung des Enneagramms. Uranus wurde zum Herren des Wassermann, Neptun zum Herren der Fische, und Pluto gar dem Skorpion zugeordnet. Das Rad war vergessen und damit die numerologische Ordnung der Welt, bis sie durch zahllose Entwicklungen seit 1962 langsam zurückkehrte.

Die solare Reihenfolge der Planeten, die auf der Schwerkraft beruht, ist verschieden von der geozentrischen zeitlichen. Stellen wir die beiden Ordnungen einander gegenüber:

geozentrisch
Zeit
Elektromagnetismus
10
9
8
7
6
5
4
3
2
1
0
Pluto
Neptun
Uranus
Saturn
Jupiter
Mars
Sonne
Venus
Merkur
Mond
Erde
254
165
84
29
12
2
1
²/₃
¹/₄
¹/₁₂
24
Jahre
Jahre
Jahre
Jahre
Jahre
Jahre
Jahr
Jahr
Jahr
Jahr
Stunden
heliozentrisch
Raum
Schwerkraft (10⁶ km)
Luzifer
Pluto
Neptun
Uranus
Saturn
Jupiter
Mars
Erde-Mond
Venus
Merkur
Sonne

5910,00
4498,00
2872,00
1428,00
778,30
227,90
149,60
108,21
57,91
mittlerer Sonnenabstand

Die chaldäische Woche zeigt, daß die babylonische Astrologie dem geozentrisch zeitlichen Modell folgte. Sie war auf die Erdmitte als Zentrum bezogen. In der Woche sind die Planeten im Siebenstern nach der zeitlichen Differenz ihrer Umlaufszeit geordnet, wobei die Sonne Maß und Mitte ist.

W o c h e

In den Chakras entspricht die Sonne der zeitlichen Himmelsleiter, dem Wollen, dem Schlaf und der Aufmerksamkeit und damit dem Gewahrsein. So konnte man die kopernikanische Revolution positiv-geistig als den Aufstieg vom lunaren Bewußtsein zum solaren Gewahrsein betrachten.

Die Sonne ist Licht, Strahlung, Schwerkraftszentrum. Jeder Atomkern mit seinen zwei fixierten Elektronen spiegelt die Sonne und ihre Kraft, die stetig aus Wasserstoff Helium schafft, das erste der Edelgase. Die Sonne ist das Maß aller Zeitrhythmen, in der Woche mit dem Sonntag, also auch in der Himmelsleiter.

2340 v. Chr. wurde laut Werner Papke der Tierkreis zur Berechnung des Horoskops in 360° gegliedert, also die Ekliptik in regelmäßige Abschnitte von 30° geteilt. Hierzu kam die ägyptische Gliederung von Tag und Nacht in je 12 Stunden, also ein zeitliches Maß zum räumlichen Tierkreis. Somit ist die Sonne und das Wollen die Fähigkeit des Wählens und Entscheidens in Hinblick auf das Ganze. Wollen ist nicht kausal bedingt, sondern freie Wahl im Sinne des seltsamen Attraktors. Aus der 0 des Luzifer erwacht die 1 des geprägten Wesens, also die Sonne. Diese teilt sich nun in 2, Yang und Yin, 4, die vier Digramme, und schließlich 8 Faktoren oder Kräfte wie im I Ging oder wie bei der Sättigung des Moleküls. Nachher fällt die Entwicklung wieder ins Chaos zurück und verlangt einen Neuanfang.

Die kopernikanisch-galileisch-newtonsche Revolution des Rationalismus ist religionsphilosophisch eine Befreiung des Ich aus dem Zwang der Gattung. Im ptolemäischen Horoskop war die Sonne ein Faktor unter anderen und unterlag den Aspekten; sie war als geprägtes Wesen während des Lebens nur ebenso mächtig wie die anderen neun Impulse. Doch mit Erkenntnis der Mathematik als einziger Gesetzlichkeit — Kant: was wissenschaftlich ist, ist mathematisch — wurde die Wahrheit offenbar. Die Sonne ist unsere Lichtquelle, aber jeder Stern des unendlichen Weltalls ist eine Sonne. So ist sie für uns Ursprung des strahlenden Lichts und alle Planeten haben geborgtes Licht. Nur Luzifer, das schwarze Loch des Todes, ist ihr Gegenpol, wo alle Geschichte aufhört und wo nur das fest mit dem Feuer verbundene Wesen, wenn es zum Licht findet, dem assoziativen Bewußtsein, entrinnt.

Die Sonne ist der Lichtträger, philosophisch die Seinsvernunft im Unterschied zur Wissensvernunft. Wo die Sonne sich im Horoskop befindet, in welchem Zeichen und Haus, ist der Eingriffsort des Subjektes, immer über die Schwelle des Luzifer, denn nur die Leere kann die Fülle aufnehmen, wenn die Erdmitte — deren Signifikator Luzifer ist — durch Meditation oder Tod erreicht wird. So bedeutet also die Erkenntnis der Sonne als unser Wesenssubjekt im Herzen das Erwachen zum Bewußtsein, wie die Sufitradition lehrt.

In der Vereinigung von Taoismus, Buddhismus, Schamanismus, Christentum und Islam in der Schule der Weisheit von Turkestan im Jahr 1000 n. Chr. wurde als Chiffre für Gott Chi gewählt; buddhistisch die einzige Kraft und Substanz, die sich nicht erdenken oder beschreiben läßt, aber jedem über den Willen zugänglich wird; christlich die Aufsichnahme des Schicksals als dem Wesen zugehörig und das Gebot der Nächstenliebe; islamisch als die Entscheidung, jedes Ereignis als Frage Gottes zu verstehen, worauf der Mensch zu antworten hat. Frage wohlgemerkt und nicht wie jüdisch Befehl, wo der Gottesbegriff noch in Zusammenhang mit einem Volksgott war wie bei allen Religionen der Widderzeit; und taoistisch-schamanisch als der Entschluß, den Sinn des Lebens in der Schaffung des Wort- und Lichtkörpers aus dem physischen Leib über die Aufmerksamkeit zu vollziehen, also die Blutseele in die Geistseele zu verwandeln.

Arnold Keyserling
Urreligion Astrologie · 1996
Enneagramm und Himmelsleiter aus der Sicht des Rades
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD