Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

VIII. Glaube

Geburt des Glaubens

Für die ethische Gesetzesreligion war die heilige Sprache die Grundlage des Einklangs zwischen Himmel und Erde. Die heiligen Schriften sind unveränderlich, sie erfassen die Gesetze des Kosmos; der sprechende Mensch ist in das große Ganze eingegliedert.
Aber das Weltenjahr ist keine endgültige Form, sondern der Evolutionsrahmen der Religion des Menschen. Im Lebenskreis ist die Saturnschwelle vom 28/29. Lebensjahr der Übergang ins V. Haus und damit der Beginn der Zuwendung zum eigenen Wesen. Das Ich des I. Hauses bildet sich in Antwort auf die sprachliche Umwelt, hat noch keine persönliche Individualität. Das Kind will den Erwachsenen gerecht werden, die Elternforderungen erfüllen. In der Menschheitsgeschichte entspricht dies der magischen Religion des Klans. Im Mythos des Stammes begann der Mensch zu lernen, in der mystischen Religion der Stadt den Sinn des Todes zu verstehen und in der Volksreligion der Ethik die Gesellschaft als Gesetz zu begreifen, das ihn in höherem Maße einbindet als die eigene Herkunft.
Eine individuelle Unsterblichkeit jenseits der Reinkarnation war den Widdervölkern nicht zugänglich. Hierzu mußte der Selbsterhaltungstrieb einen weiteren Schritt machen, da die rationale Bemühung und Lenkung des eigenen Lebens wichtiger wurde als die Befolgung göttlicher Gesetze. Am Anfang hatte dies nichts mit Religion zu tun, sondern richtete sich gegen diese wie bei den Griechen der Logos gegen den Mythos und bei den Römern das Jus gegen das Fas.

Die ägyptische Mystik war naiv, wurde selbstverständlich gelebt; der Dienst am Tempel war Teil einer Gesellschaftsform, die an den heutigen Sozialstaat erinnert. Nachdem die politische Spekulation seit Beginn der Fischezeit keine Aussicht auf Erfolg mehr hatte, wandte sich das Interesse der Erkundung des Jenseits, der Traumwelt und Todeswelt mit Hilfe der philosophischen Kriterien zu. Noch unter den Ptolemäern war nichts in der ägyptischen Religion grundsätzlich verändert. Die römischen Kaiser verstanden sich seit Cäsar als Pontifex Maximus, als Brückenbauer zum Jenseits und nahmen die pharaonischen Weihen an. Man konstruierte ein Jenseits im Bilde des Diesseits. Jupiter wurde Zeus und Amon Ra gleichgesetzt, Dionysos dem Osiris. Innere Erfahrungen erhielten die gleiche Bedeutung wie äußere. Es gab zu Beginn der hellenistischen Epoche alle Arten von Kulten und Mysterien, wie wir sie heute in der New Age Bewegung kennen, von den asketischen bis zu den orgiastischen Sekten. Philo der Jude hatte kurz vor Christus die ägyptische Göttertrinität in die spätere Dreieinigkeit verwandelt, JHWH als der Vater, der Logos als der Sohn und der Heilige Geist als Paraklet, als Tröster. Durch Mani und Mithras trat die persische Heiligung des Soldatentums und der Reichsidee hinzu, daß der Mensch Mitstreiter Gottes gegen den Widersacher, den Teufel sei, und damit wurde auch die gnostische Zweiteilung zwischen gut und böse im Sinne Zarathustras akzeptiert: das menschliche Drama vollzieht sich zwischen Schöpfung und Jüngstem Gericht, da Ormuzd dereinst gegen Ahriman siegen wird.
Plotin suchte den Bewußtseinsweg zur Ekstase, Ammonios Sakkas der Syrer machte die Alexandriner mit dem asiatischen Denken vertraut. In der jüdischen Diaspora wurde die Bibel von siebzig Gelehrten — Septuaginta — ins Griechische übersetzt und damit entsprechend umgedeutet. Die hebräische Verkündigung Jawehs Ich werde dasein als der ich dasein werde verwandelte sich in das aristotelische Ich bin der ich bin. Im Streit zwischen Raum und Zeit, Sein und Werden hatte das ruhende Sein gesiegt, die Zeit wurde verweltlicht.

Im Neuplatonismus und der jüdisch-hellenistischen Philosophie bis Jamblichos herrschte unbefangener Eklektizismus, weil seit Beginn der Fischezeit um 200 vor Christus, der Zerstörung Karthagos durch Rom, die Gesetzesreligion in den Hintergrund getreten war. An ihre Stelle trat die Heilserwartung: es werde einer kommen, der den Tod im Leben überwindet.

Christus bezeichnete sich als des Menschen Sohn, lehrte als einziges Gebet das Vater Unser in Entsprechung zu den Chakras. Er verkündete: das Gesetz sei für den Menschen da und nicht der Mensch für das Gesetz; die Nächstenliebe erlöse von dessen Joch. Und wenn er auch erklärte, daß er gekommen sei, das jüdische Gesetz zu erfüllen, war die Legende vom sterbenden, verzweifelten und wieder auferstandenen Gott der jüdischen Religion unbegreiflich, die im Messias den politischen Retter erhoffte. In ägyptischer Sicht war die Vorstellung durchaus verständlich, da sie den Mythos des Osiris auf die Ebene der historischen Verifizierung erhoben hat. Der Kreuzestod ist der Sieg, die Voraussetzung der Auferstehung. Damit wurde der Glaube geboren, der das gesetzliche und gnostische Wissen ablöste.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
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