Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

IV. Magie

Heiliger Raum

Magie bedeutet die Fähigkeit, aus der unsichtbaren Welt des Jenseits in die Welt des erfahrbaren Diesseits zu wirken. Für die Biologie sind Arterhaltung und Selbsterhaltung Instinkte, die vom Organismus und vom Leben ausgehen. Für die Religion sind es göttliche Wesenheiten: hinter der Selbsterhaltung ist die Erdgöttin, die jedem Wesen seine Strebensrichtung gibt; hinter der Arterhaltung der Himmelsgott, der dafür sorgt, daß alle lebenden Wesen in Harmonie sind und einander zur Fülle verhelfen. Der Himmelsgott hat als Ausdruck das Licht des Bewußtseins, die Erdgöttin als Ausdruck die Fähigkeit, die Kraft der Mitte immer wieder zu finden.

Urlicht und Urkraft, weisendes Bewußtsein und Vermehrung der Energie können nur vollzogen werden, wenn man sich an die Subjekte des Lichts und der Kraft wendet und diese erscheinen: als Hierophanie und Kratophanie. Heute wird Magie meistens als Aberglaube verworfen, wie auch das Bild des gehörnten Steinbock-Gottes mit seiner Symbolik verteufelt wurde. Aber auch keine der späteren Religionen kommt ohne Magie aus, weil sie das erste Erscheinen des Heiligen im Profanen bedeutet und damit den Menschen aus der Tierhaftigkeit in die Menschlichkeit des Wachens und des Gewahrseins überführt.

Licht wird durch die Zeit, Kraft wird durch den Raum kosmisiert. Am Anfang aller Religion steht die Heiligung des Raumes; der Steinkreis, dessen Bedeutung aus der Erddrehung erkennbar ist:

  • Im Osten geht die Sonne auf: hier findet man Zugang zum Licht, zum Feuer, zur Vision und Erleuchtung.
  • Im Westen geht die Sonne unter, aber die Erde auf: hier findet man Zugang zur Kraft, zum Mineral, zum Einstehen, zum Wollen.

Der Osten als Ort des Gewahrseins eröffnet den Weg zur Allbewußtheit und dem Feuer, der Westen zur Urkraft und zur molekularen Wirklichkeit des Minerals. Das Gewahrsein wird aus dem Rücken im Symbol des Löwen getragen. Daher setzt man sich im Steinkreis mit dem Rücken nach Osten, um der Erleuchtung teilhaftig zu werden, und mit dem Rücken nach Westen, um seinen Willen zu finden und seinen Stand im Wandel der Erde zu erkennen.
Die Macht des Feuers und des Lichts ist nicht an den Körper gebunden. Sie verwendet seine Vernichtung, seine Zerstörung wie das Feuer das Holz als Grundlage ihres Seins. So ist der Osten ewiges Geborenwerden. Der Westen hingegen offenbart in der mineralischen Welt von Kristall, Metall und Salz, wie man das bleibende Elixier gewinnt, also sich selbst und andere zur Ganzheit führt.
Das Feueropfer klärt den Zugang zur ewigen Neugeburt; man empfängt sein Wesen aus dem Licht. Im Westen steht es für sich ein, verharrt im Wandel und findet Heilung in der Klarheit seiner kristallinen Integration.

  • Der Süden ist der Zenit der Sonne. Er bestimmt das Verhältnis zur Macht der Pflanzen, und damit zu Wachstum, Vertrauen und Unschuld. Die Sonne steht am Mittag einen Augenblick still, bevor sie zum Abend hinuntersinkt. So ist der Süden der Zugang zur Heilung alles Wachsenden. Im Westen kann der Schamane andere heilen, mit Hilfe der Pflanzen im Süden jeder sich selbst, indem er sein Leiden als ungeordnete Energie dem Baum übergibt, wobei man diesen ebenso anspricht wie den Himmelsgott und die Erdgöttin.

Ein Subjekt kann nur mit einem Subjekt verbunden werden. Daher können uns Triebvorstellungen oder Instinkte nicht den Weg aus dem bürgerlichen Gefängnis des zivilisatorischen Tierideals befreien: man muß die Tierwesen suchen.

  • Im Norden zur Mitternacht, wo am Nachthimmel alle Sterne und Planeten um den Polarstern kreisen, ist der Ort des Denkens und der Tiere, der Strategien und Ichwerdung, der Weisheit. Weisheit heißt die Mitte aller Motivationen zu erreichen. Diese Mitte ist tatsächlich die Erdmitte, doch für die denkerische Vorstellung liegt sie am Ende der verlängerten Achse im Polarstern.
  • Nur auf die Erdmitte bezogen kann der eine dem anderen Mitmensch werden. So ist die fünfte Richtung die Mitte selbst. In ihr erlebt sich der einzelne als Teil des Großen Ganzen, des Menschen im All, gezeugt aus der Vereinigung von Skwan und Wakhan, Ursprung und Urgrund. Im Himmel ist Wakhan eins und Skwan zwei, auf der Erde ist das Licht zuerst und die Kraft das Zweite, die Sonne der Ansatz und der Mond die Erfüllung, der Mann der Beginner und die Frau die Vollenderin.

Feuer, Mineral, Pflanze, Tier und Mensch sind die fünf inkarnierten Mächte, die uns helfen, unsere Selbsterhaltung zu verwirklichen. Diese strebt nach Vollendung und steht mit der rechten mondhaften Großhirnhemisphäre in Zusammenhang. Der Osten zeigt das Gewahrsein, der Westen das Wollen, der Süden die Seele und der Norden das Denken diese Vier weisen in die Mitte der Wortwerdung des Einenden Einen im Menschen.

S
Pflanze

O Feuer
Mensch
Mineral W

Tier
N

Die anderen Mächte strahlen von außen in die Welt ein. Sie sind die Wesen des Jenseits, die der Arterhaltung zugrunde liegen und lassen sich aus der Zeit bestimmen: 6 die Ahnen, 7 die Naturgeister, 8 die Engel und 9 die Musen oder Wirkweisen. 10 ist der Mensch im All. Er wird Subjekt jedes einzelnen, sobald sich dieser der Liebe und Mitmenschlichkeit öffnet.

  1. Osten und Süden, das Gewahrsein von nicht mehr inkarnierten Seelen, der Südosten ist der Geist der Ahnen, die den Weg zur Neuen Erde gefunden haben. Im pazifischen Raum ist der Hauptritus die Verwandlung von Toten in Ahnen.
  2. Die Vereinigung von Seele und Wollen, die Naturgeister oder Elementale im Südwesten, sind die Lebenskräfte selbst — die Trolle der Erde, die Zwerge der Luft, die Feen des Wassers und die Elfen des Feuers. Sie erhalten das Gleichgewicht des Organismus aufrecht, können aber auch durch Unmäßigkeit einen neuen Schritt eröffnen. Als Grundlage des Körpers verbinden sie die vier Elemente.
  3. Die Engel, bestimmen das Fühlen zwischen wollen und denken, zwischen Westen und Norden, vereinen also im Nordwesten das Tiefenselbst hinter dem Schlaf mit dem Ichbewußtsein. Sie sind die einzige göttliche Wesenheit, die dem einzelnen als Partner entspricht und ihm seine eigene Potentialität, den nächsten Schritt zugänglich macht.
  4. Die neun Musen oder Wirkweisen — Verwirklichungskräfte liegen dem Empfinden der sinnlichen Wirklichkeit zwischen Gewahrsein und denken zugrunde. Sie eröffnen den Zugang zur Mitarbeit am Werk der Erde.
  5. Die Mitte als höhere Oktave des Menschen ist die Menschheit als Teilhabe am Menschen im All, die über die irdische Existenz hinausreicht.

Die prophetischen Religionen hielten es für einen Fortschritt zu erkennen, daß die Naturmächte keine Wesenheiten wären. Diese Behauptung ist naturwissenschaftlich falsch. Sobald wir die Evolution akzeptieren, sind alle kausalen Beziehungen letztlich auf Wechselwirkungen zwischen Wesen zurückzuführen. Elektromagnetismus und Gravitation, wie wir sie im Abstieg der Kosmogonie beschrieben, sind Ergebnisse und Beziehungen, nicht Ursachen. Als Bewußtsein steht der Mensch zwischen Arterhaltung und Selbsterhaltung, zwischen Himmel und Erde. Licht und Kraft zusammen schaffen sein Subjekt, also Bewußtsein und Bewegungsfähigkeit. Die Aufmerksamkeit als Wurzel der Kraft läßt sich sowohl auf die Motivation als auch auf die Intention oder die Sache beziehen.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD