Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

VII. Ethik

China

So ist die Sprache selbst das Gehäuse der Ethik. Die Juden haben aber nur einen Aspekt entdeckt: er bedarf der Ergänzung durch die chinesische und indische Sprachstruktur. Die chinesische Sprache ist gegensätzlich zur indogermanischen semitischen Struktur aufgebaut.

I GingIdeogramm K r e u z Symboliksynthetische
Information

In den europäischen Sprachen gibt es einerseits die Information, andererseits die Sprichwortweisheit. Während eine Information zum Wissen wird, wenn sie eindeutig begriffen werden kann und keine Vielzahl von Interpretationen möglich ist, wird die Sprichwortweisheit, die sich auf das Handeln bezieht prinzipiell vieldeutig verwendet. Früh krümmt sich was ein Häkchen werden will; Hochmut kommt vor den Fall; Unrecht Gut gedeihet nicht: all diese Aussagen sind auf viele Zusammenhänge anzuwenden, aber niemand würde sie auf die gleiche Ebene wie eine wissenschaftliche Aussage erheben.
Chinesisch handelt es sich nicht um gemeinsames Wissen sondern um gemeinsames Wollen. Während christlich handeln im Einklang mit Gottes Willen ein seltenes Ereignis ist, wird auf chinesisch jeder Mensch, der gegen die Forderung der Evolution verstößt, als verrückt betrachtet. Chinesen kennen in europäisch-philosophischer Sprache nur die ratio essendi, nicht die ratio cognoscendi; sie vertrauen nicht auf das Allgemeine, sondern auf das historisch Besondere. Chavannes, der erste Übersetzer des I Ging berichtet ein gutes Beispiel aus dem 17. Jahrhundert. Vor einem Wettlauf kontrollierte er mit seiner Uhr die Schnelligkeit der Läufer und sagte voraus, wer als erster ankommen würde. Die Chinesen nahmen seine Behauptung interessiert auf. Aber als er tatsächlich recht bekam, hielten sie ihn alle für einen großen Astrologen und wollten praktische Ratschläge; kein einziger interessierte sich für seine rationalen Schlußfolgerungen.

Anstelle des Hinweises haben die Chinesen das Ideogramm. Jede erfaßbare Einzelheit wird zu einem solchen. Es gibt also europäisch gesprochen keine Begriffe sondern nur Namen. Ein einfacher Mensch kennt achthundert Zeichen, ein Durchschnittsmensch zwei- bis dreitausend und ein Gebildeter zehntausend. Ein Dichter dagegen kennt bis zu sechzigtausend Ideogramme; desgleichen verfügten Shakespeare und Goethe über sechzigtausend Worte. Als Ergebnis ist die Fülle des Wortschatzes gleich, doch der Weg ist verschieden.
Statt der analytischen Syntax, worin die Information vom Sprecher in Wortarten und Satzteile zerlegt und vom Hörer zum Bild zusammengefügt wird, verwendet der Chinese die synthetische Übermittlung: der Sprecher zeigt ein Bild, und jede Interpretation ist richtig.
Anstelle der Grammatik, die auf neun Ziffern beruht, steht hier das Buch der Wandlungen, der I Ging, der auf den Permutationen von Yin und Yang aufgebaut ist und 64 mögliche Situationen zeigt.
Die Anzahl und Struktur der Komponenten des I Ging entspricht dem genetischen Code mit seinen vier Nukleotiden, die als Speicher oder Botschafter gebraucht werden, und seinen 64 Urworten, wie Martin Schönberger nachgewiesen hat. Überall besteht Entsprechung, doch die Erklärung ist entgegengesetzt, wie es die chinesische Kosmogonie im zweiundvierzigsten Vers des Tao Te King zeigt:

  • Aus der Null entsteht die Eins
  • Aus der Eins entsteht die Zwei
  • Aus der Zwei entsteht die Drei
  • Aus der Drei entstehen die zehntausend Dinge
  • Alle Wesen haben im Rücken Yin und in den Armen Yang
  • Zur Vollendung der großen Harmonie.

Null, Wu Chi ist Wakhan, die Leere, der unendliche Raum, symbolisiert im Kreis. Tai Chi, dargestellt als oktavierter Kreis mit Spirale ist Eins, Skwan, die Fülle der Schöpfung. Tai heißt Friede, Chi Energie. Die Übung des Tai Chi Chuan vermag den Menschen in Harmonie mit den Kräften der Erde und des Himmels zu setzen.

W u C h i T a i C h i

Aus Tai Chi, dem Uranfang, entspringt die Zweiheit von Yang und Yin. Diese haben gemäß der Triade Himmel · Mensch · Erde drei mögliche Bedeutungen.

  • Im Himmel ist Yang Licht, Yin Dunkel.
  • Beim Menschen ist Yang Gerechtigkeit, Yin Liebe.
  • Bei der Erde ist Yang fest, Yin weich.
  • Existentiell ist Yang Zeit und Licht, Yin Raum und Kraft.
  • Geometrisch ist Yang zentripedal und Yin zentrifugal.
  • Yang ist der rechtsläufige Kreis, Yin der linksläufige;
  • Yang geht von oben nach unten, Yin von unten nach oben.

Wir lesen die Trigramme von unten nach oben: unten ist außen, oben ist innen.

Je nach Ordnung der Striche hat ein Trigramm eine Bedeutung, die gemäß der Bewußtseinsstruktur vierfältig abgewandelt wird: Folge, Motiv, Bild und Urteil.
Sie wird durch die Funktionen und Bereiche des Rades verständlich. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen meiner Darstellung der Wassermannzeit und der religionswissenschaftlichen pluralistischen Betrachtung: ich nehme die Struktur des Rades als Schlüssel, meine Ordnung weicht von der traditionellen ab. Hierzu bin ich nach chinesischer Auffassung berechtigt, wie im vierten Kapitel der großen Abhandlung des I Ging geschrieben steht: So ist der Geist an keinen Ort gebunden und das Buch der Wandlungen an keine Gestalt.
Betrachten wir nun die Trigramme im einzelnen, wie sie das äußere Viereck des Rades bestimmen. Ein oder drei Striche entscheiden über ihre Bedeutung.

  1. empfinden: Entscheidender Yinstrich unten.
    Das Sanfte, der Wind und das Gras.
  2. denken: Yinstrich Mitte.
    Das Haftende, Holz und Feuer. Wie das Holz im Feuer verbrennt, darf das Denken nicht über eine gegebene Lage hinausgehen.
  3. fühlen: Yinstrich oben.
    Innere Signale. Das Heitere, der See. Nur der Heitere kann fühlen, weil er befriedet ist. Die Chinesen betrachten Fühlen als Mitfreude, nicht Mitleid. Wer leidet, zwingt den anderen ebenfalls zur Trauer.
  4. wollen: Drei Yinstriche.
    Das Empfangende die Erde, Das chinesische Wollen hat die gegensätzliche Bedeutung des europäischen Begriffs. Es bedeutet sich leer zu machen, um den Samen zu empfangen.

Die Yinfunktionen zielen auf die Leere. Nach einer Empfindung ist man zu einer neuen Erfahrung fähig; ein verstandener Gedanke, ein befriedigter Trieb des Fühlens und eine getroffene Wahl oder Entscheidung lassen die Aufmerksamkeit frei für neue Eindrücke. Die Bereiche dagegen haben einen Inhalt, sie sind gegeben.

  1. Körper: Entscheidender Yangstrich oben.
    Der Körper ist von innen gesteuert, er ist Yang. Das Motiv ist das Stillehalten; nur durch Wahrung der Achse zur Erdmitte und Erleben der Kraft wird der Leib inhaltlich bewußt. Das Bild ist der wuchtende Berg als Symbol bergender Ruhe.
  2. Seele: Ein Yangstrich zwischen zwei Yin.
    Die Seele hat als Motiv den Abgrund, die Gefahr, weil sie zur Stagnation im Sinne der Trägheit neigt. Das Bild ist der Fluß, der unaufhaltsam von der Quelle in den Bergen bis zum Meer fließt, von wo er dann aufsteigt zur Wolke und als Regen die Erde befruchtet: Urbild des Lebens zwischen Geburt und Wiedergeburt.
  3. Geist: Der unterste Yangstrich ist außen.
    Als Motiv das Erregende, als Bild Blitz und Donner. Er ist immer Zukunft, Heiliger Geist, bringt Zugang zu Neuem. Geist wird wie das Empfinden nur im Wachen aufgenommen.
  1. Gewahrsein: Drei Yangstriche.
    Das Schöpferische, Licht und Neubeginn, der ewige Augenblick, die Vision, an der man teilhat. Das Bild ist der Himmel und der Zeitgeist, der vom Menschen verlangt, daß er immer danach strebt, seine Anlage in der Welt zu verkörpern und an der Harmonie mitzuwirken.

Wie das Bewußtsein in der Vereinigung von Funktionen und Bereichen die Grundstimmung des Gemüts oder das Horoskop schafft, werden die acht Trigramme als Konstituenten des Wollens und Gewahrseins zu Hexagrammen vereint, die nicht nur symbolisch sondern faktisch den genetischen Code spiegeln. Die erste Photographie eines Gen durch Watson zeigt das I Ging Zeichen Nummer 42, die Mehrung.

Yang ist von außen nach innen, Yin von innen nach außen. Bei den Hexagrammen ist im Gegensatz zu den Trigrammen die untere Hälfte auf die Motivation der Selbsterhaltung gerichtet, die obere auf die Intention der Arterhaltung. Erkennt man in einer gegebenen Situation, was das entsprechende Hexagramm ist und wohin es die Tendenz hat sich zu wandeln, dann kann man in Einklang mit der Evolution leben.
Einklang mit dem Himmel heißt Tao, Einklang mit der Erde Te. Der letzte Vers von Lao Tse lautet: So hat der Mensch im Rücken Yin und in den Armen Yang zur Vollendung der Großen Harmonie. Er wirkt also im Yin aus dem unbewußten und empfangenden Wollen getragen, im Yang hingegen ergreift er die Gelegenheit als Intention.
Es gibt vier mögliche Bewegungen:

  • Beharrung in gleichbleibender Richtung, ganz Yang.
  • Ruhen, ganz Yin.
  • Veränderung von Ruhe und Bewegung, Yin verwandelt sich in Yang.
  • Und Bewegung die in Ruhe übergeht, Yang wird zu Yin.

Diese vier Zeiten wurden als Digramme dargestellt, als altes und junges Yang und Yin den Himmelsrichtungen gleichgesetzt. Die Zahlenordnung scheint nicht im Rad auf.

D i g r a m m e

Die neun Ziffern haben die gleiche emblematische Rolle wie bei den Juden aber in anderer Form. Die Ziffern 9, 8, 7, 6 bestimmen die Wandlung; sie sind auf die Vollendung der 10, der Einstimmung auf das Schöpferische bezogen. Die Ziffern von 1 bis 5 begründen das Verständnis des Bewegungsablaufs und bilden die beiden Pentagramme der Hsing, der Wandlungsstufen und Reifestufen.

H S I N G H S I N G

Holz ernährt das Feuer, Feuer ernährt die Erde, in der Erde wächst das Metall, das Metall kondensiert das Wasser und kann durch Verflüssigung jede Form annehmen, das Wasser ernährt das Holz. Diese Fünf entsprechen den Organkreisläufen der Akupunktur; durch ihre Kenntnis kann man die Krankheit als Stagnation mit Hilfe des inneren Pentagramms überwinden: Das Metall zersägt das Holz, Wasser löscht das Feuer, Holz verschlingt die Erde, Feuer schmilzt das Metall, und die Erde läßt das Wasser versickern.

  • Die Hsing gliedern den Selbsterhaltungstrieb, das Te.
  • Das Tao des Arterhaltungstriebes wird dagegen durch die Reifestufen bestimmt.

Jede versteht den I Ging auf anderer Ebene.

  • Der Gemeine sucht Schaden zu vermeiden und Nutzen zu erreichen.
  • Der Würdige strebt danach mehr zu werden und andere nachzuahmen.
  • Der Edle weiß, daß das Leben nur einen Sinn haben kann, wenn er diesen als Vereinigung von Te und Tao selber schafft. Doch mögen äußere Umstände verhindern, daß jeder ein Edler werden kann.
  • Dann muß der Berufene in Entsprechung zum Metall die Umstände wandeln. Sowohl Konfuzius als auch Tschou En Lai hielten sich für Berufene.
  • Die höchste Stufe ist der Heilige Weise, der wie das Wasser alles befruchtet und durch seine bloße Anwesenheit Frieden und Harmonie schafft.

Alle Hexagramme des I Ging werden durch die Hsing und die Reifestufen erläutert, die in der Symbolik durch die Natur und in der Gesellschaft durch die Etikette ergänzt werden, die immer gemäß dem Zeitgeist zu verwandeln ist.
Doch wie soll sich der einzelne in einer Situation — von denen sich jede in jede andere verwandeln kann — verhalten? Die Antwort ist in den Urteilen gegeben:

HeilUnheil GelingenReue FortschrittScham erhaben fördernd Beharrlichkeit großes Wasser zu durchqueren vor und nach dem Anfangspunkt drei Tage kein Makel

Heil bedeutet in einer Lage zu sein, wo alles von selbst gut geht; Unheil das Gegenteil. Beides kommt von außen, man darf es sich nicht zuschreiben. Reue bedeutet eine ursprünglich richtige Haltung verfehlt zu haben und durch Umkehr wiederzufinden. Bei Scham muß man sich nach innen wenden und den Fehler ausbaden. Erhaben heißt sich nur mit den Anfängen zu identifizieren. Fördern und Beharrlichkeit bestimmen das Streben, jedem zu helfen, daß er seinen Platz im Ganzen findet. Gelingen heißt es regnet: die Fruchtbarkeit entfaltet sich von selbst. Das Große Wasser zu durchqueren bedeutet, daß man die Vorfahren mit einbeziehen muß; vor dem Anfangspunkt drei Tage weist darauf hin, daß man etwas ganz Neues zu beginnen hat.

Die chinesische Gesellschaft kannte erst in der Fischezeit eine Hierarchie, wo der Mandarin zum Vertreter des Edlen wurde. Die Kulturheroen galten als Berufene, und als Heilige Weise wurden die sieben Könige des Altertums verehrt, die als Leitbilder den sieben Sternen des Großen Wagens wie bei den Rishis in Indien gleichgesetzt wurden. Das Volk der Würdigen und Gemeinen konnte nur durch Lohn und Strafe gelenkt werden; die Kriterien des Edlen waren Würde und Scham, er mußte sich selbst richten.

Die letzte Kategorie ist der Große Mann: der eigentliche Mensch, der durch Kenntnis des I Ging den Einklang mit der Natur immer wieder herstellt.
Der Reichtum des chinesischen Denkens verlangt ein vertieftes Studium, wie ich es in anderen Büchern dargestellt habe; irgendeinmal sollte sich jeder alle 64 Situationen vergegenwärtigen, um den Zugang zum germinalen und universistischen Gewahrsein zu gewinnen.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
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