Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

V. Mythos

Stadion - Theater - Tempel

Am Ende der Krebszeit wurde der Glaube zum Aberglauben. Da man mit den jenseitigen Wesenheiten in Kontakt treten konnte, lag es nahe zu versuchen, sich diese mit allen möglichen Methoden geneigt und gefügig zu machen. Anstelle der Trance und der Anrufung, die das Heil des Klans, das Wohlsein der Familie zum Ziel hatten, begannen die Blutopfer. Das Bewußtsein jener Toten, die nicht zu Ahnen geworden waren und ein Schattendasein führten, konnte durch Tieropfer in das Dasein zurückgebracht werden.
Die Gottheit der Magie ist mütterlich. Es kommt nicht auf die Bedeutung des numinosen Inhalts an, der aus dem Jenseits erscheint, sondern darauf, daß er der Entfaltung des einzelnen nützt. So wurden die Riten immer blutiger, galten als Mittel zur Versöhnung jenseitiger Mächte. Es ist durchaus vorstellbar, daß Kräfte der Vernichtung sowohl bei Selbsterhaltung als auch bei Arterhaltung durch Zeremonien gestärkt werden können: durch Sympathiezauber, durch Beeinflussung der Phantasie, durch Verwandlung in Zombies wie in Haiti. Am eindeutigsten zeigen sich positive und negative Gebräuche der magischen Religion heute in Brasilien, dem Steinbockland, wo selbst die katholische Religion zum Teil des Candomblé wurde. Meistens stehen dort Priesterinnen einem Heiligtum vor. Sie sind fähig, sowohl ohne Verlust ihres Bewußtseins geistig negative Einflüsse zu bannen, als auch Menschen zu Medien auszubilden, die fortan der Gemeinschaft an bestimmten Tagen zur Verfügung stehen, eine Praxis, die auch bei den Geistheilern Englands bis heute üblich ist. Nur dadurch, daß ein Geheilter anderen Kranken zur Verfügung steht, kann er die Heilung aufrecht erhalten.

Besessenheit und Mediumismus sind einander ähnlich; nur ist bei letzterem das Bewußtsein nicht ausgelöscht. Der Medizinmann nimmt die Krankheit mit allen Symptomen stellvertretend für eine Zeitspanne auf sich, aber sie schadet ihm nicht. Auch das Gottesurteil entstammt dem magischen Denken. Doch die gewollte Harmonie des Klans kann alle Initiative, die den Weg zum Licht zaghaft beschreitet, ersticken, und so wurde überall auf der Erde die Überwindung des Matriarchats durch die mythische Religion als größte Errungenschaft gefeiert.

Mythos heißt altgriechisch das, was gewißlich wahr und bildhaft zu verstehen ist. Wir sind heute nicht mehr imstande, ganz in die Mentalität früherer Epochen zurückzukehren, weil die Erinnerung der Gattung im Sinne des morphogenetischen Feldes von Sheldrake jedem zugänglich wird, der sich ihr öffnet. Deshalb sind Entdeckungen im Zeitgeist auch gleichzeitig, der unsinnige Streit zwischen Leibniz und Newton über die Priorität der Entdeckung der Differentialrechnung entstand durch mangelndes Verständnis der Qualität der Zeit, die uns erst durch die Entdeckung der Quantentheorie zugänglich wurde.

In allen Mythen sind die olympischen Götter als Vereinzelungen der Glieder des Großen Menschen im Vordergrund. Mythen wurden erzählt, begeisterten im Zeichen des Schützen die Menschen und führten sie zu unglaublichen Heldentaten. Kerényi formulierte es folgendermaßen: Der mythische Mensch trat vor einer beabsichtigten Handlung einen Schritt zurück, um nach einem Vorbild Ausschau zu halten, wodurch er diese aus dem banalen Alltag in eine dramatische Situation versetzen konnte.
Wir wissen aus der griechischen Überlieferung die Vorstellung des vom Mythos Ausgezeichneten, der sich als Sieger an drei Orten verwirklichte: im Stadion für den Körper; im Theater für die Seele, die durch den Reichtum des dramatischen Ablaufs aus der Banalität des Alltags in intensives Erleben aufstieg, und der einen Traum im Tempel geistig befolgte, welcher ihm den Willen der Götter bewußt machte. Sicher bedurfte er der Interpretation durch den Priester; aber der einzelne suchte in allen drei Orten die Beziehung zum Göttlichen wie etwa im Ritus des Asklepios, den ich an anderer Stelle geschildert habe.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
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